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Aus: Ausgabe vom 21.12.2018, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Das richtige Tempo

Klassenübergreifende Lovestory, sogar glaubwürdig: »Die Schneiderin der Träume«
Von Felix Bartels
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Nie aus der Rolle fallen: Ratna (Tillotama Shomes) auf dem Weg nach Mumbai

Die junge Ratna ist früh verwitwet und deshalb gezwungen, in Mumbai eine Stelle als Dienstmädchen anzunehmen. Sie lebt dort im Haushalt des etwa gleichalterigen Ashwin, der gerade seine geplante Hochzeit platzen ließ. Während sie den Traum verfolgt, Schneiderin zu werden, muss Ashwin ein Lebensziel erst wieder finden. Er hat die Möglichkeiten, sie die Ambitionen. Dergestalt passend wie Schloss und Schlüssel lassen sie sich aufeinander ein. Was anderswo eine alltägliche Lovestory wäre, ist unterm Diktat traditioneller und ökonomischer Einflüsse eine viel größere Sache – vergleichbar vielleicht der Situation, die Schiller zum Ende des 18. Jahrhundert in »Kabale und Liebe« gespiegelt hat.

Die Kamera, die in den Außenszenen ihre Möglichkeiten etwas verschenkt, verbildlicht durch Raumwände schneidende Einstellungen, wie zugleich trennend das enge Zusammenleben von Herr und Knecht ist. Trennend scheint auch die Sprache: Die Oberschicht spricht Englisch, die einfachen Leute verständigen sich in Hindi. Es dauert, ehe Ashwin und Ratna das Distanz schaffende Englisch ablegen.

Die Klassenverhältnisse gehen weit über die bloße Beziehung von Lohnarbeit und Kapital hinaus. Ratna lebt verhältnismäßig gut in Indien, wo etwa 40 Millionen Hausangestellte kaum je Sozialversicherung genießen, kein gesetzlicher Mindestlohn existiert und unbezahlte Überstunden einfach die Regel sind. Doch auch sie nimmt ihre Mahlzeit auf dem Boden sitzend und ohne Besteck, wird im Arbeitsalltag (nicht von Ashwin selbst, doch von seinen Freunden, seiner Familie) gedemütigt, muss ihren Herrn um Erlaubnis fragen, in einem Zweitjob als Schneiderin zu arbeiten. Die Schwierigkeit dieser Lovestory liegt darin, das Einanderzuwachsen der beiden Charaktere im richtigen Tempo zu erzählen. Eine allzu schnelle Überwindung jener tiefen Gräben wäre ebenso schnell im Kitsch verendet. Der Film behandelt die entstehende Liebe bis zum Schluss als Problem.

Auf die ökonomische legt sich dann eine kulturelle Schicht. Rudimente des Kastenwesens und die Praxis der arrangierten Ehe, bei der sich Familien niederen Standes häufig in einen höhergestellten einkaufen, sind in den ländlichen Regionen Indiens noch immer bestimmend. Ratna, die vom Land kommt, hätte bei einer Ehe mit Ashwin von der eigenen Familie Schlimmeres zu befürchten als von seiner. Sie hatte ihr Studium aufgegeben, um zu heiraten. In Mumbai ist ihre Liaison bloß anstößig und nicht auch gefährlich, aber Ratnas Misere droht sich zu wiederholen: Sie geriete bei einer standesübergreifenden Heirat wiederum in volle Abhängigkeit eines Mannes. Auch dort nämlich, wo der kulturelle Ballast verschwindet, bleibt das Klassenverhältnis bestehen, und als bedienstete Frau ist Ratna doppelt unterworfen.

Daher ist es zumindest ungeschickt, dass dieser Film, der im Original »Sir« heißt, vom deutschen Verleih als »Die Schneiderin der Träume« vertrieben wird. »Sir« legt den Akzent auf ein gesellschaftliches Verhältnis; der deutsche Titel erweckt den Anschein einer bloßen Aufsteigerstory. Der Film ist aber viel zu genau in der Verbildlichung sozialer und psychologischer Vorgänge, um als Werbemärchen des westlichen, liberalen Kapitalismus mit seinem unprobaten »Leb deinen Traum!« genommen zu werden.

Selbst im Prozess ihrer Annäherung sind die Liebenden nicht gleich. Für Ashwin ist Ratna, bei allem Gefühl, die Frau, die einen freigewordenen Platz einnimmt. Was ihr viel eher zum Problem wird als ihm. Zu Beginn noch behandelt er sie praktisch wie ein Haushaltsgerät – nicht respektlos, nicht tyrannisch, aber irgendwie, als sei sie gar nicht da. Ratna hält aus einem Instinkt, den Unterdrückte zwangsläufig entwickeln, selbst in intimen Situationen stets eine Restdistanz. Hier lebt der Film vom delikaten Schauspiel Tillotama Shomes. Nie entspannt ihr Gesicht sich ganz, in Momenten der Zuneigung nicht, in vergifteten erst recht nicht. Sie spielt eine stolze Person, die Demütigung erträgt, ohne in Demut zu fallen. Man sieht, was sie wirklich denkt, ohne dass man es aus ihrem Gesicht lesen könnte. Shome spielt zwei Rollen zugleich, denn ebensowenig wie sie aus der Rolle der Ratna, fällt Ratna aus der ihren.

»Die Schneiderin der Träume«, Regie: Rohena Gera, Indien/Frankreich 2018, 99 min, bereits angelaufen

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