Aus: Ausgabe vom 15.12.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Reisen ans Ende des Ichs

Rede anlässlich der Verleihung des Von-der-Heydt-Preises an Eugen Egner, gehalten am 4. November in der Citykirche in Wuppertal

Von Jürgen Roth
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»Wider den Nepp bei heiligen Handlungen!« Eugen Egner mit Spielzeugsammlung

»Ein einziges Ghetto, eine riesige Gosse irgendwo im Weltall.«

Rust Cohle

»Das Kind wird irre am Ich.«

Eugen Egner

»Ihm löste sich vor Bänglichkeit der innere Mensch total auf.«

Eugen Egner

»Die Menschheit arbeitet fanatisch an ihrer eigenen Vernichtung.«

Eugen Egner

Sehr geehrte Damen und Herren,

anlässlich des heutigen Festtages war ich zunächst versucht, aus Eugen Egners voluminöser, bedauerlicherweise ausschließlich an der Universität Rinteln vorrätig gehaltener Frühschrift »Die Lage der kunsttreibenden Klasse in Wuppertal« zu zitieren, um mich dem Wesenskern des Sonderartisten Egner in ersten Trippelschritten zu nähern. Denn in einem propädeutischen, gleichwie mit einem delikaten Katastrophismus getränkten Telefonat am – kein Scherz! – 11. September dieses Jahres hatte der heute zu Ehrende mir gegenüber gestanden, »das Existierenmüssen« sei eine Last und das Schlafen »Schwerstarbeit«. »Es wird«, meinte Eugen in summa, »alles immer lästiger.« (Oder hatte er »immer lustiger« gesagt? Und ich hatte es absichtlich unbewusst falsch notiert?)

Jedenfalls schien mir eine soziologisch, wenn nicht gar sozialkritisch fundierte und zugleich hochgradig historisch-empirische Herangehensweise angesichts solcher unmissverständlichen Aussagen hinreichend adäquat – bis ich exakt acht Tage später in der unterdessen völlig verrotteten und vergammelten und verbauten und versaubeutelten Stadt Frankfurt, im limbusartigen S-Bahnhof Taunusanlage, ein Kinowerbeplakat erblickte, auf dem stand: »Realität ist heilbar.«

Bis dahin war mir nicht klar gewesen, dass Eugen Egner mittlerweile über die Groß-PR-Industrie gebietet und deren extrageile Hammerslogans zwischen zwei vormittäglichen Spiegeleimahlzeiten entwirft. Nun lag der Beweis vor aller oder wenigstens vor meinen Augen, und ich entsann mich eines weiteren Satzes aus erwähntem Gespräch: »Ich habe den Kriegsdienst verweigert, ich verweigere die sogenannte Realität.« Schließt das, wie es in einer von Eugen Egners grandiosen, in der Regel und, obwohl sie in der deutschsprachigen Welt des Wortes ganz und gar einzigartig sind, nicht zu Unrecht unter den literarischen Gattungsbegriff der Groteske rubrizierten Kurzgeschichten heißt, »ein inbrünstiges Beten um Rettung, Erlösung und Sinngebung« ein?

Wer kann es wissen? Ich weiß es nicht.

Nie normal arbeiten!

Jedenfalls, um hier mal ein bisschen voranzukommen, stieß ich im Zuge meiner läppischen Recherchen auf einen vorzüglichen Artikel aus der Westdeutschen Zeitung, dem ich entnahm, dass der sehr junge Herr Egner wohl bereits vor der Einschulung lesen und schreiben konnte und als hochbegabter Meister der, mit Herbert Marcuse zu reden, Großen Weigerung eine Liste zusammenstellte, in der er vermerkte: »Nie normal arbeiten, nie Soldat werden.« Und, so besagtes Blatt ergänzend: »Am liebsten wäre der kleine Eugen nie zum Friseur gegangen.«

