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Aus: Ausgabe vom 19.01.2019, Seite 12 / Thema
Aufarbeitung

Der Dammbruch

Vor vierzig Jahren wurde die Fernsehserie »Holocaust« erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Sie veränderte die Einstellung der Westdeutschen zum Massenmord an den Juden (Teil 1)
Von Hannes Heer
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»Exhibitionistisch anmutende Selbstanklage«, urteilte 1978 der Leiter des Fernsehspiels beim Südwestrundfunk, Peter Schulz-Rohr, über die Serie »Holocaust«. Er sprach damit Teilen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus der Seele – der WDR setzte die vierteilige Serie trotzdem durch (Aufnahme aus Teil 3, Deportation der Familien Levy und Weiss aus dem Warschauer Ghetto)

»Was der Eichmann-Prozess in und außerhalb Israels war, das hat die Serie Holocaust‹ für die Deutschen bewirkt«, so hat die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann in Ihrem Essay »Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur« 2013 die beiden Ereignisse aufeinander bezogen. Ob dieser Vergleich zutreffend ist, kann man an den Reaktionen der westdeutschen Öffentlichkeit im Jahre 1979 ablesen. Die Fernsehserie erzählt nämlich die Geschichte des Holocaust in Gestalt dreier deutscher Familien in den Jahren 1935 bis 1945. Diese leben in Berlin, sind miteinander bekannt oder sogar verwandt. Da es sich dabei um assimilierte Juden, fanatische Nazis und brave Sozialdemokraten handelt, könnten ihre Lebensläufe nicht unterschiedlicher sein. Die Serie liefert also Familiengeschichten und bietet damit den Zuschauern jede Menge an Identifikation – positive wie negative und dann in der Entmischung dieser beiden Ordnung versprechenden Kategorien einen Taifun an Gefühlen, blitzartigen Ahnungen und nicht enden wollenden Fragen.

Das Schicksal der Familie Weiss

Die Geschichte beginnt im Sommer 1935 mit einer Hochzeit in Berlin. Wir lernen zwei Familien kennen – die jüdische des Arztes Dr. Josef Weiss, seiner Frau Berta sowie deren drei Kinder Anna, Rudi und Karl und die katholische Familie Helms. Während die Eltern ängstliche Anpasser sind, ist ihr Sohn Hans NSDAP-Mitglied geworden, und die Tochter Inga hat den jüdischen Maler Karl Weiss geheiratet. Wenig später taucht mit der Familie Dorf, deren Hausarzt früher Dr. Weiss war, ein dritter Akteur auf. Erik Dorf, ein junger Jurist, ist nach langer Arbeitslosigkeit in die SS eingetreten, hat dort Karriere gemacht und wird schließlich persönlicher Referent von Reinhard Heydrich. Er besucht seinen früheren Arzt Dr. Weiss und rät ihm, mit seiner Familie Deutschland zu verlassen. Drei Jahre später zeigt sich, wie berechtigt dieser Rat war – die Ereignisse der Pogromnacht von 1938 reißen die Weiss-Familie auseinander: Karl wird ins KZ Buchenwald eingeliefert. Seine Schwester Anna ist in der Nacht des 9. November vergewaltigt und wegen andauernder Depressionen in eine »Heilanstalt« eingewiesen worden. Der Vater, Josef Weiss, wird, weil er Pole ist, in sein Geburtsland ausgewiesen. Seine Frau Berta muss die gemeinsame Wohnung aufgeben und wird Zeugin, wie ihre Eltern, nach der Zerstörung ihrer Buchhandlung, den Freitod suchen. Nur Rudi kann sich dem Terror entziehen: Er hat sich in Prag in die Jüdin Helena verliebt und versucht, mit ihr in die Sowjetunion zu flüchten.

