Gegründet 1947 Sa. / So., 23. / 24. März 2019, Nr. 70
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Aus: Ausgabe vom 05.01.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Wert der Unwahrheit

Bla, bla, bla, Relotius. Was die Reportage kann, und wie leicht man zum Fälscher wird. Eine kleine Erinnerung
Von Egon Erwin Kisch
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Debüt beim Mühlenfeuer

Auf der Börse (Treffpunkt der Prager Journalisten, jW) war man unzufrieden, weil meine Zeitung als Nachfolger des Herrn Melzer, der mit den rangältesten Polizeibeamten die Schulbank gedrückt hatte, einen so jungen Hund wie mich entsandte. In der Redaktion war ich nur ein Reporter. (…)

Mein neuer Beruf schien mir kinderleicht zu sein. Ich hatte auf der Polizei und auf unserer Börse Nachrichten zu holen und sie zu stilisieren, je mehr ich sie durch plaudernde Wendungen ausschmückte, desto mehr hatten sie Anspruch, als Schmucknotizen gewertet zu werden, die man zwar Schmocknotizen nannte, aber immerhin – wie man gesehen hat – eher einen anerkennenden Nachdruck fanden als ein simpel berichtetes Faktum.

So machte ich meine Arbeit bis zu der Nacht, in der ich mich zum erstenmal an einem Schauplatz erproben sollte. Die Schittkauer Mühlen standen in Flammen. Ich rannte hin. Das Feuer war im Begriff, den ganzen Komplex der Mühlen, ein Wahrzeichen der Stadt seit urdenklichen Zeiten, in Schutt und Asche zu verwandeln. Und was weit schlimmer war, die anderen Reporter waren schon da und mitten in der eifrigsten Arbeit.

Auf einem Hydrantenwagen unter einer Laterne, alles überblickend und allen sichtbar, saß Papa Vejvara. Er schrieb und schrieb. Polizei- und Feuerwehrbeamte liefen auf ihn zu, gaben ihm Informationen und eilten wieder davon. Von Zeit zu Zeit erschienen Boten seiner Redaktion auf Fahrrädern. Papa Vejvara reichte ihnen Manuskriptblätter und schrieb weiter.

Ich aber, ich wusste nichts zu schreiben. Keine Zeile verstand ich von dieser Wagenburg der Dampfspritzen, von diesem Kreuzfeuer aus Wasserstrahlen, von diesem Manövrieren der Feuerwehr. Ich drängte mich durch den Kordon, es dauerte eine halbe Stunde, bevor ich den ganzen Bezirk der brennenden Mühlen abgegangen hatte, um irgendwie irgendwo irgend etwas zu eruieren. Kein Wort eruierte ich.

Mir blieb nichts übrig, als, ein demütiger Bittsteller, mich den Stufen des bronzenen Thrones zu nahen, auf dem Papa Vejvara waltete. Er neigte sich zu mir herab, ich reckte mich hoch, spitzte Zehen und Ohren, um keinen Ton von der Sensation zu verlieren, die er mir anvertrauen wollte. Aber was er mir zuflüsterte, war dieses: »Es brennt.«

Meine Verzweiflung zwang mich, den Hohn zu überhören. Ich bat ihn, mir doch ein paar Details zu geben. Er wies auf die Flammen: sähe ich da nicht Details genug?

Nein, ich sah keine Details. Ich sah nur die Flammen, die beschäftigte Feuerwehr und meine noch beschäftigteren Kollegen. Wie ein Spritzenschlauch schlängelte sich der bleiche Schnüffeles zwischen den Löschapparaten und Wasserstrahlen, überall war er gleichzeitig. Er maß mich mit Siegermiene. »Nun, Sie Schönschwätzer, zeigen Sie jetzt, was Sie können.«

(…)

Entschlossen arbeitete ich mich zum Feuerwehrkommandanten durch. Aber als ich vor ihm stand, fiel mir ein: ich weiß nicht einmal, was ich ihn fragen soll. Schöner Reporter, der nicht einmal weiß, was er fragen soll.

Ich fragte nach der Ursache des Feuers.

