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Aus: Ausgabe vom 05.01.2019, Seite 15 / Geschichte
Weimarer Republik

Rechte Sammlungsbewegung

Vor 100 Jahren wurde in München die Deutsche Arbeiterpartei gegründet. Sie war der Vorläufer der NSDAP
Von Manfred Weißbecker
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Angehörige des faschistischen »Stoßtrupps Hitler« während des sogenannten Hitler-Ludendorff-Putsches am 9. November 1923 in München

Anlässlich des 100jährigen Jubiläums kann viel Neues zu Verlauf und Ergebnissen der Novemberrevolution in Deutschland gelesen werden, vor allem Kritisches zum Handeln von SPD und USPD sowie zur KPD-Gründung. Weniger hingegen ist zu erfahren über jene Kräfte, die im Hintergrund gegen die Novemberrevolution wirkten, getreu der von General Wilhelm Groener später getroffenen Einschätzung, man habe »die Zügel (…) aus der Verborgenheit heraus zu lenken verstanden«.

Neben den kaiserlichen Militärs, mit denen sich die Führung der SPD bereits in der Nacht vom 9. zum 10. November 1918 verbündet hatte, und den ungehindert fortwirkenden hohen Staatsbeamten betrieben auch die bürgerlichen Parteien das Werk der Konterrevolution. Sie sahen sich zunächst in ihren Grundfesten erschüttert, formierten sich aber rasch neu und orientierten sich alle ein wenig nach links. Mit dem Blick auf ihre nun in einem republikanisch-parlamentarischen Herrschaftssystem wahrzunehmende Rolle suchten sie sich den veränderten Bedingungen anzupassen, die Unzulänglichkeiten des Charakters alter »Honoratioren«-Parteien abzustreifen und über den traditionellen Stamm von Wählern hinaus einen breiten Massenanhang zu gewinnen.

Neue Namen, die Wandel, Volksverbundenheit und soziales Engagement andeuten, sollten es richten: Deutschnationale Volkspartei (DNVP), Deutsche Volkspartei (DVP), zeitweilig auch Christlichdemokratische Volkspartei (Zentrum). Da blieb wenig Platz für die 1917 entstandene Deutsche Vaterlandspartei (DVLP), deren präfaschistischer Charakter heute kaum noch bestritten wird. Viele ihrer Mitglieder gingen zur DNVP, ohne jedoch dort den Ton angeben zu können.

Zugleich entstand ein organisationspolitisch offener Raum, in dem die Rechtesten unter den Rechten sich neu zu formieren versuchten. Bereits am 3. Oktober 1918 hatte Heinrich Claß als Chef des Alldeutschen Verbandes getönt, es müsse »eine große, tapfere und schneidige Nationalpartei« geschaffen und rücksichtslosester Kampf gegen das Judentum geführt werden, »auf das all der nur zu berechtigte Unwille unseres guten und irregeleiteten Volkes abgelenkt werden« müsse. Es gab zwar ein breites Geflecht alter sowie neuer paramilitärischer, konservativ-deutschnationaler, alldeutscher und völkisch-rassistischer Verlage, Zeitschriften, Gesellschaften und Zirkel, doch Wirkung erzielten sie nur in den eigenen Reihen. Sie alle stellten aber einen Nährboden für die Herausbildung neuer völkisch-rechter Parteien dar.

Eine, die diesem Bild entsprechen sollte, entstand unbemerkt von der Öffentlichkeit am 5. Januar 1919 in der Hinterstube des kleinen Münchener Cafés Gasteig am Rosenheimer Berg. Ungefähr 25 Anwesende gaben sich großspurig und vieldeutig den Namen Deutsche Arbeiterpartei (DAP). Karl Harrer, eines von rund 1.500 Mitgliedern der antisemitischen und finanzstarken Thule-Gesellschaft, hatte ihn vorgeschlagen und durchgesetzt. Seine Begründung lautete: Der Weg in die Öffentlichkeit sei zu suchen.

Großkapital schützen

Den Vorsitz übernahm Anton Drexler, ein ganz im Banne nationalistischen und antisemitischen Denkens stehender Werkzeugschlosser. Er führte die Tradition des berüchtigten Alldeutschen Verbandes fort und knüpfte direkt an die gescheiterte DVLP an, deren großindustrielle und junkerliche Gründer eine Massenbasis für die Militärdiktatur der Obersten Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff sowie deren abenteuerliche »Siegfrieden«-Pläne hatten schaffen wollen. Im Sommer 1918 war er in den Reichsausschuss des mehrere hunderttausend Mitglieder umfassenden »Freien Arbeiterausschusses für einen guten Frieden«, in München sogar an die Spitze eines gleichnamigen Gremiums gewählt worden.

Drexlers Forderungen galten der »Adelung des deutschen Arbeiters (…) als ein dem Mittelstande gleichgestellter Staatsbürger« sowie einer resoluten »Aufklärung unter den Arbeitermassen über den Verrat ihrer undeutschen Führer«. Undeutsch – dieser Vorwurf traf alle: Sozialdemokraten und Kommunisten wie auch Pazifisten und Anhänger der parlamentarischen Demokratie. Programmatisch formulierte Drexler, es müsse in der »neuen kommenden Weltordnung (…) ein neues geeinigtes Deutschland erstehen«. Ihm ging es vorrangig um einen »festen Nationalismus«, dem Parteihader, Klassenkampf und Bruderhass zu weichen hätten. Drexlers Überlegungen gipfelten in der Warnung vor einem »Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft«, falls die von breiten Teilen der deutschen Arbeiterbewegung in der Novemberrevolution 1918/19 angestrebte Sozialisierung, die Vergesellschaftung der wichtigsten Produktionsmittel, durchgesetzt würde. In seinen »Richtlinien« für die Arbeit der DAP schlussfolgerte Drexler, das »Großkapital« sei »als Brot- und Arbeitgeber zu schützen«. Er verband dies mit der verschwommenen, sich an bourgeoiser Sozialpolitik orientierenden Einschränkung, es dürfe »rücksichtsloseste Ausbeutung des Arbeiters diesem ein menschenwürdiges Dasein« nicht unmöglich machen.

Kein Hintertreppenspuk

Die Gründung der DAP bedeutete mehr als Vereinsmeierei und Hintertreppenspuk. Hier fanden – wie auch in zahlreichen anderen Orten Deutschlands und anderen europäischen Ländern – Kräfte zusammen, die auf bislang unbekannte Art Politik betreiben wollten. Ihre Strömung wurde bald überall, die Selbstbezeichnung der italienischen Schwarzhemden-Bewegung Benito Mussolinis übernehmend, als Faschismus bezeichnet. Mit der DAP, die ein Jahr darauf ihrem Namen das Adjektiv »nationalsozialistisch« hinzufügte, setzte in Deutschland dessen Formierung ein. Ihr Ziel war es, die Ergebnisse des verlorenen Krieges und das Wirken der »Novemberverbrecher« so rasch und so gründlich wie möglich rückgängig zu machen, verbunden mit der Bereitschaft, sich dafür aller verfügbaren Gewaltmittel zu bedienen, selbst um den Preis eines neuen Krieges nach außen und eines Bürgerkrieges.

Von Anfang an konnte die DAP auf die Unterstützung und Förderung aus den Reihen wirtschaftlicher, militärischer, politischer und geistig-kultureller Oberschichten zählen, denen die neue Partei aus unterschiedlichsten Gründen dienlich und von politischem Nutzen schien. Sie ermöglichten damit auch den späteren Aufstieg der NSDAP, die sich als Schmelztiegel aller nationalistischen, völkisch-rassistischen und gegen die Weimarer Republik gerichteten Organisationen erweisen sollte.

»Je weiter wir nach links gehen, desto eher werden wir Eindruck machen und eine Katastrophe ablenken können. (…) Wenn das Haus brennt, löscht man schließlich mit Jauche, auf die Gefahr hin, dass es nachher in dem Hause eine Weile nachstinkt.« Aus einem Brief des Industriellen Robert Bosch an Conrad Haußmann vom 24.10.1918

»Warum sind die vaterlandslosen Banden immer noch nicht zu Paaren getrieben? Die bittere Notwendigkeit, die drohende Fremdherrschaft sollte Ihnen die eiserne Kraft verleihen, ohne Zögern mit Gewalt durchzugreifen. ›Landgraf, werde hart!‹ rufen Ihnen täglich Millionen deutscher Bürger, Bauern und Arbeiter zu.« Aus einem Brief von Professor Lange aus Oberkirch in Baden an Friedrich Ebert vom 11.12.1918

»Die DAP ist eine aus allen geistig und körperlich schaffenden Volksgenossen zusammengesetzte sozialistische Organisation, die nur von deutschen Führern geleitet sein darf, welche alle eigennützigen Ziele zur Seite stellen und nationale Notwendigkeiten als höchsten Programmsatz gelten lassen.« Aus den von Anton Drexler verfassten Richtlinien für die DAP

»Zahlenmäßig ist die (…) mit Blindheit geschlagene Arbeiterschaft in der Minderheit. Millionen deutscher Arbeiter stehen unorganisiert abseits aller Gewerkschafts- und Parteistreitigkeiten. Andere Millionen sind in konfessionelle oder reichstreue Arbeiter-Organisationen gegliedert. Diese bilden eine ernste Gegnerschaft der Umsturzbewegungen. Es muss nun die nächste Aufgabe der deutschen Vaterlandspartei sein, die abseits stehenden Arbeiter und die vaterländisch gesinnten Arbeitergruppen auf nationaler Grundlage zu einer einheitlichen Kampffront zu sammeln.« (Aus einem Rundschreiben der Hauptgeschäftsstelle der Deutschen Vaterlandspartei vom Januar 1919)

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