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Aus: Ausgabe vom 14.01.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Rechter Hausphilosoph

Zu jW vom 8.1.: »Der Brennpunkt aller Fragen«

Die Besprechung erscheint mir doch zu blauäugig. Ich fürchte, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung Hugo Fischers Buch »Lenin« von 1933 genauer gelesen hat als die jW. Dort heißt es in einer Rezension, Fischer könne mit der Verbindung von »linkem Antikapitalismus« und »rechtem Nationalkonservatismus« sowie einer unverhohlenen Russland-Orientierung »zum Hausphilosophen der ›neuen Rechten‹ werden«. Der Weg, den Fischers Text genommen hat, von Carl Schmitt über Armin Mohler und Günter Maschke, bestätigt den Verdacht. Klar: Fischer bewundert Lenin, aber er ist kein Leninist (…). Lenin erscheint ihm als der große Exponent eines »neuen Typus von Staat« – »Staat durch Sozialismus«, das ist die Formel, mit der Fischer seine Argumentation doppeldeutig zusammenfasst. In einer Überhöhung des Politischen wird der Staat zum eigenen Wert. Der »moderne« Staat ist der totale Staat. Fischer ist auch ein »Mussolini-Versteher«, aber der Osten »des dämonischen Lenin« erscheint ihm dem ästhetisierenden Romanischen überlegen. »Die Gründlichkeit des Slawen liegt auf der Seite seines wühlenden Intellekts: Mit ihm erfasst er die düsteren sozialen Elementargewalten, die hintergründig das staatliche Leben der Völker bestimmen.« Die »Gründlichkeit des Deutschen« sei andersgeartet; sie blicke tiefer und weiter. Der Staat sei ihm nicht das Endziel, sondern ein Vorletztes, das das eigentlich Gemeinte vorbereite. »Der Weg führt vom Staat zum Reich«, das sich selbst begründe und genüge. Zuerst allerdings müsse der moderne Staat zu seiner Vollendung gebracht werden, und in dieser Hinsicht sei von Lenin zu lernen. Dann aber »kommt ein Augenblick, in dem das Volk aus dem Staat ein Reich machen muss«. Die Konzeption kann mühelos in die Sprache des geistig verwandten Philosophen Martin Heidegger übertragen werden (…). Hugo Fischer hat sein Buch angesichts der anbrechenden Nazidiktatur bis auf wenige Rohexemplare einstampfen lassen, obwohl von seiten der Partei und des Staates keine ernsthaften Bedenken geäußert worden waren. (…)

Wolf-Dieter Gudopp, Frankfurt am Main

Bequem eingerichtet

Zu jW vom 9.1.: »Seien wir ehrlich«

Taugt der alte Ansatz mit der Klassenfrage noch als Lösungsansatz im 21. Jahrhundert? (…) Die Arbeiterschaft gafft auf der Suche nach dem besten Rabattangebot und Schnäppchen aufs Smartphone und giert schon nach dessen Folgemodell – man muss ja immer up to date bleiben. Ich selbst habe oft die Erfahrung im eigenen Umfeld machen müssen, dass die Leute es sich im System bequem eingerichtet haben. Früher Punk und gewettert gegen Spießer, heute selber einer, mit Eigentumswohnung und zusätzlicher Ferienwohnung in Strandnähe. Man ist halt selbst verstrickt ins Kapital. Man verdient ja damit sein »gutes Geld« und will es schaffen, auch noch den nächsten Kredit abzubezahlen. Das eigentliche Leben beginnt mit der Rente, falls man die noch gesund erreicht. Natürlich gibt es längst auch Leute, die aufgewacht sind und den Irrsinn kritisch reflektieren, ja, die sogar bereit sind, persönliche Konsequenzen zu ziehen, auch wenn das ans eigene Portemonnaie geht. Gerade daran lässt sich messen, auf welcher Seite man steht. Ist man Bestandteil des Problems oder der Lösung? Die von Hagen Bonn in seinem Beitrag angesprochene Theorie scheint da keine unwesentliche Rolle zu spielen. Gerade weite Teile der sogenannten Linken sind sehr theoriefeindlich. Nicht, dass man keine Theorie hätte. Nein, man klammert sich an Erkenntnisse von vorgestern und hat die letzten 30 Jahre schlicht verschlafen. Ohne eine radikale, kategoriale Kritik, die eine breite Öffentlichkeit erreicht, wird es wohl nicht gehen, Alternativen zum Kapitalismus denkbar zu machen ...

Holger Roloff, per E-Mail

Ross und Reiter

Zu jW vom 11.1.: »Entrechtet und isoliert«

Sie schreiben zum Fall Murat Kurnaz, dass dieser in Guantanamo festgehalten wurde, »weil die deutsche Regierung und ihre Geheimdienste seine Freilassung hintertrieben«. Warum nennen Sie nicht Ross und Reiter? Es war die »rot-grüne« Regierung, die sich seiner Aufnahme verweigerte. Frank-Walter Steinmeier war Leiter des Auswärtigen Amtes und Geheimdienstkoordinator in dieser Zeit. Er muss mit diesem Vorgang unmittelbar betraut gewesen sein. (…) Genauso war es mit der elektronischen Überwachung durch US-Dienste. Dieser Mann ist heute der Bundespräsident. Nicht schlecht, oder?

Jan Skalla, Nürnberg

Dänisches Vorbild

Zu jW vom 11.1.: »Studieren mit leerem Bauch«

Die Kritik der Bildungsforscher an der mageren BAföG-Erhöhung greift zu kurz. Denn die Achillesferse besteht darin, dass die Förderung sehr schnell komplett eingestellt werden kann, wenn Studierende bei einer einzigen Prüfung durchfallen. Mit der Folge, dass dann gerade viele Betroffene, die keine Hilfe durch ihre Eltern bekommen können, völlig unabgesichert sind. Deshalb bedarf es hier dringend einer Reform etwa nach dänischem Vorbild, wo alle Studierenden ein elternunabhängiges Stipendium bekommen, gerade um die hohen Abbrecherquoten in vielen naturwissenschaftlichen Fächern zu reduzieren, für die sich Bildungsministerin Anja Karliczek bislang ebenso wie die meisten ihrer Vorgänger kaum interessiert!

Rasmus Ph. Helt, Hamburg

In aller Welt

Zu jW vom 11.1.: »Kriegsgerät für Terrorstaaten«

Wenn die mächtige Rüstungslobby zum Tanz bittet, kann keine Bundesregierung widerstehen. Das Kabinett wird ihre Geschäfte immer wieder absegnen, auch mit Staaten, die sich der Sprache des Krieges bedienen und selbst Angriffskriege führen wie die Türkei in Syrien. Wenn das große Geschäft mit dem Tod lockt, dann sind Anstand und Moral mit einem Mal vergessen. Anstelle von »Schwerter zu Pflugscharen« heißt es: »Deutsche Waffen und deutsches Geld morden mit in aller Welt!«

René Osselmann, Magdeburg

Ohne eine radikale Kritik, die eine breite Öffentlichkeit erreicht, wird es wohl nicht gehen, Alternativen zum Kapitalismus denkbar zu machen.