Zumal er in einer eigentümlichen Gegend namens Welt heranwuchs. Man greife aus Egners beglückende Gegenwelten entwerfendem Wunder-Œuvre etwa das vorbildlich gestaltete, mit filigransten Kohle-, Bleistift- und Tuschzeichnungen und -vignetten des Autors geschmückte Buch »Die Durchführung des Luftraums« heraus und stoße auf den Prosatext »Jugendbekanntschaften«: »Meine Jugend trieb mich ins Leben hinaus, von welchem ich völlig falsche Vorstellungen hatte. Im Freien wirkten die Verhältnisse gegenüber den vertrauten Zimmermaßen viel großzügiger, und eine nicht unbeträchtliche Unsicherheit wandelte mich an. […] Motoren, Lautsprecher und Kehlen der Primaten ringsum priesen ihren Schöpfer: Es war Sommer. Unter der sengenden Sonne folgte ich dem uralten Trampelpfad in Richtung Stadtmitte. Links und rechts lag die Gegend mit erblich bedingtem Irresein herum und versuchte etwas daraus zu machen.«

Kurzer Einschub zu den gerade sträflich liegengelassenen Themen Haarwuchs und Frisurgestaltung. Einer meiner Lieblingsfiguren aus seinem wahnwitzigen, surreal-phantastischen Bild- und Buchstabenkosmos, dem absolut überhaupt gar nichts könnenden 341,2, dessen kolossaler Idiotenkopf (mit eventuell »Fünfsternenase«) pausenlos »außer Betrieb« ist – ich richte Ihr Augenmerk beispielsweise auf die Geschichte »Ist Reisen erlernbar?« (was für ein Titel!) –, dichtet Egner an: »Seine Haare sahen so beschissen aus, dass ihm die Polizisten auf der Straße nachpfiffen.« Und: »Beim Erwachen war er überzeugt, Außerirdische hätten ihn entführt und Experimente mit seiner Frisur durchgeführt.« Und: »In den Büros wollte man ihn wegen seiner beschissen aussehenden Haare nicht haben.« Sowie, um es nicht zu vergessen: »Seine Haare sahen so beschissen aus, und er vermochte nicht, Kapital daraus zu schlagen.«

Mir wurde zugetragen, dass Monty Python – neben Kafka, E. T. A. Hoffmann, der Prinzhorn-Sammlung und anderem – eine erhebliche Anregungsquelle von Eugen Egner gewesen ist, und so geht er hie und da mit filmischen Mitteln zu Werke, mit Abschweifungen, Sprüngen oder mit der willkürlichen, handlungsunterbrechenden Einblendung: »WERBUNG: Unter der Wucht der Frisur genesen! Jetzt neu: Die Frisur als Raumteiler – daher ab sofort die Sperrholzfrisur (Festplatte)!«

In einem der elektronischen Briefe, die mich ab und an aus Wuppertal erreichen, obschon Wuppertal über kein elektronisches Postamt verfügt, und die in einer derart elegant-elaborierten Form verfasst sind, dass man wähnt, sie seien aus dem 19. Jahrhundert hinüber an den sackdummen Main geflogen, fragt sich Herr Egner: »Harry Dean Stanton hatte mit neunzig mehr Haare als ich mit siebenundsechzig! Warum?« Über den Sänger Steven Tyler, der einem von Egners farbenprächtigen, detailversessenen, hochversiert in Szene gesetzten und vom Misslingen, vom Niedergang und vom phylogenetisch bedingten Schwachsinn des Menschentums zeugenden Bilder entsprungen ist, schreibt er: »Tyler ist eine Nervensäge. [Aber nicht, füge ich hinzu, Vater Argebrat, der einen Fluchtweg absägt!] Wegen seines Haarwuchses kann ich ihn allerdings nur beneiden.« Über die Gitarristen Mattias Eklundh und Michael Hedges urteilt Herr Egner: »Herr Eklundh ist nicht mein Fall, den Sound und die Technik mag ich nicht (aber um die Haare beneide ich den jungen Hüpfer). […] Herr Hedges hätte allerdings lieber das Haar offen tragen sollen.« Und ein andermal vernehme ich: »Die Partei, die mir die Haare meiner Jugend wiederbringt, die wähle ich.«

So. Ende des geringfügig zu lang geratenen Einschubs.

In einem seiner vom WDR zumeist liebe- und hingebungsvoll produzierten Hörspiele, die es lässig mit Ror Wolfs atemberaubenden Pionierstücken aus den siebziger Jahren aufnehmen können und die zugleich radiophone Kunstwerke sui generis sind (sie führen eine Tradition fort, die das heutige Radio vor seiner endgültigen Verblödung bewahrt und die, so drückt es der langjährige Leiter der Hörspielredaktion des Deutschlandfunks, Jürgen Becker, aus, die »kreative Beunruhigung« und die »Konzentration auf die Vorgänge im Bewusstsein« befördert) –, in einer dieser von der Zeitschrift Medienkorrespondenz zu »Perlen« geadelten akustischen Exkursionen durch die Reiche des Merkwürdigen, des Rauschhaften und der Traumgespinste, in »Die Beseitigung«, lässt Eugen Egner den Ort seines Heranreifens, Wuppertal, verschwinden. An dessen Stelle emergiert eine von extraterrestrisch-bestialischem Leben dirigierte Parallelwelt, eine Welt, in der sich genrehybrid Schauer-, Horror-, Mystery-, Science-Fiction- und Comicelemente und -motive lustvoll und aufs präziseste komisch pointiert und verzahnt vermählen.

Man könnte bei aller Schönheit dieser mirakulösen Komposition vermuten, dass Angst, auch unter der Regentschaft des Thanatos, die Eugen Egners Schaffen dominierende Triebkraft ist. Seinem Band mit »neun makabren Geschichten«, »Nach Hause«, stellt er den Vers Joh. 16,33 voran: »In der Welt habt ihr Angst.« In »Die Beseitigung« strecken den Protagonisten Christoph Link mysteriöse Stimmen nieder, die ganze Welt wird ihm zum Feind – »etwas züngelte schamlos um meinen Verstand herum« –, sämtliche Koordinaten der Wahrnehmung erweisen sich auf tückische Weise als falsch, die Physis gerät aus den Fugen (»Die Gegend da draußen, die stimmt nicht«), eine Art pataphysische Paranoia greift um sich, gegen die der Schopenhauersche Wille nichts mehr auszurichten vermag. »Dieses Leben«, sagt Christoph Link, »dimensional beseitigt«, »will ich nicht.«

Spielraum Gehirn

Der Spielraum dieser Literatur ist das Gehirn. Das zeigt sich nicht allein auf semantischer Ebene, nämlich an Hand zahlloser fabelhaft wirrsinniger Neologismen wie »Chlorschnaps«, »Isolierwanne«, »Trinkgeldbaum«, »Getränkeauslöschen«, um zufällig ein paar herauszupicken. Man lese bloß die manisch exakt gebaute Erzählung »Der Defekt«, in der die bewusstseinsphilosophische Reflexionsspirale soweit hinaufgetrieben wird, dass aus dem Denken wie unter Zwang die irreversible Dekomposition der Ich-Identität und -Integrität emporquillt.

Sucht Eugen Egner auf oder in seinen Zeichnungen nicht selten die größtmögliche Bedeutungsdiskrepanz zwischen Sprechblasentext und bildlichen Gestalten, so spiegelt sich das Misstrauen in eine konsistente Verfasstheit des menschlichen Bewusstseins (sowie von dessen Hervorbringungen) in seiner Dichtung. »Mit ganz und gar misslungenem, ja schon unverschämt falschem Faltenwurf stand er bald darauf in ländlicher Gegend«, heißt es in »Wald- und Wiesenangelegenheiten«. »Teigig-absurde Schnörkel und Zickzackhaufen quollen ihm aus den Armbeugen.«

Eugen Egners Figuren begeben sich auf Reisen ans Ende des Ichs. In seinem großartigen Hörspiel »Der letzte Bus« – der Titel deutet die Idee, dass das Leben ein höllisches, vielleicht todessehnsüchtiges Hin-und-her-Fahren im unerbittlich eigenen Kopf sei, allegorisch an – hält der vergangenheitssüchtige Held Bruno Hauff das, was wir als Kognitionsvermögen und dessen reales Korrelat zu bezeichnen belieben, zunächst für »ulkig«: »Wie soll man Vertrauen in die Welt haben, wenn jeden Augenblick der allerabsurdeste Unsinn geschehen kann?« Alsbald aber wandelt sich der Schmodder des Geschehens in einen allumfassenden Greuel, in eine »elektronische Fata Morgana«, ein »entsetzliches interdimensionales Chaos«, einen Alp der dritten Natur, in dem – dem schlechterdings Unmöglichen, das passiert, ausgeliefert – die Ichzerbröselung mit der Ichvervielfältigung aufs unheilvollste einhergeht.

Ich läge vermutlich nicht durch und durch falsch, interpretierte ich solche Zuspitzungen technikkritisch, also gegenwartsbezogen – als Wut, die sich wider den verselbständigten Eingriff in die anthropologische Substanz richtet. »Das, was wir Realität zu nennen gewohnt sind, erschöpft sich offenbar und gerät in Auflösung«, hören wir in »Der letzte Bus«, gewandt gegen den allerorten als »Fortschritt« bekrähten Persönlichkeits- und Realitätsverlust, gegen die schizoide, simulakrumobsessive »Realitätsverwahrlosung« und eine »Sprachfressung« (so im Hörstück »Der Notfall erfordert alles«), welche »die Mechanik des inneren Menschen«, die bereits ein ironisches Echo auf das erledigte Individuum ist, zersetzt, da sie Eingriffe »bis ins Realitätsmuster selbst und in die Natur aller Dinge« erwirkt.

Rauf und runter Radau!

Ich habe mal versucht, Eugen zum Schreiben einer Idylle zu überreden. Ich bin gescheitert. Statt dessen praktiziert der passionierte und nicht stets konventionell agierende Gitarrenzusammenbauer und -anhäufer intensive, sich an Jeff Beck, Robert Fripp, Jimi Hendrix anlehnende »Schönlärm«-Studien und Tonalausschreitungen, zeitweilig bevorzugt auf der Ganztonskala, der halbtonfreien, schwebenden und wabernden Liszt-Tonleiter, und zwar unter dem Leitspruch »Rauf und runter Radau!«, wie Mitschnitte eines Freejazz- und Totalfreerockkonzerts seiner Wildwüstband Gorilla Moon im Wuppertaler Improvisationsmusikal-Lokal »ort« belegen. Da frönte Eugen 2012 zusammen mit seinen kongenialen Instrumentalpartnern, der gefälligen Melodie nicht unbedingt den Vorrang einräumend, an der schwarzen Stratocaster einem personalstilistisch unverkennbar dezent-rabaukenhaften Tosen: Flageolett-Flackern, vier Akkorde von »My Generation«, inständige Beschäftigung mit dem Tremoloarm, Zerfaserungsexerzitien, Geräuschmeditationen, die in einem buddhistischen Tempel eine Heimstatt finden könnten, ein elysischer, offener Akkord, gebrochen von einer Rhythmik der späten Sechziger, Zappa und Larry LaLonde, stehende Töne, dismorphe Tapping-Exaltationen, blackmoreeske Klangkörperbewegungsinkarnationen, Koda im Chaos.

Ich möchte nicht düster enden. Allerdings kam mir dieser Tage der Mordermittler Rust Cohle in den Sinn, der in der ersten Folge der ersten Staffel der von den finsteren Schriften Thomas Ligottis inspirierten Fernsehserie »True Detective« in einer legendären Szene sinniert: »Ich glaube, das menschliche Bewusstsein ist ein tragischer Fehltritt der Evolution. Wir sind uns unserer selbst zu sehr bewusst geworden. […] Wir sind Kreaturen, die es den Naturgesetzen nach gar nicht geben dürfte. […] Wir sind Dinge, die sich mit der Illusion abmühen, ein Ich zu besitzen.«

Stimmt’s? Stimmt’s nicht? Ich weiß es nicht. Und es ist ohnehin ein, ideologiepragmatisch und raumzeitlich gesehen, aussichtsloses Unterfangen, über Eugen Egner approximativ halbwegs Angemessenes zu äußern. Ich kann als sein zeitweiliger, das Autolenkrad bedienender Reisegefährte und Marmeladenbrotherüberreicher jedoch mit Gewissheit behaupten, dass er ein tadelloser Mensch ist, der sich zum Beispiel mal in einer furchtbaren Situation um meine Exfrau derart anrührend und taktvoll gekümmert hat, dass ich es nicht zu schildern in der Lage bin. (Verraten sei immerhin: Eugen sprach mit ihr auch über Haare und Frisuren.)

Und der Multikünstler Eugen Egner? Ist er jener »Mann mit einer quälenden Doppelbegabung«, der »wegen der einander bekämpfenden Talente (das eine literarischer, das andere musikalischer Art) […] bei doppelter Belastung nur halb soviel wie mit einem« verdient? Keine Ahnung. Bei Sinnen und sub specie aeternitatis betrachtet darf man dessenungeachtet sowieso lauthals verlautbaren, dass Eugen Egner alle Geldpreise dieser exquisit zusammengeschraubten Welt verdient hat, den High-end-Marmorkranz der Stadt Wuppertal samt üppig regnender Taler vorneweg.

Eugen, danke für deine Freundschaft, der ich nicht zu kleinen Trost verdanke. Und ich gratuliere dir von Herzen – als der dir stets stark gewogene und deinem Singularwerk geradezu verfallene: Denis Scheck.

PS: Eugen Egners Mails enden mit Wendungen wie »Übrigens lehne ich das gegenwärtige Wetter entschieden ab. Zum Glück ist mir der Appetit noch nicht vergangen. Grüßend und Butterbrote essend« oder »Jederzeit musikalisch gewaltbereit, grüßt Dich Dein Eugen«.

Über den von uns beiden gleichermaßen adorierten Jeff Beck wollen wir seit Jahren ein kleines Buch schreiben. Es hat bislang nicht hingehauen. Immerhin existieren briefliche Mitteilungen von Eugen zu dieser Causa. Sie seien hier vor dem Vergessen bewahrt.

14. Oktober 2010:

»Rettung per Post

Lieber Jürgen,

Dank und Abermillionen Dank! Mit der CD hast Du mir, wo nicht mein Leben, so doch definitiv den Tag gerettet, der bis zum Öffnen der postalischen Wundertüte aus eitel Scheitern, Überdruss und Ratlosigkeit angesichts des sich häufenden Alltagsdrecks bestanden hatte. Es gibt doch eine Gerechtigkeit auf Erden, es geschehen tatsächlich Wunder!

Welch großartiger Krach! Die Tonqualität der Aufnahmen ist erfreulich gut, die Spielfreude offenbar keine geringe. Außer Beck sind Terry Bozzio und Tony Hymas am Werk, wie ich las. Ich wusste gar nicht, dass dieses Trio so lange nach ›Guitar Shop‹ noch aufgetreten ist. Eine Bereicherung meiner bescheidenen Sammlung!

Mit vollen Backen kauend, grüßt ganz herzlich

Dein Eugen«

9. November 2010:

»Wider den Nepp bei heiligen Handlungen!