Der zweite Teil spielt in den Jahren 1941/42, als sich Verfolgung und Ermordung der Juden im Schatten des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion beschleunigt haben. Berta Weiss ist nach Warschau deportiert worden und findet im Ghetto ihren Mann Josef wieder. Dieser schließt sich nach langem Zögern mit seinem Bruder Moses aufgrund der ausweglosen Lage dem sich formierenden jüdischen Widerstand an. Rudi und Helena, die sich nach Kiew gerettet haben, helfen Rudis Schwager, Hans Helms, der als Wehrmachtssoldat verwundet wurde. Aber, da dieser die Herkunft der beiden verrät, werden sie mit 33.000 Kiewer Juden nach Babi Jar getrieben. Sie können auf dem Marsch flüchten und werden Zeugen des Massakers eines Kommandos der SS-Einsatzgruppen. Und Erik Dorf, der auf der Suche nach effektiveren Mordmethoden ist, hat die Exekutionen der SS-Einsatzgruppen hinter der Front kritisiert und muss sich zur Strafe persönlich an einer Massenerschießung beteiligen. Inzwischen ist Karl Weiss, der Künstler in der Familie, von der Arbeit im Steinbruch des KZ Buchenwald durch Intervention seiner Frau Inga befreit und in eine Werkstatt versetzt worden.

Die dritte Folge der Serie erzählt die Ereignisse der Jahre 1942 bis 1944. Erik Dorf nimmt an der »Wannseekonferenz« im Januar 1942 teil, auf der die Vertreter der wichtigsten Berliner Ministerien wie des in Polen geschaffenen »Generalgouvernements« von Reinhard Heydrich über den Beschluss zur »Endlösung der Judenfrage« und dessen Umsetzung informiert wurden. Adolf Eichmann war der Protokollant dieses Treffens. Rudi und Helena haben sich einer jüdischen Partisanengruppe in der Sowjetunion angeschlossen. Karl ist vom KZ Buchenwald in das KZ Theresienstadt verlegt worden und arbeitet dort für Propagandazwecke in einer Grafikwerkstatt. Aber heimlich hat er zusammen mit anderen inhaftierten Künstlern den Horror des Lageralltags dokumentiert – bis er entdeckt und gefoltert wird. Josef und Berta Weiss erleben im Warschauer Ghetto dessen »Auflösung« – täglich werden von dort 6.000 Personen in die Vernichtungslager Treblinka und Auschwitz deportiert. Als Reaktion darauf beginnt die Vorbereitung des Aufstandes.

Der vierte und letzte Teil der Serie führt die Zuschauer in die Zeit von 1944/45. Nach dem brutalen Ende des Ghettoaufstandes wird das Ehepaar Weiss nach Auschwitz deportiert. Josef kann sein Leben noch um einige Wochen verlängern, weil ihn der Straßenbauingenieur Kurt Dorf, ein Onkel von Erik Dorf, als Zwangsarbeiter beschäftigt und so beschützt. Dann wird auch Josef Weiss wie seine Ehefrau Berta und deren Sohn Karl in den Tod geschickt. Während Helena bei einer Partisanenaktion ums Leben kommt, wird Rudi gefangengenommen und in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Er kann sich bei einem Gefangenenausbruch retten und trifft nach Kriegsende als einziger Überlebender der Familie seine Schwägerin Inga, mit der er nach Palästina auswandert. Der Blick auf ihr neues Leben in Israel, der den Schluss der Serie bildete, war in der deutschen Fassung gestrichen. Hier hatte die deutsche Familie Dorf das letzte Wort. Erik Dorf, der jede Beteiligung am Massenmord bestritten hat, nimmt sich in amerikanischer Gefangenschaft das Leben. Während seine Familie ihn als Helden verehrt, gesteht sein Onkel Kurt: »Wir müssen einsehen, dass wir uns alle schuldig gemacht haben. Ich werde nicht schweigen.« Mit diesem Satz endet der Film.

Ein mutiger Fernsehsender

Die Serie »Holocaust« entstand in den USA und verdankte ihr Entstehen einem Konkurrenzkampf zweier Fernsehgesellschaften: ABC hatte Anfang 1977 mit dem elfteiligen Sklavenepos »Roots« einen immensen Erfolg errungen, und NBC versuchte, mit »Holocaust« einen ähnlichen Hit zu produzieren. Von Juli bis November 1977 drehte Marvin Chomsky nach einem Drehbuch von Gerald Green im Berliner Wedding und im ehemaligen österreichischen KZ Mauthausen. Drehgenehmigungen für Ungarn, die Tschechoslowakei und Jugoslawien waren wegen des »zionistischen« Drehbuchs abgelehnt worden. Um Dreherlaubnis in Polen und der DDR hatte man sich gar nicht erst bemüht. Die zwischen dem 16. und 19. April 1978 in den USA und Kanada gesendete Serie wurde von circa 120 Millionen Zuschauern gesehen und danach in 30 Länder verkauft. Die Ausstrahlung wurde, so der Kulturwissenschaftler Jeffrey Shandler, »zum bedeutendsten Ereignis in der Präsentation des Holocaust im amerikanischen Fernsehen«. Greens auf der Grundlage des Drehbuchs entstandener und vor der Ausstrahlung erschienener Roman »Holocaust« wurde mit 1,5 Millionen verkauften Exemplaren ein Bestseller. Der Autor hatte als Soldat die Endphase des Krieges in Europa erlebt und entstammte einer schon lange in New York ansässigen jüdischen Familie. Auch der Regisseur Chomsky war jüdischer Herkunft.

Eine Woche vor der Fernsehpremiere in den USA hatten sich zwei in die USA gereiste leitende Redakteure des Westdeutschen Rundfunks, der Leiter des Fernsehspiels, Günter Rohrbach, und der Dramaturg Peter Märthesheimer die Filme auf Videokassetten angesehen und, nach Rücksprache mit ihrem Fernsehdirektor Heinz Werner Hübner, sofort die Senderechte für 1,2 Millionen DM gekauft. Diese vollendete Tatsache löste eine Diffamierungskampagne in den Medien wie in der Politik aus, die das Ziel verfolgte, die Verbreitung der Serie in den deutschen Fernsehprogrammen ganz zu verhindern oder doch auf ein Minimum zu beschränken. Den Beginn dieser Schlammschlacht markierte ein am Tag der USA-Premiere erfolgter Kommentar des Redakteurs des Bayerischen Rundfunks Klaus Stephan in den »Tagesthemen« der ARD: Er monierte, dass die Trivialität einer Soap-Opera die Wahrheit zerstören würde und warnte vor möglichen antideutschen Ressentiments. Als der Vorstand der SPD am 24. April auf Empfehlung von drei hochrangigen Parteigenossen, die den Erfolg der Serie in den USA miterlebt hatten, sich für die Ausstrahlung auch in der Bundesrepublik aussprach und alle leitenden Parteimitglieder in den Sendern aufforderte, in diesem Sinne tätig zu werden, eskalierte der Streit. Der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß hatte sich schon zehn Jahre zuvor als Finanzminister zum Holocaust geäußert: »Ein Volk, das (nach 1945) diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.« Jetzt sprach er sich gegen die Serie aus, weil diese nicht der geschichtlichen Wahrheit, sondern nur der »Geschäftemacherei« diene. Das war eine nicht zu überhörende Anspielung auf die Tatsache, dass nicht nur der Regisseur Marvin Chomsky und der Drehbuchautor Gerald Green, sondern auch der Produzent der Serie, Herbert Brodkin, jüdischer Herkunft waren.

