Aus: Ausgabe vom 11.12.2018, Seite 11 / Feuilleton

Und es ging gut!

Wahre Tierrechte (57)

Von Wiglaf Droste
Hühnerhof.jpg
»Zeit zum Klammern, meine Lieben. Schnappt euch eure Favoriten«

Vor der Bühne tobte mittlerweile eine immer wildere Party. »Hach, ich bin so ausgelassen!« jauchzte eine junge Gans. »Wie ausgelassener Speck!« Sie kicherte schön albern, flatterte etwas schlingernd zur Bar und bestellte »einen Eier- und -Milchlikör, gut umgerührt und on the rocks!« Die Barfrau freute sich, mahnte aber Übersicht an: »Deine Eier solltest du in den nächsten Tagen besser nicht ausbrüten. Hier gibt es keine Milch der frommen Denkungsart, aber auch keine für Kinder!« Und servierte mit Grandezza das Getränk, an dem die junge Gans erst mal nur vorsichtig nippte.

Don Domi, der Lärm üblicherweise mehr verabscheute als nahezu alles andere, hatte sich dennoch eingefunden, sich auf einem Heuballen bestens eingerichtet und sah sich die Sache von oben an. Sein Gesicht war ausdruckslos, nur sein Schweif peitschte zuweilen den Rhythmus mit. Mit Freuden wurde er Zeuge, wie Melissa nochmals die Bühne betrat und in die Stille sagte: »Zeit zum Klammern, meine Lieben. Schnappt euch eure Favoriten, Mädels, und ihr, Jungs, seid nicht faul und so schüchtern. Ihr müsst nicht mehr glücklich sein, ihr dürft es! Das nenne ich einen Tag der Befreiung.«

Dann wandte sie sich der Band zu, flüsterte einen Songtitel, Peta Devlin nickte lächelnd und spielte die ersten offenen Akkorde. Melissa sang, und alle im Saal sahen, hörten und spürten, welche Last von ihr abgefallen war. Crystal Gayles »Don’t it make my brown eyes blue« in Melissas Interpretation ging ihnen so unter die Haut, dass es ihnen fast die Luft abschnürte, doch bis zum ersten Refrain hatte sich jede und jeder von ihnen ein Nebentier gegriffen. Man sank sich in die Flügel und drückte die sehr unterschiedlichen Körper aneinander, so gut es ging. Und es ging gut!

Fortsetzung folgt


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