Aus: Ausgabe vom 06.12.2018, Seite 12 / Thema

Ein deutscher Held

Vor hundert Jahren erschien Heinrich Manns »Der Untertan«. Der satirisch-kritische Roman gibt ein präzises Bild von der Klassengesellschaft des deutschen Kaiserreichs

Von Jürgen Pelzer
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Die unterwürfige Anbetung der fetischisierten Macht. Diederich Heßling begegnet dem Kaiser (Szene aus Wolfgang Staudtes Defa-Film »Der Untertan« aus dem Jahr 1951)

… dieser widerwärtig interessante Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritätsgläubigen wider besseres Wissen und politischen Selbstkasteiers. Noch ist er nicht abgenutzt. Nach den Vätern, die sich zerrackerten und Hurra schrien, kommen Söhne mit Armbändern und Monokeln, ein Stand von formvollen Freigelassenen, der sehnsüchtig im Schatten des Adels lebt …

Heinrich Mann 1911

Heinrich Mann hat mit dem »Untertan« einen Typen geschaffen. Eine Figur, die wie keine andere den deutschen Bürger vor Beginn des Ersten Weltkriegs repräsentiert. In seinem wohl berühmtesten Roman, der vor hundert Jahren vollständig erschien, geht es jedoch keineswegs nur um eine allgemeine, typisch deutsche Untertanenmentalität, um ein unausrottbares Obrigkeitsstaatsdenken, wie man aufgrund des Titels vermuten könnte. Das ist durchaus mitgemeint, doch in erster Linie geht es um einen bestimmten, historisch fixierbaren Typus aus der Klasse des Bürgertums, einen aus der Provinz aufsteigenden, politisch aktiven »modernen« Unternehmer im wilhelminischen Kaiserreich – Untertan und »Herrenmensch« zugleich.

Für Bertolt Brecht war der Roman gut zwei Jahrzehnte nach Erscheinen »der erste große politische satirische Roman der deutschen Literatur«.¹ Mann habe eine »brillante Beschreibung« geliefert, in der letztlich die unrühmliche »politische Misere« Deutschlands beleuchtet werde, d. h. das Versagen eines verlumpten Bürgertums, das sein Heil nicht in der Verwirklichung der Ideale von 1848, sondern nur noch im wirtschaftlichen Aufstieg sah, und das sich dabei bedenkenlos auf ein Arrangement mit den monarchistisch-reaktionären Kräften einließ. Die Folgen dieser antidemokratischen Entwicklung sind bekannt und waren viel länger wirksam, als Heinrich Mann sich dies 1918 vorstellen konnte.

Bürger ohne Würde

Die Entstehungsgeschichte des »Untertan« ist gut dokumentiert: Mann selbst spricht in seinem Erinnerungsbuch »Ein Zeitalter wird besichtigt« davon, wie langwierig die Arbeit an seinem »Roman eines bürgerlichen Deutschen« war. Das auslösende Erlebnis war eine Szene in Berlin aus dem Jahr 1906, als Mann in einem Café Unter den Linden eine »gedrängte Menge bürgerlichen Publikums« beobachtet hatte.² Er fand sie »ohne Würde«, »ihre herausfordernden Manieren«, heißt es weiter, »verrieten mir ihre geheime Feigheit«. Und er wird Zeuge eines erschütternden Vorfalls: Die Kaffeehausbesucher »stürzten massig an die breiten Fensterscheiben, als draußen der Kaiser ritt. Er hatte die Haltung eines bequemen Triumphators«.

Es ist vor allem die Berlin-Erfahrung, die Mann umtreibt. In der Metropole des deutschen Reiches, die sich als Weltstadt geriert, spürt er den Druck »dieser sklavischen Masse ohne Ideale«: »Zu dem alten menschenverachtenden preußischen Unteroffiziersgeist ist hier die maschinenhafte Massenhaftigkeit der Weltstadt gekommen, und das Ergebnis ist ein Sinken der Menschenwürde unter jedes bekannte Maß.« Mann studiert hier, wie das »belanglose Massenteilchen« im Alltag behandelt wird, wie sich »jeder als Vorgesetzter und als Feind des Andern aufführt: so unverhüllt und brutal wie sonst nirgends in der Welt«. Mann, der Kosmopolit, war an das freiere, demokratischere Leben in Italien oder Frankreich gewöhnt. »Auf den Bahnhöfen, in den schwitzenden Cafés habe ich manchmal das Gefühl: wenn plötzlich eine Abtheilung Polizei eindränge und zehn, zwanzig Stück aus dem Haufen niedersäbelte, – die Andern würden deswegen weder den Zug versäumen noch ihre Melange stehen lassen.«³

Von den über Jahre hinweg betriebenen »Studien« ist es ein relativ langer Weg zum Roman, in dem es den von Mann prinzipiell bevorzugten positiven Helden nicht gibt, sondern bloß den negativen: einen »durchschnittlichen Neudeutschen«, der die Epoche des Wilheminismus repräsentieren soll. 1911 und 1912 erscheinen unter Titeln wie »Die Neuteutonen«, »Die Macht« oder »Der Krawall« erste Szenen im Simplicissimus und andernorts, die bereits Manns Verfahren einer literarischen Zeitdiagnostik und seinen satirischen Zugriff erkennen lassen. Am 1. Januar 1914 beginnt in Fortsetzungen der Abdruck des Romans in der wöchentlich erscheinenden Illustrierten Zeit im Bild. Allerdings nicht vollständig. Am 1. August 1914, dem Tag der deutschen Mobilmachung, erhält Mann einen Brief der Redaktion, die um Verständnis dafür bittet, dass man angesichts der Zeitumstände nicht mehr in »satirischer Form an den Verhältnissen Kritik üben« dürfe. Auch könne man, wie es in vorauseilendem Gehorsam heißt, bereits bei der »geringsten Anspielung politischer Natur, etwa auf die Person des Kaisers« die »ärgsten Zensurschwierigkeiten bekommen«.⁴

Und so erscheint der vollständige Roman zunächst nur im zaristischen Russland. In Deutschland dauert es bis zum Dezember 1918, bis der Roman im Kurt-Wolff-Verlag erscheinen kann, nachdem zuvor der Rat der Volksbeauftragten die Zensur aufgehoben hatte. Der Erfolg war gewaltig, eine Auflage von 100.000 Exemplaren ist bald verkauft. Mann hatte sich als brillanter Prognostiker erwiesen, der dazu noch eine höchst originelle Romanform entwickelt hatte.

Ein konditionierter Aufsteiger

Der zeitliche Rahmen des »Untertan« ist klug gewählt, er reicht von 1890 (Bismarck ist noch Reichskanzler) bis zum 22. März 1897, dem 100. Geburtstag von Wilhelm I., der im letzten Kapitel mit einer Denkmalenthüllung begangen wird. Dieser Zeitraum markiert nicht nur die Entstehungsjahre des Wilheminismus, den Mann als System kenntlich machen möchte, sondern vor allem die Jahre der ökonomischen Hochkonjunktur und des beginnenden Imperialismus, also der internationalen Wirtschafts- und Systemkonkurrenz. In den Jahrzehnten zuvor hatte es einschneidende ökonomische und soziale Veränderungen gegeben, die mit der sogenannten Agrarrevolution (seit 1840) und der industriellen Revolution (nach 1850) einsetzten. Während die bürgerliche Revolution von 1848 gescheitert war, sorgten diverse von Preußen-Deutschland vom Zaun gebrochene Hegemonialkriege (1866 bis 1871) nicht nur für eine erste Hochkonjunktur, sondern auch für den Machterhalt der alten landbesitzenden Aristokratie. Der alte Liberalismus wurde zusehends zahmer, spaltete sich in den Nationalliberalismus und in den »Freisinn«. In den neunziger Jahren folgte ein erneuter konjunktureller Schub, die Wachstumsraten stiegen rasant, und aus dem noch relativ freien Konkurrenzkapitalismus entwickelte sich der »organisierte Kapitalismus« im Zeichen der Konzentration und Zentralisation des Kapitals sowie der Monopolbildung in Syndikaten und Trusts.

Bei dieser Umbruchphase setzt Mann an. Diederich Heßling, der »Held« des »Untertan«, ist Inhaber einer Papiermühle, die sein Vater, der noch Arbeiter war, aufgebaut hat, und die nun expandieren soll. Aus dem kleinen wird der große Unternehmer. Dieser Ausbau erfolgt freilich nicht ohne Probleme. Vor allem das öffentliche, immer noch vom Adel beherrschte Umfeld ist entscheidend – Verwaltung und Justiz, Presse und Kirche sowie das stets präsente und glorifizierte Militär; und all dies überwölbt von der anachronistischen Figur des Kaisers, der Verkörperung der Macht in einem klar hierarchischen System. Das Bürgertum flieht in dieser gesellschaftlichen Lage entweder in die »machtgeschützte Innerlichkeit«, wie dies Heinrichs Bruder Thomas Mann ebenso ironisch wie defensiv nannte, »halbiert« sich, oder aber lehnt sich, weil es die organisierte Arbeiterbewegung fürchtet, offen an den Adel an. Und teilt damit die reaktionären Werte und Einstellungen der Aristokratie: Elitismus, Klassenhass, Antisemitismus, Militarismus, Nationalismus und Chauvinismus. Heßling ist der Repräsentant sans phrase dieser zweiten Gruppe.

Mann zeigt nun zweierlei: erstens wie der Held mit dem sprechenden Namen Heßling als Kind, Jugendlicher, Student »sozialisiert« oder besser: konditioniert wird, zweitens wie er Karriere macht, d. h. in seinem Heimatort zum »Wirtschaftsführer« aufsteigt und als erfolgreicher Unternehmer und Politiker den sozialen Kosmos, dem er entstammt, seinerseits prägt, ja im Sinne des Wilhelminismus verjüngt, »modernisiert« oder besser: korrumpiert. Mann nutzt also die Modelle des Entwicklungs- wie des Gesellschaftsromans, wobei der Entwicklungsroman nicht auf das individuell Interessante, das Ausnahmehafte usw. abhebt, sondern auf das Normierte, Typische, womit die Beschreibung des gesellschaftlichen Ganzen ermöglicht wird. Für die deutsche Literatur betrat Mann damit Neuland. Was den Gesellschaftsroman betrifft, so steht er in der Tradition der großen Franzosen von Honoré de Balzac bis Émile Zola.

Verehrung der Macht

Die ersten Kapitel, in denen Mann beschreibt, wie der kleine »Diedel« Heßling aufwächst, die Schule besucht und schließlich an der Berliner Universität landet, sind Glanzstücke einer literarischen Psycho- und Soziogenese, die statt irgendwelcher Theorien signifikante Details ausstellt und gelegentlich satirisch hervorhebt. Mann zeigt an konkreten Beispielen, wie ein – später so bezeichneter – autoritärer Charakter entsteht, d. h. eine Person, die die Agenturen einer repressiven Gesellschaft durchläuft, etwa die Erziehung durch einen prügelnden und strafenden Vater, einen ehemaligen Unteroffizier, dann durch autoritäre, ebenfalls systematisch prügelnde Lehrer. Diederich, ein »weiches« und schwaches Kind, entwickelt kein Selbst, statt dessen Aggressionen gegen andere, noch Schwächere, gegen Mutter und Schwester, gegen den jüdischen Jungen in der Schule und die vom Vater ausgebeuteten Arbeiterinnen und Arbeiter in der Papiermühle.

Schon früh wird er auf autoritäres Verhalten gedrillt, auf die unbedingte Verehrung einer gottgleichen »Macht«, die formelhaft für die unverstandenen Machtverhältnisse in der wilhelminischen Gesellschaft steht. Nach oben buckeln, nach unten treten. Für die Ausbildung einer selbstbestimmten Persönlichkeit, für Gefühle, für Freundschaften oder Liebesbeziehungen, für Empathie oder gar Solidarität mit anderen bleibt da wenig Platz. Auch als Student setzt sich diese Entwicklung fort: Heßling wird Mitglied einer schlagenden Verbindung, der »Neutonia«, und fühlt sich wohl in dieser Gruppe, die jede Regung von Individualität im gemeinsamen Bierrausch ertränkt und starre Rituale zele­briert, die nach außen abgrenzend und gewaltbereit wirken. Er durchläuft das Militär, verteidigt dessen sadistische Zurichtung und unbedingte Unterordnung, entzieht sich dann aber weiterer Verwendung, angeblich wegen des angestrebten Berufs (er studiert Chemie und promoviert auch in diesem Fach), in Wahrheit aber wohl, weil er sieht, dass er als verächtlich betrachteter »Bürgerlicher« im vom Adel beherrschten Heer keine Aufstiegschancen hat.

