Aus: Ausgabe vom 11.12.2018, Seite 5 / Inland

Prevent-Masche zieht nicht

Beteiligungsimperium will plötzlich vom Verkauf der Neuen Halberg-Guss GmbH zurücktreten

Von Bernd Müller
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Aufrechter Arbeitskampf: Beschäftigte vor dem Leipziger Werk (14.6.2018)

Der Streit zwischen der Prevent-Gruppe und Volkswagen belastet nach wie vor die Beschäftigten bei der Neuen Halberg-Guss GmbH (NHB) – jetzt Gusswerke Leipzig und Gusswerke Saarbrücken. Der bisherige Eigentümer Prevent will den nach monatelangem Streit vereinbarten Verkauf des Autozulieferers nachträglich abblasen. Ein Prevent-Sprecher hatte am Freitag erklärt, man werde vom »vertraglichen Rücktrittsrecht Gebrauch machen«. Gleichzeitig bekräftigte er die Absicht des Unternehmens, in Saarbrücken 200 Stellen abbauen und das Werk in Leipzig Ende März 2019 schließen zu wollen. Mit den »Sanierungsmaßnahmen« müsste nun kurzfristig begonnen werden, hieß es weiter.

Begründet wurde dieser Schritt mit einem Gerichtsbeschluss, den Volkswagen erwirkt hatte. Kurz nachdem der Verkauf offiziell vollzogen worden war, hatte VW die Kaufsumme durch einen Pfändungsbeschluss einfrieren lassen. Wichtige Grundlagen des beschlossenen Verkaufs seien dadurch nicht mehr gegeben, so die Ansicht von Prevent. Auf seiten des Käufers AVIR Guss Holding GmbH wollte das niemand kommentieren. Eine Sprecherin teilte am Montag auf jW-Anfrage mit, dass die Geschäftsleitung »derzeit für keinerlei Stellungnahmen zur Verfügung« stehe.

Große Unsicherheit

Der Leipziger IG-Metall-Sprecher Bernd Kruppa ist sich sicher, dass der Verkauf rechtmäßig ist und nicht angefochten werden kann. »Die können gerne versuchen, es wieder rückgängig zu machen, uns interessiert das nicht mehr«, sagte er am Montag auf Anfrage von jW. Es gebe einen Eintrag ins Grundbuch, die neue Geschäftsführung sei ins Handelsregister eingetragen. Und mit denen werde man künftig über Investitionen und Arbeitsbedingungen reden. Der Streit zwischen Prevent und Volkswagen hätte ohnehin nichts mit Neue Halberg-Guss zu tun gehabt, er sei lediglich auf dem Rücken der NHG-Beschäftigten ausgetragen worden, sagte Kruppa.

Trotz aller demonstrativ zur Schau gestellten Zuversicht geht der Konflikt nicht folgenlos an der Belegschaft vorüber. Die IG Metall Saarbrücken sprach laut einem Bericht des Saarländischen Rundfunks (SR) vom Samstag davon, dass dieser für große Unsicherheit bei den Arbeitern sorge. Gewerkschaftsvertreter Patrick Selzer sagte demnach, es sei ärgerlich, dass der Streit erneut auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werde.

Volkswagen hatte schon am Freitag die Darstellung von Prevent zurückgewiesen. »Die Sicherungsmaßnahmen haben keinen Einfluss auf den erfolgten Verkauf der NHG«, sagte eine Sprecherin laut Deutscher Presseagentur. Die strittige Summe beziehe sich auf den Kaufpreis, den Prevent gefordert habe, nicht auf den Gesamtwert des Firmenvermögens. »Die Werke könnten damit sofort unter neuer Führung produzieren, während Volkswagen und Prevent die Ansprüche gerichtlich klären.«

VW fordert einen zweistelligen Millionenbetrag von Prevent und hat die Kaufsumme vor dem Landgericht Braunschweig pfänden lassen. Bild (Leipziger Montagausgabe) will in Erfahrung gebracht haben, dass es um 50 Millionen Euro gehen soll. Im SR-Beitrag hatte eine VW-Sprecherin erklärt, dass es sich dabei um eine Rückforderung für überhöhte Preise handle. Sie sei im Frühsommer durch Lieferstopps erzwungen worden. Dabei habe Volkswagen zehnfache Preiserhöhungen mittragen müssen. Nach Ansicht des Unternehmens sei das vertragswidrig gewesen und wegen Wucher nichtig. Der Wolfsburger Autobauer erreichte mit dem Gang vors Gericht, dass die Summe aus dem Verkauf der Neuen Halberg-Guss nicht an Prevent ausgezahlt, sondern auf dem Konto eingefroren wurde. Das Geld könne so auch nicht ins Ausland verschoben werden.

Familienclan

Prevent wird von der bosnischen Familie Hastor kontrolliert und liefert sich schon seit Jahren Auseinandersetzungen mit Volkswagen. Zuletzt habe sich das Beteiligungsimperium zu einem Schreckgespenst der Automobilbranche entwickelt, schrieb das Wirtschaftsmagazin Capital in seiner Oktoberausgabe. Verschiedene zu Prevent gehörende Automobilzulieferbetriebe hatten in der Vergangenheit die Bereitstellung wichtiger Bauteile eingestellt, so dass es in Werken der Volkswagen AG teilweise zu Produktionsausfällen gekommen war.

Berater, Gewerkschafter und Vertreter anderer Zulieferer meinen laut Capital, hinter Prevents Vorgehen könnte System stecken. Die Methode sei folgende: Ein Zulieferer, von dem beispielsweise Volkswagen kurzfristig abhänge, werde übernommen. Dann würden deutlich höhere Preise gefordert, die die Abnehmer so lange zahlen müssten, bis sie einen anderen Lieferanten aufgebaut hätten. Sobald die Verträge gekündigt würden, geriete der Zulieferer in Bedrängnis und werde im Zweifel abgewickelt. Zu diesem Zeitpunkt sei der Gewinn aber längst abgeschöpft. Während Volkswagen-Vertreter vom Zehnfachen des Marktüblichen sprachen, räumte Prevent ein, dass es in einigen Fällen um das Fünffache gegangen sei.

2015 hatte es dieses »Spiel« bereits in Brasilien zwischen Prevent-Tochterfirmen und dem dortigen Ableger von VW gegeben. Ein Jahr später stellten die deutschen Prevent-Töchter Car Trim und ES Automobilguss die Lieferung ein und lösten einen Produktionsstopp bei Betrieben des Wolfsburger Automobilriesen aus. Im März 2018 trennte Volkswagen sich dann komplett von diesen.


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