»Noch nichts festgestellt.«

So wie bei mir. Nichts hatte ich festgestellt, leer war mein Notizblock. Tränen vermochten meine Beschämung nicht zu löschen. Selbst wenn Dampfspritzen in meinen Augen aufgefahren wären, hätten sie nicht vermocht, meine Beschämung zu löschen. Nie, nie hätte ich mir eine derartige Unfähigkeit zugemutet. Schluss mit meinem Versuch, das Mühlenfeuer zu beschreiben! Schluss mit der Reportage!

Erhaben, auf strahlendem, bronzenem Siegeswagen, umgeben von behelmten Mannen, fährt der Berufene in die Ruhmeshalle der Journalistik ein … und unten schleicht geduckt und gedemütigt einer davon, der vieles unternehmen wollte und nichts gekonnt.

Durch die Masse der Neugierigen, finstere, nächtliche Gestalten, zwängte ich mich immer weiter nach hinten. Nur weg von hier!

(…)

»Gott sei Dank, dass Sie endlich kommen«, empfing mich der Nachtredakteur schon auf dem Treppenflur, »ich habe Ihnen anderthalb Spalten reserviert. Schreiben Sie schnell, damit wir recht viel davon noch in die Postauflage bekommen!« Und so rasch, wie es ihm seine siebzig Jahre erlaubten, humpelte er in den Setzersaal.

Anderthalb Spalten – das waren hundertfünfzig Zeilen! Ich hatte nicht einmal eine. Oder doch, eine hatte ich: den Titel. »Brand der Schittkauer Mühlen.« Der stand fest. Unter ihm klaffte leere Öde ... hundertfünfzig Zeilen tief.

Da gab’s keine Wahl, ich musste mich hinablassen in die öde Leere. Ich schrieb … schrieb von den Flammen und wieder von den Flammen … ich ließ sie lodern, leuchten, züngeln, prasseln, aufflackern … das Gebälk ließ ich knistern, krachen, bersten … die Mehlsäcke ließ ich glimmen und platzen und qualmen und dampfen und rauchen … die Wasserstrahlen ließ ich stechen wie Dolche und niedersausen wie Säbelhiebe … und all das zusammen, all das zusammen ergab erst zwanzig Zeilen.

Der Metteur en page riss sie mir aus der Hand. »Schnell, schnell das Weitere«, schärfte er mir ein und war verschwunden.

Das Weitere! Das Weitere gab’s nicht, obwohl noch hundertdreißig Zeilen dafür freigehalten waren, der Metteur, der Setzer, der Nachtredakteur auf sie warteten.

Ich lutschte an meinem Bleistift. Entlutschte ihm, dass das Städtische Nachtasyl in der Nähe der Schittkauer Mühlen lag. Mein Bleistift trieb eine Gruppe von Obdachlosen zum Brandplatz. Mein Bleistift sah, wie sie fasziniert sich gegen den Feuerherd vorschoben, mein Bleistift half ihnen, sich dem Kordon der Polizisten zu nähern, denen sie sonst eilig und in weitem Bogen auszuweichen pflegen. Die Polizei, von dichtem Dunkel umgeben, sah nicht, was mein Bleistift sah, sah nicht, welcher Art die sich heranwälzende Menge war. Nur wenn eine Feuergarbe ihr grelles Licht anstatt zum Himmel aufwärts seitlich warf, wurden die Gestalten sichtbar, die der Unterwelt entstiegen schienen, aber in Wirklichkeit meinem Bleistift entstiegen: Landstreicher mit gegerbten Gesichtern, wirren Bärten, struppigen Haaren und starr auf das Feuertheater gerichteten Augen.

Mein Bleistift – weit stärker beobachtend als sein Herr – beobachtete in einem solchen Moment flammender Beleuchtung, wie ein Polizist und ein vierschrötiger Riese einander gegenüberstanden. Wahrscheinlich kennt der Polizist den Mann, vielleicht ist es ein Gewalttäter, der ihm bei der Verhaftung Widerstand geleistet hat und entkommen war. Oder vielleicht war der Gewalttäter nicht entkommen und hat dem Polizisten Rache geschworen, der jetzt in seiner Reichweite steht. Gleich wird der Flammenkegel wieder dem Dunkel Platz machen, einem undurchdringlichen Dunkel gefährlicher Gelegenheit. Solcherlei schrieb und beschrieb mein Bleistift, bis ihn die hundertfünfzigste Zeile stoppte.