Doch den Drill, das Sadistische, die Gewaltbereitschaft, vor allem auch gegen den »inneren Feind« begrüßt er. Beziehungen zu Frauen scheitern letztlich aus Mangel an Selbstwertgefühl und an seiner Angst vor Gefühlen und dem Anschein von Weichlichkeit. Entscheidend werden die Begegnungen mit der Macht, d. h. mit Wilhelm II. höchstselbst. Diederich wird Zeuge, wie dieser auf einer Demonstration von Arbeitslosen – den sogenannten Februarkrawallen vom Februar 1892 – durch bloße Präsenz zu wirken sucht: hoch zu Ross und »blitzend«, d. h. wie die Götterfigur des Zeus Blitze gegen die Unbotmäßigen schleudernd. Das Theater, das typisch für die Selbstinszenierung des Monarchen ist, macht auf Heßling Eindruck. Später dann treffen beide im Tiergarten zusammen. Der Autokrat hat hier keinen Attentäter zu fürchten, obwohl Diederich »als Mensch im gefährlichsten Zustand des Fanatismus« erscheint. Der Kaiser blickt lachend auf seinen getreuen Untertan herab. Engführungen dieser Art – fiktive oder wahre –, Begegnungen mit dem Kaiser als dem Symbol der angebeteten, fetischisierten Macht, finden sich am Ende jedes Kapitels. Diederich legt sich sehr bald einen Schnurrbart nach Art des Kaisers zu, verwandelt sich seinem Idol immer mehr an, zitiert ihn oder erfindet Sätze, die von Wilhelm stammen könnten (und von diesem auch nicht dementiert werden).

Diederich macht dann Karriere in seinem Heimatort Netzig, einer fiktionalen Kleinstadt in der Nähe Berlins, die Mann als repräsentativ für die Gesellschaft des Kaiserreichs zeichnet. In Netzig finden sich alle wichtigen Schichten, Gruppierungen und Institutionen wieder: der alles beherrschende Adel, die Vertreter von Justiz, Presse, Kirche, Verbänden etc. Heßlings Aufstieg ist unaufhaltsam. Er übernimmt die väterliche Fabrik, schließt sich, um weiteren Vorteil bedacht, der »Partei des Kaisers« an (einem Amalgam aus Konservativer Partei und »alldeutschen«, d. h. chauvinistisch orientierten Verbänden) und kämpft die Reste des liberalen Bürgertums nieder. Diederich heiratet für eine stattliche Mitgift und will eine gesunde, deutsche Familie vorweisen. Und er arrangiert sich mit dem Repräsentanten der entscheidenden politischen Kraft, mit dem Regierungspräsidenten von Wulckow, dem Vertreter des Junkertums – in Wolfgang Staudtes Verfilmung hinreißend gespielt von Paul Esser –, und mit Napoleon Fischer, dem abwartend-kompromissbereiten Vertreter der organisierten Arbeiterschaft. Heßling wird Stadtverordneter und übernimmt die Konkurrenz, ganz wie es dem erwähnten Konzen­trationsprozess der damaligen Zeit entsprach.

Krieg am Horizont

Mann karikiert also kaum, sondern fasst die Trends der 1890er Jahre in einer repräsentativen und zugleich ausnehmend hässlichen Figur zusammen. Aus dem kleinen Spießer ist jetzt ein kapitalistischer Unternehmer geworden. Mann hat seine Figur so gut in den gesellschaftlichen Rahmen eingefügt und mit den historischen Bedingungen verknüpft, dass sie gleichsam über sich bzw. über die von Mann beabsichtigten Intentionen hinauswächst. »Der Untertan« nimmt den beinahe zwangsläufigen Weg einer solcherart autoritär geeinten, auf Dominanz und Ausgrenzung, auf Macht und Herrschaft begründeten Nation in den Weltkrieg ahnungsvoll vorweg. Die zerstörerischen und verheerenden Dimensionen dieser Gesellschaft, wie sie sich dann im Faschismus zur Kenntlichkeit entstellten, hatte er allerdings nicht vorhergesehen.

Der bereits vor dem Weltkrieg abgeschlossene Roman endet mit einem stupenden Kladderadatsch. Heßling steht im letzten Kapitel auf dem Höhepunkt seiner Macht. Alles läuft für ihn. Er hat seinen Betrieb, ja die ganze Stadt »modernisiert« – im Zeichen eines angeblich modernen Autokraten, der Deutschland samt seinen Kolonien »herrlichen Zeiten« entgegenführen wollte. Er ist jetzt auch »Haupt der Partei des Kaisers« und Vorsitzender eines Komitees, das aus Dankbarkeit der Monarchie gegenüber ein Denkmal für Wilhelm I. aus Anlass von dessen 100. Geburtstag errichten will. Hesslings Rede an diesem »Schicksalstag« ist eine Art Manifest der deutschen Großbourgeoisie, die sich, ihre Erfolge und ihre anstehende Expansion feiert – »denn das Weltgeschäft ist heute das Hauptgeschäft«.⁵ Vorbei der verweichlichende Humanismus ohne militärische Zucht und Ordnung. Der Monarch hat sie alle aufgerüttelt und die wahren Potenzen des Bürgertums freigesetzt. Ein Herrenvolk wie das deutsche braucht keinen faulen Frieden. Nicht nach außen gegenüber dem Erbfeinde, nicht nach innen, wo die »die Schlammflut der Demokratie« droht.

Eine Gegenkraft gegen diese gigantische Selbstüberschätzung gibt es nicht. In der SPD erblickt Mann nur »angepasste Bürger«. Ein Naturspektakel muss es richten: Ein Gewittersturm beendet den ganzen nationalistisch-chauvinistischen Spuk. Doch Heßling ist mitnichten am Boden zerstört, kassiert seinen Orden und macht weiter. Einen wirklichen »Umsturz« braucht er nicht zu befürchten.

Als der Roman dann 1918 nach dem Ende des Kaiserreichs vollständig erscheint, wird er ein großer Erfolg. Kurt Tucholsky lobt ihn enthusiastisch, nennt das Buch ein »Herbarium des deutschen Mannes« und hofft auf ein neues Deutschland ohne autoritätshörige Klein- und Großbürger.⁶ Kritisiert wurde damals eine angebliche Überzeichnung, eine karikierende, der Wirklichkeit nicht entsprechende Darstellung. Diese Kritik klingt bis heute nach. Einige Konservative scheuten sich jedenfalls nicht, von einem »literarischen Dolchstoß« zu sprechen – unerträglich war ihnen die Entlarvung der offiziellen Machenschaften, Tricks und Betrügereien. Mann begrüßte die Revolution, den Sturz der Monarchie, befürwortete gar das Rätesystem, wurde Vorsitzender des »Politischen Rates für geistige Arbeiter« und engagierte sich für die USPD und namentlich den ersten Ministerpräsidenten Bayerns, Kurt Eisner, auf den er eine bewegende Grabrede hielt. Dank seines Engagements darf Mann zu Recht als führender literarischer wie politischer Repräsentant der Weimarer Republik gelten, bis er 1933 zur Emigration gezwungen wurde. Eine neue Führergestalt war geformt worden, die Mann – »in der Anschauung, wenn auch nicht im Begriff« – bereits kannte. 1950, kurz vor seinem Tod, verlieh Heinrich Mann der Defa die Rechte für die Verfilmung des »Untertan«, den Wolfgang Staudte kongenial in Szene setzte. Der Kladderadatsch am Schluss ist jetzt nicht mehr der Erste, sondern der Zweite Weltkrieg. In der Bundesrepublik wurde der Film zunächst als »verfassungsfeindlich« verboten. Es sollte Jahre dauern, bis der Film dort endlich gezeigt werden konnte.

Anmerkungen

1 Bertolt Brecht: Notizen zu Heinrich Manns »Mut«, in: Bertolt Brecht. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 22.1, Berlin/Frankfurt 1993, S. 531

2 Zitiert nach: Wolfgang Emmerich: Heinrich Mann: Der Untertan. Text und Geschichte, München 1980, S. 27 f.

3 Ebd., S. 41

4 Ebd. S. 34

5 Heinrich Mann: Der Untertan, Berlin 1993, Redaktion Sigrid Anger, S. 427

6 Ignaz Wrobel (d. i. Kurt Tucholsky), in: Weltbühne Nr. 13, vom 22.3.1919, S. 317

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 13.11. über die Räte »geistiger Arbeiter» während der Novemberrevolution vor 100 Jahren.


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