Aus: Ausgabe vom 03.01.2019, Seite 15 / Medien

Fall des Systems

Spiegel-Redakteur Relotius hat gelogen und gefälscht. Ein Skandal? Ja, er hat sich erwischen lassen. Aber das Feindbild hat gestimmt

Von Volker Hermsdorf
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Eingetütete Realität: Derzeit erscheinen Werbesprüche des Spiegel aus 2015 in einem völlig anderem Licht

Eine »Edelfeder« der Mainstreammedien musste abdanken. Mehr noch: Nach dem Motto »Haltet den Dieb« stürzen sich die vermeintlichen Wächter des Qualitätsjournalismus auf den von ihnen selbst mit Preisen überhäuften Kollegen Claas Relotius.

Dabei tat der Spiegel-Redakteur »nichts anderes als das, was von ihm erwartet wurde: Geschichten zu liefern, die das erwünschte Narrativ bedienen, (…) und unerwünschte Beiträge zu vermeiden«, schreibt der Kölner Medienanwalt Markus Kompa im Onlinemagazin Telepolis. Relotius’ Fehler bestand darin, sich erwischen zu lassen.

Stories wie gewünscht

Der freie Journalist Juan Moreno, der dem Fälscher auf die Spur gekommen war, fand jedoch lange kein Gehör. Wie das Onlineportal Amerika 21 berichtete, war ihm eine Geschichte über den »ersten Steuerberater auf Kuba« aufgefallen, der 2012 in nur einem halben Jahr 20.000 Dollar verdient habe. »Schuhputzer aus ganz Havanna« stünden bei dem Mann Schlange, schrieb Relotius 2013 in der Juli-Ausgabe des Magazins Cicero.

»Wie dämlich müssen die sein, die so was drucken«, fragte Moreno sich. Ob die Profis von Spiegel, Cicero und anderen vermeintlichen Qualitätsmedien tatsächlich nicht merkten, dass sie Fakes in ihre Blätter hoben, sei dahingestellt. Da Relotius selbst sich damit brüstete, ist allerdings davon auszugehen, dass die belieferten Redaktionen Gesetzesverstöße des Scharlatans und die Verletzung journalistischer Regeln billigend in Kauf nahmen.

Relotius hatte die kubanischen Behörden bei der Einreise mit einem Touristenvisum über den tatsächlichen Zweck seines Aufenthaltes getäuscht. Von der illegalen Vorgehensweise hatte auch die »Heinz-Kühn-Stiftung« des Landes Nordrhein-Westfalen Kenntnis, die ihrem Stipendiaten die sechswöchige »Recherchenreise« nach Kuba finanzierte. Im Jahrbuch der Stiftung veröffentlichte der Autor dann Beiträge zu Themen wie »Recherchieren in der Diktatur« oder »Die Revolution verkauft ihre Kinder«.

Während Visavergehen in den USA als Straftat zu Festnahme, Geldstrafe, Ausweisung und einem fünfjährigen Einreiseverbot führen würden, wurde Relotius in Kuba dafür nicht belangt. Für die NRW-Stiftung wie für die Konzern- und Staatsmedien sind Gesetzesbrüche, wenn sie in Kuba begangen werden, offenbar ebenso akzeptabel wie Fälschungen und die Unterschlagung von Fakten.

Spitze des Eisbergs

Indes zeigen die zahlreichen Fakes des Spiegel-Reporters nur die Spitze des Eisbergs. Auch andere deutsche Medienhäuser lassen nicht nachzuprüfende Aussagen von angeblichen Gesprächspartnern zitieren oder beziehen sich auf dubiose Quellen, deren Behauptungen ohne Gegencheck als Fakten verbreitet werden. So übernahmen viele Redaktionen am 15. Mai 2014 eine dpa-Meldung über das Projekt »14ymedio« der Bloggerin Yoani Sánchez (siehe jW vom Dienstag), das als »unabhängiges Onlinemedium und Gegengewicht zur gleichgeschalteten kubanischen Staatspresse« dargestellt wurde. Nicht eine Zeitung berichtete, dass die Domain »14ymedio.com« einer IBM-Tochtergesellschaft mit Sitz in Dallas (USA) gehörte und der gesamte technische Support für das aufwendige Projekt aus den USA kam.

Am 3. November 2015 verbreitete die Deutsche Welle eine Meldung über angebliche Festnahmen in Kuba. Die Berliner Zeitung meldete am 4. November: »Über 1.000 politische Verhaftungen in Kuba«, und die Taz folgte einen Tag später mit der Überschrift: »Opposition in Kuba – Zahl der Verhaftungen stark gestiegen«. Einzige Quelle dafür war eine »Kubanische Kommission für Menschenrechte und Versöhnung« (CCDHRN). Kein einziges deutsches Medium überprüfte die Fakten. Dabei hatte die italienische Nachrichtenagentur ANSA der CCDHRN bereits 2011 massive Fälschungen nachgewiesen. »Die Berichterstattung bezüglich Kuba in der vorherrschenden kommerzialisierten Medienlandschaft unterliegt insgesamt den antikommunistischen Klischees und Feindbildern«, stellte das »Netzwerk Kuba« vergangenen Donnerstag in einer Pressemitteilung zum »Relotius-Skandal« fest.

»Das System ist anfällig. Es hätte auch die Deutsche Welle oder jedes andere Medienhaus treffen können«, kommentierte der Auslandssender – Ursache und Wirkung verkehrend – den Vorfall um das Spiegel-Multitalent scheinheilig. Die Kommentatorin kommt zu dem Ergebnis: »Claas Relotius ist ein gefährlicher Einzelfall.«

Das hätten sie wohl gerne. Mit derartigen Formulierungen solle verdeckt werden, dass »die anderen Fälle von Manipulation um vieles gravierendere Folgen haben als die Fälschungen des gerade ertappten Redakteurs«, weist Medienexperte Albrecht Müller ähnliche Versuche in seinen Nachdenkseiten zurück. »Der Journalismus hat in Deutschland ein systemisches Problem mit der wahrheitsgetreuen Darstellung von Fakten und Situationen«, bestätigt auch der ehemalige Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer in seinem Medien-Weblog »Indiskretion Ehrensache«. An einen jetzt wieder beschworenen »Lernprozess« glaubt der Insider »in Zeiten des Stellenabbaus« nicht mehr. Die Psyche in deutschen Redaktionen sei an einem Punkt angelangt, wo es »jeden Tag darum geht, den eigenen Hintern zu sichern, auch wenn dies nur im Hinterkopf passiert«.

Ein »Verdienst« von Relotius besteht also darin, dass er mit seiner Köpenickiade unfreiwillig ein ganzes System entlarvt hat, in dem journalistisches Wohlverhalten mit Förderung, Preisen und gutem Einkommen belohnt wird. »Der Held von Köpenick hat den Zeitgeist richtig erfasst«, schrieb die Berliner Volkszeitung im Oktober 1906 über die Rathausbesetzung des arbeitslosen Schuhmachers Wilhelm Voigt. Der falsche Hauptmann habe die »modernen Machtfaktoren« verstanden und sei »ein Realpolitiker« allerersten Ranges. (…) »Der Sieg des militärischen Kadavergehorsams über die gesunde Vernunft, das ist es, was sich gestern in der Köpenicker Komödie in grotesk-entsetzlicher Art offenbart hat«, kommentierte das Blatt.

Wie damals Schuster Voigt hat Schreiber Relotius heute die Machtfaktoren der Medienwelt verstanden und zu seinen Gunsten ausgenutzt. Deshalb und nicht wegen seiner Fälschungen wird er jetzt aus dem Glashaus heraus mit Steinen beworfen.


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