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Aus: Ausgabe vom 03.01.2019, Seite 12 / Thema
Novemberrevolution

Mord als Auftakt

Vorabdruck. Mit der Niederschlagung der Januarkämpfe 1919 und der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts begann die gegenrevolutionäre Gewalt. Von dort lässt sich der Bogen bis zum Machtantritt der Faschisten spannen
Von Ingar Solty
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Die Konterrevolution steht bereit. Soldaten in der Berliner Wilhelmstraße, Januar 1919

In diesen Tagen erscheint das neue Heft der Zeitschrift Luxemburg – Gesellschaftsanalyse und linke Praxis. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Herausgebern und Autor den Beitrag von Ingar Solty. (jW)

Friedrich Ebert wollte sie nicht. Schon im Herbst 1918 soll er als MSPD-Abgeordneter zum Kanzler Max von Baden gegen die Rätebewegung gerichtet gesagt haben: »Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich; ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde«. Im November 1918 wurde Ebert vom Kaiser, der abdankte und in die Niederlande floh, zum Reichskanzler ernannt. Und jetzt erklärte zuerst Eberts Scheidemann die Republik, zwei Stunden später tat es Karl Liebknecht – nun als sozialistische. Mit der doppelten Erklärung einerseits und der Existenz bewaffneter Arbeiter- und Soldatenräte sowie einem provisorischen Rat der Volksbeauftragten (einer Zwangsehe aus SPD und USPD) andererseits bestand nun ein Machtgleichgewicht. Es ging um unterschiedliche Wege hin zu den Beschlüssen des Reichsrätekongresses, die Sozialisierung von kriegswichtigen Industriezweigen sowie die demokratische Kontrolle der Armee vorsahen.

Ein zweiter 9. November

Nach den blutigen Weihnachtskämpfen und der Aufkündigung des Bündnisses mit der USPD seitens der SPD wurde zum Jahreswechsel 1918/19 die KPD gegründet. Die Entlassung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) durch Ebert am 4. Januar wurde von der revolutionären Bewegung als nächster Schritt der Konterrevolution interpretiert und hatte eine Protestdemonstration des Berliner USPD-Vorstands und der Revolutionären Obleute zur Folge. Dies war der Beginn der »zweiten Revolution«. Jedoch, wie der Publizist Sebastian Haffner ein halbes Jahrhundert später in seiner unter dem Titel »Die verratene Revolution« erschienenen Untersuchung betonte: »Das Schicksal der deutschen Revolution entschied sich in Berlin in der Woche vom 5. bis 12. Januar 1919. Diese Woche ist als ›Spartakuswoche‹ in die Geschichte eingegangen – zu Unrecht. Was in dieser Woche vor sich ging, war kein kommunistischer Aufstand gegen die sozialdemokratische Regierung. Es war ein Versuch der Berliner Arbeitermassen, das am 9. und 10. November Errungene und inzwischen schon halb Verlorene noch einmal zu erringen, und zwar auf dieselbe Weise wie damals. Der 5. Januar war ein zweiter 9. November«.

Aus der Großdemonstration vom 5. Januar heraus kam es zur Besetzung der Druckereien des SPD-eigenen Vorwärts und des Berliner Tageblatts sowie der Verlagsgebäude von Scherl, Ullstein, Mosse, des Wolffschen Telegraphenbüros und der Druckerei Büxenstein durch bewaffnete Arbeiter. Alfred Döblin, Schriftsteller und Zeitzeuge, schrieb später in seiner Novemberrevolution-Trilogie: »Revolutionäre Stoßtrupps gingen gegen die Zeitungsgebäude (…) vor, Bewegungen, die keiner dirigierte und die zunächst einmal die Lügenpresse zum Verstummen bringen sollten (…)«. Anschließend wurden auch die großen Bahnhöfe besetzt. Haffner: »Noch in der Nacht waren überall in der Innenstadt aufgeregte Züge unterwegs, auf der Suche nach strategischen Zielen, die es zu besetzen, oder auch nach Feinden, die es niederzukämpfen galt. Es zeigten sich keine. Die Revolution, die seit dem 10. November stillgelegen hatte, war wieder ausgebrochen. Scheinbar beherrschte sie in dieser Nacht Berlin (…)«.

