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Aus: Ausgabe vom 13.12.2018, Seite 10 / Feuilleton

Demokratische Kontrolle

Von Thomas Wagner
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Wem gehören die Inhalte? E-Book-Plattformen verkaufen beispielsweise nur Lizenzen

Nachdem der Markt für Tonträger innerhalb weniger Jahre durch die Gratisangebote im Internet fast komplett zerstört wurde, droht dem Buchmarkt in den kommenden Jahren dasselbe Schicksal. Mit durchaus absehbaren Folgen für die Qualität der Produkte. Es drohe eine Phase der Beliebigkeit, bei der es letztlich egal sei, was in den Büchern drinstehe, befürchtet Helge Malchow, der 2018 seine Tätigkeit als Verleger bei Kiepenheuer & Witsch beendet hat, im Gespräch mit Die Zeit (48/2018). Er ist alarmiert. »Das Buch als Medium ist nicht mehr selbstverständlich. Man muss heute immer mehr nicht nur das einzelne Buch verkaufen, sondern auch die Notwendigkeit des Mediums Buch selbst mitkommunizieren«, so Malchow. Man müsse immer wieder erläutern, dass ein Roman wie »Unterwelt« von Don DeLillo dem Leser Einblicke in die Beschaffenheit der Wirklichkeit verschaffe, die kein Tweet ersetzen könne. Durch die Digitalisierung würden die Aufmerksamkeitsspannen kleiner, die Medien passten sich dem an. Gerade deshalb werde das »Vertiefungsmedium Buch« als Gegengewicht gebraucht.

Die größte Gefahr für die Buchkultur sieht er im Kampf der Internetkonzerne gegen das Urheberrecht. Für diese sind »Inhalte« jeglicher Art nur noch Mittel zum Zweck: dem Werbegeschäft. Das Geschäftsmodell der Plattformökonomie verschafft internationalen Tech-Konzernen gigantische Einnahmen. Malchow befürchtet, dass die Grundlage für eine an Qualitätsmaßstäben orientierte und mit bezahlter Arbeit geschaffene Buchkultur auf diese Weise zerstört werden könnte. Diese Erkenntnis habe sich in den Institutionen des Kulturbetriebs noch viel zu wenig durchgesetzt. Im Augenblick seien es die Bibliotheksverbände, die verrückt spielten. Sie sagten: »Toll, jetzt digital, herrlich, wir kaufen einen Datensatz für das Buch, und jeder, der Mitglied der Stadtbibliothek Dinslaken ist, zahlt zehn Euro im Jahr und kann von seinem Smartphone aus jedes Buch umsonst herunterladen.« Auf diese Weise, so glaubt er, würde zunächst der E-Book- und in der Folge auch der Papierbuchmarkt zerstört werden.

Der Schriftsteller Ingo Schulze ist einer der Kulturschaffenden, die von dieser Entwicklung besonders betroffen wären. »Mich hat das Internet lange Zeit nicht wirklich interessiert, weil ich es fälschlicherweise nur als Verstärker gesehen habe, im guten wie im bösen«, sagte er im November in einer von der Tageszeitung Die Welt (20.11.) dokumentierten Rede auf der Konferenz »Perspektiven des Urheberrechts im Informationszeitalter« in Berlin. Erst im Zuge seiner Beschäftigung mit der europaweit geführten Debatte um Veränderungen im Urheberrecht habe sich seine Einstellung geändert. Nun plädiert der Schriftsteller dafür, dass die Parlamentarier in Deutschland und Europa endlich damit begännen, eine Alternative zu den am privaten Profit orientierten Plattformen zu etablieren. Es sei längst an der Zeit, einen eigenen Suchdienst oder eigene »soziale Netzwerke« aufzubauen und über die Vergesellschaftung der Internetriesen nachzudenken. »Wieso überlassen wir unsere Geheimnisse überhaupt Privatunternehmen, die sich demokratischer Kontrolle entziehen?« fragte er auf der von der Initiative Urheberrecht organisierten Konferenz. Es käme ja auch niemand auf die Idee, den Straßenverkehr samt aller Regeln in private Hände zu geben. »Wir müssen uns Gedanken über Besteuerung, Urheberrecht und Eigentumsverhältnisse machen«, so Schulze. Dem kann man als Linker nur zustimmen.

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