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Aus: Ausgabe vom 07.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Faschisierung

Akademische Wegbereiter

»Warum sind sie wieder da?« Christoph Vandreier versucht eine Antwort auf die Frage, wie es zum deutschen Rechtsruck kam
Von Christiane Hoffmann
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Ja, warum eigentlich? Pegida-Aufmarsch in Chemnitz, 1. September 2018

Der Wermutstropfen vorweg: Beim Versuch, Kausalitäten und Chronologie des Aufstiegs der neuen Rechten nachzuvollziehen, nimmt Christoph Vandreier den Standpunkt seiner vergleichsweise unbekannten Kleinpartei ein, der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP). Das macht die Lektüre von »Warum sind sie wieder da?« nicht leichter, weil derzeit keine Organisation die notwendige Avantgarde – bei Vandreier soll das die von Trotzkisten 1938 in Paris gegründete Vierte Internationale sein – mit dem dafür notwendigen Nettogewicht in die Waagschale werfen könnte.

Kann der Leser von der parteipolitischen Zuspitzung abstrahieren, bleibt ein Sachbuch, das eine präzise Analyse des deutschen Imperialismus der Gegenwart und dessen mutmaßlicher Protagonisten anbietet. Mit kriminologischer Präzision und erzählerischem Tempo, das auch für einen dystopischen Roman getaugt hätte, macht Vandreier das Urstromtal der Rechtsentwicklungen der BRD in den oberen Etagen der Universitäten aus. Und dort insbesondere in der Geschichtswissenschaft.

»Hatte sich 1933 die Verschwörung der herrschenden Eliten auf eine bestehende faschistische Bewegung gestützt, ist es heute umgekehrt. Das Anwachsen der AfD ist das Ergebnis einer solchen Verschwörung.« Denn die »Alternative für Deutschland« werde aus Sicht der anderen Parteien und des Kapitals gebraucht, um das imperialistische Programm der BRD national und an der Seite Frankreichs auf EU-Ebene durchzusetzen.

Um nationalistische Potentiale mobilisieren zu können, habe zunächst der antifaschistische Konsens in der deutschen Geschichtsschreibung durchbrochen werden müssen. Beginnend mit der schleichenden Demontage der vergleichsweise fortschrittlichen Arbeit des führenden Historikers Fritz Fischer Anfang der 1960er Jahre vollzieht Vandreier die lange Linie von Rückschritten nach, die in der Ernte vergifteter Früchte in den letzten Jahren kulminiere. So stellt Vandreier den Historikerstreit in den 1980er Jahren mit dem Nebeneffekt des Aufkommens von Neonazibanden in Potsdam in den letzten Jahren der DDR, die Schließung der Wehrmachtsausstellung in Hamburg 1998 und heute schließlich die beschlossene Verdoppelung des Wehretats in eine historische Entwicklung.

Die Aufbruchstimmung der Geschichtsschreibung bestätigte sogar der Geschichtsprofessor Gerd Krumeich aus der als konservativ geltenden Mommsen-Schule bereits 2014 verblüfft in einer Diskussion über den Ersten Weltkrieg: »Das waren immer gegnerische Positionen. Aber auf die alten Tage will ich nochmal zum Fischerianer werden, wenn ich sehe, was hier los ist, wie Deutschland herausgenommen worden ist aus der Verantwortung inzwischen.« Freilich nicht ohne die damit angeblich verbundene »Frischluft« in den Akademien zu loben.

An einer akademischen Figur arbeitet sich Vandreier besonders und beispielhaft ab: dem etablierten Professor für osteuropäische Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität, Jörg Baberowski, der als Gewaltforscher kaum untersuche, aus welchen materiellen Bedingungen Gewalt entstünde, sondern angesichts von sozialen Verwerfungen die polizei-, überwachungsstaatliche und militärische Aufrüstung fordere. Die Übernahme von Argumentationsmustern postmoderner Theoretiker habe ihm die Arbeit als einer der Wegbereiter neuer Faschisierungstendenzen in der BRD erleichtert. Baberowski indes legt Wert auf seine zivilisatorischen Fundamente (vgl. jW vom 23.9.2015).

»Die Rückkehr von Diktatur und Krieg«, die Vandreier ausmacht, »ist das Ergebnis grundlegender Tendenzen der kapitalistischen Gesellschaft und nicht einfach des subjektiven Willens einiger Neonazis und ultrarechter Individuen.« Seit dem Ende der DDR sei mit zunehmender Unterstützung nahezu aller Parteien und großer Medienbetriebe der Rechtsruck eingeleitet worden – vom Spiegel bis zum Neuen Deutschland, von den Grünen bis zur Union. Vandreier beklagt also einen Mangel an Wissenschaftlichkeit, wenn er Protagonisten der BRD-Universitäten als »Rechtsex­tremisten« inkriminiert.

Doch wer kann noch dagegenhalten, wenn Vandreier die frühen Einfallstore rechten Denkens auch bei linksliberalen Honoratioren wie Jürgen Habermas und bei postmodernen Theoretikern aufspürt – und in deren Gefolge schließlich nicht nur die Köpfe der Linkspartei vor den Karren kapitalistischer Interessen gespannt sieht, sondern auch deren pazifistische Unterorganisationen? Schließlich fordert er doch, die Lehren aus der Unfähigkeit zur Kooperation von KPD und SPD vor 1933 zu ziehen.

Was man Vandreier bei dieser Arbeitsweise – er schreibt davon, neue Nürnberger Prozesse verhindern zu wollen, bevor diese wieder nötig würden – nicht abverlangen kann, ist, Reste von realpolitischer Sympathie unter gegenwärtigen Umständen aufzubringen – oder eine Diktion zu entwickeln, mit der das Notwendige wirklich einmal gelingen könnte. Man will fast mit dem besseren Teil postmoderner Denker anmerken: Dazu braucht es mehr als eine Wahrheit.

Christoph Vandreier: Warum sind sie wieder da? Geschichtsfälschung, politische Verschwörung und die Wiederkehr des Faschismus in Deutschland, Mehring-Verlag, Essen 2018, 185 Seiten, 12,90 Euro

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