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Aus: Ausgabe vom 18.12.2018, Seite 2 / Ausland
Rechte Politiker besuchen Israel

»Kehren mit neuer Haut nach Hause zurück«

Besuche von Salvini, Orban und Co. in Israel: Europäische Rechte sucht Schulterschluss mit Netanjahu. Ein Gespräch mit Yitzhak Laor
Interview: Andreas Schuchardt
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Hand in Hand nach rechts: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu empfängt den ungarischen Regierungschef, Viktor Orban (19.7.2018)

Italiens rechter Innenminister und Lega-Parteichef Matteo Salvini stattete Israel in der vergangenen Woche einen offiziellen Besuch ab (siehe jW vom 12.12.). Warum?

Salvini beginnt von Israel aus seinen Wahlkampf, der ihn zum italienischen Ministerpräsidenten machen soll.

Weshalb sollte er damit gerade in Israel beginnen?

Das Verhalten der europäischen Politiker ist von dem ihrer US-amerikanischen Kollegen nicht soweit entfernt. In den USA wissen diejenigen, die Kongressabgeordneter oder Präsident werden wollen, dass ihr Verhältnis zu Israel – die Frage, wie sie über das Land denken und wie sie die strategischen Beziehungen pflegen wollen – ein entscheidender Faktor für den Erfolg ihrer politischen Ambitionen ist. Es ist kein Zufall, dass die US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten vor der Wahl immer hierherkommen. Inzwischen muss sich auch bei euch in Europa ein politischer Repräsentant – egal ob rechts oder links – obligatorisch zum aufrichtigen Freund Israels erklären und die Rechte der Palästinenser vergessen, wenn er vorankommen will, vor allem in außenpolitischer Hinsicht. Andernfalls läuft er Gefahr, isoliert und in eine Ecke gedrängt zu werden.

Salvini hat sich aber immer schon zum Freund Israels erklärt.

Im Fall der italienischen Rechten gibt es einen Grund mehr, ein eisenharter Anhänger Israels zu sein und sogar die Existenz eines Palästinenser-Problems zu bestreiten. Das ist die faschistische Vergangenheit des Landes, die Kollaboration zwischen Faschismus und Nazismus, die noch heute auf den rechten Kräften lastet. Eine schwerwiegende Vergangenheit, die die Männer der italienischen Rechten jetzt zu verdecken versuchen, indem sie sich zu Verbündeten Israels und zu Feinden des Islam erklären. Wenn sie die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besuchen, wissen sie, dass sie mit einer neuen Haut nach Hause zurückkehren werden. Die israelische Regierung und vor allem die jüdischen Gemeinden in Europa bescheinigen die Tauglichkeit bestimmter Persönlichkeiten, die institutionelle Ämter bekleiden – obwohl die Ideen und Programme, die diese Leute verfolgen, von Rassismus durchsetzt sind. Das, was heute zu interessieren scheint, ist nicht mehr, ob ein politischer Führer ein erklärter oder insgeheimer Antisemit ist. Das Wichtige ist, dass er immer auf der Seite der israelischen Regierung steht. Vor einigen Jahren war es Gianfranco Fini, ein Ex­faschist (Vorsitzender des MSI und später der Alleanza Nazionale sowie unter Silvio Berlusconi stellvertretender Regierungschef, jW), der hier seinen Segen erhielt.

In Israel mangelt es nicht an Polemiken wegen der herzlichen Empfänge durch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der vor Salvini im Sommer den ungarischen Regierungschef Viktor Orban begrüßte.

Das sind isolierte Stimmen, die der Legitimierung der populistischen Rechten in Europa nichts anhaben können. In Salvinis Fall muss man einen weiteren bedeutenden Aspekt festhalten. Ich habe in Haaretz gelesen, dass der Führer der Lega im Gespräch mit Vertretern der Auslandspresse in Italien gesagt hat, er müsse sein Denken und Handeln nicht jedesmal rechtfertigen, wenn er nach Israel reist. Im Kern sagt Salvini damit: Ich bin der, der ich bin, und der israelischen Regierung gefällt das gut. Da hat er völlig recht. Netanjahu mag ihn so: als Rassisten mit Tendenz zum Neofaschismus und als Feind der Moslems.

Die Politik der aktuellen Regierung in Israel scheint immer mehr ein Modell zu sein, das Europas führende Politiker nachahmen – nicht nur in der Sicherheitspolitik.

Ich könnte sehr viele Gründe auflisten, um das zu erklären. Da ist die harte Hand gegen Moslems und Araber. Da ist eine antidemokratische Politik, der sehr viele in Europa folgen möchten. Da ist die Tatsache, dass Flüchtlinge und Migranten verjagt werden, und so weiter. Ich sage, dass Israel dem Alten Kontinent immer besser gefällt, weil die dortige Regierung jene koloniale Veranlagung verkörpert, die in den Venen der Europäer so reichlich fließt. Eine Veranlagung, die die europäische Linke in den vergangenen Jahrzehnten bekämpft hat und die meines Erachtens auf der Welle des um sich greifenden Populismus nun wieder zum Vorschein kommt.

Yitzhak Laor ist israelischer Poet, Essayist und Kommentator der linksliberalen Tageszeitung Haaretz

Eine längere Version dieses Interviews erschien zuerst in der linken italienischen Tageszeitung Il Manifesto (12.12.2018)

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