Aus: Ausgabe vom 15.12.2018, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Fremde Heimat Sindschar

Für die in die irakische Jesidenstadt zurückgekehrten Einwohner ist der Neuanfang trotz Hilfe schwer

Von Pablo Fernández Fernández, Erbil
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Nach monatelanger Belagerung wurde Sindschar im Sommer 2014 von der Terrormiliz IS erobert. Nach ihrem Abzug ließ sie ein Trümmerfeld zurück. Für Elias und seine Familie heißt das neue Leben Wiederaufbau

Vor einer Woche kehrte Elias an den Ort zurück, der einmal sein Zuhause war. Er ist nicht mehr das, was er zurückließ. Das Wiederaufbauprogramm »UN-Habitat Irak«, auch Deutschland ist beteiligt, hat sein Antlitz verwandelt. »Wir selbst haben nicht die Mittel dafür«, sagt Elias. Ringsum stehen verlassene Häuser, zu sehr zerstört, als dass man sie wieder instand setzen könnte. Das Geld ist anderswo besser aufgehoben.

Wir befinden uns in Sindschar. Das war einst die wichtigste Stadt der »Ungläubigen«, der nicht islamisierten Minderheit der Jesiden. Doch im August 2014 rückte der sogenannte Islamische Staat auf Sindschar vor. Die Peschmerga-Kämpfer aus dem kurdischen Teil des Irak, der Autonomieregion KRG, flohen vor der Terrormiliz. »Wir hatten ihnen militärisch nichts entgegenzusetzen«, sagt einer von ihnen. In erbitterten Kämpfen gelang es der Kurdischen Arbeiterpartei PKK und den Volksverteidigungseinheiten YPG aus Rojava, einen Fluchtkorridor offenzuhalten. Zehntausende Männer, Frauen und Kinder flohen ins nahe Sindschar-Gebirge, um dort Schutz zu suchen.

Im November 2015 wurde Sindschar aus der Hand des IS befreit, Tausende Bewohner, die nicht hatten entkommen können, waren während seiner Schreckensherrschaft ermordet worden. Bis 2017 ließen die Peschmerga aber kaum Lieferungen nach Sindschar durch, auf den Straßen stoppten sie Transporte mit landwirtschaftlichen Gütern, manchmal auch von Medikamenten und Lebensmitteln, wie die NGO Human Rights Watch ans Licht brachte. Die Blockade der KRG richtete sich gegen die PKK und ihr nahestehende Milizen, die als einzige den bedrängten Jesiden zu Hilfe gekommen waren – die revolutionäre Guerilla hat in Sindschar fest Fuß gefasst.

Wie Elias sind bereits etwas 25.000 Jesiden nach Sindschar zurückgekehrt. Seine Nachbarn sind nicht darunter. Sie gehören zu den etwa 10.000 Einwohnern, die weiter in den Bergen ausharren, andere leben in Flüchtlingscamps. Elias und seine Familie verfügen über einen Wassertank, doch der Brunnen gibt wenig her. In der Sonne trocknet saurer Joghurt, den Elias aus der Milch seiner paar Ziegen herstellt, zu Kaschk. Die Frage lautet heute, was die Menschen hier mit ihrem Leben anfangen können.

Am Checkpoint am Stadteingang herrscht angespannte Ruhe. Auf der einen Seite wacht offiziell die irakische Armee. Dort flattert jedoch eine Fahne der schiitischen Haschd-Al-Schaabi-Milizen. Auf der anderen wachen die kurdischen Milizionäre. Und vor Elias’ Haus wächst ein Garten. Er wirkt wie eine Oase der Hoffnung.

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    Düstere Perspektive: Einen richtigen Job, ein richtiges Einkommen sucht Elias in Sindschar weiter vergebens
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    Nur wenig Hab und Gut ist den Einwohnern der jesidischen Stadt geblieben. Etwa 10.000 leben noch immer in den Bergen nördlich von Sindschar
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    Mehr als 500 beschädigte Häuser konnten mit Hilfe des UN-Programms in Sindschar bewohnbar gemacht werden. Deutschland unterstützt die Vereinten Nationen finanziell beim Wiederaufbau der Stadt
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    Die Bauarbeiten werden von Sindschars Einwohnern, meist den Männern, ausgeführt. Auf 3.000 schätzt Alan Miran, ein UN-Vertreter, die Zahl derjenigen, die aufgrund des Entwicklungsprogramms für die Stadt zurückkehrten
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    Wer sich wieder in Sindschar niederlässt, muss den Behörden den Besitz eines Hauses nachweisen. Das ist oft schwierig. Und noch immer finden sich darin häufig Munitionsreste und Blindgänger
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    Für sich, seine Frau und die beiden Söhne hofft Elias auf ein sicheres Leben in Sindschar. Vom IS sollen dort drei- bis fünftausend Männer ermordet worden sein. Viele Frauen wurden verschleppt und versklavt

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