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Aus: Ausgabe vom 15.01.2019, Seite 10 / Feuilleton
Ausstellung

Neoliberal, praktisch, frei?

»Der Wert der Freiheit«: Das Belvedere 21 in Wien verhandelt das Zusammenleben im Spätkapitalismus
Von Sabine Fuchs
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Was heißt hier Freiheit? Igor Grubic: »366 Liberation Rituals (Against Trash)«, 2008/09

Zugegeben: Ankündigung und erste Rezensionen der Schau haben zunächst Argwohn erregt. Die Ausstellung ist in sieben Kapitel gegliedert, aber »Der Wert der Freiheit« soll ohne Erwähnung des Neoliberalismus verhandelt werden? Das scheint auf ein allzu affirmatives Freiheitsverständnis hinzudeuten, und tatsächlich kommt der Begriff in der Ausstellung nicht vor. Affirmativ dem herrschenden Gesellschaftssystem gegenüber ist sie allerdings keineswegs.

Viele bekannte Namen aus dem Bereich der politischen Kunst sind in der Schau vertreten. Zur Diskussion gestellt werden Werke von Dara Birnbaum, Harun Farocki, der Gruppe »Forensic Oceanography«, Johan Grimonprez, Igor Grubić, Nina Könnemann, Kara Walker, Stephen Willats oder dem »Zentrum für politische Schönheit« – um nur einige zu nennen. Behandelt werden – auch das ist eine Auswahl – die Themen Migration, Datensicherheit, die Erfindung von Marketingstrategien, die Nachwehen von Faschismus und Zweitem Weltkrieg, Gesundheitswahn, Feminismus, Homosexualität, Rassismus, Überwachung, gesellschaftliche Transformationsprozesse, die Fragwürdigkeit des Demokratiebegriffs und die zerstörerische Kraft des Kapitalismus in allen denkbaren Zusammenhängen.

Das macht auch das Problem der Ausstellung deutlich: Sie ist so vielfältig, dass sie in ihrer Gesamtheit kaum zu überblicken ist. Allein um die vielen Videoarbeiten anzuschauen, müsste man einen ganzen Tag im Museum verbringen – einige (Farocki, Oliver Ressler oder Eva Stefani) sind auch schon als Festivalfilme gezeigt worden. Das überwältigende Angebot bewirkt, dass in der Masse vieles untergeht. Man kann zwangsläufig nur einen Teil der Arbeiten wirklich würdigen. Obwohl die Präsentation in verschiedene Abschnitte unterteilt ist, erschließt sich diese Gliederung weder inhaltlich, noch architektonisch.

Trotzdem: Hat man das Belvedere 21 wieder verlassen, erinnert man sich an einige Werke besonders deutlich. Da ist Andreas Siekmanns »Die ökonomische Macht der öffentlichen Meinung & die öffentliche Macht der ökonomischen Meinung« von 2013 – ein auf einem Bühnentisch installiertes Miniaturtheater zur Entlarvung kapitalistischer Kommunikations- und Machtstrategien.

Oder Oliver Resslers Videoarbeit »What is Democracy?« – eine zweistündige Interview-»Tour de Force« und Abrechnung mit dem westlichen Demokratiemodell. Wie treffend Resslers Analyse ist, zeigt etwa sein Gespräch mit dem griechischen Aktivisten Nikos Panagos, in dem beide schon im Jahr 2009 die Übernahme Griechenlands durch die europäischen Institutionen voraussehen.

Die 2018 entstandene Arbeit »The Crime of Rescue – The Iuventa Case« der Gruppe »Forensic Oceanography« zeigt die hässliche Wirklichkeit des »Europas, das schützt«. Aber auch die saukomischen Zeichnungen schwuler Alpen-Toyboys von Josip Novosel oder die kluge Analyse weiblicher Identitätskonflikte von Stephen Willats – »A Conflict of Identities« aus dem Jahr 1973 – bleiben im Gedächtnis haften.

Die überbordende Vielfalt an Themen und Fragestellungen macht es schwer, ein Fazit der Ausstellung zu ziehen. Sehenswert ist sie in jedem Fall. Denn in ihrer Grundaussage, dass Kapitalismus und Neoliberalismus am Anfang fast aller unserer politischen Probleme stehen, bleibt sie dennoch erfreulich klar.

Bis 10. Februar, Wien, Belvedere 21

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