Aus: Ausgabe vom 12.01.2019, Seite 15 / Geschichte

In Szene gesetzt

Vor 500 Jahren starb Maximilian I. Für seinen Nachruhm sorgte ein Versepos – der »Theuerdank«

Von Arnd Beise
Theuerdank. Illustration zu Kapitel 118 (Aus der Ausgabe von 167
Mit seinem »Theuerdank« wusste Maximilian I. sich geschickt als Ritter und Ehrenmann darzustellen (Illustration zum 118. Kapitel, aus einer Ausgabe von 1679)

Burg Wels, 12. Januar 1519: In den frühen Morgenstunden stirbt ein Mann. Sein Leichnam wird gegeißelt, die Haare werden abgeschnitten, die übriggebliebenen Zähne ausgebrochen. So hatte er es gewünscht. Zwei Tage zuvor war dieser Mann noch Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gewesen. Im Angesicht des Todes hatte er auf alle Würden verzichtet und die Insignien seines Amts abgegeben. Er wollte als einfacher Mensch sterben und als bestrafter Sünder vor Gott treten.

Mit dem Tod Maximilians I. (1459–1519) trat eine Verfügung in Kraft, die einem der interessantesten Buchkunstwerke der Frühen Neuzeit galt. Der »Theuerdank« sollte verteilt werden: ein 563 Seiten langes Versepos, einer der aufwendigsten Drucke seiner Zeit. 40 Vorzugsausgaben auf Pergament waren 1517 hergestellt worden, dazu 300 auf Papier gedruckte Exemplare, die Maximilian seither in sechs Kisten mit sich führte. Sie sollten nach seinem Tod an ausgewählte Empfänger verschenkt werden.

Wie alle anderen künstlerischen Unternehmungen des Kaisers galt auch der »Theuerdank« seinem Nachruhm. So sehr auch sein Sterben den gläubigen Christen zu verraten scheint, so modern und unchristlich war die Idee einer selbstgeschöpften Unsterblichkeit.

Im Gedächtnis bleiben

Im 24. Kapitel des »Weißkunigs« – ein weiteres literarisches Denkmal, das Maximilian sich selbst setzte – verteidigt »der jung weiß kunig« (gemeint ist Maximilian) sein Engagement für die Historie gegenüber einem andern Fürsten, welcher dergleichen für Geldverschwendung hält, mit dem Gewinn »künftigen Andenkens«. Indem er sich mit der Geschichte befasse, gewinne er Maßstäbe und Vorbilder. Danach gelte es, das eigene Handeln einzurichten, zugleich aber dafür zu sorgen, dass man sich dieser Handlungen erinnern würde: »Wer ime in seinem leben kain gedachtnus macht, der hat nach seinem tod kain gedächtnus, und desselben menschen wird mit dem glockendon vergessen«. Sich zu Lebzeiten in die Erinnerung künftiger Generationen einzuschreiben war Maximilians Vorsatz.

Sich selbst ein Gedächtnis machen, ist eine neuzeitliche Idee, die vor allem die Renaissance-Humanisten verfolgten. Berühmt ist das »Gedächtnisbild« des Conrad Celtis (1459–1508), eines führenden Gelehrten der Wiener Universität, den Maximilians Vater und dieser selbst förderten. Der Kupferstich zeigt den Wissenschaftler im Stil eines antiken Grabdenkmals auf seine Werke gestützt. Celtis ließ den Stich anfertigen, als er sein Ende nahen fühlte. Nach seinem Tod 1508 wurde das Blatt an Freunde und Kollegen verschickt.

Auch Kaiser Maximilian setzte auf die Kunst, was sein Nachleben anging. Anders als bei dem Gelehrten waren es aber nicht wissenschaftliche Werke, die den Ruhm des Kaisers begründeten, sondern die »Leistungen« eines Staatenlenkers: Krieg, Verwaltung und Repräsentation. Maximilian war vor allem im letztgenannten Bereich erfolgreich, in den auch seine »Gedachtnus«-Werke fallen, darunter eine monumentale Ehrenpforte und ein Triumphzug aus Kupferstichen, der »Weißkunig«-Roman und sein Grabmal in der Innsbrucker Hofkirche.

Das erfolgreichste Projekt seines Gedächtniswerks aber war der »Theuerdank«. In der Art eines mittelalterlichen Ritterromans wird die Brautfahrt des jungen Tewrdannck geschildert, der unterwegs Abenteuer, besser gesagt: »geverlicheiten« zu überstehen hat, die seine Widersacher Fürwittig, Unfalo und Neydelhart ihm bereiten. Das sind Anschläge auf sein Leben etwa der Art, dass im Gebirge eine Lawine auf ihn niedergeht, dass er auf brüchiges Eis gelockt wird, dass Geschütze explodieren, dass sein Pferd scheut, dass er in einen verdeckten Brunnen stürzt oder dass Ärzte ihn falsch behandeln. Am Ende aber entgeht Tewrdannck allen Tücken und langt bei Königin Erenreich an, die ihn mit einem Turnier ehrt.

Den »geschichten des loblichen streyt­paren vnd hochberümbten helds« lagen Erlebnisse Maximilians zugrunde, die fiktionalisiert wurden. Das Grundgerüst gab die Reise des 18jährigen Prinzen zu seiner Verheiratung mit Maria von Burgund im Jahr 1477 ab, ein Coup der habsburgischen Heiratspolitik, welcher die europäische Geschichte für Jahrhunderte bestimmte, indem er Burgund für das Erzherzogtum Österreich gewann und die fatale deutsch-französische »Erbfeindschaft« begründete. In die Erzählung werden Erlebnisse Maximilians auch aus der Zeit, als seine erste Frau schon längst gestorben war, hineinmontiert, gleichsam als müsse der Autor sich nachträglich und in der Fiktion als der Held beweisen, der zu sein er realiter auf seiner Reise nach Burgund allenfalls hätte träumen können.

Der letzte Ritter

Diese »pomphafte« Allegorisierung »gewöhnlichster Jagd-, Kriegs- und Brautfahrten« (so urteilte Joseph von Eichendorff später) war so erfolgreich, dass der Autor Maximilian als »letzter Ritter« wahrhaft volkstümlich wurde. Als solchen feierte ihn 1830 Anastasius Grün in einem Romanzen-Zyklus, zuletzt erschien 2017 der österreichisch-deutsche Fernsehdreiteiler »Maximilian. Das Spiel von Macht und Liebe«. Als Weislingen sich in Goethes Drama »Götz von Berlichingen« auf die ritterliche Ehre und Pflicht beruft, höhnt die »moderne« Machtpolitikerin Adelheid von Walldorf: »Geht! Erzählt das Mädchen, die den Theuerdank lesen und sich so einen Mann wünschen. Ritterpflicht! Kinderspiel!«

Voraussetzung des beispiellosen Erfolgs des »Theuerdank« war die eigentümliche Verbindung von hergebrachter Form und neuartigen Inhalten. Zum Beispiel setzt Fürwittig den edlen Tewrdannck in einer Episode nicht nur der »geferlichait« der Gamsjagd in steilem Gelände aus, sondern sorgt auch für Zuschauerinnen, die Zeuginnen seines blamablen Absturzes werden sollen. Nicht nur körperlich, sondern auch sozial und psychisch ist Tewrdannck gefährdet. Doch meistert er hier wie sonst die Gefahr.

Sogar äußerlich war das Buch ein Zwitter aus Tradition und Modernität. Es ahmt mittelalterliche Handschriften nach, aber es ist ein Erzeugnis der modernen Druckerpresse. Und seinen Weg in die Literaturgeschichte und Volkskultur fand der »Theuerdank« nicht als luxuriöses Memorialgeschenk, sondern weil der Augsburger Verleger Johann Schönsperger noch 1519 eine zweite, für den Buchhandel bestimmte Ausgabe herstellte, welcher 1537, 1553, 1563 und 1589 weitere, typografisch simplifizierte folgten.

So wie Maximilian mit dem Ewigen Landfrieden und der Verstetigung des Reichskammergerichts die moderne Verstaatlichung des Reichs einleitete und mit dem Landsknechtwesen den Krieg modernisierte, sich selbst aber als mittelalterlichen Ritter inszenierte, so markiert der »Theuerdank« das Ende mittelalterlicher Epik und den Beginn modernen Bestsellertums.

Ain new schalckhait dem Fürwittig

Kam in sein syn dardurch Er sich

Meint zu rechen an dem Held werdt

Auf ein zeit Er sprach herr begert

Ir noch mer Gembsen zu Jagen (…)

Tewrdannck dem was die sach zu mueth

Sprach wan es dich wirt duncken guth

Schaw das all ding geordennt sein

Fürwittig die hübschen freulein

Ließ füren an dasselbig enndt

Zusehenn Jembsen in der wennd (…)

Darumb hat Fürwittig der wicht

Dasselbig geiaid angericht

Dann Er west den Held so hoflich

Das Er wurde vnndersteen sich

Den Jembs vor souil schen frauen

Zufellen an allen grauen

Dardurch Er hofft in angst vnnd not

Den Heldt zubringen vnd gepot

Seim Jegerknecht sprach sich merck auf

Für disen Helden dort hinauff

Wie du weist In die hohen wandt

Und (…) weys

In auf die posen plat vnnd leys

Gee Jm nach auf dem guten gleyt (…).

Tewerdannck ging mit sorgsamkait

Auf der platten das pöß geleyt

Als weit als müglich was zugeen (…)

Dann Er auf einer platten stundt

Darin khein eysen hafften gundt (…)

Ain zinckh der hafftet allein

In dem hertten gelligen stein

Doch leydt derselb dermassen not

Als mancher man gesehen hat

Das er sich pog in ein groß kruemb

Vnnd wer das gelück geschlagen vmb

Das der selb zinckh zerprochen wer

Tewerdannck wer khomen in groß schwer

Het nichts gewisers gehabt dann den todt

Aber Jm hulff der ewig got

Das Er mit dem ein fuß wider

Hafftet/da Er in setzt nider (…)

Das frawen zÿmer den Held lobt

Fürwittig vor rechtem zorn tobt

Das dem Heldt nichts geschehen was (…)

Theuerdank, Kapitel 20: Die dritte Gemsenjagd


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen: