Aus: Ausgabe vom 20.12.2018, Seite 10 / Feuilleton

Ein aufrichtiges Lied

Porträt des kubanischen Musikers Eduardo Sosa, der im Januar bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin zu Gast sein wird

Von Volker Hermsdorf
Eduardo Sosa: “Yo sigo siendo un cubano de a pie, jaranero y tra
Eduardo Sosa spielt Luftgitarre

Der Liedermacher Eduardo Sosa ist weltweit gefragt, kehrt aber am liebsten zu seinen Wurzeln zurück, wie er im Herbst nach einer Tour durch Dörfer und Städte im Osten Kubas erklärte. Sein bekanntester Titel »A mi me gusta, Compay«, das Lieblingslied von Che Guevaras Tochter Aleida, beginnt mit der Zeile »Ich lebe gerne hier, wo ich lebe«. Sosa wählte dafür den Stil einer Guaracha, die in Kuba lange zur Musik der benachteiligten sozialen Schichten gehörte.

Sosa wohnt seit einigen Jahren in Havanna, aber es zieht ihn immer wieder in den »Oriente«, wie die Ostprovinzen in Kuba genannt werden, und dort besonders zu den Menschen, die selten in Konzertsäle gehen. Musik sei Teil der kulturellen Identität seines Landes, sagte er 2015 in einem jW-Interview. »Wenn ein Land seine Kultur verliert, existiert es nicht mehr.« Dagegen lohnt der Kampf: »Als Musiker will ich die kubanische Musik verteidigen und bekanntmachen«.

Vorzugsweise setzt Sosa auf kubanische Rhythmen wie den Son, den Bolero oder die Guaracha, auch wenn sein Repertoire genauso Balladen und Blues umfasst. Er stand mit dem spanischen Weltstar Ana Belén auf der Bühne und mit kubanischen »Trovadores« wie Pablo Milanés oder Silvio Rodríguez. Er tourte durch Lateinamerika und Europa, repräsentierte sein Land auf den Weltfestspielen der Jugend in Caracas (2005), Quito (2013) und Sotschi (2017).

Geboren wurde er am 18. April 1972 im Municipio Mayari, einer an San­tiago de Cuba grenzenden Region im Osten. Berühmteste Söhne des Municipios sind die Brüder Fidel und Raúl Castro, die auf dem väterlichen Gutshof im Dorf Birán zur Welt kamen. Im »Oriente« verbinden sich die revolutionären Traditionen der »Mambises« aus den Unabhängigkeitskriegen gegen die spanische Kolonialherrschaft mit der traditionellen kubanischen Musik.

Wie sein großes Vorbild Miguel Matamoros, ein legendärer Komponist, Sänger und Bandleader, ist Sosa Autodidakt. Inspiriert durch seine Großmutter sei die Musik seine vielleicht größte Liebe geworden, sagt er. »Ich habe als Kind gern gesungen und wollte mich dazu auf der Gitarre begleiten. Ein Nachbarsjunge zeigte mir einen Akkord, ein Freund dann einen anderen.« Eine Musikschule hat Sosa, der einen Hochschulabschluss als Lehrer besitzt, nie besucht. Aber mit zwölf ist er schon auf Veranstaltungen von Studentenorganisationen aufgetreten, später gewann er als Mitglied des Studentenverbandes FEU zahlreiche Preise. Zum Profi wurde Sosa als Gründungsmitglied des Duos »Potrova« ab 1997. Fünf Jahre lang hatten er und Ernesto Rodríguez Alvarez große Erfolge mit modernen Arrangements traditioneller kubanischer Musik, zwei Aufnahmen erscheinen beim Major-Label EMI.

Nach der Auflösung des Duos im Jahr 2002 widmete sich Sosa verstärkt der »Trova« und entwickelte sich solo weiter. 2017 erhielt er für sein Album »Como si fueran mías« den renommierten Schallplattenpreis »Premio Cubadisco«. Er will das nachlassende Interesse der jüngeren Generation »an unseren Ursprüngen« wecken: »Wir sollten neue Einflüsse integrieren, aber dabei dürfen unsere Wurzeln nicht verloren gehen.«

Die 21jährige Sängerin Annie Garcés, die mit Sosa im Herbst auf Tour durch den Osten Kubas war, ist eine Vertreterin der jungen Musikergeneration, die der Liedermacher dabei im Sinn hat. Beide waren gemeinsam auch an der Einspielung von Raúl Torres’ Komposition »Cabalgando con Fidel« beteiligt. Nach dem Tod des Revolutionsführers Fidel Castro wurde die Aufnahme in 40 Stunden – ohne Pause – in den Abdala-Studios von Havanna gemacht. »Ich fühlte mich sehr bewegt und emotional aufgewühlt, dass sie mich gebeten hatten mitzuwirken«, sagte Annie Garcés, die jüngste beteiligte Interpretin.

Eduardo Sosa sieht in dem spontan und kollektiv aufgenommenen »Cabalgando con Fidel« eine Bestätigung seiner künstlerischen Vorstellungen. Das Lied sei kein Pamphlet. »Und obwohl uns die Zeit im Nacken saß, wollten wir unbedingt Musiker verschiedener Generationen und Genres dabei haben«. Geschichte und Wirken Fidels bewegen Generationen. Menschen aller Altersgruppen teilen seine Ansichten, Bestrebungen und Träume. »Fidel besaß unbestreitbar menschliche Größe, war als Führer dieses Landes angesehen und war für viele andere Teile der Welt Orientierung und Impulsgeber«, sagt Sosa. »Cabalgando con Fidel« sei ein aufrichtiges Lied: »Ich identifiziere mich mit seiner Aussage.« Am 12. Januar ist der Liedermacher Eduardo Sosa Gast der XXIV. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton