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Aus: Ausgabe vom 16.01.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Von Gewalt und Staatszerfall

Die konservative Rebellin: Zweimal »Antigone« in Berlin
Von Kai Köhler
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Fanatisierung des politisch Richtigen: Bote (Jonas Sippel) und Kreon (Manuel Harder) am Deutschen Theater

Am Anfang steht die Machtfrage: Wer herrscht über Theben? Die Brüder Eteokles und Polyneikes einigen sich auf einen jährlichen Wechsel. Doch Eteokles denkt nicht daran, die Herrschaft abzugeben. Polyneikes muss fliehen, kehrt mit Unterstützung zurück. In dem folgenden Krieg kann Theben sich halten, die beiden Brüder töten einander. Nachfolger wird Kreon, ihr Onkel. Er ordnet an, Eteokles als Helden zu ehren. Polyneikes wird als Verräter die Bestattung verwehrt, die Geier werden satt.

Kreon denkt an den Staat und will den Frieden durch ein einheitliches Geschichtsbild sichern. Antigone dagegen, Schwester der Toten, setzt die Familienpflicht und religiöse Gebote an oberste Stelle: Auch Polyneikes muss begraben werden. An diesem Punkt setzt Sophokles’ »Antigone«-Drama ein. Szene für Szene spitzt sich der Konflikt zu. Kreon befiehlt die Hinrichtung der Gegnerin, die sich seinem Befehl widersetzt hat. Zu spät kommt er zur Einsicht, dass er es mit der Konsequenz übertrieben hat. Am Ende ist nicht nur Antigone tot, sondern auch ihr Verlobter Haimon, Kreons Sohn. Der Herrscher hat seine Familie vernichtet und muss als Gescheiterter weiterleben.

Selten sind die Sympathien auf Kreons Seite. Eine Ausnahme war Hegel, der anhand dieses Dramas die Tragödie erläuterte und das Gegeneinander gleichermaßen berechtigter Werte erkannte. Er machte das Stück wohl klüger, als es ist: Tatsächlich klagt Sophokles vor allem die Hybris Kreons an und damit das moderne Recht des Staats. Wer dagegen heute Antigone als Rebellin feiert, muss verdrängen, dass sie im Namen der Tradition rebelliert: für Familie und Religion.

Wie erscheint das heute auf der Bühne? Am vergangenen Wochenende erlaubten zwei Berliner Premieren Aufschlüsse. Am Deutschen Theater (DT) war eine Inszenierung Lilja Rupprechts zu sehen, eine Koproduktion mit dem inklusiven Theater Rambazamba, in dem Schauspieler mit und ohne Behinderung gemeinsam Stücke aufführen. Der Raum ist durch schwarze und weiße Linien streng gegliedert; im Verlauf des Stückes brechen Theaterblut und Sand (Beerdigungsversuche) diese Ordnung auf. Als deren Vertreter beherrscht Kreon anfangs die Szene. Manuel Harder gibt ihn locker, überlegen, fast spielerisch – bis ihn die Konsequenz der eigenen Sache überwältigt und er fanatisiert den Bezug aufs politisch Kluge verliert. Leider fehlt ihm die Gegenspielerin. Zora Schemm überzeugt in der Titelrolle körpersprachlich, die Verse aber spricht sie zerhackt, gleichförmig, schwer verständlich. Das gilt auch für Juliana Götze als Antigones Schwester Ismene. Auf der Ebene der Sprache ist Kreon beiden anfangs weit überlegen; um so eindrucksvoller ist sein Fall. Dieses Stück hieße besser »Kreon«.

Dass Kreons Gegner gegen Ende eher brüllen als sprechen, steigert den Eindruck des Zerfalls, nützt aber nicht der Textverständlichkeit. Die Inszenierung hat ihre Stärken im Arrangement des Chors, der kommentiert und handelt. In dem kleinen Raum der Box des DT kommt auch die physische Präsenz der Darsteller zu Geltung. Zudem ist die Fabel ganz da. Dennoch bleibt der Eindruck einer halbierten »Antigone«.

Am Abend zuvor gab es am Berliner Ensemble (BE) Brechts »Die Antigone des Sophokles« zu sehen, auch dies eine Koproduktion, in diesem Fall mit der Schauspielschule Ernst Busch. Brechts Bearbeitung war seine erste Regiearbeit nach der Rückkehr aus dem Exil, 1948 im schweizerischen Chur. Er fügte nicht nur einen aktualisierenden Prolog hinzu: Im April 1945 in Berlin müssen zwei Schwestern erleben, wie ihr desertierter Bruder von SS-Männern ermordet wird. Brecht griff auch in die Haupthandlung ein. Bei ihm hat Kreon als Herrscher einen imperialistischen Angriffskrieg gegen das erzreiche Argos begonnen, in dem Eteokles gefallen und Polyneikes als Deserteur hingerichtet worden ist. Der Krieg ist während der Handlung, Kreons Erfolgsmeldungen entgegen, noch keineswegs gewonnen. Vielmehr stellt sich gegen Ende heraus, dass das von der Vernichtung bedrohte Argos alle Kräfte mobilisiert hat und kurz vor dem Sieg über Theben steht.

Theben steht damit für das faschistische Deutschland (Oscar Hoppe spielt Kreon entsprechend mit Hitlerfrisur). Es geht aber nicht um den Widerstand, verkörpert etwa von Antigone, sondern – so Brecht – um »die Rolle der Gewaltanwendung bei dem Zerfall der Staatsspitze«. Dabei stimmt, dass wenn der imperialistische Erfolg ausbleibt, der innenpolitische Terror auch gegen frühere Unterstützer zunimmt. Vermutlich funktioniert die von Brecht beabsichtigte »Durchrationalisierung« aber so wenig wie bei der »Mutter Courage« und wird Antigone als Opfer, nicht als Vertreterin einer Fraktion der Herrschenden wahrgenommen.

Das schmälert nicht die Leistung von Aysima Ergün, die am BE eine klare, entschlossene Antigone gibt. Die größte Stärke von Veit Schuberts Inszenierung liegt in der Gestaltung des Chors, den er mit nur drei Männern (Lorenz Grabow, Maximilian Paier, Leon Maria Spiegelberg) besetzt hat. Sie sind die herrschende Klasse von Theben, unterstützen Kreons Gewalt, wenn sie ihnen nützt, aber kommentieren mit Distanz, wenn es klüger ist, nicht dabeigewesen zu sein.

Negativ ist das Gesinge, das die großen und wichtigen Einschübe des Chors nahezu unverständlich macht. Doch ist hier eine Inszenierung gelungen, die Brechts politische Fabel verdeutlicht. Nun bliebe nur noch, auf die Erkenntnishöhe Hegels zu gelangen und Kreon – trotz Sophokles und Brecht – als Vertreter des politisch Vernünftigen zu verstehen.

»Antigone« am DT wieder am 17.1., 20 Uhr, 22.1., 19.30 Uhr, »Antigone des Sophokles« am BE wieder am 18. u. 19.1., 20 Uhr, 20.1., 18 Uhr

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