Die Führungen von USPD und KPD entschlossen sich nun, die Besetzer zu unterstützen. Aus deren Kreis sowie aus Mitgliedern von USPD und KPD bildete sich am Abend des 5. Januar ein »Revolutionsausschuss«, dem »siebzig Revolutionäre Obleute, zehn Vorstandsmitglieder der Berliner USPD mit dem alten Georg Ledebour an der Spitze, dazu zwei Soldaten- und ein Matrosenvertreter, Liebknecht und Wilhelm Pieck als Abgesandte der KPD und schließlich Eichhorn selbst« angehörten (Haffner). Heinrich Dorrenbach, einer der Führer der Volksmarinedivision, die in der siegreichen Weihnachtsschlacht das Berliner Stadtschloss eingenommen und zu ihrem Hauptquartier gemacht hatte, erklärte unter dem Eindruck der Massenaktion: »Nicht nur die Volksmarinedivision, auch alle Berliner Regimenter stehen hinter den Revolutionären Obleuten und sind bereit, mit Waffengewalt die Regierung Ebert-Scheidemann zu stürzen«, woraufhin Liebknecht erklärte, dass angesichts dieser Konstellation der Sturz der Regierung möglich und notwendig sei, und mit 80 zu 6 Stimmen beschloss man, »den Kampf gegen die Regierung aufzunehmen und bis zu ihrem Sturz durchzuführen«.

Noch in der Nacht zum 6. Januar erging der Aufruf: »Arbeiter! Soldaten! Genossen! Mit überwältigender Wucht habt ihr am Sonntag euren Willen kundgetan, dass der letzte bösartige Anschlag der blutbefleckten Ebert-Regierung zuschanden gemacht werde. Um Größeres handelt es sich nunmehr. Es muss allen gegenrevolutionären Machenschaften ein Riegel vorgeschoben werden! Erscheint in Massen heute elf Uhr vormittags in der Siegesallee! Es gilt die Revolution zu befestigen und durchzuführen. Auf zum Kampfe für den Sozialismus! Auf zum Kampfe für die Macht des revolutionären Proletariats! Nieder mit der Regierung Ebert-Scheidemann!« Am frühen Morgen des 6. Januar wurde gedruckt: »Kameraden, Arbeiter! Die Regierung Ebert-Scheidemann hat sich unmöglich gemacht. Sie ist von dem unterzeichneten Revolutionsausschuss, der Vertretung der revolutionären Arbeiter und Soldaten (USP und KPD) für abgesetzt erklärt. Der unterzeichnete Revolutionsausschuss hat die Regierungsgeschäfte vorläufig übernommen. Schließt euch den Maßnahmen des Revolutionsausschusses an.« Der Ausschuss rief für den 7. Januar den Generalstreik aus. Diesem folgten in einer machtvollen Demonstration 500.000 Berliner Arbeiterinnen und Arbeiter. Döblin zitiert einen Augenzeugen: »Was sich an diesen Tagen in Berlin zeigte, war vielleicht die größte proletarische Masse, die die Geschichte je gesehen hat (…). [Die Proletarier] waren bereit, alles zu tun, alles zu geben, selbst das Leben. Es war eine Armee (…), wie sie kein Ludendorff gesehen hatte. Sie stand und wartete. Sie wartete auf das Signal.«

Von der Dynamik überrascht

KPD und USPD waren von dieser Dynamik vollkommen überrascht. Im Revolutionsausschuss hatten sie schließlich eine sehr kleine Minderheit gebildet. Haffner schreibt: »War es eine ›spartakistische‹, also kommunistische Revolution? Das ist von Anfang an die Sprachregelung der Sieger gewesen, und sie hat sich bis zum heutigen Tage gehalten (…). Die Wahrheit ist es nicht. Die KPD hatte den Januaraufstand weder vorhergesehen noch gewollt, weder geplant noch gelenkt. Sie war über das planlose, führungslose Vorpreschen der Massen sogar entsetzt. Ein solcher Massenaufstand, ehe die Partei überhaupt noch richtig stand, verstieß ja gegen alle Regeln! (…)«.

