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Aus: Ausgabe vom 15.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Zeitgeschichte

Als Hitler nicht nach Wien kam

Größter Einfluss, höchste Bedrängnis: Ein umfangreicher Bildband erschließt die Geschichte der KPÖ
Von Simon Loidl
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Massen für den Widerstand: Das rote Wien in antifaschistischer Aktion (Engelmann-Arena, 4.9.1932)

Anfang November hat die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) ihren 100. Geburtstag gefeiert. Die Partei existiert damit länger als die österreichische Republik. Als deren Geburtstag gilt der 12. November. Tags zuvor hatte der letzte Habsburger-Kaiser Karl I. auf jegliche Teilhabe an den Staatsgeschäften verzichtet, am 12. rief eine Ende Oktober einberufene Provisorische Staatsversammlung die Republik aus. Die Kommunistische Partei Deutsch-Österreichs – so der Name der Organisation bis 1920 – war da bereits neun Tage alt.

Anlässlich dieses Jubiläums wurde am 3. November 2018 bei der Hundertjahrfeier der Partei ein umfangreicher Bildband veröffentlicht. Die aufwendige Publikation illustriert ein Jahrhundert österreichischen Kommunismus in etwa 2.300 Bildern. Damit wird »nicht nur ein wissenschaftlicher, sondern auch ein emotionaler Zugang zur Geschichte der KPÖ eröffnet und ein Beitrag zur Erinnerungskultur der Partei geleistet«, wie der Herausgeber Manfred Mugrauer in der Einleitung schreibt. In der Tat verleitet der Band dazu, sich in den Parteiaktivitäten zu verlieren, wie es auch eine noch so lebendige Beschreibung dieser Geschichte wohl nicht vermöchte. Ein großer Teil der Fotos und Reproduktionen wird einem breiten Publikum erstmals zugänglich gemacht. Neben Aufnahmen aus dem Parteiarchiv und anderen Einrichtungen wie dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes wurden Reproduktionen von Büchern, Broschüren, Zeitungen, Abzeichen, Plakaten oder Parteiausweisen aufgenommen. Einige Archivalien fanden erst im Laufe der Vorbereitungen des Bandes ihren Weg aus Privatsammlungen in die Hände des Historikers Mugrauer und wären andernfalls möglicherweise nie an die Öffentlichkeit gelangt.

Die Abbildungen sind in eine knappe, aber informative Darstellung der Eckpunkte der KPÖ-Geschichte eingebettet, welche die Autoren Michael Graber und Mugrauer auf der Höhe des aktuellen Forschungsstandes verfasst haben. Den größten Einfluss hatte die KPÖ ausgerechnet in der Ära ihrer größten Bedrängnis. Im Mai 1933 wurde die Partei von der austrofaschistischen Dollfuß-Regierung verboten. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits viele Übertritte von Mitgliedern der sozialdemokratischen Partei, denen bewusst wurde, dass diese den Kampf gegen die faschistische Gefahr nicht konsequent genug führte. Die KPÖ hingegen hatte schon früh Massen für den Widerstand mobilisiert. Die Bilder von der Veranstaltung der Antifaschistischen Aktion in der Wiener Engelmann-Arena im September 1932 zählen zu den beeindruckendsten im ersten Teil des Buches. 10.000 Menschen nahmen an dieser Protestveranstaltung gegen einen von österreichischen Nazis ausgerufenen »Hitler-Tag« teil und verhinderten damit sogar einen geplanten Wien-Besuch Hitlers. Die Rolle der KPÖ im Kampf gegen die Nazis ist bekannt: Mehr als 2.000 Mitglieder der illegalen Partei bezahlten den Widerstand mit ihrem Leben. Auch im Exil wirkten österreichische Kommunisten: Zahlreiche Reproduktionen von Zeitungstiteln, Veranstaltungsflugblättern und Publikationen führen dies eindrucksvoll vor Augen.

In den Nachkriegsjahrzehnten nahm der Einfluss der zunächst in der Regierung vertretenen KPÖ auf bundespolitischer Ebene kontinuierlich ab. Gleichzeitig waren Mitglieder und Funktionäre in Betrieben und auf kommunaler Ebene verankert und in außerparlamentarischen Bewegungen aktiv. Auch im Sport und in der Kultur setzte die Partei über Jahrzehnte eigene Akzente. Fotos von Kulturveranstaltungen, Reproduktionen von Covers der in parteieigenen Verlagen publizierten Bücher oder Bilder von dem seit 1946 alljährlich veranstalteten Volksstimmefest verdeutlichen dies.

In den 1950er und 1960er Jahren erfuhr die KPÖ nicht nur größte Anfeindungen von außen, sondern durchlebte aufgrund unterschiedlicher Einschätzungen etwa des »Prager Frühlings« ihre bis dahin größte Zerreißprobe. Doch auch in diesen Jahren blieb sie zu Aktivitäten fähig, die weit über ihre eigenen Kreise ausstrahlten. Bildgewaltiger Höhepunkt dieser Zeit waren die 1959 in Wien ausgerichteten Weltfestspiele der Jugend und Studenten. Die Jugendorganisationen der Partei spielten in den folgenden Jahrzehnten immer wieder eine bedeutsame Rolle – zahlreiche Fotos von Studierendenprotesten und öffentlichen Aktionen von Kommunistischer Jugend (KJÖ) und des Studierendenverbandes (KSV) zeugen davon. Auch hier verdeutlicht der Bildband, dass das Erscheinungsbild der KPÖ und die vielfältigen Aktivitäten im Umfeld der Partei im Verlauf der Jahrzehnte von unzähligen Menschen geprägt wurden – und nicht nur von den zum jeweiligen Zeitpunkt im Vordergrund stehenden Funktionären.

Manfred Mugrauer (Hg.): Partei in Bewegung. 100 Jahre KPÖ in Bildern. Globus-Verlag, Wien 2018, 448 Seiten, 39,90 Euro

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