Der Leiter der Abteilung Fernsehspiel des Südwestfunks, Peter Schulze-Rohr, übernahm es, die bösartige Intervention des CSU-Vorsitzenden mit dem Gestus eines Wissenschaftlers zu stützen: Die Filmserie verletze, so erklärte er am 23. Juni in der Zeit, »die Gebote historischer, moralischer und künstlerischer Glaubwürdigkeit«: Abzeichen und Uniformen der Täter seien in vielen Fällen historisch fehlerhaft, und der Entschluss zum Kauf der Serie sei der deutschen Neigung zur »exhibitionistisch anmutenden Selbstanklage« und »zum Absolvieren öffentlicher Bußübungen« entsprungen. Zum Schluss folgte eine dreiste Lüge: Man könne auch deshalb auf diesen künstlerisch indiskutablen »Schund« verzichten, weil es »eine lange Liste von Filmen der ARD und des ZDF« zu diesem Thema gebe. Der WDR hatte schon vorher durch den Fernsehspielleiter Rohrbach gegenüber ähnlichen Einwänden »auf den merkwürdigen Umstand« hingewiesen, dass »ausgerechnet die Deutschen, deren Protagonisten bei der Vernichtung der Juden so zielstrebig vorgegangen sind, sich gegenüber der Behandlung dieses Themas durch andere besonders skrupulös verhalten«. Sein Dramaturg Märthesheimer verschärfte dann noch einmal den Ton: Die Frage der korrekten »Uniformknöpfe der Barbaren« könne doch nicht zum Maßstab dafür dienen, »ob die Barbarei ›glaubwürdig‹ dargestellt sei. Und der Vorwurf der »deutschen Neigung zur Selbstanklage« sei ein Phantom, angesichts des schonenden Umgangs der Deutschen mit der Nazizeit und der unsäglichen Protestbriefe, die den WDR täglich erreichten.

Trotz dieser Widerreden zeigte der politische Druck von rechts Wirkung. Als die Fernsehdirektoren am 28. Juni 1978 in Bremen über den Sendeplatz der Serie berieten, sprach sich nur eine hauchdünne Mehrheit von 5:4 Stimmen für eine Ausstrahlung im Ersten Programm aus, ein Votum, das zudem dadurch hinfällig wurde, dass Helmut Oeller, der Programmdirektor des Bayerischen Rundfunks, schon vorher für diesen Fall das Abschalten seines Senders in Aussicht gestellt hatte. Daraufhin entschloss man sich auf Vorschlag des WDR zu einer gemeinschaftlichen Ausstrahlung in allen Dritten Programmen. Der Kölner Sender steuerte zwei einleitende Dokumentationen zum Thema für das Erste Programm bei und kündigte an, nach jeder Ausstrahlung begleitende Diskussionen mit Zuschauern und Experten durchzuführen. Das ZDF hatte von Anfang an kein Interesse an der Serie gezeigt.

Diese internen, aber höchst bezeichnenden Auseinandersetzungen innerhalb der ARD wurden begleitet von einer überwiegenden Ablehnung in der deutschen Presse: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Welt, Rheinischer Merkur, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, selbst Der Spiegel höhnte über die Schrumpfung des Völkermordes auf die Maße der Westernserie »Bonanza« und hielt die Gründe des Bayrischen Rundfunks, sich bei einer Ausstrahlung der Serie im Ersten Programm, abzuschalten, für »respektabel«. Während Die Zeit sich eigener Stellungnahmen enthielt, unterstützten nur die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau das Projekt von Beginn an. Eine Veränderung dieser Lagerbildung trat erst unmittelbar vor der Ausstrahlung ein, als der WDR mit 80 Journalisten am 11. und 12. Januar 1979 ein Presseseminar unter Beteiligung von Experten wie der Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich und dem Direktor des Evangelischen Pressewerkes und Fernsehbeauftragten, Norbert Schneider, durchführte. Günther Rühle, Feuilletonchef der FAZ, fand die Entscheidung zur Ausstrahlung der Serie – nach der »wirren Diskussion«, die ihr vorausgegangen war – für richtig und begründete dies damit, dass »die Hälfte aller derzeit lebenden Deutschen (…) keine eigene Erinnerung mehr an die Nazizeit (hat). Hier wird sie anschaulich (wenn auch vereinfacht), bedrängend (wenn auch einseitig). ›Holocaust‹ ist bisher der einzige Versuch, ein für jeden nachvollziehbares und nacherlebbares Panorama der Vorgänge und Schicksale, der Pläne und ihrer Folgen, der Macht und ihrer Verirrung zu entwerfen. Wir sehen in unser eigenes Land.« Man habe es in der Serie, so Rühle, »nicht mit Dokumenten, sondern mit der Auflösung des Faktischen ins Dramatische und das heißt immer: ins Nacherlebbare zu tun. (…) Wir werden bald sehen, was die Wirkung von ›Holocaust‹ sein wird.«