Beide Parteien waren nun also eher Getriebene als treibende Kraft der Massen. Und aus diesem Grund befürwortete auch Liebknecht – gegen den Rat von Luxemburg im Parteivorstand (»Karl ist das unser Programm?« oder »Karl, wo bleibt unser Programm?«) – den Versuch, den Rat der Volksbeauftragten mit Waffengewalt zu stürmen; andernfalls, so seine Einschätzung, würde sich die KPD zu sehr von den revolutionären Arbeitern entfernen. Döblin lässt Liebknecht sagen: »Macht doch nur die Fenster auf. Hört doch bloß die Leute singen. Geht auf die Straße. Kommt mit nach der Siegesallee und seht euch die Massen an. Was soll denn eure Beratung. Die Massen haben schon entschieden«.

Liebknechts Einschätzung kam jedoch einem Votum gegen die Durchführung der für den 19. Januar geplanten nationalen Parlamentswahl gleich. Sie beruhte auch auf Fehleinschätzungen der Revolutionären Obleute. Verhandlungen zwischen Revolutionsausschuss und Ebert-Regierung am 6./7. Januar verliefen im Sand. Der SPD-Reichswehrminister Gustav Noske erhielt von Ebert den Oberbefehl über die Armee und er ließ die präfaschistischen Freikorps zusammenrufen, auf die sie – dies hatte die Niederlage in den Weihnachtskämpfen gezeigt – angewiesen war. Noske hatte dabei betont, dass er gerne den »Bluthund« der Gegenrevolution machen würde. Der Rat der Volksbeauftragten drohte am 8. Januar in einem Flugblatt: »Die Stunde der Abrechnung naht!«; einen Tag später reagierten die Revolutionären Obleute, die Berliner UPSD und die KPD mit einem gemeinsamen Aufruf für den Kampf gegen »die Judasse in der Regierung (…).«

Die Ebert-Regierung konnte sich auf die Berliner Soldaten nicht verlassen. Die, die nicht überliefen, weigerten sich, für sie loszuschlagen. Die einzig antirevolutionäre kampffähige Truppe in Berlin war das Freikorps des späteren SS-Obergruppenführers Wilhelm Reinhard, das sich aus zurückgekehrten und im Krieg brutalisierten Exsoldaten zusammensetzte. Tucholsky schrieb später im Gedicht »Unser Militär!«: »Und heute? Ach heute! Die Herren oben / tun ihren Pater Noske loben / und brauchen als Stütze für ihr Prinzip / den alten, trostlosen Leutnantstyp«. Auf Befehl der SPD-Regierung überfiel die Brigade Reinhard am 10. Januar das Hauptquartier der Spartakisten in Spandau. Einen Tag später befahl Noske, auch militärisch mit schwerem Kriegsgerät gegen die ausrüstungstechnisch schwer unterlegenen Vorwärts-Besetzer vorzugehen.

SPD lässt Terror von der Leine

Die Freikorpssoldaten, von denen einige bereits mit Hakenkreuzsymbolen gesehen worden sein sollen, gingen gegen die revolutionären Arbeiter mit Maschinengewehren, Flammenwerfern, Mörsern und Artilleriegeschützen vor. Am 11. Januar ermordeten sie sieben Vorwärts-Besetzer, alles junge Arbeiter. Als Parlamentäre hatten diese das Gebäude verlassen, um über eine Kapitulation zu verhandeln. Statt dessen wurden sie festgenommen, gezwungen sich auszuziehen, wobei man ihnen alle Wertsachen raubte, um dann in die Dragonerkaserne in der Belle-Alliance-Straße 6 beim heutigen Halleschen Tor in Kreuzberg getrieben zu werden, wo die Regierungstruppen sie gegen zehn Uhr morgens ermordeten. Im Namen der Regierung eroberten die Freikorps am 12. Januar das Zeitungsviertel zurück. Und dennoch: Obwohl die Arbeiter sich auch hier und am Potsdamer Bahnhof zurückzogen, Verhandlungen anboten und angesichts der militärischen Aussichtslosigkeit freiwillig ergaben, verübten die Freikorps regelrechte Massaker. Am Alexanderplatz, einem der letzten Kampfschauplätze, wo revolutionäre Arbeiter das Polizeipräsidium auf dem heutigen Alexa-Areal besetzt gehalten hatten, wurde ein 16jähriger Gefangener, der »Hoch lebe Liebknecht!« gerufen hatte, von einem Noske-Söldner mit dem Gewehrkolben erschlagen.

Dies war die »Ursünde der SPD«. Ihre Regierung konnte sich nur mit Hilfe der verrohten, präfaschistischen Freikorps an der Macht halten. Ihre politischen Morde an revolutionären Linken (Liebknecht und Luxemburg, Kurt Eisner am 21. Februar, Gustav Landauer am 2. Mai, Hugo Haase am 8. Oktober 1919) und an anderen »Vaterlandsverrätern« (Matthias Erzberger am 26. August 1921 und Walther Rathenau am 24. Juni 1922), so das einhellige Urteil von Döblin, Haffner und zuletzt Mark Jones (»Am Anfang war Gewalt«), waren die eigentlichen Vorboten des Nazifaschismus, als dann das politische Morden zur allgemeinen Staatsräson erhoben wurde.

Die Berliner Zeitungen begrüßten die Aktionen indes als Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung. Schon seit Dezember hatte die »Antibolschewistische Liga« zur Denunziation und Verhaftung sowie zur Überstellung der Führer der revolutionären Arbeiterbewegung an die Armee aufgerufen. Diese rechtsextreme Gruppierung, aus der etliche spätere Führer und Vordenker der NSDAP wie Arthur Moeller van den Bruck hervorgingen, hatte sich mit dem Startkapital der Deutschen Bank und von Friedrich Naumann höchstpersönlich gegründet und in der Lützowstraße 107 ein »Generalsekretariat zum Studium und zur Bekämpfung des Bolschewismus« eingerichtet. Am 10. Januar trafen sich rund 50 Spitzenvertreter von Industrie, Handel und Banken mit Liga-Initiator Eduard Stadtler und gründeten den »Antibolschewistenfonds der deutschen Unternehmerschaft«. Das Treffen war von Paul Mankiewitz, dem Direktor der Deutschen Bank, organisiert worden und auf sein Hinwirken hin waren der Industrieverbandchef Hugo Stinnes, Felix Deutsch von der AEG, Arthur Salomonsohn von der Disconto-Gesellschaft, Otto Henrich von Siemens und Ernst von Borsig gekommen. Mit 500 Millionen Mark von seiten des deutschen Kapitals – 50 Millionen davon sofort – ausgestattet, finanzierte Stadtler jetzt antikommunistische Organisationen, darunter höchstwahrscheinlich auch die NSDAP.

In den folgenden Wochen und Monaten beklebte die Liga ganz Berlin mit Hassplakaten, was Tucholsky notieren ließ: »Da schleichen schauerliche Gespenster mit Affenarmen einher, im Maul halten sie zwei Säbel und eine kleine Kanone, mit dem linken Hinterfuß ermorden sie eine fünfköpfige Beamtenfamilie, mit dem rechten zertreten sie zwei Regierungsbezirke, dass die Flammen nur so herausschlagen (…) Da sitzen Kinder auf Särgen herum, weil kein Stuhl da ist; wilde Tatarenfratzen sehen dich böse an, weil du morgen abend um acht Uhr nicht in einen Vortrag gehen willst, und grauenhaft geschwungene Mordmesser sind noch das mindeste (…). Diese unselige Stimmungsmache stammt noch aus der Zeit der Kriegsanleihen (…)« (Berliner Tageblatt, 29.3.1919).

Die Mordaktion

Mit Hunderttausenden Plakaten und Flugblättern rief die Liga nach dem 12. Januar berlinweit zur Ermordung von Luxemburg und Liebknecht auf: »Das Vaterland ist dem Untergang nahe. Rettet es! Es wird nicht von außen bedroht, sondern von innen: Von der Spartakusgruppe. Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht! Dann werdet ihr Frieden, Arbeit und Brot haben. Die Frontsoldaten.«

Gleichzeitig traf sich Stadtler im Hotel Eden am Kurfürstendamm 246/247 mit Waldemar Pabst, dem Kommandeur der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, einer der letzten intakten Reichswehr-Einheiten, die nach Berlin beordert worden war, und überzeugte ihn von der »Notwendigkeit«, Liebknecht, Luxemburg und Karl Radek, der im Auftrag Lenins in Berlin weilte, zu ermorden. Am Abend des 15. Januar wurden Liebknecht und Luxemburg in ihrem Versteck bei Doktor Markussohn in der Mannheimer Straße 43 in Berlin-Wilmersdorf von einer lokalen Bürgerwehr, »brave(n) Einwohner(n) einer westlichen Berliner Gemeinde, die am übelsten und reaktionärsten von allen regiert wird« und die »zur Aufrechterhaltung gottgewollter Abhängigkeiten« einen »kleinen Feuerwehrverein« gegründet hatten, so der verbitterte Tucholsky, aufgespürt und mit Hilfe eines Trupps Soldaten zusammen mit Pieck, der die Korrekturfahnen der neuen Ausgabe der Roten Fahne mitgebracht hatte, gefangen genommen. Vermutlich half bei der Aufspürung auch die von Noske angeordnete permanente telefonische und Bewegungsüberwachung von Liebknecht, deren Daten sofort Pabst mitzuteilen waren.

Die beiden wurden ins zweieinhalb Kilometer entfernte Eden-Hotel verbracht, wo Pabst und seine Division schon seit dem Morgen auf sie warteten und die Gefangenen nun mehrere Stunden misshandelten. Pabst schrieb dann einen umfassenden Bericht, der am nächsten Tag in allen Zeitungen veröffentlicht wurde; demzufolge sei Liebknecht »auf dem Transport ins Untersuchungsgefängnis Moabit bei einem Fluchtversuch erschossen worden«, während Luxemburg in eine wütende Menschenmenge geraten, seinen Soldaten entrissen und dann an einen unbekannten Ort verschleppt worden sei.

Indes führten Pabsts Soldaten Luxemburg und Liebknecht durch einen Seitenausgang aus dem Hotel in eine abgesperrte Seitenstraße, wo der »Jäger« Otto Runge auf sie wartete und ihnen mit einem Gewehrkolben betäubende Schläge versetzte. Danach verschleppten Pabsts Soldaten zuerst Liebknecht mit einem Automobil zum anderthalb Kilometer entfernten Neuen See im Tiergarten. Hier wurde er, um den Mord als Erschießung bei einem Fluchtversuch vertuschen zu können, aufgefordert, auszusteigen und dann durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet. Einige Minuten später folgte ein weiteres Auto mit Luxemburg in Richtung Tiergarten. Schon kurz nach der Abfahrt schossen die Soldaten Luxemburg in die Schläfe und warfen sie anschließend von der Lichtensteinbrücke im Tiergarten in den Landwehrkanal. Die Leiche von Luxemburg wurde erst am 31. Mai angeschwemmt, die von Liebknecht von seinen Mördern als »unbekannte Leiche« in einem Leichenschauhaus abgegeben.

