Aus: Ausgabe vom 10.01.2019, Seite 15 / Medien

Kotau von Netflix

Kritische Satiresendung aus dem Programm in Saudi-Arabien genommen: US-Streamingriese kommt staatlichem Zensurbegehren nach

Von Gerrit Hoekman
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Im Visier Riads: Comedian Hasan Minhaj wird wohl kaum jemals ein Konsulat Saudi-Arabiens betreten

Seit dem vergangenen Oktober ist der US-Komödiant Hasan Minhaj mit einer wöchentlichen Satiresendung »Patriot Act« auf Netflix zu sehen. Bald schon bekam er Ärger mit Saudi-Arabien. Die Regierung in Riad forderte das Streamingportal Anfang des Jahres auf, eine Folge aus dem Angebot für den saudischen Markt zu streichen. Das US-Unternehmen gehorchte umgehend.

Minhaj hatte sich in der Sendung über Kronprinz Mohammed bin Salman lustig gemacht. Zwischen den Witzchen transportierte er allerdings eine ernste politische Botschaft: In Saudi-Arabien herrsche Willkür. Kritiker würden mundtot gemacht oder wie der Regimegegner Dschamal Chaschukdschi (engl.: Khashoggi) brutal ermordet. Der designierte Herrscher des feudalabsolutistischen Staatsgebildes sei auch für den blutigen Krieg im Jemen verantwortlich. »Die USA hassen Terroristen, Saudi-Arabien gibt ihnen Pässe«, so Minhaj zynisch, aber sehr realitätsnah.

Mohammed bin Salman hat im Volk den Beinamen »Abu Rasasa«, was holperig mit »Vater der Gewehrkugel« übersetzt werden kann. Eine Anspielung darauf, dass der König in spe nicht lange fackelt, wenn es gilt, politische Gegner aus dem Weg zu räumen. »Abu Rasasa – das ist der treffendste Gangstername aller Zeiten«, lästerte Minhaj.

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was im Königspalast von Riad los war, als die Herrscherfamilie von der Sendung Wind bekamen. Im eigenen Land verschwinden Kritiker schon für deutlich weniger Widerspruch im Gefängnis. Der saudische Wunsch nach Zensur der Commedyshow sei deshalb nicht verwunderlich, kommentierte die New York Times (NYT) am Montag online: »Der Schock ist die gleichgültige Unterwürfigkeit von Netflix.«

Der Streamingdienst rechtfertigte sich in der Financial Times mit einem Verweis auf die eindeutige Rechtslage in Saudi-Arabien. Dort sei so etwas verboten, das Ansinnen also berechtigt. Selbst wenn das Unternehmen mit den rigorosen Bestimmungen dort nicht übereinstimme. Wer international agiere, müsse Kompromisse machen.

Das Saud-Regime ist für die Unterhaltungsmoguln aus den USA ein höchst interessanter Markt. Nachdem Prinz Mohammed 2018 die ersten Kinos seit 35 Jahren erlaubte, hofierten ihn Disney und Murdoch. »Ungeachtet der Nachrichten über Repressionen im Königreich und der getöteten Zivilisten im Jemen«, merkte die NYT an.

Doch »Abu Rasasa« traut wohl Hollywood und Co. nicht. Damit sich der Erbprinz demnächst nicht mehr über freche Programme aus dem Westen ärgern muss, will er der Konkurrenz mit einem eigenen Streamingportal Kunden abjagen. Dazu soll das bereits vorhandene Online-TV-Angebot der Middle East Broadcasting Center (MBC) ausgebaut werden, wie die Financial Times am Dienstag berichtete.

Die MBC Group hat ihren Sitz zwar in den benachbarten Vereinigten Arabischen Emiraten, gehört aber seit 2018 zu 60 Prozent dem saudischen Staat. Und damit der Herrscherfamilie. Der Rest der Anteile ist in der Hand des Geschäftsmanns Walid Al-Ibrahim, der über zwei seiner Schwestern verwandtschaftlich mit dem Königshaus verbunden ist.

Am Montag gab MBC bekannt, dass der US-Bürger Johannes Larcher die Aufgabe übernimmt, die beiden bereits existierenden Internet-TV-Portale des Unternehmens, Schahid und Schahid Plus, zu einer echten Konkurrenz für die anderen Anbieter, wie den Marktführer in Arabien, Starzplay, oder Netflix zu machen, das nach Angaben der Internetseite Arabian Business auf Platz zwei liegt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Schahid heißt in diesem Fall »Zuschauer«, nicht »Märtyrer«. Im Arabischen werden die beiden Wörter unterschiedlich geschrieben.

Larcher muss nicht bei null beginnen: MBC besitzt bereits die größte Videosammlung an arabischen Filmen und arabischen Serien. Im Herbst kaufte man von Fox Networks ein großes Paket internationaler Produktionen hinzu, wie Arabian Business im November berichtete. Fox ist bekanntlich das bevorzugte Medium von Donald Trump, dem gleichzeitig eine Freundschaft zum saudischen Königshaus nachgesagt wird, der anscheinend auch der Mord an Chaschukdschi nichts anhaben kann.

»Die Zuschauer werden Zugang zu mehreren Tausend Stunden preisgekrönter TV-Dramen und Kinofilmen haben«, zitierte Arabian Business Sanjay Raina, den Vizevorsitzenden von Fox Networks. Hinzu kämen noch »faszinierende Dokumentationen von National Geographic, trendige Lifestyle-Shows und sogar Baby-TV«.

Insgesamt also ein erbauliches Programm, das der Prinzenschar und ihrem Anführer sowie der Monarchie nicht gefährlich werden dürfte. Was die US-Blockbuster und Topserien angeht, die ebenfalls zu dem Paket gehören, werden die Zensoren in Riad sicher darauf achten, dass nichts Anstößiges im Angebot ist.

Am Ende entscheiden die Zuschauer im Mittleren Osten, ob der saudische Angriff auf Netflix und Co. gelingt. Es bestehen berechtigte Zweifel, zumal neuerdings auch Amazon auf dem schnell wachsenden Streamingmarkt der Region mitmischt.


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