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Aus: Ausgabe vom 21.01.2019, Seite 12 / Thema
Aufarbeitung

Fortgesetzte Abwehr

Vor vierzig Jahren wurde die Fernsehserie »Holocaust« erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Sie offenbarte das riesige Defizit an Aufarbeitung – nicht zuletzt durch die Historiker (Teil 2 und Schluss)
Von Hannes Heer
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Die vierteilige Serie »Holocaust« konfrontierte viele Westdeutsche erstmals mit der Massenvernichtungspolitik der Nazis. Eine seriöse Forschung zu den Verbrechen des Faschismus hatte es in der Bundesrepublik bis dahin kaum gegeben, die eigentliche Befassung damit setzte erst in den 1980er Jahren ein (Aufnahme aus Teil 4, Aufstand im KZ Sobibor)

Während die antisemitischen Reaktionen von Zuschauern im Laufe der Ausstrahlung von »Holocaust« im Januar 1979 weniger wurden, beobachtete der Historiker Julius H. Schoeps, der für die an jede Sendung anschließende Diskussion Zuhörerstimmen auswählte, dass die Äußerungen derjenigen, »die nichts gesehen, nichts gehört und nichts gewusst haben wollen« immer zahlreicher wurden. »Manche schämten sich, klagten sich selbst an, einige weinten. ›Die Lager waren den Deutschen nicht bekannt‹, teilte ein Anrufer mit. Ein anderer hatte etwas gehört, aber das, was unter vorgehaltener Hand geflüstert wurde, für ›Feindpropaganda‹ gehalten. Noch ein anderer schließlich rief an und ließ wissen, dass er mitangesehen habe, wie jüdische Männer in einer Holzsynagoge verbrannt wurden. Die starke emotionale Betroffenheit, der offensichtliche seelische Druck, unter dem viele Zuschauer standen, machte sich in Anrufen Luft, wie dem einer jungen Frau aus München, die vor Schluchzen kaum sprechen konnte: ›Ich bin erschüttert. So etwas muss man sich auch einmal ansehen. Aus Büchern weiß man nicht, wie das ausgesehen hat. So etwas darf nie mehr vorkommen. Hoffentlich können alle Deutschen noch gut schlafen!‹ Und ein junger Mann aus dem Rheinland erklärte mit zitternder Stimme: ›Wenn das wahr ist, was da gesendet worden ist, möchte ich meinen Pass als Deutscher abgeben‹.«

Familienfrieden gestört

Sehr bald habe sich herausgestellt, berichtete Schoeps, »dass das Wissen bzw. das Nichtwissen um den Mord an den europäischen Juden sich zu einem zentralen Fragenkomplex entwickelte. Dutzende von Anrufern baten wiederholt um die Klärung der Frage des Verhältnisses von Wehrmacht und Waffen-SS, wollten den Unterschied zwischen den Bewachungs- und Mordkommandos einerseits und dem uniformierten Personal andererseits wissen. Ehefrauen riefen an, sie seien misstrauisch gegenüber ihren Männern geworden, sie wüssten nicht, was diese in der NS-Zeit gemacht hätten. Mir schien es fast, als ob in manchen Familien gerade diese Frage den Familienfrieden nachhaltig gestört hat. Wiederholt erreichten uns Anrufe, in denen versichert wurde, dank ›Holocaust‹ sei zum ersten Mal eine Diskussion in der Familie in Gang gekommen. Söhne teilten mit, sie hätten ihre Väter gefragt, die als Soldaten an der Ostfront waren, ob sie nicht von Auschwitz, Sobibor, Belcec und Treblinka gehört hätten. Väter riefen empört im Studio an, sie müssten sich vor ihren Söhnen rechtfertigen. Typisch war der Anruf einer 83jährigen aus Münster, die verzweifelt berichtete: ›Unser achtzehnjähriger Enkel beschimpft uns als verlogenes Volk. Will mit uns nichts mehr zu tun haben und ausziehen. Wir sind total fertig‹.«

Solche Szenen ähnelten dem Schock, den die Wehrmachtsausstellung 16 Jahre später auslösen sollte. Die Reaktionen in den Gästebüchern, die während der Laufzeit der Ausstellung von 1995 bis 1999 dort auslagen, boten eine ähnliche Mischung aus unzusammenhängenden Erinnerungsfetzen an Verbrechen und bangen Fragen nach der Beteiligung von Familienangehörigen oder deutliche Hinweise auf die durch das Gesehene ausgelösten Konflikte zwischen den Generationen. Bei der »Holocaust«-Serie ging es um Hunderttausende Schreibtischtäter und Mörder. In der Ausstellung »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944« standen dagegen zehn Millionen Soldaten, die in der Sowjetunion eingesetzt waren, unter dem Verdacht, für den Tod von circa 30 Millionen Menschen – 11,5 Millionen Soldaten, darunter 3,3 Millionen Kriegsgefangene und mindestens 17 Millionen Zivilisten, darunter 2,8 Millionen Juden – verantwortlich zu sein. Der Schock über die von der Ausstellung präsentierten Fakten wie der Widerstand dagegen waren daher um ein Vielfaches größer als bei der »Holocaust«-Serie. Aber deren Singularität bestand darin, dass die Deutschen hier zum ersten Mal den Zusammenbruch aller Gewissheiten über die Nazizeit und damit auch der öffentlichen wie privaten Fassaden des Verschweigens und Verleugnens erlebten.

Der seelische Überdruck, den dieser Einsturz bei allen Beteiligten erzeugte, und der sich Luft machte in Geständnissen, Selbstanklagen oder bohrenden Fragen nach der Rolle der eigenen Angehörigen im Dritten Reich, in Tränen, Wut und Gefühlen von Schuld oder Scham, bot die Chance einer individuellen wie kollektiven Wandlung. Diese Erschütterung, so hatte Margarete Mitscherlich als eingeladene Expertin beim Presseseminar im WDR argumentiert, könne der Beginn des Trauerns um den geliebten Führer und um die von ihm jedem Deutschen vermittelten Allmachtsgefühle sein. Dieser doppelte Verlust habe zur »Verarmung und Entwertung des eigenen Selbst« geführt, und die Flucht vor den durch dieses »Trauma« ausgelösten Gefühlen sei die Ursache »der Entwirklichung und Verleugnung« des Dritten Reiches wie der eigenen Rolle in dieser Zeit gewesen. Nur die nachgeholte Begegnung mit den durch diesen Verlust ausgelösten Gefühlen der Schuld und der Scham erlaube eine Korrektur und den Neuanfang. Bei dieser Trauerarbeit könne die Erkenntnis, dass es »mit Hilfe der Dehumanisierung vor allem der Juden, später auch der Polen und Russen« gelungen sei, »das Gewissen der Deutschen umzudrehen«, hilfreich sein. Noch während der Laufzeit der Serie veröffentlichten viele Zeitungen Margarete Mitscherlichs Vortrag und machten damit den mit ihrem Mann Alexander mehr als ein Jahrzehnt zuvor verfassten Klassiker »Von der Unfähigkeit zu trauern« zu einer Art Handbuch für eine Situation, die es so noch nie gegeben hatte.

Bankrott der Historiographie

Die Reaktionen der Zuschauer, die Julius Schoeps schildert, verraten auch das totale Defizit an historischem Wissen über die Nazizeit und den Massenmord an den Juden. Sie offenbaren den Bankrott der westdeutschen Geschichtswissenschaft. Der Spiegel sprach, in Anspielung auf den Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929, vom »schwarzen Freitag« für die westdeutschen Historiker und forderte diese auf, »über Sinn und Nutzen ihrer Arbeit nachzudenken«. Dieses vernichtende Urteil musste sich jeder Angehörige der Zunft individuell zurechnen. Es zielte aber auch, was nur wenige damals wussten, auf eine Einrichtung, die 1949 zur Erforschung der »Geschichte der nationalsozialistischen Zeit« auf Anregung der Alliierten gegründet worden war, das vom Bund und von den Ländern getragene Münchner Institut für Zeitgeschichte. Dieses hatte seit den 1950er Jahren unter seinen Direktoren Paul Kluke, Helmut Krausnick und Martin Broszat, wie Götz Aly im Oktober 2017 stringent rekonstruiert hat, die Forschungsarbeit jüdischer Wissenschaftler zur NS-Vernichtungspolitik behindert und die Verbreitung von deren Büchern verhindert. Juden galten als »befangen« und »parteilich« und als »Gegengedächtnis« gegenüber den um Verständnis der »Tragödie« und Beruhigung für das deutsche Gewissen bemühten Münchner Historikern.

Dabei waren gerade die beiden einflussreichsten Direktoren, Krausnick und Broszat, Mitglieder der NSDAP gewesen, also in höchstem Maße belastet. Schon 1954 hatte das Institut entschieden, das Buch des britisch-jüdischen Historikers Gerald Reitlinger »Die Endlösung. Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1933–1945«, die erste und, wie der prominente Politologe Waldemar Besson 1960 schrieb, »fürchterlichste Anklage gegen den nationalsozialistischen Unrechtsstaat, die je geschrieben wurde«, nicht übersetzen zu lassen. Das Buch erschien 1956 in einem Westberliner Kleinverlag. Das nächste monumentale Werk jüdischer Wissenschaftler, die zwischen 1960 und 1965 publizierte fünfbändige Dokumentenedition von Léon Poliakov und Joseph Wulf über das Dritte Reich und die Vernichtung der Juden, wurde vom Münchner Institut öffentlich als unseriös diffamiert. Gleichzeitig sabotierte man die vertraglich mit H. G. Adler verabredete Erforschung der Deportation der deutschen Juden und lehnte es ab, dessen KZ-Studie »Der verwaltete Mensch« in die Schriftenreihe des Instituts aufzunehmen. Noch schlimmer erging es Raul Hilberg: Die geplante Veröffentlichung von dessen 1961 in einem Chicagoer Kleinverlag erschienener und bis heute als Standardwerk geltender Studie »Die Vernichtung der europäischen Juden« wurde durch negative Gutachten des Münchner Instituts verhindert – sein 1964 mit dem Verlag Droemer Knaur abgeschlossener Vertrag wurde aufgelöst, und als der Beck-Verlag nach der Ausstrahlung der »Holocaust«-Serie 1980 mit Hilberg einen Vertrag abschließen wollte, stellte sich das Institut für Zeitgeschichte erneut gegen den Historiker: Ein vom damaligen Vizedirektor Horst Möller unterzeichnetes Gutachten wies, die eigene Schuld verleugnend und den dadurch entstandenen Schaden gönnerhaft bedauernd, darauf hin, dass eine Übersetzung von Hilbergs mehr als tausendseitiger Studie ins Deutsche Anfang der 1960er Jahre sicher »sinnvoll und – unter politisch-pädagogischem Aspekt –hilfreich gewesen« wäre, inzwischen aber sei das Buch veraltet. Daher müsse die Frage nach einer deutschen Übersetzung heute »trotz ›Holocaust‹(-Serie) mit ›nein‹ beantwortet werden«. Das Buch erschien zwei Jahr später bei dem Westberliner Kleinverlag Olle & Wolter in einer Auflage von 4.000 Exemplaren und zum Preis von 128 DM. Erst 1990 wurde das Werk in einem großen deutschen Publikumsverlag, dem Fischer-Taschenbuchverlag veröffentlicht. Der Historiker Ulrich Herbert hat daher bezüglich des Forschungsstandes zum Holocaust in den 1980er Jahren zu Recht »eine breite und unübersehbare Lücke« konstatiert.

