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Aus: Ausgabe vom 24.12.2018, Seite 11 / Feuilleton
Nachruf

Feinde machte er sich viele

Warum ein ungelebtes Leben hinnehmen? Zum Tod des unnachgiebigen Gesellschaftskritikers Wolfgang Pohrt
Von Jakob Hayner
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»Unnachahmliche Formulierungsgabe«: Wolfgang Pohrt

Als der 1945 geborene Wolfgang Pohrt als Hilfsschlosser bei Siemens arbeitete, so erzählte er die Geschichte, war er auf einer Feier für 40 oder 50 Jahre Betriebszugehörigkeit. Es war ein proletarisches Trauerspiel, der vom Kapital vernutzte Mensch wurde für seinen aufopferungsvollen Einsatz beklatscht. Ein Kollege machte eine Geste: Da könne man sich ja gleich aufhängen. Pohrt kündigte statt dessen, machte das Abitur nach und fing an zu studieren. »Ich wollte wissen, warum die Menschen ein ungelebtes Leben hinnehmen«, und so landete er bei der Soziologie. Nun war die akademische Soziologie vor allem höherer Unsinn mit gepflegtem Äußeren, so dass Pohrt das Studium abbrechen wollte. Um der Sache noch eine letzte Chance zu geben, ging er zu einem Regal mit Fachliteratur, und bei A wie Adorno und Horkheimer fand er einen schmalen Band namens »Dialektik der Aufklärung«. Die Lektüre bewahrte ihn vor dem Studienabbruch und schärfte seinen Blick auf das Unheil, das man recht harmlos kapitalistische Vergesellschaftung zu nennen pflegt. Pohrt, der in der Folge als Soziologe und Publizist wirkte, war Zeit seines Lebens einer Kritik der Gesellschaft verpflichtet, die sich nicht in abstrakten Beschreibungen erschöpfte, sondern in erster Linie auf das Ende des Skandals des ungelebten Lebens zielte.

Die Marxsche Theorie war für Pohrt immer auch Theorie der Revolution, Che Guevara in Kuba und das Studium der blauen Bände gehörten zusammen. Vernunft und Geschichte, das war sein Thema. Vernunft heißt Kommunismus, Kommunismus heißt vergesellschaftete Produktion von Gebrauchswerten. In seiner 1976 erschienenen Dissertation »Theorie des Gebrauchswerts« wandte er sich gegen die braven Marx-Philologen. Pohrt zeigte, dass der Kapitalismus eine Welt produziert, die so sehr dem Zweck der Profitmacherei angepasst ist, dass sie zu etwas anderem kaum mehr zu gebrauchen ist. Bücher, die man nicht mehr lesen kann, Sprache, die zum Dichten nicht mehr taugt, dafür aber um so mehr für Befehle, Dinge, die nur noch zum Wegschmeißen dienen, und ein Leben, das nur als passives Hinnehmen fremdbestimmter Arbeit und verordneten Konsums überhaupt noch geduldet wird, das waren für Pohrt die Auswirkungen einer völlig irre gewordenen Produktionsweise. Geradezu allergisch reagierte er deswegen auf jede Form der stupiden Kulturkritik, die nur vom Verfall schwafelt, um ihn zu verwalten. Dummheiten gehören abgeschafft, nicht reformiert.

Denken – und Schreiben als Fixierung des einmal Gedachten – war für Pohrt weder Bildungshuberei noch instrumentelle Dienstleistung. Ihm war selbstverständlich, dass es auf Wahrheit zielen muss. Sein polemischer Stil war auch eine Zurückweisung der Zumutung, dass Kommunikation – das Modewort schlechthin von den Siebzigern bis zur Gegenwart – einfach ein Mittel sei, um Einverständnis herzustellen und für gegenseitige Akzeptanz zu werben. Wahr ist nicht, worauf sich alle einigen können, erst recht nicht in einer Gesellschaft, die von widerstreitenden Interessen zerrissen ist und von der Gewalt des Kapitals dominiert wird. Statt dessen Parteilichkeit für die Vernunft und gegen die Herrschaft. Dass man von Gewalt nicht schweigen kann, wenn man über Politik redet, zeigte er an der RAF und den Revolutionären Zellen, mit denen ihn mehr verband als mit den »Alternativen« und der deutschen Friedensbewegung. Deren Pazifismus fand er verlogen, ihre Heimattümelei und Kleinlichkeit abstoßend, wie er 1981 in seinem aufsehenerregenden Artikel »Ein Reich, ein Volk, ein Frieden« darlegte. Die kleinen Lügen verfolgte er, nach Brecht, unnachgiebig. Denn auch sie sabotieren »die aufklärerische Idee der Menschheit und mit ihr das bis heute uneingelöste Versprechen der sozialistischen Revolution«.

Für Konkret schrieb er mehr als hundert Artikel, auch jenen zum Golfkrieg, in dem er meinte, dass Israel auf einen irakischen Giftgasangriff mit nuklearen Waffen reagieren solle. Pohrt polemisierte ohne Rücksichten, auch gegen den Konformismus und die Wohlfühllügen der Linken, Feinde machte er sich viele. Er wollte in der Sache richtig liegen. Dass er dabei auch irrte, gehörte dazu. Mitunter waren Pohrtsche Irrtümer, wie Sophie Rois einmal sagte, besser als manch biedere Einsicht, was an seiner unnachahmlichen Formulierungsgabe lag. Er wollte auch nicht kritiklos verehrt werden, sondern – wie es so abgegriffen heißt – zum Selbstdenken anregen. Rücksichten auf Szenebefindlichkeiten waren seine Sache nicht. Wann immer man Pohrt für einen Vortrag oder ein Podium einlud, musste man damit rechnen, dass seine Kritik bei den Einladenden selbst begann – wenn sie dann auch bei Adam und Eva enden mochte.

Die Antideutschen, als deren »Vordenker« er galt, obwohl er sie komisch fand, stieß er 2003 im Berliner Tempodrom vor den Kopf, indem er erklärte, Antisemitismus sei kein größeres Problem der bundesdeutschen Gesellschaft mehr. Sein im Jahr darauf veröffentlichtes Buch »FAQ« wurde kaum noch zur Kenntnis genommen. Seine letzten Bücher in der Edition Tiamat, in der zur Zeit eine Pohrt-Werkausgabe erscheint, waren ein Abgesang auf die revolutionäre Linke. »Kapitalismus forever« (2012) und »Das allerletzte Gefecht« (2013) zeigten, wie immer stilistisch brillant, die Gesellschaft als Verhängnis ohne Ausweg. Resignation? Oder eine letzte Provokation, um doch noch revolutionäres Potential zu schüren? Wollte er zuletzt nicht doch lieber widerlegt werden, wie auch Marx, Adorno und Horkheimer, durch Praxis? Die Gelehrten streiten bis heute und werden es wohl noch länger tun. Am Freitag ist Wolfgang Pohrt im Alter von 73 Jahren gestorben.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Helmut Thielen: Quentchen Wahn Ich möchte den Autor des Gedenkartikels zu Pohrt fragen, ob es jenen Giftgasangriff des Iraks auf Israel wirklich gegeben hat. Ich vermute nicht. Wenn es so ist, wäre das ein Hinweis darauf, dass sein...

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