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Aus: Ausgabe vom 16.01.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Fememord

Von Leo Schwarz
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Rudolf Höß, der spätere Kommandant des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, war schon in den 1920er Jahren ein Mörder (Aufnahme von 1944)

Femegerichte (vom mittelhochdeutschen veime: Strafe) waren im Mittelalter ad hoc gebildete Sondergerichte, die außergewöhnliche und schwerwiegende Straftaten aburteilten. Als sich die radikale deutsche Rechte nach 1918 in der altgermanischen Requisitenkammer bediente, wurde auch dieser Begriff wieder entstaubt: Nun trat ein Femegericht dann zusammen, wenn ein »Verräter« aus den Reihen irgendeiner der zahlreichen, halb oder ganz getarnten Untergrundorganisationen abzuurteilen war.

Bei einem Schuldspruch folgte unweigerlich die Todesstrafe – in einem abgelegenen Wäldchen oder auf einem ostelbischen Gutshof fand dann statt, was in der Öffentlichkeit ab etwa 1925 als »Fememord« diskutiert wurde. Damals hat der sozialdemokratische Vorwärts einen im Mai 1923 in Magdeburg erlassenen »Femebefehl« dokumentiert: »Die Leitung hat sich angesichts des überhandnehmenden Spitzeltums entschlossen, eine sogenannte Feme zu bilden. Die Aufgabe der Feme ist es, der Leitung Verdächtige zu beobachten, Verräter und politisch missliebige Personen zu beseitigen. Bei der Schwierigkeit der Aufgabe und den hohen Anforderungen, die gestellt werden, müssen die zuverlässigsten und vertrauenswürdigsten Leute ausgesucht werden.«

Wie die ihre »Aufgabe« erledigten, hat Emil Julius Gumbel schon 1924 aufgeschrieben: »Cadow wurde von acht Mann mit vorgehaltenem Revolver in Schach gehalten. Anführer dieses ›Rollkommandos‹ war der Fähnrich Höß. Als der Wagen in einen Wald nahe der Ziegelei Neuhof gelangt war, wurde Cadow mit Gummiknütteln und Holzscheiten so lange auf den Kopf geschlagen, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Man lud ihn wieder auf den Wagen und fuhr einige hundert Meter weit in eine Waldschonung. Dort wurde er vom Wagen geworfen, mit den Stiefeln getreten. Wiedemeyer schnitt ihn mit einem Jagdmesser in die Kehle. Höß und Zabel jagten ihm von hinten eine Kugel als Gnadenschuss durch den Kopf.« Der Parchimer Fememord an dem Volksschullehrer Walter Cadow vom 31. Mai 1923 gehört zu den wenigen, die überhaupt bekannt und zudem zeitnah gerichtlich aufgearbeitet wurden. Der »Fähnrich Höß« war übrigens Rudolf Höß, zwei Jahrzehnte später Kommandant des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Mitgemischt hatte hier auch schon Martin Bormann, als Leiter der Parteikanzlei der NSDAP zuletzt einer der zentralen Akteure der Innenpolitik des deutschen Faschismus.

Dass das verzweigte, mit der sogenannten Schwarzen Reichswehr symbiotisch verquickte rechte Untergrundnetzwerk nicht von »Spitzeln« aufgedeckt wurde, war ganz im Sinne höchster politischer Stellen. Als die Sache richtig hochzukochen drohte, weil ruchbar wurde, dass mehrere Angehörige der Schwarzen Reichswehr als »Verräter« auf zum Teil barbarische Weise umgebracht worden waren, herrschte am 26. Januar 1926 große Aufregung in der Reichskanzlei. Reichswehrminister Otto Geßler trug ausweislich einer Gesprächsnotiz »seine innen- und außenpolitischen Bedenken gegen eine öffentliche Verhandlung der demnächst beginnenden Fememordprozesse vor«. Auf deutsche Richter aber war auch hier Verlass: Geßler wusste schon, dass »bei dem Gericht, das den ersten Fememord zu verhandeln habe, seiner Information nach eine gewisse Neigung für Ausschluß der Öffentlichkeit bestehe«.

Für die Forschung sind die Fememorde ein kleiner Glücksfall: Neuerdings hat sich erwiesen, dass die Schwarze Reichswehr, über die man lange nur sehr wenig wusste, auf dem Umweg über die Akten der Fememordprozesse ein wenig fassbarer wird. Studien wie die von Bernhard Sauer zeigen, dass dieses Milieu eine Quelle – oder eigentlich: eine frühe Gestalt – der Nazibewegung war. Aus den im Berliner Landesarchiv vorhandenen Gerichtsakten konnte Sauer 54 Personen ermitteln, die zu diesem Netzwerk gehörten. Davon hatten 43 zuvor Freikorps und anderen rechten Verbänden angehört, 44 landeten später bei der NSDAP.

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