Aus: Ausgabe vom 22.12.2018, Seite 8 / Abgeschrieben

Schreckensort unter Denkmalschutz

Wie das Berliner Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika am Freitag mitteilte, stellt Chile die ehemalige Geheimdienstzentrale, ein Haus der Colonia Dignidad, unter Denkmalschutz:

Am 19.12.2018 hat der chilenische Nationale Denkmalrat (Consejo de Monumentos Nacionales – CMN) ein Haus in der südchilenischen Stadt Parral unter Denkmalschutz gestellt, das die Colonia Dignidad dem chilenischen Geheimdienst Dina zur Verfügung gestellt hatte. Das Haus in der Straße Ignacio Carrera Pinto Nr. 262 diente zwischen 1974 und 1977 als Sitz der Geheimdienstbrigade der Dina, die für den Süden des Landes zuständig war (Brigada de Inteligencia Regional Sur). Es war gleichzeitig Koordinationszentrale zwischen der Deutschensiedlung Colonia Dignidad und der Dina sowie Haftort für politische Gefangene, die von oder zur Colonia Dignidad transportiert wurden.

Die Funktion des Hauses, das derzeit privaten Eigentümern gehört, ist seit langem bekannt und dokumentiert. Es wurde bereits in den Berichten der chilenischen Wahrheitskommissionen 1991 und 2004 erwähnt. Verschiedene chilenische Gerichtsurteile enthalten genaue Schilderungen der Repression gegen politische Oppositionelle, die in den ersten ­Jahren der chilenischen Militärdiktatur von diesem Haus ausging und an der auch verschiedene Führungsmitglieder der Colonia Dignidad beteiligt waren. Die Colonia Dignidad war Eigentümerin des Hauses und überließ es 1974 dem Chef der Brigada de Inteligencia Regional Sur der Dina, Fernando Gómez Segovia. Dieser wurde 2016 wegen Mitgliedschaft in einer aus Dina- und Colonia-Dignidad-Mitgliedern gebildeten kriminellen Vereinigung und wegen seiner Beteiligung am »Verschwindenlassen« von Oppositionellen verurteilt. Er sitzt dafür gegenwärtig in Haft.

Die Angehörigenorganisation der Verschwundenen (AFDD) hatte im November 2016 beantragt, das Haus unter Denkmalschutz zu stellen. Sie möchte, dass in dem Haus ein Erinnerungsort eingerichtet wird. Die AFDD hatte zur Untermauerung des Antrags mehr als 200 Unterstützungserklärungen von Angehörigen- und Menschenrechtsorganisationen, von Parlamentariern und anderen Personen des öffentlichen Lebens aus Chile und Deutschland eingereicht. (…) Nun hat der chilenische Nationale Denkmalrat dem Antrag einstimmig stattgegeben und das Haus zum Nationalen Denkmal erklärt.

Myrna Troncoso, die Sprecherin der Angehörigenverbände der Maule-Region, in der auch die Colonia Dignidad liegt, zeigte sich daraufhin sehr zufrieden. »Bisher sind die schrecklichen Verbrechen, die die Dina in Zusammenarbeit mit der Colonia Dignidad begangen hat, in der Maule-Region unsichtbar. Die Denkmalschutzerklärung ist daher ein wichtiger Schritt, um die neuen Generationen für diese schrecklichen Vorgänge in unserer jüngeren Geschichte zu sensibilisieren, damit diese sich niemals wiederholen. Wir hoffen, dass aus diesem Haus nun ein Ort des Gedenkens und der Bildung wird. Er soll an die staatliche Verpflichtung erinnern, das aufzuklären, was mit unseren verschwundenen Angehörigen geschehen ist, und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen«, so Troncoso.


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