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Aus: Ausgabe vom 31.12.2018, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Wer verabschiedet da wen?

Top ten der Spex-Hefte anlässlich des Erscheinens der 384. und letzten Ausgabe
Von Thomas Lau
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Let’s talk about Spex: Unsere Nummern 3, 8 und 9

Das stolze Alter von 38 Jahren erreichen nicht viele Musikmagazine. Die Spex (1980– 2019) hat es geschafft, anders als etwa die zeitgleich angetretene britische Stilpolizei The Face (1980–2004). Mitten in der zweiten großen »Sattelzeit« (Reinhart Koselleck) der Popgeschichte, geprägt von Punk, Disco und Star Wars, suchten viele Pop-Startups ihr Glück in einem Kulturbetrieb, der ihnen bis dahin verschlossen war.

Gerade ist die letzte Printausgabe der Spex erschienen. Ab Februar soll es im Internet weitergehen, in dem die Konkurrenz der Weltdeuter und Schlauberger weitaus größer ist, als sie auf dem Zeitschriftenmarkt je war. Jahrelang hatte die Kölner Redaktion hierzulande uneingeschränkte Deutungshoheit über den Teil der populären Musik, in dem es von New Wave bis Grunge, von okayer Chartsmusik bis HipHop und weit darüber hinaus darum ging, einen gemütlichen Platz im bildungsbürgerlichen Hipstertum zu finden, lange bevor es den Hipster, wie wir ihn heute kennen, überhaupt gab. So lässt sich auch erklären, dass viele Spex-Macher und -Macherinnen ihre Deutungstätigkeit nach ihrer Spex-Zeit an Universität, in Kunst, Literatur oder Feuilleton fortsetzten.

Wohltuend unaufgeregt bot die Spex oftmals entscheidende Hinweise auf Distinktionsgewinne in Zeiten, in denen die gesellschaftlichen Normen starken Veränderungen unterworfen waren. Die Leser versicherten sich ihrer Normalität, dazu wurde mehr oder weniger heftig auf die anderen gezeigt. Im Fernsehen übernahm diese Aufgaben MTV, auch der große Bedeutungsverlust beider Erfolgsmedien sollte Ende der 90er ungefähr zeitgleich einsetzen.

Eine Zäsur für die Spex war der Umzug von Köln nach Berlin im Jahr 2007, verbunden mit dem Austausch der kompletten Redaktion und der Umstellung auf zweimonatliches Erscheinen. Nun konnte im »Magazin für Popkultur« nur noch ungefähr die Hälfte der Themen munter dekonstruiert oder zumindest lakonisch kommentiert werden. Gerne hätte man in der letzten Zeit zum Beispiel mal etwas Schlaues, gegen den Strich Gebürstetes, über Ariana Grande, Taylor Swift, Jan Böhmermann, Mesut Özil oder Helene Fischer gelesen. Vielleicht kommt das ja demnächst online.

Auch wer die Spex beim Tonträgerkauf zur Orientierung in der Nische seiner Wahl genutzt hatte, wurde immer öfter enttäuscht. Mit jeder Ausgabe wurde es schwerer, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum man auch die folgende kaufen oder wenigstens zur Kenntnis nehmen sollte. Und die Bestätigung, dass das persönlich gewählte Coolnesskonzept mindestens okay ist, gaben längst andere Instanzen – wenn überhaupt. Offizielle Gründe für den Rückzug aus den Regalen in den Bahnhofsbuchhandlungen sind jedenfalls der Anzeigenrückgang und das Internet mit seinen Influencern und sonstigen Spaßvögeln.

Bevor wir im Februar sehen werden, wie das online funktionieren soll, blicken wir auf die zehn besten Spex-Ausgaben aus 38 Jahren:

1.) November 1992: Die Ausgabe mit dem mehr als wegweisenden Beitrag »The Kids Are Not Alright. Abschied von der Jugendkultur« von Diedrich Diederichsen – wieviel Macht ein Printprodukt für ein aufrechtes Nischenpublikum haben konnte!

2.) Oktober 1983: Die reizende Kim Wilde auf dem farbigen Cover mit einer Frisur, die heute kaum noch getragen wird. Dazu Ankündigungen zu Trio oder Violent Femmes – eine Bandbreite, die sich in jener Zeit mit dieser sophisticated Ernsthaftigkeit kaum jemand getraut hat.

3.) Juli/August 2017: Themenheft »Wut. Ein Gefühl spaltet die Popwelt« mit Texten von Noam Chomsky und Ted Gaier sowie auf der beiliegenden CD Tracks von Andreas Dorau und Der Plan. Da ging noch mal was!

4.) September 1989: Große Gesten, breite Spuren – die Masters of Fallhöhe in Aktion: Hardcore in Hannover, Blixa Bargeld, Wreckless Eric, Oldtimertest mit Lüde und eine akribische Liste »Alle deutschen Bands, Clubs, Labels« – so etwas wird nicht mehr hergestellt.

5.) Oktober 1995: Jubiläumsausgabe »Spex wird 15!«, in der es hoch hergeht, bis hin zu einem Beitrag über die »Bewegung 2. Juni«. Auf dem Cover die programmatische, die Spex andauernd begleitende Frage »Wer ist drinnen? Wer ist draußen?«

6.) Juni 1981: 32 Seiten, schwarzweiß, Großformat – beinahe so groß wie der berühmte wöchentliche New Musical Express (1952–2018). Das Heft sieht noch nach Fanzine aus, tritt aber schon mit »Musik zur Zeit« im Untertitel an. Zentrale Beiträge zu Clash und The Fall. Viele Anzeigen von Schallplattenläden, etwa: »Soundtrack zum Untergang« für 14 DM!

7.) November 1983: »Uns leuchtet ein Stern« ist die Überschrift zu einem der ersten Artikel, der in einer deutschen Zeitschrift über Madonna erschien. Mit zwei Schwarzweißfotos. Schlusssatz: »Und eigentlich ist sie doch ganz nett.«

8.) Januar/Februar 2015: Jahresrückblick, der mit »Alle happy? Ein Scheißjahr geht zu Ende« angekündigt wird. Kann man machen.

9.) Juli 1990: Themenheft »Girlism«, das Runaways und Yeastie Girls nicht vergisst.

10.) Januar/Februar 2019: Die 384. und letzte Ausgabe. »Bye Spex!« vorne (Wer verabschiedet da wen?) auf einem Wolfgang-Tillmans-Foto, »Sahara Reflex« (Warum das?). Und so rätselt man sich, wie man es seit 38 Jahren gewohnt ist, durch das Heft, findet Zitate und Querverweise für Eingeweihte, schüttelt den Kopf, nickt zustimmend. Man freut sich über ein Interview mit den Goldenen Zitronen oder über den bunten mehrseitigen Rückblick in die Blattgeschichte. 116 Seiten, plus CD mit zwölf Tracks, 5,90 Euro. Fortsetzung demnächst in deinem Internet.

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