Auf diese Lücke stößt man auch, wenn man den Beitrag, den Film und Fernsehen für die Aufdeckung des Genozids an den Juden geleistet haben, untersucht. Die Ausstrahlung von Alain Resnais’ Dokumentarfilm »Nacht und Nebel« über die Massenmorde in Auschwitz und anderen KZ wurde 1956 beim Festival von Cannes durch die Intervention von Konrad Adenauers Staatssekretär Ritter von Lex, der 1936 die Olympischen Spiele in Nazideutschland betreut hatte, verhindert und danach in Westdeutschland behindert. Der Film konnte nur auf Antrag und in von Lehrern oder anderen »Experten« begleiteten Gruppen ausgestrahlt werden. Resnais’ Film fand nach der Aufführung bei der Westberliner Berlinale 1956 nur einen einzigen Nachfolger in der BRD, Egon Monks 1965 gezeigten Fernsehfilm »Ein Tag«, der fiktionale Bericht über ein KZ im Jahre 1939. »Aber das war schon die Summe von zwanzig Jahren ›Vergangenheitsbewältigung‹«, hatte der Kulturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer im September 1978 in einem Bericht über die britischen Reaktionen auf die Ausstrahlung der »Holocaust«-Serie bitter vermerkt. Das Fernsehen dieser Jahre war von einem anderen Thema dominiert – vom heldenhaften Widerstand deutscher Militärs. Das geschah in einer Weise, dass der Filmwissenschaftler Michael Geisler sich später wunderte, wie bei einer solchen grandiosen Gegenwehr »das Regime sich (…) überhaupt an der Macht halten konnte«.

Dreieinhalb Seiten

Schon 1984 fand auf Initiative der beiden Historiker Eberhard Jäckel und Jürgen Rohwer in Stuttgart die erste westdeutsche Konferenz zum Holocaust statt, an der auch die jüdischen Wissenschaftler Saul Friedländer und Raul Hilberg teilnahmen. Der Stuttgarter Kongress markierte den Beginn der Holocaust-Forschung in der Bundesrepublik. Aber die politischen Gegner der »Holocaust«-Serie und des dadurch ausgelösten Versuches einer millionenfachen Selbstaufklärung nahmen die Niederlage nicht schweigend hin: Franz Josef Strauß hatte nach der letzten Fernsehausstrahlung in der Welt am Sonntag das von linken Kreisen betriebene durchsichtige Spiel »der ewigen Beschwörung der Vergangenheit« und die beabsichtigte »Aufputschung von Gefühlen und Leidenschaften« im Zusammenhang mit der unseligen deutschen Geschichte scharf attackiert: Angesichts der als Folge der TV-Serie in Westeuropa wachsenden antideutschen Welle forderte er seine Landsleute auf, »im Ausland nicht in Sack und Asche, sondern mit Würde auf(zu)treten und vor allem für mehr Aufklärung über unser Land (zu) sorgen.«

Und auch Joachim C. Fest war nicht verstummt: Er hatte mit seiner 1973 erschienenen Hitler-Biographie den defizitären Umgang mit der Nazizeit maßgeblich geprägt: In seinem 1.200-Seiten-Opus kam die mit den Nürnberger Rassegesetzen 1935 in Gang gesetzte Entrechtung der Juden ebensowenig vor wie ihr nach dem Novemberpogrom 1938 auf dem Gesetzesweg herbeigeführter sozialer Tod. Dem 1941 beginnenden Holocaust wurden gegen Ende des Buches dreieinhalb Seiten gewidmet. Und sein 1977 in die Kinos gekommener Film »Hitler – eine Karriere« hatte der Flut der in den 1970er Jahren erschienenen multimedialen Hitler-Hagiographien den Namen gegeben – »Hitlerwelle«. Der Fest-Film war daher auch eines der Motive für den WDR gewesen, die »Holocaust«-Serie zu erwerben – um gegen die »heroisierende und verharmlosende« Tendenz solcher Produkte »einige der schlimmsten Ereignisse der Nazitäterschaft sinnlich erfahrbar« zu machen. Nach Abschluss der Serie äußerte sich Fest in der FAZ mit einem rätselhaften »Nachwort zu ›Holocaust‹«. Er bejahte die Filmserie, um das Lob dann sofort wieder zu kassieren: Gegen die »rasche« Emotion, die die Filme ausgelöst hätten, setzte er den »mühevollen« Gewinn von Erkenntnis und kündigte an, dass er gewohnt sei, sich nicht nur »dem Schrecklichen«, sondern auch »dem Schwierigen« auszusetzen.

