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Aus: Ausgabe vom 07.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Aus der Zeit gekippt

Über die arme, kranke, schöne Seele der Revolution: Eberhard Rathgebs Roman »Karl oder der letzte Kommunist«
Von Werner Jung
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»Aufrechte Haltung«: Proteste gegen die Notstandsgesetze am 11. Mai 1968 in Bonn

Das Leben ist eine Versuchsstrecke, so hat sich der in diesem Jahr verstorbene Kölner Schriftsteller Dieter Wellershoff häufiger ausgedrückt, und der literarische Prosatext eine pointierte Modellierung davon. Auch Eberhard Rathgebs neuer Roman »Karl oder der letzte Kommunist« lässt sich als eine Art Versuchsanordnung lesen. Darin geht es – nomen est omen – um die Biographie des letzten deutschen Kommunisten Karl. Geboren im Faschismus, sechs Jahre jünger als Wolf Biermann (also 1942), auf den, wie auch auf andere Künstler und Intellektuelle (Arendt, Enzensberger oder Frisch), versteckt angespielt wird, stirbt Karl »nach langer schwerer Krankheit« 66jährig. Sein Tod ist Anfang und Ende einer Entwicklungsgeschichte, in der es vordergründig um die Behauptung der richtigen Weltanschauung und einer aufrechten Haltung bzw. des »aufrechten Gangs« (E. Bloch) geht.

Karl verkörpert den Typus des (west-)deutschen linken Intellektuellen, der in die Zeit der Studentenbewegungen sozialisiert wird und der als unruhig wacher Geist beschrieben wird. Das Studium genügt ihm nicht, schon gar nicht das Einbiegen in die Spur bürgerlicher Behaglichkeit. So wird er denn zum prominenten Redner und Referenten. Jedenfalls so lange, wie politische Impulse von unten und von der Straße ausgehen. Deshalb wird er auch – so der zweite Strang von Rathgebs Erzählung – von den Geheimdiensten überwacht, deren Personal mit Karl gemeinsam altert und schließlich ernüchtert feststellen muss, dass von diesem keine wirkliche Gefahr mehr ausgeht. Denn die Zeit der Revolutionen ist vorbei. Bisweilen dämmert das auch Karl. Er dringt zu Einsichten vor, dass es eine Diskrepanz zwischen der Bewegung – etwa den revoltierenden Studenten – und den tatsächlichen Produktionsverhältnissen gibt. »Aber keine einzige Fabrik im Land steht still, in keinem Dienstleistungsbereich wird die Arbeit aus Solidarität mit dem Protest niedergelegt. Am Bahnhof und am Flughafen funktionieren Abfahrt und Ankunft der Reisenden nach Plan.« Stellen wie diese finden sich etliche in dem Roman, der die Lebensgeschichte einer armen, kranken, schönen Seele der Revolution erzählt – und zwar mit einer ganz eigentümlichen, diese Figur als Typus einer Generation beschreibenden Sprache, die zwischen Auktorialität und erlebter Rede wechselt.

Man sollte sich allerdings tunlichst davor hüten, Rathgebs Roman als schlichten Abgesang auf linke Hoffnungen und Erwartungen misszuverstehen. Vielmehr geht es um die Eigentümlichkeiten eines Subjekts, das möglicherweise besser selbst Schriftsteller geworden wäre: »Wäre Karl ein Schriftsteller gewesen, hätte er sein Leben in den Wörtern verbringen können und nicht aus den Wörtern ein Leben machen wollen.« Aber so, lautet die traurige Lebensbilanz des letzten Kommunisten, »kippte (Karl) aus der Zeit und merkte es nicht.«

Eberhard Rathgeb: Karl oder der letzte Kommunist. Hanser-Verlag, München 2018, 272 Seiten, 23 Euro

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