Heilsamer Schock

Die Reaktionen auf die am 22., 23., 25. und 26. Januar 1979 ausgestrahlte Serie waren überwältigend und warfen alle Prognosen über den Haufen: Die Einschaltquoten hatten sich von Sendung zu Sendung gesteigert – von 31 auf 35, auf 37 und zuletzt auf 40 Prozent. Das heißt, dass mehr als 20 Millionen Menschen, fast die Hälfte aller Erwachsenen in der Bundesrepublik, die Serie gesehen hatten. Auch nach Ende der Sendung blieben durchschnittlich 15 Prozent der Fernsehgeräte wegen der anschließenden Diskussionen angeschaltet. Signifikant war, dass die Jahrgänge 1930 bis 1949, also die Kinder der Täter, mehr als ein Drittel der Zuschauer ausgemacht hatten, während die Altersgruppe der über 50jährigen, also die Angehörigen der Nazigeneration mit nur einem Anteil von einem Viertel deutlich unterrepräsentiert war. Insgesamt stellten die drei oberen Bildungsgruppen der Absolventen von Volksschulen, von weiterführenden Schulen und Hochschulen den höchsten Anteil unter den Zuschauern.

Das Interesse, das die Serie hervorrief, war ablesbar auch daran, dass nach den Sendungen insgesamt 30.000 Menschen das Angebot des WDR wahrnahmen und anriefen und außerdem mehr als 100.000 Briefe beim Sender und der kooperierenden Bundes- bzw. Landeszentrale für politische Bildung eingingen, wovon zwei Drittel sich positiv äußerten. Eine lange vorher geplante Umfrage, die zwei Wochen vor, eine Woche nach der Ausstrahlung sowie drei Monate später durchgeführt wurde, bestätigte diesen spontanen und regionalen Befund: 73 Prozent des Publikums urteilten positiv über die Serie, sieben Prozent negativ, und 20 Prozent hatten keine Meinung oder wollten sich nicht äußern. Mehr als die Hälfte der Befragten berichtete von Erschütterung, Scham und Tränen während oder nach den Sendungen. Die Umfrage lieferte auch äußerst interessante Hinweise auf schon eingetretene Verhaltensänderungen bezüglich des Nationalsozialismus und der Verbrechen in der Zeit des Dritten Reiches. Die Zahl derjenigen, die am Nationalsozialismus auch »positive Seiten« erblickt hatten, verringerte sich erheblich, und die Zahl der Befürworter einer unbegrenzten Strafverfolgung von Nazitätern war von 15 auf 39 Prozent angestiegen und hatte damit die Zahl derjenigen, die für einen »Schlussstrich« unter die Vergangenheit eintraten, übertroffen.

Repersonalisierung

Es waren prominente Zeitgenossen, die sofort realisierten, dass die Fernsehserie eine Zäsur bedeutete. Heinrich Böll schlug vor, ab jetzt von einer »Vor Holocaust«- und »Nach Holocaust«-Ära zu sprechen, vergleichbar dem Sprachgebrauch »›vor‹ und ›nach der Währungsreform‹«. Und er fügte dem sarkastisch hinzu: »Das verdanken wir Deutschen also einem umstrittenen amerikanischen Film, den man merkwürdigerweise als ›kommerziell‹ abzuqualifizieren versuchte.« Dabei behandle der Film ein geschichtliches Thema, »das die Welt noch lange beschäftigen wird und uns ›Vor Holcaust‹ intensiver hätte beschäftigen können«. Der Philosoph Günther Anders, der als Jude 1933 nach Paris und später in die USA geflüchtet war und seit 1950 wieder in Wien lebte, bewertete die Wirkung des Films ähnlich: »Nun erst sind die Deutschen in die Nach-Hitler-Ära eingetreten. (…) Weder durch Trauer, noch durch Reue, noch durch Kritik haben sie an die zwölf Jahre, die hinter ihnen lagen, angeknüpft. (…) Der Schock, der im Jahre 45 hätte eintreten müssen, (ist) nun erst eingetreten.« Und zu der vielfach kritisierten »Trivialisierung« eines komplexen historischen Ereignisses durch »Personalisierung« hatte Anders lakonisch angemerkt: Wenn man die Juden »durch Verwandlung in bloßen Abfall (…) depersonalisiert hatte« wie das in Auschwitz oder in den nur zur Vernichtung bestimmten Lagern geschehen war, sei es doch angemessen, sie nach der Katastrophe wieder zu »repersonalisieren«: »Was wir zu tun haben und was der Film geleistet hat, ist, die Ziffern in Menschen zurückzuverwandeln. Und zu zeigen, dass die sechs Millionen Vergasten sechs Millionen einzelne gewesen sind.« Als letzte Stimme sei der Politologe und Publizist Eugen Kogon, genannt, der als Christ verhaftet worden war und das KZ Buchenwald überlebt hatte. Er beschrieb die einschneidende Wirkung der Serie so: »Ein Bann ist gebrochen. Man kann über die schrecklichen Dinge bis in die Schuld- und Mitschuldfrage (…) endlich miteinander sprechen.«