Geschichtspolitische Wende

Das klang wie eine Drohung. Der Machtwechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl 1982 sollte eine geschichtspolitische Wende einleiten und, wie der Kanzler versprach, ein »unbefangenes Verhältnis« zur Nazizeit ermöglichen. Als strategischer Kopf dieser Wende sollte sich Fest erweisen, der nach dem Erscheinen seiner Hitler-Biographie 1973 Leiter des Feuilletons und Mitherausgeber der FAZ geworden war. Ende der 1970er Jahre gewann er den Historiker und Antikommunisten Ernst Nolte als Hausautor des Blattes. Dieser hatte in mehreren Artikeln 1977/78 behauptet, dass die Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts von den französischen Frühsozialisten und deren »Gleichheitsideologen« vorbereitet und in der Französischen Revolution erstmals erprobt worden seien. In Reaktion auf die »Holocaust«-Serie hatte Nolte 1980 die These aufgestellt, dass das französische Beispiel der Oktoberrevolution von 1917 und dem folgenden »Klassenmord« an der russischen Bourgeoisie den Weg gebahnt hätte. Dann folgte ein kühner Gedankensprung, der kein anderes Ziel hatte, als das Faktum Holocaust wie eine von Fremden eingeschleppte Krankheit aus der deutschen Geschichte herauszuoperieren: Der Judenmord sei nur eine aus Wahnvorstellungen und Angst gespeiste »Reaktion« Hitlers auf das bolschewistische Beispiel gewesen, »eine verzerrte Kopie und nicht ein erster Akt oder das Original«.

Der Auftraggeber Fest ergänzte diese irrwitzige Konstruktion Noltes in einem 1982 veröffentlichten eigenen Artikel durch die dringliche Forderung nach einer »Standortverschiebung« in der Geschichtsschreibung: Künftig müsste statt »des Schuldcharakters« der »Verhängnischarakter« der deutschen Geschichte in den Vordergrund gerückt werden. Im Sommer 1986 würden Fest und Nolte mit diesen Überlegungen ihre Antwort auf die »Holocaust«-Serie geben und damit den sogenannten »Historikerstreit« auslösen.

