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Aus: Ausgabe vom 17.01.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Davos

Gefahren für die Menschheit

Risikoreport des Weltwirtschaftsforums vorgestellt. Hauptaugenmerk auf geopolitischem Feldzug der USA und makroökonomischen Krisen
Von Jörg Kronauer
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Der US-Imperialismus grüßt aus der Ferne: Donald Trump wird dieses Jahr nicht in Davos erscheinen

Düstere Aussichten eröffnet der Global Risks Report 2019, den das World Economic Forum (WEF) am gestrigen Mittwoch vorgestellt hat. Wie immer ist der jährlich aktualisierte Bericht den Gefahren gewidmet, denen die Welt im kommenden Jahr ausgesetzt sein wird. Und wie immer sind sie zahlreich: Sie reichen von Natur- und Unwetterkatastrophen über drohende Krisen in der Wasserversorgung und neuartige biologische Risiken, etwa die Ausbreitung neuer Krankheiten, bis zu Gefährdungen, die sich aus dem technologischen Fortschritt ergeben: von Cyberangriffen bis zu massenhaftem Datendiebstahl. Der Global Risks Report belegt einmal mehr: Es gäbe wirklich genug zu tun, um die Welt zu einem weniger gefährlichen, zu einem besseren Ort zu machen. Leider aber wird das zunehmend dadurch verhindert, dass sich ein Gefahrenkomplex immer weiter in den Vordergrund schiebt: die immensen Risiken, die aus der immer schneller eskalierenden Rivalität zwischen den großen Mächten entstehen.

Die größte Gefahr für die Menschheit, heißt es im Global Risks Report 2019, besteht aktuell in den »geopolitischen und geoökonomischen Spannungen zwischen den großen Mächten der Welt« – also insbesondere im eskalierenden Machtkampf zwischen dem Westen und Russland sowie in dem Wirtschaftskrieg, den die Trump-Regierung gegen China vom Zaun gebrochen hat. »Auf eine Periode der Globalisierung« folge »eine Periode des Auseinanderstrebens«, konstatieren die Autoren. Dabei würden die Beziehungen zwischen zuletzt eng verflochtenen Ländern umgestaltet – ein Prozess, der stark risikobehaftet sei. Dabei nähmen gleichzeitig »makroökonomische Risiken« zu: Das Wirtschaftswachstum gehe weltweit zurück. Die Finanzmärkte legten eine zunehmende Volatilität an den Tag und die globale Schuldenlast liege mit gewaltigen 225 Prozent der Weltwirtschaftsleistung »erheblich höher als vor der globalen Finanzkrise« der Jahre 2007 bis 2009. Angesichts der zunehmenden Spannungen sei es sogar unklar, ob es im Falle des Ausbruchs einer neuen globalen Krise zu gemeinsamen Lösungsversuchen kommen könne. Der »zunehmende Nationalismus in der Weltpolitik« lasse diesbezüglich Skepsis angeraten scheinen.

Die Stimmung ist nicht gut vor dem jährlichen WEF-Großtreffen im schweizerischen Davos, zu dem ab Dienstag kommender Woche über 3.000 Teilnehmer aus mehr als 110 Staaten erwartet werden, unter ihnen mindestens 65 Staats- und Regierungschefs bzw. Leiter globaler Spitzenorganisationen. Zugesagt haben unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel, der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte und sein spanischer Amtskollege Pedro Sánchez, Japans Ministerpräsident Shinzo Abe und Chinas Vizepräsident Wang Qishan sowie UN-Generalsekretär António Guterres. Brasiliens neuer Präsident Jair Messias Bolsonaro wird gemeinsam mit seinem Wirtschaftsminister Paulo Guedes anreisen, der seine Karriere einst als Dozent an der Universidad de Chile unter Augusto Pinochet begann. Laut offiziellen Angaben wird Bolsonaro aber wohl wenigstens die Militärs zu Hause lassen, die ein Drittel seines Kabinetts stellen. Die deutsche Industrie wird unter anderem mit Josef Käser (Siemens), Frank Appel (Deutsche Post) und Bill McDermott (SAP) vertreten sein.

Aufmerksamkeit verdient diesmal allerdings auch, wer nicht kommt – und aus welchem Grund. So wird US-Präsident Donald Trump die lawinengeplagten Alpen nicht mit seiner Anwesenheit behelligen. Der Shutdown, in den er die innerlich zerrissenen Vereinigten Staaten geritten hat, um eine milliardenschwere Mauer gegen Flüchtlinge errichten zu dürfen, hält ihn in Washington fest. Ebenfalls nicht kommen werden der französische Präsident Emmanuel Macron sowie die britische Premierministerin Theresa May. Über Macron schlagen zur Zeit anhaltende Massenproteste zusammen, die in der französischen Bevölkerung auf zwei- bis dreimal so große Zustimmung treffen wie die Politik des Präsidenten. May wiederum steckt in den Wirren um den ersten Austritt eines Mitglieds aus der EU fest, der auch die britische Bevölkerung vor eine gefährliche Zerreißprobe zwischen EU-Anhängern und -Gegnern stellt.

Nach langem Hin und Her nach Davos anreisen dürfen wohl die drei russischen Wirtschaftsbosse Oleg Deripaska, Wiktor Wekselberg und Andrej Kostin. Sie waren im November auf Betreiben der Vereinigten Staaten ausgeladen worden, weil Washington eigenmächtig Sanktionen gegen sie verhängt hatte. Mitte Dezember teilten die Organisatoren des Wirtschaftsforums dann allerdings mit, man werde sich der US-Forderung nach einer Aussperrung der drei Milliardäre doch nicht beugen und sie – wie in den Vorjahren – am WEF teilnehmen lassen. Bemerkenswert und für den Zustand der Beziehungen zwischen den Mächten charakteristisch sind allerdings die Konditionen, denen sie sich laut Berichten in russischen Medien beugen müssen. Treffen diese Berichte zu, dann dürfen Deripaska, Wekselberg und Kostin in Davos keinen Kontakt zu Bürgern der Vereinigten Staaten aufnehmen, keine Geschäfte mit ihnen machen, nicht auf einer Bühne mit ihnen sitzen. Das gilt, so heißt es, nicht nur für die WEF-Veranstaltungen selbst, sondern auch für alles, was sich im privaten Bereich abspielt. Kontaktsperre: Das ist die neue Umgangsform zwischen dem Westen und allen, die nicht bereit sind, seiner Führung zu folgen.

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