Lieber Jürgen,

vielen Dank! Natürlich hatte ich keine Ahnung vom Erscheinen des Textes, da ich Zeitungen nur als Unterlage für die Abfälle beim Gemüseputzen benutze. Schön, dass das nun in der Welt ist. Und: Soeben habe ich gegessen, sonst könnte ich Dir gar nicht schreiben. Denn siehe, ich habe Dir Großes zu verkünden: Letzten Donnerstag erlebte ich ihn, den Unvergleichlichen, wahr- und leibhaftig in Zeit und Raum. Eine ausgesprochen angenehme, ja allerangenehmste (wenn man von mir einmal absieht) Runde handverlesener, bewährter Freunde fuhr gemeinsam nach Düsseldorf, um das Konzert zu erleben. Wir, ausnahmslos entschiedene Beck-Anhänger, waren zu viert und zusammen nicht ganz 230 Jahre alt. Freund Streuf wurde an diesem Tag auch noch 60! Und etwa ebenso viele Euros, genau: 63, kostete auch der Sitzplatz in der Philipshalle (oder wie auch immer die korrekte Schreibweise lautet). Dies ist an sich doch schon schändlicher Wucher, trotzdem war die Bühne noch fast 20 Meter entfernt! Nach dem Erdulden einer grauenhaft deplazierten Rockabilly-Vorgruppe trieb mich der Hunger hinaus, um eine gotteslästerlich überteuerte Laugenbrezel zu erstehen (auf ruinöse Getränke verzichtete ich deshalb). Mag sein, dass Jeff Beck am besten spielt, wenn er hungrig ist, ich jedenfalls kann dann nicht gut zuhören. Und siehe, es begab sich, dass, als ich kauend wieder im Saale saß, in weiter Ferne ein winzig’ Menschlein die Bühne betrat, welches ich, da mir ja bekannt war, wer da gleich auftreten sollte, tatsächlich als Jeff Beck identifizierte (die umgehängte weiße Stratocaster leistete bei dem heiklen kognitiven Vorgang einen guten Dienst). Ein erhebender Moment! Ich befand mich zum erstenmal in meinem Leben zur selben Zeit wie ER auf der Fläche desselben Quadratkilometers! Da ich beschlossen hatte, meine Fernbrille daheim zu lassen und überdies nicht auf die Idee gekommen war, den geerbten Feldstecher mitzunehmen, musste ich die Augen zukneifen und warten, bis sich die in meinem 40. Lebensjahr wider alle medizinische Wahrscheinlichkeit plötzlich kurzsichtig gewordenen Organe ein wenig auf die Entfernung eingestellt hatten, so dass sie einen Eindruck übermittelten, der in etwa mit den mir bestens geläufigen Daten des Beckschen Äußeren kongruent war. Dies hatte eine begrüßenswerte Nebenwirkung: Für mich sah der große Mann (der ja noch kleiner sein muss als ich!) während des gesamten Konzerts aus wie ein Zwanzig- bis Dreißigjähriger.

Es wurde ein schönes Konzert, das will ich gleich vorausschicken. Klang und Lautstärke waren zu loben, man war auch nicht übel in Form. Nichts gegen die Herrschaften Smith und Walden, aber Colaiuta und Wilkenfeld sind schon ganz andere Kaliber, weshalb die Konzerte mit ihnen zwangsläufig auch viel bessere waren. Leider erlebte ich keins davon unmittelbar.

Herr Rebello schien mir an diesem Abend aber nicht so in Form zu sein wie bei den mir bekannten Konzertaufzeichnungen. Bei ›People Get Ready‹ nervte er gar mit einem viel zu lauten, klotzgroben Kneipenklaviergehämmer, das unvermittelt über das Stück hereinbrach. Verstanden haben wir das ebensowenig wie gemocht. Der Gitarrist der Gruppe war aber wirklich gut! Ab und zu dachte ich: Jetzt erlebe ich Jeff Beck live! Er MUSS es wirklich gewesen sein. Bei seinen raren, zum Ende hin häufigeren verbalen Äußerungen erkannte ich ihn an der Stimme sowie der Art, zu reden und sich zu bewegen. Und wer sollte dazu noch sein Spiel SO überzeugend perfekt kopieren können? Ich muss sagen, das sitzplatzbezügliche Preis-Leistungsmissverhältnis hat mir schon beträchtlich in die Suppe gespuckt. Genau deshalb meide ich sonst solche Konzerte. Doch hier musste eine Ausnahme gemacht werden, und es hat sich gelohnt. Beck hat großartig gespielt, stellenweise ergreifend. Drei Zugaben wurden verlangt und gespielt. Aber man kommt bei einer solchen räumlichen Distanz nicht richtig ›rein‹. Ich brauche mehr Nähe. Welch ein Hohn: Die kläglichen Überreste des mit Beck gleichaltrigen Johnny Winter konnte ich vor zwei Jahren gratis und von der zweiten Reihe aus erleben, floh allerdings nach dem ersten Ton aus dem Saal … Also bleibt der Wunsch, Herrn Beck zu Lebzeiten noch einmal zu erleben, aber richtig, aus akzeptabler Nähe und mit interessanterer Band. Trotzdem betrachte ich mein Leben seit dem 4. November 2010 als deutlich bereichert (jedenfalls in ideeller Hinsicht).