Aber den folgenreichsten Kommentar zur »Holocaust«-Serie hatte 1983 der Philosoph Hermann Lübbe geliefert. 50 Jahre nach der Machtübergabe an Hitler und dessen Partei durfte er auf einer internationalen Gedenkkonferenz unter dem Titel »Der Nationalsozialismus im politischen Bewusstsein der Gegenwart« im Berliner Reichstag den Abschlussvortrag halten. Als Ausgangspunkt seiner Überlegungen nannte er zwei unbestreitbare Tatsachen: den totalen Zusammenbruch des Dritten Reiches, den man nur dem eigenen Verhalten habe zuschreiben können, und »die moralische Evidenz der terroristischen und verbrecherischen Konsequenzen« der Naziherrschaft. Die öffentliche Anerkennung dieser politischen und moralischen Fakten sei für die in der frühen Nachkriegszeit tonangebenden Eliten ebenso Konsens gewesen wie der Verzicht auf eine lautstarke »öffentliche Thematisierung individueller oder auch institutioneller Nazivergangenheiten«. Diese »Stille«, so Lübbe, sei das »sozialpsychologisch und politisch nötige Medium der Verwandlung« von Nachkriegsüberlebenden zu Bürgern der BRD gewesen. Praktisch sei diese Verwandlung so vor sich gegangen, dass der Widerständler, dem durch die Geschichte recht gegeben worden sei, dem ehemaligen Nazi nicht unter die Nase gerieben habe. Der Philosoph kannte sich da aus, weil er selbst Parteimitglied gewesen war. Die irrwitzige Pointe, die Lübbe seinem Publikum wie seinen späteren Lesern offerierte, war die, dass er diesen Prozess des »integrativen« Umgangs mit dem ehemaligen Personal des Dritten Reiches und des »kommunikativen Beschweigens« von dessen Verbrechen durch die »außerordentliche Wirkung der ›Holocaust‹-Serie« bestätigt sah: »Man konnte trauern, ohne sich darin als ein dieser Trauer angeblich bisher unfähig gewesenes Subjekt entlarven zu müssen. Man konnte sich frei in moralisch und politisch angemessener Weise auf die Realität des Dritten Reiches beziehen, ohne sich zugleich aufgefordert zu finden, die angeblich noch im eigenen Nachfolgestaat fortlebenden Wurzeln dieses Reiches endlich ausrotten zu sollen«. Das Ergebnis dieser rein privaten Wiederbegegnung mit den Gespenstern der individuellen und kollektiven Vergangenheit ohne Gewissensprüfung und Handlungsoptionen sei, so lobte Lübbe, eine Bestätigung und Stärkung des »moralischen und politischen Gemeinsinns« in der BRD gewesen.

Falsches Lob

Diese Behauptung einer geglückten, weil stillen Kohabitation von Tätern und Opfern unterschlug, dass nur eine absolute Minderheit von Nicht-Nazis oder aktiven Widerständlern Abermillionen von Tätern gegenüberstand, also zwischen den beiden Gruppen gar kein Verhältnis auf Augenhöhe existiert hatte. Gestützt auf ihre schiere und wahlentscheidende Masse konnten die natürlich antikommunistischen Altnazis und Nazikollaborateure damit rechnen, von der anderthalb Jahrzehnte herrschenden Kalter-Kriegs-Regierung Adenauers als unverzichtbare Fachleute zur Mitarbeit herangezogen zu werden und über Amnestien, Freisprüche und Verjährungsfristen für Völkermorde mitzubeschließen, Legenden wie die von der »sauberen Wehrmacht« und der »bösen SS« als Fakten durchzusetzen und dieses monströse Bündnis mitsamt seiner kriminellen Geschichte durch die Parole »Wir sind Demokraten« reinzuwaschen. Lübbes Lob der »Holocaust«-Serie basiert auf einem Zerrbild der westdeutschen Nachkriegsgeschichte und war ein zynischer Aufruf zum Schlussstrich unter die kontaminierte Vergangenheit. Spätestens in den 1990er Jahren würde das Aufdecken der Beteiligung von Millionen Tätern an den Naziverbrechen die radikal-aufklärerische Wirkung der »Holocaust«-Serie fortsetzen und die von Fest und Lübbe konstruierten Lügengebäude in die Luft sprengen.

Hannes Heer, Jg. 1941, war Leiter der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht. Er lebt als Historiker und Publizist in Hamburg und ist Träger der Carl-von-Ossietzky-Medaille. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 21. und 22. Februar 2018 über die »Schöneberger Freiheitskundgebung« des Jahres 1968.

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (21. Januar 2019 um 08:18 Uhr)
    Der faschistische Völkermord war unbestritten das größte Verbrechen der bisherigen Menschheitsgeschichte. In den Medien beschränkt sich die Darstellung jedoch fast ausschließlich auf den Holocaust. Jedes einzelne Opfer hat ewiges Gedenken verdient. Dazu gehören natürlich ausnahmslos alle jüdischen Opfer, aber ebenso ermordete Widerstandskämpfer jeglicher politischer oder persönlicher Richtung, Sozialisten, Kommunisten, Bürgerliche und nicht zu vergessen die 27 Millionen Sowjetbürger, die in Abwehr eines Versklavungs- und Vernichtungskrieg ihr Leben verloren.

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