Aus: Ausgabe vom 11.01.2019, Seite 11 / Feuilleton

Houellebecq war beim Friseur

Proust wäre steil gegangen: »Serotonin« handelt vom Untergang Frankreichs am Geiste Europas

Von Frank Willmann
Buchmesse_Frankfurt_54994991.jpg
Er hat die Haar … naja, schön. Und ein neues Aufregerbuch natürlich auch: Vorzeigefranzfaktotum Michel Houellebecq

Die Botschaft des Jahres kam 2018 aus Frankreich. Michel Houellebecq war beim Friseur und hat geheiratet. Der private Michel ist ein Romantiker. Das beweist aufs schönste seine Tierliebe. Seinem toten Hund Clement widmete er vor ein paar Jahren einen Nachruf in Bild, Film, Zeichnungen, Objekten. Nach Clements Tod hat er sehr viel gelitten und sehr viel ferngesehen. Sendungen wie »Bauer sucht Frau« (französische Ausgabe), wahrscheinlich um sich den durchschnittlichen Geisteszustand seiner Mitfranzosen zu vergegenwärtigen. Bald nach Clements Tod erschien folgerichtig der Roman »Unterwerfung«. Sein nach hinten raus vielleicht etwas zu lässiges Lustspiel über ein Frankreich unter der Knute des Islam. Und nun, so kurz nach seiner dritten Heirat, verwöhnt er uns nun mit einer genialischen Dramödie im gewohnten Houellebecq-Style?

Sein aktueller Held und Erzähler, der 46 Jahre alte Agraringenieur Florent-Claude Labrouste, lebt in unerbittlicher Einsamkeit. Voll Hass und Ekel auf die moderne »Society«, die Politik (besonders die Agrarpolitik, er arbeitete viele Jahre für das Agrarministerium) und sich selbst. Dieser ironische Anti-Titelheld (alter weißer Mann mit Erbe) trennt seinen Müll aus Überzeugung nicht, mag keine »Schwuchteln«, wettert über die EU und verlässt seine japanische Freundin, weil sie sich mit Hunden einlässt. Er liest nicht, schaut aber gern Fußball (im Fernsehen). Er kommt aus der Welt der Leistung, die ihn kurz vorm Fünfzigwerden plötzlich anekelt. Er ist aus dem Hamsterrad ausgestiegen und bereitet sich, auch dank einer Erbschaft, auf seinen Tod vor. »Tatsächlich beginnt mein Verhalten an diesem Punkt, sich mir zu entziehen, fällt es mir schwer, ihm einen Sinn zuzuschreiben, und es beginnt deutlich von einer allgemeinen Moral und im übrigen auch von einer allgemeinen Vernunft abzuweichen, an der ich bis dahin teilzuhaben glaubte.«

Es ist ein verstörendes Buch über ein depressives, menschliches Individuum in der finalen Phase seiner Existenz. Ausführlich geschilderter Sex aus Sicht des Protagonisten findet nur in der Rückschau statt. Es gibt für den Helden keine Hoffnung und keine Zukunft. Er unterliegt der Illusion von Freiheit, dem Gespenst der unbegrenzten Möglichkeiten. Interessant ist Houllebecqs Argument, warum Gott nicht hilft.

Was lesen wir noch? Das Buch ist Trump-frei. Macron kriegt eine Watschen, geht aber als Depp durch. Frau Macron bleibt außen vor. In Hotels werden Rauchmelder zerstört, der Romanheld mag keine »untätigen Schwänze« und »überflüssigen Brüste« alter Leute. Goethe: »grauenvoller Schwafler«, Proust: »wäre auf Rihanna steil gegangen«. Bretthart der Exkurs zur Vernichtung der französischen Bauern durch die EU, Vorsicht, es gibt Tote!

Kind seiner Epoche, hält Houellebecq sein Brennglas schön auf die Geschwüre der Gegenwart und schafft mit großer sprachlicher Kunst ein findiges Zeitbild des mitteleuropäischen Zerbröselns. Wer seine Vorurteile gegenüber Houellebecq bestätigt haben möchte, wird sie im Nihilismus der Hauptfigur finden. Wer genau liest, wird je nach Gemütslage mit dem Haupthelden weinen oder herzlich lachen.

PS: Ich habe mich für beides entschieden.

Michel Houellebecq: Serotonin. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner, DuMont-Verlag, Köln 2019, 330 Seiten, 24 Euro


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton