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Aus: Ausgabe vom 05.01.2019, Seite 2 / Ausland
Journalisten in der Türkei

»In vielen Medien ist Selbstzensur alltäglich«

Besuch in jW-Redaktion: Türkischer Gewerkschafter berichtet über Arbeitsbedingungen für Journalisten. Ein Gespräch mit Gökhan Durmus
Interview: Marc Bebenroth
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Mitlieder der Journalistengewerkschaft TGS demonstrieren für Pressefreiheit (Istanbul, 3.5.2017)

Sie waren Ende November als Mitglied einer Delegation türkischer Gewerkschaften in der Bundesrepublik. Weshalb sind Sie mitgereist?

Mit Verdi und DJV arbeiten wir oft zusammen und machen viel gemeinsam. Mein Ziel war, vor allem neue Kontakte auf unteren Ebenen zu knüpfen. Wir wollen insgesamt die Gewerkschaften in beiden Ländern und die Solidarität untereinander stärken. Die Idee ist, ein Solinetzwerk von unten aufzubauen, wo sich die Kollegen direkt informieren und organisieren können. Außerdem: Wenn die Journalisten in dieser Delegation vertreten sind, können sie die entsprechenden Informationen weitertragen. Dadurch werden viele von unserer Reise erfahren.

Welche Botschaft hatten Sie im Gepäck?

Egal, in welchem Land wir uns organisieren, wir sitzen im selben Boot. Wir haben gleiche Interessen und gleiche Forderungen. Wenn die Gewerkschaft in einem Land stärker wird, hilft das auch denen in anderen Staaten. Wir müssen stärker zusammenarbeiten und unsere Erfahrungen austauschen. Beide Seiten müssen voneinander lernen, um sich jeweils weiterentwickeln zu können.

Wie groß ist Ihre Gewerkschaft, die TGS, derzeit?

Wir haben insgesamt 1.300 Mitglieder, die zum Großteil in staatlichen Einrichtungen arbeiten. Darunter sind Journalisten und Arbeiter in den Druckereien. Insgesamt sind in diesen Bereichen 90.000 Menschen beschäftigt.

Mit welchen Mitteln bestreiten Sie den Arbeitskampf?

Einen landesweiten Streik können wir nicht ausrufen. Wir können unsere Mitglieder vielmehr dort auf die Straße bringen, wo wir Tarifverträge verhandeln. Da könnte dann auch gestreikt werden. Und in den Betrieben, wo Mitglieder von uns entlassen werden, rufen wir auch zum Widerstand auf. Insgesamt sitzen derzeit 144 Kolleginnen und Kollegen in Haft, und mit ihnen solidarisieren wir uns ebenfalls.

Welches Selbstverständnis herrscht unter türkischen Journalisten?

Sie sehen sich nicht als Lohnabhängige. Dabei müssen sie lernen, sich als solche zu begreifen. In ganz Europa konzentrieren sich Medien nur auf das Thema Meinungsfreiheit in der Türkei, Arbeitskämpfe interessieren sie kaum. Das wollen wir ändern.

Können Journalisten in der Türkei von ihrer Arbeit leben?

Im Durchschnitt liegt das Gehalt bei umgerechnet 400 Euro. Damit lassen sich nur die Grundbedürfnisse decken. Es reicht nicht aus, um sich weiterzubilden, Zeitung zu lesen, ins Kino oder Theater zu gehen. Aber all das ist nötig, um den Beruf ausüben zu können. Ein Journalist in der Türkei muss eigentlich mindestens umgerechnet 1.000 Euro im Monat verdienen, damit er sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren kann.

Wie unterscheiden sich die Bedingungen in privaten von denen in staatlichen Medienbetrieben?

In den staatlichen ist der Druck etwas geringer als in den privaten. Der türkische Staat erkennt die Gewerkschaften an und versucht deshalb nicht, sie aus den Betrieben zu kriegen. Aber er versucht, die Journalisten für staatliche Ziele zu gewinnen. Privatunternehmen dagegen wollen die Gewerkschaften gar nicht. Deshalb ist es schwierig, dort Fuß zu fassen. Viele, die in privaten Medienbetrieben arbeiten, halten ihre Mitgliedschaft bei der Gewerkschaft geheim.

Worüber berichtet man in der Türkei besser nicht?

Das gefährlichste Thema ist Politik. Es gibt unter Journalisten eine große Angst, arbeitslos zu werden. Alle Kollegen, die aktuell in Haft sitzen, haben über Politik geschrieben. Nach der gültigen Gesetzeslage können Publizisten ganz schnell als »Terrorunterstützer« angeklagt werden. Dabei ist es unerheblich, ob sie die Regierungsmaßnahmen selbst kritisieren oder über eine Demonstration berichten, wo Regierungsmaßnahmen kritisiert worden sind. Der Druck in den Redaktionen ist erheblich, in vielen Medien ist Selbstzensur alltäglich. Es kommt öfter vor, dass Kolleginnen und Kollegen erst durch politischen Druck entlassen werden – und dann haben sie noch eine Anklage am Hals.

Viele haben Angst, sich kritisch zu äußern. Sie befürchten, ebenfalls verhaftet zu werden. Somit gibt es in diesem Land faktisch keine Pressefreiheit. Und das erschwert die Organisierung der Beschäftigten.

Gökhan Durmus ist Vorsitzender der Journalistengewerkschaft TGS

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