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Aus: Ausgabe vom 08.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Politische Theorie

Der Brennpunkt aller Fragen

Was nützt der Klasse? Der rechte Philosoph Hugo Fischer skizzierte noch 1933 Lenins Genie. Seine Studie lehrt Wichtiges
Von Detlef Kannapin
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Und wenn du glaubst, es geht nicht mehr, nimm einfach deinen Iljitsch her. Lenin-Lektüre schützt vor politischem Irrsinn – selbst Hugo Fischer (zeitweise)

Für einen klaren Kopf im jetzigen Stadium des Klassenkampfes ist die Position zu Lenin der unbestechliche Gradmesser. Wie kaum ein anderer der klassischen Politiker der Neuzeit wird er von den herrschenden Klassen als Ausgeburt des Bösen schlechthin dargestellt. Auch der umgekehrte Beweis gilt: Bei allen aktuellen Konflikten, auf deren Seiten es im Spätimperialismus keine »Guten« mehr gibt (Russland–Ukraine, USA–EU, Israel–Palästina usf.), entscheidet für eine realistische Analyse allein der Fakt, welche Stellung das internationale Proletariat (im Sinne der Lohnabhängigen aller Länder) dazu einnimmt bzw. welche Konstellation ihm am meisten nützt. Der revolutionäre Realismus Lenins ist mittlerweile einer der wenigen echten geistigen Anker, um im Zeitalter der allgemeinen Krise des Kapitalismus nicht vollends den Verstand zu verlieren.

Eine Bestätigung dessen ex post ist die Studie »Lenin. Der Machiavell des Ostens« von Hugo Fischer (1897–1975) aus dem Jahre 1933, sicher gegen die Intentionen ihres Autors. Fischer, politisch dem nationalistischen Zirkel um Ernst Jünger und Ernst Niekisch zuzuordnen, ließ das bereits fertig gesetzte Manuskript im Frühjahr 1933 selbst einstampfen und verwendete Teile davon in seiner 1962 erschienenen, aber deutlich schwächeren politischen Philosophie »Wer soll der Herr der Erde sein?« Man kann nur dankbar sein, dass nunmehr das Originalmanuskript vorliegt und uns wesentliche Einsichten auch für die Politik der Gegenwart vermittelt. Das liegt natürlich in erster Linie an Fischers Interpretationsgegenstand, sein Buch ist besonders gewinnbringend, wo er Lenin ausführlich zitiert und in den Kontext der historischen Bedingungen einordnet. Unausgesprochene Grundlage dafür bleibt die Erkenntnis, dass der Leninismus der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution ist.

Darauf aufbauend, erhellen folgende Punkte die Bedeutung Lenins für die praktische Politik, nicht nur bereits zum Zeitpunkt der Niederschrift, sondern in seinen methodischen Grundzügen auch für heute: Erstens entwickelte sich aus den Widersprüchen der imperialistischen Großmächte gesetzmäßig der Globalkonflikt, der zum Ersten Weltkrieg und entscheidend zur erfolgreichen Oktoberrevolution von 1917 führte (heute: ein destruktives Bürgerkriegsszenario mit dem dauerhaften Nebeneinander von Friedens- und Kriegszonen). Zweitens war und ist der formaldemokratische Parlamentarismus nicht in der Lage, die existentiellen ökonomischen, politischen und kulturellen Probleme des kapitalistischen Systems zu lösen, obwohl er idealer Ausdruck seiner krisenhaften und damit degenerierten Herrschaftsweise ist (heute: Unfähigkeit zur Abwendung der ökologischen Gefahren). Drittens entsteht ohne revolutionäres Subjekt und ohne positives gesellschaftliches Ziel eine gesamtgesellschaftliche Apathie, die mit einem geistigen und politischen Verfall des Gemeinwesens einhergeht und unter Umständen Jahrzehnte andauern kann (heute: systematische Wissens- und Kulturvernichtung).

Der Hauptgegenstand der Leninschen Theorie und Praxis ist der moderne imperialistische Staat, der schrittweise in seine sozialistische Organisationsform zu überführen ist. Aufgrund der sich rasant ändernden Kräfteverhältnisse zwischen 1917 und 1923 musste Lenin seine Konzepte ständig überprüfen und den neuen Gegebenheiten anpassen. Aber das Grundanliegen, eine neue sozialistische Gesellschaft aufzubauen, verlor er nie aus den Augen – sei es, wenn mitten im Bürgerkrieg über die Zukunft der Bildung nachgedacht wurde, sei es, als es galt, das Genossenschaftswesen mit der Aufrechterhaltung des staatlichen Außenhandelsmonopols zu verbinden. Daher war für Lenin, das hat Fischer richtig gesehen, die Staatsfrage der »Brennpunkt aller politischen Fragen«. Lenins Einsicht ist bis heute aktuell. Um zur Lösung der Menschheitsfragen vom Analphabetismus bis zur Zylinderkopfdichtung vorzudringen, bedarf es der umfassenden Staatlichkeit bis in alle Poren des gesellschaftlichen Lebens hinein, bis es keinen oberflächlich feststellbaren Staat mehr gibt, weil er eine Selbstverständlichkeit geworden ist. Fischer nannte dies in seinem Buch die Tendenz zum »universalen Planstaat«, der sicherlich nicht jede private Mucke vorherbestimmen soll, in wichtigen gemeinschaftlichen Dingen aber einzugreifen hat, damit vernunftgemäße Entscheidungen getroffen werden können. Und so sah Fischer auch: »Eine Trennung von Herrschaft und Verwaltung gibt es im modernen Russland nicht, weil es keine Trennung zwischen Gesellschaft und Staat gibt.« Diese eminent wichtige Beobachtung bildet die entscheidende Voraussetzung für die Realisation eines sozialistischen Projektes überhaupt, denn sobald Gesellschaft und Staat gegeneinanderstehen oder aus klassenpolitischen Interessen gegeneinander ausgespielt werden, entstehen soziale Widersprüche, die leicht wieder in antagonistische zurückfallen können (wie 1989/90 leidvoll erfahren wurde).

In Fischers Schlussstück über die Kommunistische Partei findet sich neben ihrer Bedeutung als Antizipationsinstanz der Zukunft ohne Klassengesellschaft (vgl. heute China) auch noch die Einschätzung Lenins, dass der politische Kampf viel weiter reicht als bis zur Aufhebung der Entfremdung von der Arbeit, nämlich mindestens bis zur Befreiung vom Imperialismus und zur Hebung des allgemeinen Kulturniveaus. Für diese Aufgaben ist eine parteiliche Politik ebenso essentiell wie eine fest organisierte politische Partei. Aus diesem Grund liegen auch all jene Denker und Zeitgenossen falsch, die wahlweise den Leninismus von Lenin abtrennen (Michael Brie) oder Lenin gar an der Seite der polnischen Solidarnosc-Bewegung wiedergesehen haben wollen (Alain Badiou, Slavoj Zizek).

Für Fischer selbst spielte das keine Rolle mehr. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil 1956 verschrieb er sich einer wenig überzeugenden theologischen Kritik der Zivilisation und endete als Obskurant der Antipolitik. Die Lenin-Studie von 1933 ist sein einziges bedeutendes Werk.

Hugo Fischer: Lenin. Der Machiavell des Ostens (1933), hrsg. von Steffen Dietzsch und Manfred Lauermann, Matthes & Seitz, Berlin 2017, 328 Seiten, 30 Euro

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