So ungefähr, lieber Jürgen, hat es sich zugetragen. Was das Büchlein angeht, so werde ich immer hirnloserer alter Legastheniker sehr Deiner Anregungen und Wegweisungen bedürfen, weil ich keine Ahnung habe, was ich da Lesenswertes schreiben soll. Ich vertraue auf Dich!

Mit den herzlichsten Grüßen ins neue Zuhause (ist alles überstanden?):

Dein mit Jahreszeit, Menschheit und Welt unzufriedener Eugen«

22. September 2017:

»Lieber Jürgen,

so sehr ich Superlative ablehne: Ja, das ist riesig und einzigartig. Zum Glück aber trotzdem nicht das einzige, was unser Geoffrey Arnold in dieser Art geschaffen hat. Von ihm gibt es gar manches, das mich nach wie vor stark berührt. Traurig zu sehen (und manchmal auch schon zu hören), dass dieser bislang schier unverwüstliche Wundermann nun doch auch allmählich dem Alterungsprozess nicht mehr so zu trotzen vermag, wie man es ihm wünschte. Angesichts der neusten Live-Videos (Tokio 2017) bin ich betrübt. Das bin ich auch, wenn ich, sieben Jahre jünger als Beck, in den Spiegel schaue und mich den lieben langen Tag beim Fehlleisten erlebe. Aber es hilft ja alles nichts. Durchgehalten und gearbeitet muss werden bis zum Ende. Doch soll zwischendurch auch in ausreichendem Maße nichts getan werden.

So hält es

Dein Dich herzlich zurückgrüßender Eugen (jetzt mit 12 funktionierenden E-Gitarren)«

[ohne Datum:]

»Auf die Gefahr hin, Dich zu elenden, möchte ich doch einmal auf die grandiose Spielökonomie und Grifftechnik (man achte auf den Daumen) des von mir höchlichst verehrten Jimi Hendrix hinweisen, der außerdem der erste Vibratohebelmotorist der Welt war – er musste, man bedenke, den Hebel der Rechtshändergitarre für seine Zwecke erst zurechtbiegen! Die Aufnahme ist vom Silvester 1969 (›Machine Gun‹, das ich Dir ans Herz legen wollte, wird leider von Sony gesperrt, daher hier ›Foxy Lady‹).

Und was es nicht alles gibt!

Nervengift gibt’s jetzt auch!

Brecht die Macht der Flugschüler! (Ist mir so eingefallen.)

Herzhaft grüßt:

Dein feierabendlicher Eugen, der schon den ganzen Tag lang nichts getan hat«

PPS: Eugen Egner, »Das Problem«: »Ich schreibe keine phantastisch-unheimlichen oder makabren Geschichten mehr. Es wäre zwecklos. Diese entsetzliche Welt, diese sogenannte Realität, ist in einem solchen Maße irrsinnig, dass die Bemühungen eines noch so begabten Dichters, etwas zu schaffen, das auch nur ansatzweise damit konkurrieren könnte, geradezu aberwitzig vermessen und zum Scheitern verurteilt sind.«

PPPS: Eine Erzählung von Eugen Egner trägt den wahrlich nicht mehr zu übertrumpfenden Titel »Talent für Bewusstsein«. Talent ist eine Begabung, demzufolge ist Bewusstsein Ausfluss einer Begabung, einer Befähigung, etwas hervorzubringen, das die stumpfe Realität transzendiert, übersteigt, also: Kunst. Somit ist Bewusstsein Kunst, eine gestaltgewordene Haltung zur Welt, die die für gesichert gehaltenen, gesellschaftlich präskribierten Formen und Inhalte von Bewusstsein in Grund und Boden lacht, ja in den Senkel oder gar den Schenkel stellt.

Bewusstsein, das ist das Ganzandere – und Kunst ist »eine natürliche Reaktion auf einen Schmerz« (Egner).

Eugen Egner, Jahrgang 1951, ist Zeichner, Schriftsteller, Musiker und früherer jW-Kolumnist (»Welt und Wahnwitz«). Er lebt in Wuppertal.

Jürgen Roth, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Er lebt in Frankfurt am Main.

Für junge Welt führten sie unter dem Titel »Praktizierte Notendemokratie« in der Ausgabe vom 30./31. Oktober 2010 ein Gespräch über Jeff Beck.


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