Sonst pflegte ich, wenn ich eine größere Notiz geschrieben hatte, in die Setzerei hinüberzugehen, um dort angeblich den Bürstenabzug zu korrigieren, eigentlich aber, um von den Setzern ein Urteil über mein Produkt zu hören. Diesmal verließ ich die Redaktion ohne das. Nichts wollte ich wissen, am meisten befürchtete ich, man könnte mein Verlegenheitsgefasel loben. Dass ich einen »Bericht« zusammengebracht, änderte kein Jota daran, dass er nicht einmal enthielt, wie der Brand verlaufen war und was sich an Zwischenfällen zugetragen. Wahrscheinlich hatte es sogar Tote und Verletzte gegeben. Der Entschluss, meine Demission zu geben, war ebenso wie die Möglichkeit, entlassen zu werden, noch da. Am nächsten Morgen sah ich in unsrem Blatt meine Phantasien noch vergröbert. Der Nachtredakteur hatte meinen Titel geändert. Mit Riesenbuchstaben, die mir wie brennende Balken vorkamen, spannten sich die Worte »Ansturm von Obdachlosen bei einer Feuersbrunst« über die Spalten.

Was die anderen Reporter gestern auf dem Brandplatz erfahren hatten, erfuhr ich heute aus ihren Blättern. Sie hatten alle Details erhoben, die mir verschlossen geblieben waren. Zumeist allerdings waren diese Details von der Art, die man in der Zunft als »interessant, aber langweilig« charakterisierte: Nach einigen Berichten war das Feuer um acht Uhr sechzehn abends von einer in der Nähe wohnenden Metzgersgattin bemerkt worden, nach anderen Berichten Schlag neun Uhr von einem zufällig des Weges kommenden Bauern aus Südböhmen. Laut Nationalzeitung war es die Löschmannschaft der Vorstadt Karolinenthal, die mit dem Spritzenmeister Soundso und zwei dreispännigen Dampfspritzen zuerst an der Brandstelle eintraf; der Volksgemeinschaft zufolge aber war die Feuerwache Sokolstraße mit der neuen automatischen Feuerleiter als erste zur Stelle gewesen. Übereinstimmend war nur die Feststellung, dass in kurzen Intervallen alle Feuerwehrstationen auf der Brandstätte eintrafen. In den meisten Blättern stand, der Brand sei auf dem ebenerdigen Schüttboden ausgebrochen, der bleiche Schnüffeles vom Prager Tagblatt hatte jedoch erhoben, dass das Feuer im ersten Stockwerk mehr als eine Stunde lang gewütet und erst nachher die Räume im Parterre ergriffen habe.

Als ich in die Redaktion kam, standen im Vorzimmer, das in der Frühstücksstunde eine Art Klubraum war, einige Redakteure beisammen.

»Dieses Gedränge der Obdachlosen«, sprach mich der Kunstkritiker an, »das muss ja wie ein Gemälde von Breughel gewesen sein. Ich habe Ihren Bericht inte­ressiert gelesen.«

»Er hat ja nichts weiter aufgeschrieben, als was er gesehen hat«, sagte Doktor Dykschy.

Vielleicht um den geringschätzigen Ton Doktor Dykschys abzuschwächen, wandte der Kunstkritiker ein, ich hätte immerhin gut beobachtet.

»Eben nur beobachtet. Was hätte ein Dichter daraus gemacht! Eine Elendenkirchweih im Feuerschein! Heilige Hermandad und Briganten (Polizei und Gesetzlose, jW) stehen einander unvermutet gegenüber! Aber dieser junge Mann merkte gar nicht, dass er eine Dramenszene in Händen hielt. Nun, schließlich ist das auch nicht seines Amtes.«

Ich hatte gute Lust, ihm zu enthüllen, dass ich den Stoff sehr wohl zu würdigen wisse, denn er entstamme meiner Phantasie. Jedoch dann hätte Doktor Dykschy nur wiederholt, und die anderen hätten ihm beigestimmt, dass das nicht meines Amtes sei.

Ehe der Tag zu Ende ging, an dem mich Doktor Dykschy den Unwert der Wahrheit fühlen ließ, bekam ich eine Lektion über den Wert der Unwahrheit.

»Ich habe Ihnen anzukündigen, dass Sie aus der Börse ausgeschlossen werden, wenn Sie noch einmal in dieser Art schreiben«, empfing mich Papa Vejvara, als ich abends auf die Börse kam.

»In welcher Art habe ich denn geschrieben?«

»In der Art eines Lügners«, brach er los. »Lauter unverschämte Lügen! Sie werden eine gesalzene Berichtigung vom Städtischen Nachtasyl bekommen – bei Nacht kann niemand aus dem Gebäude, weil es abgesperrt ist und jeder beim Eintritt seine Kleider abgeben muss.«

»Ich habe nicht geschrieben, dass es die Insassen des Städtischen Asyls waren. Ich habe nur von Obdachlosen im allgemeinen gesprochen, die Nähe des Asyls habe ich erwähnt, ohne zu sagen, dass die Leute von dort kamen.«

Über diesen Trick wurde Papa Vejvara noch wilder. Er hatte nämlich von der Asylleitung ein Dementi meines Berichts verlangt, aber den Bescheid erhalten, dass infolge der Stilisierung nichts gegen meinen Bericht unternommen werden könne. Warum hatte Papa Vejvara das getan? Er verheimlichte es nicht.

»Mit Ihren Lügen bringen Sie uns um die Existenz. Heute morgen schnauzt mich der Chefredakteur an, wieso ich die Obdachloseninvasion auf der Brandstätte nicht einmal mit einem einzigen Wort erwähnt habe.«

»Sie konnten ihm doch sagen, Herr Vejvara, dass das erfunden ist.«

»Ich verbitte mir Ihre Ratschläge.«

Kollege Wenzel Vilde mischte sich ein: »Wenn man diesen Klebstoffjournalisten sagt, dass ein Konkurrent lügt, so glauben sie, das sei eine Ausrede.«

Papa Vejvara bestätigte das, indem er beide Fäuste auf den Tisch schlug; sein Chefredakteur habe ihm wörtlich gesagt: »Komisch, dass sich die anderen immer die interessantesten Lügen ausdenken und Sie immer nur die langweiligste Wahrheit wissen.« Papa Vejvara fiel aus der Höhe der Wut in die Tiefe der Bitterkeit: »Das muss ich mir sagen lassen im dreißigsten Jahr meiner Tätigkeit.« (…)

Fromm und milde riet mir Herr Adalbert Betzek, mich immerdar nach der Religion zu richten: »Du sollst nicht lügen, steht in den Zehn Geboten, und wenn Sie sich schon so eine faustdicke Lüge ausdenken, so müssen Sie sie uns telefonieren, damit wir sie auch bringen können und nicht dastehen wie die törichten Jungfrauen.«

Auf der Chodiera-Börse erschien an diesem Abend Herr Tschuppik statt des »bleichen Schnüffeles«, der vom Prager Tagblatt seines Postens enthoben worden war.

Was war das alles?

Solange ich Vortragsreferate und Schmucknotizen verfasste, war ich nie ratlos gewesen, hatte nie, selbst wenn ich vom Thema wenig verstand, einen Bericht aus der Luft gegriffen und nie die Stellung eines Kollegen gefährdet.

Offenbar ist die direkte Beschreibung der Wirklichkeit weit schwieriger. Kein Kritiker wird bei der Besprechung eines Buches, einer Aufführung oder einer Ausstellung jemals von solch einem Gefühl beruflicher Ohnmacht befallen werden wie ich gestern im Schein des Mühlenfeuers. Und dennoch behandeln die Redakteure der Kulturrubriken den Reporter als etwas Untergeordnetes, wie einen, der in den Beinen haben muss, was er nicht im Kopf hat.

Ein paar Tage vorher war ich dem künstlerlockigen Feuilletonchef, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, in den Weg gelaufen. Er sprach mir sein Missfallen darüber aus, dass ich Reporter geworden. »Ich hatte anderes mit Ihnen im Sinn«, sagte er, »ich wollte Ihnen einen Namen machen.«

Auch Doktor Dykschy fand das verächtlich, was meines Amtes war. Gewiss, er war konsequent. In seinen Literaturkritiken anerkannte er als Kunst nur das Übersprudelnd-Launische, das Traumhaft-Zerfließende, das Ungebunden-Absurde, das Sprunghaft-Unlogische oder das Irrational-Mystische. Streng lehnte er den »phantasielosen Rationalismus und öden Materialismus der schnell veralteten französischen Schule« ab, worunter er Balzac, Flaubert und vollends Zola verstand. Dem Doktor Dykschy, der meinem unseligen Lyrikband seinerzeit eine kritische Ermunterung gegeben, konnte die Obdachlosenszene nicht gefallen, weil er sie für Realität hielt.

Aber Chefredakteure, Journalisten an verantwortlicher Stelle, mussten sie nicht Realität schätzen? So wirkungsvoll formuliert die Antithese war, die der Chef des Papa Vejvara gebraucht – durfte er eine Lüge fordern, weil sie interessant war? Durfte er sie einer Wahrheit vorziehen, und wäre es der sterbenslangweiligsten?

Diese Fragen waren beileibe keine rhetorischen, es gab Antworten auf sie.

Manche Herausgeber, der große Gordon Bennett (1841–1918, legendärer Herausgeber des New York Herald und Begründer der International Herald Tribune, jW) zum Beispiel, haben eingestanden, dass Zeitungen, ob sie nun dem Geschäft oder der Verbreitung einer Gesinnung dienen, eine ihre Ziele begünstigende Unwahrheit vorziehen müssen einer Wahrheit, die ihren Zielen zuwiderläuft. Ein Zyniker tat gar den Ausspruch: »Eine falsche Nachricht ist mir die liebste, denn erstens hat man sie allein, und zweitens bekommt man eine Berichtigung, die man wieder allein hat.«

Die Begründung ist falsch, denn nichts wird so prompt, so gründlich und so energisch dementiert wie gerade die Wahrheit. Um so mehr kann diesen Grundsatz des Zynikers auch ein Zeitungsherausgeber akzeptieren, der keine Berichtigungen wünscht.

Und der Leser? Welche Wichtigkeit hat es für ihn, zu erfahren, ob der zweite oder erst der vierte Schuss des Mörders tödlich war? Dass beim Sturm auf Port Arthur nicht fünftausend, sondern nur fünfhundert Japaner fielen? Dass sich das Feuer in den Schittkauer Mühlen nicht auf dem Schüttboden ausbreitete, sondern zunächst im ersten Stock?

Der Stein der Wahrheit, der nur um hohen Preis zu erwerben ist, ist von seiner billigen Imitation nicht zu unterscheiden. Kein Leser hatte in meiner Erzählung vom lokalen und öffentlichen Ereignis des Mühlenbrands gemerkt, dass ihr nichts zugrunde lag. Wie sollte bei einem weniger erhellten Tatbestand, wie erst bei einem auswärtigen Vorfall die Phantasie von der Realität unterschieden werden? Wenn man gar das Gebot des frommen Herrn Adalbert Betzek befolgte, jede Erfindung den Kollegen weiterzugeben, fiele auch die letzte Entlarvungsmöglichkeit weg.

Ich definierte mir, was der Bericht überhaupt darstellt. Er ist eine Form der Äußerung, vielleicht sogar eine Kunstform, obschon nur eine kleine wie die Bänkel des blinden Methodius oder die Tätowierungen im Arrestgebäude.

Spezifisch ist dem Bericht, dass ein wirklicher Vorfall sein Thema bildet. Könnte nicht bloß vorgespiegelt werden, dass der Vorfall sich ereignet hat? Nein. Wenn die Begebenheit erfunden ist, mag es der Leser merken oder nicht, ist ihre Darstellung kein Bericht. Romanschriftsteller, Novellisten und Anekdotenerzähler behaupten oft, dass ein von ihnen geschildertes Ereignis sich tatsächlich abgespielt habe. Es schädigt den Dichter nicht, es erhebt ihn sogar, wenn der Leser diese Behauptung nicht glaubt. Aber ein Chronist, der lügt, ist erledigt.

Die Behandlung des Sujets birgt allerdings eine Alternative: Entweder man nimmt das Ereignis zum Ausgangspunkt für ein Phantasieprodukt (was ich gestern beim Mühlenbrand getan), oder man bemüht sich, die Zusammenhänge und Details so zu ermitteln, dass das Ergebnis mindestens in gleichem Maße interessant ist wie das Phantasieprodukt. (Ich hätte die Obdachlosenszene entdecken müssen, nicht sie erfinden dürfen.)

Zum obigen Entweder hatte ich mein Geschick, zum obigen Oder mein Ungeschick bewiesen, aber ich musste den zweiten Teil der Alternative wählen.

Oh, nicht etwa aus moralischen Gründen! Da war jene Dantesche Neugier. Von Kindheit an brachte ich infolge dieser Neugier von jedem Weg zum Kaufmann oder zum Postschalter eine solche Fülle von Erzählenswertem heim, dass man es zumindest für Übertreibung hielt. Mich verdross diese Verdächtigung, weil ich es nicht nötig hatte zu erfinden, sah und hörte ich doch überall so viel Unglaubhaftes, das dennoch Wahrheit war. Wie konnte es sein, dass die mir selbstverständlichen Erlebnisse den anderen unmöglich schienen?

Gestern hatte ich zum erstenmal etwas erfunden, und alle hatten es geglaubt … Sollte ich also bei der Lüge bleiben? Nein.

Gerade weil mir bei der ersten Jagd nach der Wahrheit die Wahrheit entgangen war, wollte ich ihr fürderhin nachspüren. Es war ein sportlicher Entschluss.

Auszug aus Kischs Memoiren »Marktplatz der Sensationen« (1942)

***

Reportage als Kunstform und Kampfform

Die doppelte Tätigkeit, die dem sozial bewussten Schriftsteller gestellt ist, die des Kampfes und die der Kunst, würde in ihrer Einheit aufgehoben, sie würde in beiden Teilen wirkungslos und wertlos werden, wenn er in seiner Kunst oder in seinem Kampf zurückwiche. Nicht um formaler Wirkung wegen haben wir uns auferlegt, das Erbe der bürgerlichen Kunst zu verwalten und zu entwickeln. Nicht in der Hoffnung, vor dem Tribunal der herrschenden Ästhetik Gnade zu finden, haben wir zu verabscheuen all das, was wirklich banal ist, was wirklich demagogisch ist, was wirklich plebejisch ist, was wirklich Phantasielosigkeit, was wirklich öder Rationalismus oder starrer Materialismus ist.

Mit allen unseren Kräften haben wir für den Ausdruck unserer Erkenntnis eine Form zu suchen, die allen idealen Gesetzen einer absoluten Ästhetik genügt. Wir sollen das, und wir tun das. Aber tun es auch die, die gegen uns die Vorwürfe erheben? Sie tun es nicht, und es wäre eine verlockende Aufgabe, in einer Literaturgeschichte aufzuzeigen, wie sich ihre hohe Literatur gegen die eignen Paragraphen versündigt, welch üble Phantasielosigkeit sich in ihr breitmacht, wie der Wille nach Karriere, Reichtum und Herrschaft über Frauen, also purer »Materialismus« in ihrem Sinne, die Helden ihrer Romane und demnach auch die Autoren bewegt, wie alles auf Tendenz, einer bewussten oder unbewussten, basiert ist.

Es gibt nicht nur die »hohe Literatur«. Es wird nicht nur in der ersten Zeit der sozialistischen Gesellschaft besondere Literaturformen geben, die sich an eilige, noch ungeschulte, noch unentwickelte Leserschichten wenden, aber diese Literaturformen müssen einen Charakter tragen, jenem just entgegengesetzt, den sie heute in fünf Sechsteln der Welt tragen. Lassen Sie mich als Beispiel die Reportage heranziehen, eine besondere Kunstform der Literatur, die von den bürgerlichen Ästhetikern diskreditiert ist und in der Tat von den Schreibern ihrer eigenen Welt herabgewürdigt wurde, dass selbst sie mit Geringschätzung auf sie herabsehen.

Der Reporter war als die niedrigste Spezies der Zeitungsschreiber verachtet, bevor die Werke eines John Reed und einer Larissa Reissner (1895–1926, sowjetische Schriftstellerin und Revolutionärin, jW) darüber belehrten, dass der Tatsachenbericht auch unabhängig und künstlerisch abgestattet werden könne. Und wer nicht durch sie darüber belehrt ward, hätte aus der feindseligen gehässigen Haltung der kritischen Tempelhüter darüber belehrt werden können.

Diese Haltung der kritischen Tempelhüter wandte sich nicht nur gegen das Neue, sondern vor allem gegen das Gefährliche. Lassen Sie mich ein Beispiel anführen: Vor etwa einem Vierteljahr war ich auf Ceylon; die Bücher, die ich an Bord des Schiffes über dieses Land gelesen hatte, waren teils offiziöse Reiseführer und Propagandaschriften der Reisebüros, teils literarische Reisebücher. Bei der Konfrontation dieser Literatur mit der Wirklichkeit packte mich helles Entsetzen. Ich sah eine Insel, auf der von Oktober bis Januar nicht weniger als dreißigtausend Kinder an Malaria und Unterernährung gestorben waren, eine Insel, auf der 80 Prozent der Kinder wegen Unterernährung unfähig zum Schulbesuch sind, wo die Weißen die Prügelstrafe täglich praktizieren, eine Insel, auf der für die Einheimischen keine Arbeitsmöglichkeit besteht, weil man lieber Arbeiter vom indischen Festland importiert, die sich nicht organisieren dürfen, eine Insel, auf der Menschen Baumblätter und Gras knabbern, eine Insel, auf der jedermann auf Schritt und Tritt vom Elend und Hungertod angestarrt wird.

Und was stand in den Reisebeschreibungen? Da wird die Schönheit des perlenförmigen Eilands besungen, die Brandung des Meers, das Ewigkeitssuchen des Dschungels, die Ruinen des alten Kaiserschlosses und tausenderlei anderes von blühender Kultur, aber nichts von dem entsetzlichen, fürchterlichen Alltag.

Wenn wir nun den Autoren solches zum Vorwurf machen wollten, so würden sie nicht nur darauf hinweisen, dass sie nicht gelogen haben, dass alle diese vergangene Schönheit der Paläste und alle diese bestehende Schönheit der Natur wirklich vorhanden ist, sondern sie würden auch dagegen protestieren, dass wir ihre Freiheit zu beschränken wagen, indem wir ihnen die Themen vorschreiben. Und dann würden sie zum Angriff übergehen und sagen, dass sie eben Künstler seien und wir nur »banal«, »demagogisch«, »phantasielos« und weiß Gott, was noch.

Nun liegt es allerdings für einen sozial empfindenden Menschen nahe, solche Tatsachen, wie sie auf Ceylon auf uns einstürmten, einfach zu registrieren, die Greuel einfach aufzuzählen, wirklich banal zu sein. Nicht minder nahe liegt die Versuchung, zu schreien angesichts dieses Jammers, also in den Verdacht der Demagogie zu geraten. Nicht minder nahe liegt die Versuchung, diese gehäuften Fakten durch sich selbst wirken zu lassen, also phantasielos zu erscheinen.

All diese Versuchungen muss der wahre Schriftsteller, das ist: der Schriftsteller der Wahrheit, vermeiden, er darf die Besinnung seiner Künstlerschaft nicht verlieren, er soll das grauenhafte Modell mit Wahl von Farbe und Perspektive als Kunstwerk, als anklägerisches Kunstwerk gestalten, er muss Vergangenheit und Zukunft in Beziehung zur Gegenwart stellen – das ist logische Phantasie, das ist die Vermeidung der Banalität und der Demagogie. Und bei aller Künstlerschaft muss er Wahrheit, nichts als Wahrheit geben, denn der Anspruch auf wissenschaftliche, überprüfbare Wahrheit ist es, was die Arbeit des Reporters so gefährlich macht, gefährlich nicht nur für die Nutznießer der Welt, sondern auch für ihn selbst, gefährlicher als die Arbeit des Dichters, der keine Desavouierung und kein Dementi zu fürchten braucht.

Es ist schwer, die Wahrheit präzis hinzustellen, ohne Schwung und Form zu verlieren; Reportage heißt Sichtbarmachung der Arbeit und der Lebensweise – das sind oft spröde, graue Modelle in den heutigen Zeitläufen.

Wahrheit ist das edelste Rohmaterial der Kunst, Präzision ihre beste Behandlungsweise. In den Ländern, in denen die Freiheit darniederliegt und die Tyrannei herrscht, das kann auch der Unpolitische erkennen, dominiert in der Literatur gefühlsbetonte Verschwommenheit, mystisches Schwärmen für Blut und Boden und dergleichen, weil kein Problem des Lebens angeschnitten werden darf.

Uns aber stehen der Mensch und das Leben am höchsten. Ihnen, ihrem Sein und Bewusstsein soll unsere Literatur dienen!

Referat, gehalten im Juni 1935 auf dem I. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in Paris

Egon Erwin Kisch (1885–1948), eigentlich Egon Kisch, ist der wohl bekannteste Reporter der Journalismusgeschichte, er prägte maßgeblich das Genre der literarischen Reportage. Im Prag der K.-u.-k.-Mo­narchie geboren, versuchte er sich zunächst als Dichter, verdiente sich jedoch bald seine ersten journalistischen Meriten als Lokalreporter bei der renommierten Prager Tageszeitung Bohemia (»Prager Streifzüge«). 1913 deckte er die Affäre um den Selbstmord des als russischen Spion enttarnten Obersten Alfred Redl auf. Während des Ersten Weltkrieges u. a. im Kriegspressequartier in Wien eingesetzt, war Kisch im Januar 1918 an der Organisation eines Generalstreiks beteiligt und wurde im November zum ersten Kommandeur der Roten Garde gewählt. Ab 1919 KPÖ-Mitglied (ab 1925 KPD), siedelte er nach seiner Ausweisung 1921 nach Berlin über, wo er als Korrespondent der Brünner Lidové noviny (deutsch: Volkszeitung) arbeitete und viel gelesene Reisereportagen verfasste, u. a. über die Sowjetunion.

Seinen Ruhm als Meister der literarischen Reportage begründete der 1924 erschienene Auswahlband »Der rasende Reporter«. Nach dem Reichstagsbrand wurde der jüdischstämmige Antifaschist Kisch verhaftet und nach Protesten in die Tschechoslowakei abgeschoben. Nach einem längeren Aufenthalt in Australien 1934, das ihm zunächst die Einreise verweigert hatte, kehrte er nach Europa zurück und unterstützte den Kampf der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg als Berichterstatter. Ende 1939 aus Frankreich geflohen, ging er über die USA nach Mexiko, wo er für die Exilzeitung Freies Deutschland arbeitete und an seinen Memoiren schrieb (»Marktplatz der Sensationen«, 1942). 1946 kehrte er nach Prag zurück, unterstützte den Aufbau des Sozialismus und starb dort zwei Jahre später an den Folgen zweier Schlaganfälle. In der DDR wurde Kisch breit rezipiert, zwischen 1960 und 1985 erschienen im Aufbau-Verlag seine »Gesammelten Werke in Einzelausgaben«. In der BRD stiftete Stern-Herausgeber Henri Nannen 1977 den Egon-Erwin-Kisch-Preis für die beste Reportage des Jahres (ab 2005 aufgegangen in der Kategorie Reportage des Nannen-Preises), die angesehenste Auszeichnung für deutschsprachige Reporter. (jW)

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