Aus: Ausgabe vom 15.12.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Im Manipulationsmaschinenraum

Von Arnold Schölzel
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Jaron Lanier während der IT-Messe Cebit (11.6.2018)

Der Softwareentwickler und Publizist Jaron Lanier (geb. 1960), Koautor des Buches »Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst«, erhielt 2014 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er ist ein liberaler Kritiker von Monopolen, insbesondere der US-Internetkonzerne, und beschreibt an ihrem Beispiel sehr genau, was der sozialdemokratische Ökonom Rudolf Hilferding vor mehr als 100 Jahren konstatierte: »Das Finanzkapital will nicht Freiheit, sondern Herrschaft.«

Lanier ist aber zu Recht unverdächtig, Marxist zu sein. Sonst hätte er den Preis in der Frankfurter Paulskirche nicht erhalten. Dafür spricht auch, dass sein Laudator Martin Schulz (SPD) hieß, damals noch Präsident des EU-Parlaments. Er bezeichnete Lanier als »loyalen Oppositionellen«, was ungefähr mit »nützlicher Idiot« übersetzt werden kann.

Am Dienstag veröffentlichte nun die FAZ unter Überschrift »Könnte man das Internet in die Luft jagen?« ein Interview mit Lanier, in dem es um das Internet im allgemeinen und die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI) im besonderen geht. Zu ersterem meint er, es werde im Moment »mit Manipulation als oberstem Ziel« betrieben, allerdings habe der »Hype-Zyklus« des Silicon Valley »jedwede Glaubwürdigkeit« eingebüßt, viele glaubten, von dort »komme nur noch Mist«. Schüler und Studenten seien deprimierter, als er »es je in einer anderen Generation beobachtet habe«, es erinnere ihn »an die Atmosphäre während des Vietnamkrieges«. Wenn sie dennoch einen großen Teil ihrer Lebenszeit mit dem Internet verbrächten, sei das »Sucht«.

Lanier erklärt: »Es wird einen Wandel geben. Ich gehöre nicht zu denen, die diesen erreichen wollen, indem man einflussreiche Konzerne wie Facebook zerschlägt. Ich kämpfe dafür, dass man ihnen abnötigt, ihr Geschäftsmodell zu reformieren, so dass es nicht mehr auf Manipulation beruht.« Das könne gelingen, »weil wir keine andere Wahl haben«. Ziemlich sicher ist, dass Facebook, Google, Apple etc. bereit sind, sehr viel dafür zu tun, so etwas zu verhindern.

Lanier sagt nichts dazu, was er ändern will, sondern weicht in Sphären jenseits von Ökonomie und Politik aus: Viele führende Leute bei Facebook oder Google seien »Anhänger einer neuen Religion«, nach deren Prophezeiungen die Künstliche Intelligenz die Welt beherrschen werde. In Wirklichkeit sei KI im Moment »ein Tarnbegriff für wirtschaftlichen Diebstahl« per Datenklau. Vor allem aber: Die Systeme von Google und Facebook manipulierten zugleich »über Emotionen, die am verlässlichsten ausgelöst werden können und von Algorithmen am einfachsten erkannt werden.« Die größte Rolle spielten »Kampf- und Fluchtreaktionen, im Verbund mit Gefühlen wie Angst und Wut«. Als Gründe würden »je nachdem, wen man fragt, immer andere angeführt, ökonomische oder unkontrollierte Immigration«. Überall in den Ländern, wo Facebook stark geworden sei, hätten, vereinfacht gesagt, daher »Populisten, die von diesen Mechanismen profitieren«, an Boden gewonnen – von Brasilien, das kein Einwanderungsland sei, über Schweden, wo die soziale Ungleichheit nicht stark ausgeprägt sei, bis zur Türkei und zu Polen mit ihren nationalistischen Tendenzen.

Lanier hält die herbeimanipulierte Vorherrschaft negativer Emotionen über Denken für einen Nebeneffekt. Sähe er das nicht so, könnte er nicht erneut für eine Reform der Geschäftsmodelle von Google und Facebook plädieren. Es dürfe nicht mehr auf Manipulation beruhen. Das wäre allerdings das Ende dieser Konzerne.

Von Überwachung und Kriegsvorbereitung, dem Kern aller Monopolangelegenheiten, ist im gesamten Interview keine Rede. Nicht die Sprengung des Internets ist aber die Frage, sondern die Gefahr, dass mit seiner Hilfe die Welt in die Luft gejagt wird.

Von Überwachung und Kriegsvorbereitung, dem Kern aller Monopolangelegenheiten, ist im gesamten Interview keine Rede. Nicht die Sprengung des Internets ist aber die Frage, sondern die Gefahr, dass mit seiner Hilfe die Welt in die Luft gejagt wird.


Debatte

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  • Beitrag von Joel K. aus G. (15. Dezember 2018 um 01:10 Uhr)

    Die Manipulationsmaschinerien von v. a. Facebook und Google analysieren Nutzereingaben und überführen diese in emotionale Abwärtsspiralen, weil so am leichtesten weitere Aufmerksamkeit geweckt werden kann. Es ist ein Geschäftsmodell, das gezielt menschliche Schwächen ausnutzt, um möglichst erfolgreich zu sein (vgl. Bild und »Dschungelcamp«).

    Auf jedes idealistische Hoch folgt durch die Verwertungsalgorithmen eine gesellschaftliche Katerstimmung, sei es beim arabischen Frühling, bei Black Lives Matter oder Me too. Demnächst, schätze ich, wird es Gelbwesten und Aufstehen auch so ergehen, dass sie in Shitstorms sozialmedial versenkt werden.

    Lanier schlägt in seinem Buch »Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst« vor, dass jeder sofort sein Facebook-Konto löscht, um Facebook zum Ändern seines Geschäftsmodells zu zwingen. Würde Facebook von Kostenlos- auf Bezahl-Modell umgestellt, gäbe es keinen Grund mehr, Nutzeranalysen an Anzeigenkunden verkaufen zu müssen.

    Internet und physische Welt sind Schauplätze, an denen die Herrschenden alles dafür tun, dass sie es auch bleiben. Es besteht kein Interesse daran, die Welt in die Luft zu jagen, sondern es soll für größtmögliche Ablenkung von der schlichten Wahrheit gesorgt werden, dass die eingelullte Bevölkerung ausgebeutet wird. Es ist das ewige Geschäft der bürgerlichen Medienmaschinerie, die Leute für dumm zu verkaufen.

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