Gegründet 1947 Dienstag, 19. März 2019, Nr. 66
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 12.01.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Widerstand gegen Indiens Regierung

Breite Streikfront

In mehreren indischen Bundesstaaten zahlreiche Arbeitsniederlegungen und Proteste. Gewerkschaften zählen mehr als 200 Millionen Teilnehmer
Von Aditi Dixit und Silva Lieberherr
RTS29ROH.jpg
Bankangestellte protestieren in Mumbai gegen die Regierung (8.1.2019)

In ganz Indien haben am Dienstag und am Mittwoch Angaben der Gewerkschaften zufolge insgesamt mehr als 200 Millionen Arbeiter, Bauern und Studenten an Protesten und Streiks teilgenommen (siehe jW vom 8.1.). Dennoch haben die indischen Medien kaum darüber berichtet. Für die Gewerkschaften sind die vielen Streikenden aus fast allen Berufen ein großer Erfolg im Kampf gegen die Regierungspolitik.

Fünf Bundesstaaten – Assam, Manipur, Meghalaya, Odisha und Kerala – sowie das Unionsterritorium Puducherry seien fast vollständig zum Stillstand gekommen, erklärte Amarjeet Kaur, Generalsekretärin des Gewerkschaftsbunds All India Trade Union Congress (AITUC), laut indischer Tageszeitung Business Standard (Onlineausgabe) am Dienstag auf einer Pressekonferenz. Die Streikbeteiligung war besonders in Staaten mit ausgebauten Strukturen von linken Parteien oder Bewegungen groß, darunter auch Rajasthan, Chhattisgarh und Bihar. Der Gewerkschafterin zufolge gab es zudem in Maharashtra, Jharkhand und Uttar Pradesh viele Arbeitsniederlegungen. In anderen Staaten war die Beteiligung jedoch schwach. Repressionen habe es nur in Westbengalen gegeben, wie das Onlinenachrichtenportal newsclick.in am Mittwoch berichtete. Dabei wurden demnach 115 Streikende verletzt.

In Großstädten, etwa in Mumbai, hatte der Ausstand vor allem im öffentlichen Verkehr spürbare Folgen. Vielerorts kam dieser zum Erliegen. In den Bundesstaaten mit großem Bergbausektor wie Jharkhand oder Chhattisgarh streikten die Minenarbeiter. In Bihar, einem großen und armen Staat im Norden, nahmen viele Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem informellen Sektor teil. Im zentralindischen Maharashtra forderten viele Regierungsangestellte der Kinderzentren, die es in jedem Dorf gibt, höhere Gehälter.

Am zweiten Tag des landesweiten Ausstandes gab es in der nordindischen Metropole Delhi eine Demonstration. Shakuntala, eine Müllarbeiterin aus der Nähe der Stadt mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, sagte gegenüber ­newsclick.in, sie sei zum Protest gekommen, um ihre »Stimme hörbar zu machen, um Solidarität und Hoffnung zu finden«. Sie sagte weiter, es gebe Tage, an denen sie »alle hungrig zu Bett gehen, weil niemand von uns genug oder pünktlich bezahlt wird«. Die Demonstration in Delhi war dabei nur ein Teil der gesamten Mobilisierung in den vergangenen Tagen. Ebenso wichtig waren auch die vielen dezentralen Streiks und Proteste. Dass es an zahlreichen Orten Aktionen gab, macht es allerdings schwierig, wirklich verlässliche Angaben zur jeweiligen Beteiligung zu finden.

An der Regierungspolitik des rechten Ministerpräsidenten Narendra Modi übten die Wortführer des Protests scharfe Kritik. So sagte Brinda Karat, führendes Mitglied der Kommunistischen Partei Indiens/Marxistisch (CPI/M), laut einem Bericht von newsclick.in vom Mittwoch, dass die regierende hindunationalistische Bharatiya Janata Partei (BJP) »eine Wirtschaft ohne Arbeitsplätze« schaffen wolle, in der »nur die Arbeitgeber Macht gewinnen«. Kavita Krishnan von der Kommunistischen Partei Indiens/Marxistisch-Leninistisch – Befreiung (CPI/ML-L) hinterfragte das Versprechen der Regierung, Arbeitsplätze zu schaffen. »Was ist der Sinn von Arbeit, wenn die Arbeiter nicht einmal ihre Familien ernähren können, sondern nur von Stelle zu Stelle rennen müssen, um zu überleben?« fragte Krishnan.

Die Regierungspartei BJP selbst schweigt zu den Protesten und den Anliegen der Protestierenden, welche ihre konzernfreundliche und menschenfeindliche Politik anklagen. Um die Gemüter zu beruhigen, hat sie statt dessen angekündigt, die
Personalquoten im Staatsdienst für die Armen innerhalb gewisser höherer Kasten anzuheben. Doch dieser zumindest teilweise erfolgreiche Generalstreik und eine Reihe erfolgreicher Demonstrationen im letzten Jahr lassen die Gewerkschaften und die linken Bewegungen und Parteien hoffen, der Regierung im Wahljahr etwas Substantielles entgegensetzen zu können.

Ähnliche:

  • Der Generalstreik am 2. September in Indien war mit bis zu 180 M...
    21.09.2016

    Alle an einem Strang

    Jüngster Generalstreik in Indien schrieb Geschichte und ist Ausdruck einer neuen Aktionseinheit der traditionell zersplitterten Gewerkschaftsbewegung im Land. Viele Forderungen gelten auch für den riesigen »informellen Sektor«
  • 180 Millionen Menschen in Indien treten in den Ausstand und kämp...
    06.09.2016

    180 Millionen im Generalstreik

    Gegen Privatisierungspolitik der indischen Regierung protestieren Angestellte des öffentlichen Dienstes
  • Für einen höheren Mindestlohn und bessere Arbeitsbedingungen: De...
    07.09.2015

    Kampf um Grundrechte

    Protest gegen die Modi-Regierung: Am Generalstreik in Indien haben sich mindestens 150 Millionen Werktätige beteiligt. Sie fordern höhere Mindestlöhne und bessere Arbeitsbedingungen

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit