Aus: Ausgabe vom 09.01.2019, Seite 10 / Feuilleton

Seien wir ehrlich

Was Karl und Rosa uns heute sagen würden

Von Hagen Bonn
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Und was glaubt ihr, wo wir gerade sind? (Wasserwerfer in Santiago de Chile, 1. Mai 2018)

Liebe Genossen, nur mal so unter uns: Wir haben ein kleines Problem mit unserem Sozialismus. Und das selbstverständlich, weil wir ständig unsere Gegner unterschätzen. Der letzte Wilhelm zum Beispiel verfügte im Jahre 1900 in seiner sogenannten Hunnenrede: »Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen!« Tja, manch Sozialdemokrat salutierte mit diesem Spruch vor den Freikorps und schlug der Revolution den Kopf ab. In unserer Generation ist das nicht anders. Einmal nicht aufgepasst, zack – alles vermasselt: Eben hatte man noch einen Arbeiterstaat, und plumps ist er weg.

Die bürgerliche Gesellschaft lag mit all ihren Phänomenen viele Jahre auf dem Seziertisch von Marx, Lenin usw., alles wurde katalogisiert, untersucht und beschrieben. Dann fiel der Sozialismus 1945 in Deutschland vom Himmel wie sibirischer Schnee. Haben wir es da geschafft, die Menschen zu ermächtigen; sie aufgefordert, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen? Anders: War unsere Partei in der Masse, oder waren nur Massen in der Partei? Nun ja, wir haben es vermasselt.

Wenn wir Geschichte vor allem ökonomisch sehen und die Ökonomie vor allem politisch, wie kann es da sein, dass unsere Bewegung, nun sagen wir es weniger dramatisch: nicht sehr beweglich ist. Manche meinen gar, wir ruhten. Robin Hood würde glatt behaupten, wir schliefen tief und fest! In dem Wort Arbeiterbewegung steckt doch das Wort Bewegung, aber wenn wir uns umgucken, bemerken wir, dass jeder Wetterhahn in der Eifel mehr Enthusiasmus zeigt. Seien wir ehrlich, mit großer Wahrscheinlichkeit geht die Welt demnächst unter. Und was tun wir dagegen? Winterschlaf halten?!

Unser Job wäre es, zu erforschen und zu verallgemeinern: a) In welcher Fieberkurve befindet sich der faulende, schmarotzende Weltkapitalismus unserer Tage? b) Welche Schlussfolgerungen ziehen wir aus seinen letzten komatösen Zuckungen in bezug auf unsere tägliche politische Arbeit, sprich: unsere historische Mission?

Ich habe bisher den Begriff »Arbeiterklasse« vermieden. Warum? Weil diese gar nicht mehr weiß, dass sie existiert! Die kauft ständig Handys und guckt nach dem Wetter. Aber eine Klasse wird erst zur Klasse, wenn sie kämpft, sich also formiert hat. Und nun? Die Arbeiterklasse ist tot, hatte aber noch keine Gelegenheit umzufallen. Ist also scheintot. Da kann man vielleicht noch etwas wagen! Nur was?!

Das Weltkapital jedenfalls ist top in Form und hat gut funktionierende Agenturen: NATO, EU, Fußballbundesliga, Föderalismus, IKEA und all die bürgerlichen Regierungen – weltweit. Und wir? Was haben wir? Im Moment so gut wie nichts. Unsere Vergangenheit natürlich: Wir haben Glorie und Genies hervorgebracht, wir haben einen Weltkrieg gewonnen! Früher hatten wir noch eine Zukunft – und jetzt?

Theorie und Praxis, sagen wir stolz, könne man nicht trennen: Wenn also unsere Praxis durch Abwesenheit glänzt, kann es doch mit unserer Theorie nicht weit her sein. Wir nennen sie immer noch Marxismus, aber das ist lachhaft, denn es gibt derzeit mindestens ein Dutzend Marxismen; jeder nicht größer als ein Gartenzwerg. Seit wann gibt es denn bitte so was in der Wissenschaft? Da ist eins und eins zwei; wer auf drei kommt, ist raus! Weil es nur eine Realität gibt, eine Praxis! Und die sorgt dafür, dass die Brücke einstürzt, wenn man mit der Drei hantiert. Was wurde denn aus den Marxismen neben und gegen Lenin im Zuge der Oktoberrevolution? Genau, die flogen raus aus der Geschichte! Und was glaubt ihr, wo wir gerade sind?

Quicklebendig treibt uns das Weltkapital vor sich her wie die römischen Legionen die Gallier. Die Römer lassen nicht locker und haben uns nicht zu fürchten: Wir quengeln hier und da ein wenig im Parlament, oder wir quengeln da und dort, weil wir nicht in demselben sind. Aktuell quengeln wir über Leute, die gelbe Leibchen tragen oder aufstehen wollen. Keiner weiß, in welchem Bett die gerade lagen. Aber die haben wenigstens den Wecker gehört!

Egal, machen wir weiter wie bisher. Warten wir auf den nächsten Krieg, auf den Zusammenbruch der Finanzmärkte, die Klimakatastrophe, die Aliens. Und darauf, dass die Arbeiterklasse mal vom Handy aufschaut und anfängt, uns wahrzunehmen. Nur müssten wir dafür wohl fitter sein. Seht euch an, wie kess die bürgerlichen Parteien sich um die Pfründe klopfen! Die können sich das leisten, denn die kommunizieren mit ihrer Klasse. Und wechseln die ständig ihre Führer aus, wenn’s holpert. Das sollten wir auch mal versuchen. Denn die Krise der ­Arbeiterbewegung ist wohl vor allem eine Krise ihrer proletarischen Führung.


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