Am Morgen vor ihrer Ermordung waren in der Roten Fahne Luxemburgs und Liebknechts letzte Artikel erschienen; beide hatten den Tod offensichtlich vor Augen. Unter der Überschrift »Die Ordnung herrscht in Berlin« waren Luxemburgs allerletzte Worte: »Ihr stumpfen Schergen! Eure ›Ordnung‹ ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon ›rasselnd wieder in die Höh’ richten‹ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!« Und Liebknechts Artikel »Trotz alledem« endete mit den Worten: »Die Geschlagenen von heute werden die Sieger von morgen sein (…) Und ob wir dann noch leben werden, wenn es erreicht wird – leben wird unser Programm; es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen: Trotz alledem!« Luxemburg und Liebknechts letzte Worte wurden anschließend millionenfach verbreitet; und Bertolt Brecht würde Liebknechts Worte zwölf Jahre später in seinem Revolutionsstück »Die Mutter« nach Maxim Gorki aufgreifen.

Luxemburg und Liebknechts Mörder erhielten für ihre Tat hohe Belohnungen, die vermutlich auch aus dem »Antibolschewistenfonds der deutschen Unternehmerschaft« bezahlt wurden. Der Gerichtsprozess zur Aufklärung der Morde geriet zur Farce. Untersuchungen wurden nicht eingeleitet. Erst die Anstrengungen von Leo Jogiches, Luxemburgs Lebensgefährte, und der KPD, die die Täter ausfindig und deren Aufenthaltsorte öffentlich machten, führten zur Einleitung eines Prozesses. Dieser fand nicht vor einem Zivil-, sondern vor einem Militärgericht statt. Der anklagende Kriegsgerichtsrat Jorns vertuschte im Untersuchungsverfahren die Morde; und die Hauptverhandlung brachte lediglich geringe Haftstrafen für Otto Runge und Horst von Pflugk-Harttung. Gegen Pabst hatte man nicht einmal ermittelt. Aber auch Runge und Pflugk-Harttung mussten ihre Haftstrafen nicht antreten. In einer Berufungsverhandlung wurden sie von einem preußischen Militärgericht schließlich freigesprochen. Unterzeichnet war das Urteil von Noske höchstpersönlich; und Noske sorgte auch persönlich für die Einstellung des Revisionsverfahrens. Die Nazis wiederum zahlten den Tätern später Haftentschädigung. Kurt Tucholsky, der als Prozessbeobachter dem Prozess beiwohnte, schrieb einen langen, wütenden Essay hierüber und schlussfolgerte: »Was da in dem großen Saal unter dem Bildnis ›Seines‹ glorreichen Großvaters, Kaiser Wilhelms des Großen, vor sich gegangen ist, ist in unsre Herzen eingebrannt«. Und später dichtete er: »Liebknecht ist tot, Vogel heidi. / Solche Mörder straft Deutschland nie«.

Handlanger und Biedermänner

Historisch nicht mehr zu rekonstruieren ist, ob die Soldaten nur unter Duldung oder auch im direkten Auftrag Noskes handelten. In jedem Fall war auch zwei Tage vor der Mordaktion im Vorwärts zur Tötung von Liebknecht, Luxemburg und Radek aufgerufen worden – und zwar in einem Gedicht, das mit den Zeilen endete: »Vielhundert Tote in einer Reih’ – / Proletarier! – Karl, Rosa, Radek und Kumpanei – / es ist keiner dabei, es ist keiner dabei! / Proletarier!«. Zudem wurde in den späteren Prozessen gegen die Mörder von einem halben Dutzend Personen ausgesagt, ein »Helferdienst der SPD« um Scheidemann selbst habe zusammen mit Georg Sklarz, »einem mit Scheidemann eng befreundeten neureichen Kriegsmillionär« (Haffner), eine Kopfprämie von 50.000 Mark für die Ergreifung von Luxemburg und Liebknecht ausgelobt. Außerdem gibt es die Aussage von Pieck, der als Mitverhafteter während der Misshandlungen anwesend war. Ihm zufolge wurde eines der von ihm dort mitgehörten Telefongespräche mit der Reichskanzlei geführt.

Nach seinem Tod fand man im Nachlass von Waldemar Pabst schließlich die Abschrift eines 1969, ein Jahr vor seinem Tod verfassten Briefes. Darin heißt es: »Dass ich die Aktion ohne Zustimmung Noskes gar nicht durchführen konnte – mit Ebert im Hintergrund – und auch meine Offiziere schützen musste, ist klar. Aber nur ganz wenige Menschen haben begriffen, warum ich nie vernommen oder unter Anklage gestellt worden bin. Ich habe als Kavalier das Verhalten der damaligen SPD damit quittiert, dass ich 50 Jahre lang das Maul gehalten habe über unsere Zusammenarbeit.«

Tucholsky bemerkte zur Noske-Frage: »Es ist völlig uninteressant, zu wissen, ob Noske im guten Glauben handelt oder im schlechten. Er ist ein Schädling, denn schlimmer als die exploitierenden Reichen sind ihre Handlanger, schlimmer als der Großbauer ist der Hund.« Haffner schob ein halbes Jahrhundert später hinterher: »Es macht Ebert und Noske nicht sympathischer, dass sie keine Schurken großen Formats waren, sondern Biedermänner (…). Wenn man nach ihren Motiven sucht, findet man nichts Dämonisches oder Satanisch-Großartiges, nur Banales: Ordnungsliebe und kleinbürgerliches Strebertum (…)«.

Für die Linke war die Ermordung von Liebknecht und Luxemburg ein Schock; und sie zeichnete die Geschichte Deutschlands bis 1933 vor. Haffner schreibt, die Mordtat habe »am Ablauf der politischen Ereignisse zunächst so gut wie gar nichts« geändert; »im Gesamtverlauf der Dinge (…) schien dieses Verbrechen damals nicht mehr als eine grelle Episode zu sein. – Heute sieht man mit Schrecken, dass diese Episode das eigentliche geschichtsträchtige Ereignis des deutschen Revolutionsdramas gewesen ist (…). Der Mord vom 15. Januar 1919 war ein Auftakt – der Auftakt zu den tausendfachen Morden in den folgenden Monaten der Noske-Zeit, zu den millionenfachen Morden in den folgenden Jahrzehnten der Hitler-Zeit«.

Schon kurz nach den Mordtaten widmete Tucholsky sein Gedicht »Zwei Erschlagene« voller Hass »Der Garde-Kavallerie-Schützen-Division zu Berlin in Liebe und Verehrung«. Darin heißt es: »Da liegen die beiden am Hotel Eden. / Bestellte Arbeit? Die Bourgeoisie? / So tatkräftig war die gute doch nie … / Wehrlos wurden zwei Menschen erschlagen. // Und es kreischen Geier die Totenklagen: / Gott sei Dank! Vorbei ist die Not! / ›Man schlug‹, schreibt einer, ›die Galizierin tot‹. / Wir atmen auf! Hurra Bourgeoisie! / Jetzt spiele deine Spielchen ohne die!// Nicht ohne! Man kann die Körper zerschneiden. / Aber das eine bleibt von den beiden: / Wie man sich selber die Treue hält, / wie man gegen eine feindliche Welt / mit reinem Schilde streiten kann, / das vergisst den beiden kein ehrlicher Mann! / Wir sind, weiß Gott, keine Spartakiden. / Ehre zwei Kämpfern! Sie ruhen in Frieden!«

Ingar Solty veröffentlichte an dieser Stelle am 20.11.2018 Thesen zur Literatur der Migration.

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