Diese Einschätzung wird durch das Verlaufsprotokoll bestätigt, das der damals junge Historiker Julius H. Schoeps, der für die an jede Sendung anschließende Diskussion Zuhörerstimmen auswählte, später angefertigt hat. Er selbst habe »nach der wochenlangen Stimmungsmache gegen den Film« fest damit gerechnet, dass die Mehrzahl der Anrufer sich »kritisch bis ablehnend« äußern würde. Diese Reaktionen hätten auch zu Beginn überwogen, doch dann, nach etwa 30 Minuten habe sich das geändert: »Der Film zeigte Wirkung«, so Schoeps, die Anrufe hätten gezeigt, dass das Publikum »in zunehmendem Maße Anteil am Schicksal der Familie (…) Weiss zu nehmen begann«. Und er fährt fort: »Wer die ersten telefonischen Reaktionen auf den Film zur Kenntnis nahm, erhielt den überraschenden Eindruck, es habe in der Bundesrepublik überhaupt noch keine nachhaltige Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gegeben. Auf einen Zettel schrieb ich, um den Trend der Anrufe zu kennzeichnen: ›starke Emotionalität – mit zunehmender Tendenz‹. Die meisten Anrufe kreisten um die Begriffe ›Vergessen‹, ›Schuld‹ und ›Wie konnte es dazu kommen?‹ Mir drängte sich das Gefühl auf, als ob viele Anrufer das Bedürfnis verspürten, mit irgendjemandem zu reden, ihre Betroffenheit, Bestürzung und Scham loszuwerden.«

Antisemitische Statements

Aber es habe natürlich auch sofort die anderen Stimmen gegeben, die fragten, »ob es denn nicht an der Zeit sei, (…) endlich zu vergessen«, die erregt erklärten, mit diesem Film »würde (das Volk) unnötig aufgeputscht« oder die den organisierten Judenmord gegen die Bombardierung Dresdens aufrechneten. Und mit Bezug auf das amerikanische Filmteam habe man die Frage gestellt, was denn wohl die Reaktionen der Amerikaner sein würden, »wenn Deutsche einen Film über die Indianervernichtung drehen würden«. Auch die Überzeugung, dass es sich bei »Holocaust« um einen jüdischen Hetzfilm handele, mit dem »das Ansehen der Deutschen in der Welt« beschädigt werden solle, sei mehrfach geäußert worden. Allerdings, so berichtete Schoeps, hätten solche antisemitischen Statements von Sendung zu Sendung deutlich abgenommen.

Hannes Heer, Jg. 1941, war Leiter der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht. Er lebt als Historiker und Publizist in Hamburg und ist Träger der Carl-von-Ossietzky-Medaille. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 21. und 22. Februar 2018 über die »Schöneberger Freiheitskundgebung« des Jahres 1968.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Bernd Kulawik: Widerliche Heuchelei Ich war damals 15 und konnte in der DDR »Westfernsehen« sehen: Auch ich war schockiert über die Serie »Holocaust« – aber in einem anderen Sinne: Ich war schockiert darüber, dass offenbar so viele West...
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