Aus: Ausgabe vom 15.12.2018, Seite 11 / Feuilleton

Besiegte Zeit

Man kann nicht malen unter dem Diktat einer kleingeistigen Bourgeoisie: Eine Balthus-Retrospektive in Basel

Von Jürgen Schneider
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»Entrissene Augenblicke«: »Thérèse« (nicht »Thérèse, träumend«, beide 1938)

Kaum war 2013 bekanntgeworden, dass das Essener Museum Folkwang eine Ausstellung der Polaroid-Fotografien von einem Mädchen namens Anna Wahli plante, die der französische Künstler Balthus (1908–2001), mit vollem Namen Balthasar Klossowski de Rola, in seinen späten Lebensjahren gemacht hatte, haute in Hamburg ein Zeit-Kritiker in die Tasten. Schon sein erster Satz war suggestiv: »Anna Wahli war gerade mal acht, als es das erste Mal passierte.« In den Polaroids von Balthus, so geiferte er dann, »wird die Lüsternheit offenbar. Sie erscheinen als Dokumente einer pädophilen Gier. Und so fordern manche Kinderschützer, die Bilder wegzuschließen. Ihr Vorwurf: Fotos wie diese verwandelten Verbrechen in Verlockung. Sie gehörten ins Depot oder besser: gleich in den Orkus.« Tradition verpflichtet, warum also nicht gleich eine Repu­blik-»Kunstkammer« fordern, die derartige »Verfallskunst« sicherstellt und ins Feuer wirft? Nein, so weit ging der Schreiber in den seine eigenen Projektionen und Gelüste ausstellenden Zeilen nicht, sondern räumte zunächst ganz großzügig ein: »Man darf die Bilder zeigen.« Doch nur, um sich dann doch zur Ein-Mann-Kunstkammer aufzublasen und dem Museum zu unterstellen, es wolle vielleicht an dem von ihm behaupteten »allgemeinen Voyeurismus« verdienen. Balthus’ Polaroids, so die steile Zeit-These, seien schon deswegen keine Kunstwerke, weil sie nicht signiert seien.

Das Museum reagierte zwei Monate später und sagte die Ausstellung ab. Sind wir beim Durchblättern des Bal­thus’schen Fotobandes »Last Studies« (Steidl-Verlag) konfrontiert mit »Lüsternheit« oder »pädophiler Gier«, wie es in der Zeit hieß? Ach was, ordinär und vulgär war die Ejaculatio praecox des Zeit-Onkels, der sich ins Bal­thus-Atelier imaginiert: »Immer gab es Süßigkeiten.« Anna Wahli schreibt hingegen, nach den Fotosessions habe es Tee gegeben, oft im Beisein von Balthus’ japanischer Ehefrau Setsuko und Tochter Harumi sowie Gästen. Das »Verbrechen«, das Balthus laut Zeit begangen haben soll, bestand wohl in dem »Undefinierbaren«, das laut Anna Wahli sie selbst und Balthus verband.

Ende 2017 unterschrieben 11.000 Menschen in den USA eine Petition, in der die Entfernung des Bal­thus-Gemäldes »Thérèse, träumend« aus dem New Yorker Metropolitan Museum gefordert wurde. Das Bild zeigt ein Mädchen in selbstsicherer Pose, das Gesicht abgewandt und entspannt, die Schenkel gespreizt. Zu ihren Füßen schlabbert eine Katze einen Teller leer. Wer will, kann sich eine pornographische Bildinterpretation basteln, hatte sich Balthus doch 1935 als »Le Roi des chats« porträtiert und die Katze als sein Alter ego angesehen.

Die Vorwürfe, er sei der Maler »erotischer Nymphchen« und »aufreizender Lolitas« hat der »glühende Katholik« (Balthus über Balthus) stets bestritten: »Ein Gemälde oder ein Gebet, das ist dasselbe, endlich erfasste Unschuld, der Katastrophe der verstreichenden Zeit entrissene Augenblicke, eingefangene Unsterblichkeit.« Ihn beschäftige, so sagte er einmal, der langsame Wandel der jungen Mädchen vom Zustand des Engels zu dem des jungen Mädchens. Bei den Sitzungen mit den jungen Modellen habe sich alles um die Seele gedreht, sei es darum gegangen, »die Sanftheit der Seele sichtbar werden zu lassen, diese Unschuld des Geistes, das was nicht nicht erreicht war, was vom Anfang der Zeiten kam und um jeden Preis bewahrt werden muss«.

»Thérèse, träumend« ist derzeit in einer Balthus-Retrospektive der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zu sehen, in der rund 40 Gemälde aus sämtlichen Schaffensphasen vereint sind, von den düsteren Paris-Bildern der späten 1920er Jahre über in eigenwilligen Pastelltönen gemalte Werke der 50er Jahre bis zu Spätwerken, die in seinem Grand Chalet im waadtländischen Rossinière entstanden.

Die Werke zeigen Balthus als einen Solitär in der Kunst des 20. Jahrhunderts, er hat sich allen Ismen der Kunst verweigert. Die Irrwege der zeitgenössischen Kunst, so Balthus, rührten vom Fehlen der Mühsal und der auferlegten Stille her, vom Herausstellen des kleinen Ichs. Unter dem Diktat einer kleingeistigen, von Kleinmut geprägten Bourgeoisie könne man nicht malen. Malerei sei nicht möglich, wenn es um Geld, Galerien, mondäne Spielchen und die Tyrannei der Mode gehe.

»Besiegte Zeit. Ist das nicht vielleicht die beste Definition von Kunst?« An seinen Hauptwerken »La Rue« (1933) und »Passage du Commerce Saint-André« (1952–1964) mit den in ihrer Pose und Rolle erstarrten Figuren wird sichtbar, was Balthus meinte, wenn er von der besiegten Zeit sprach.

Vor dem Gemälde »Thérèse, träumend« wird in der Fondation Beyeler immer wieder diskutiert. Ein Kunstvermittler sagte, vor allem ältere Damen hielten das Gemälde keineswegs für anstößig, da ihre Enkelinnen auf den Stühlen säßen wie Thérèse, wenn man sie nicht anhalte, sich anständig hinzusetzen. Auf einer Wand mit Kritiker- und Besucherkommentaren findet sich ein Zitat aus der Los Angeles Times, in der Carolina A. Miranda schrieb: »In ›Thérèse, träumend‹ habe ich stets ein bisschen mich selbst gesehen: ein junges Mädchen, dem immer wieder gesagt wird, es solle sich hinsetzen wie eine Lady, genießt einen privaten Augenblick, in dem es sich nicht den Regeln unterwerfen muss, die seinem Körper auferlegt sind.«

noch bis 1. Januar in der Fondation Beyeler, Basel


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