Aus: Ausgabe vom 06.12.2018, Seite 11 / Feuilleton

Wahre Tierrechte (53): Reich und Heim

Von Wiglaf Droste

Lia packte die Futteralien und Getränke aus dem Korb, in dem auch Gläser, Geschirr und Besteck Platz gefunden hatten – und dazu ein paar weiche Lappen, Verbandszeug, Fläschchen und Tuben, die offenbar Arznei enthielten. »So Jungs, genug geschwatzt, jetzt wird gespachtelt! Und danach« – sie sah Jochen an wie eine Parodie auf Florence Nightingale – »werde ich mal diesen Herrn hier verarzten. Er hat ja schließlich ordentlich einstecken müssen.«

»Vielen Dank, aber das ist keine große Sache«, erklärte Jochen; er konnte es als hart und mit den Händen arbeitender Bauer auf den Tod nicht vertragen, wenn alle Welt, Männer wie Frauen, um jedes Wehwehchen mit großem Aufwand Trara und Tamtam machten. Den Einwand, seine Skepsis sei »typisch Mann« und nur der Versuch, Gefühle zu verstecken, die man im Gegenteil »zulassen« müsse, um sie dann demonstrativ vorzuzeigen, ließ er nicht gelten und quittierte das wehleidige Ausstellen von jedwedem Aua-Aua-Geheule für gewöhnlich mit dem Zitieren eines Albumtitels der Band Fischmob, der ihm sehr gefiel: »Männer können seine Gefühle nicht zeigen«.

Zu dritt mampften und tranken sie ausgelassen und ließen sich die Freude ansehen und anhören. »Ja, schmatzt ruhig! Das erhöht den sinnlichen Genuss, es schmeckt dann noch besser!« rief Jochen und hielt sich selbst an diese Maxime. Lia hatte sogar an eine Kanne Espresso und die zugehörigen Tässchen gedacht und wurde dafür von Andreas herzlichst »verdankt«. Der Wissensvielfraß erklärte: »Ja, ›verdankt‹, das sagt man so in der Schweiz. Das ist ein lupenreiner Helvetismus.« Er setzte an, um unerbeten sein Verhältnis zur Schweiz zu erklären: »Die Deutschen zieht es notorisch heim ins Reich, die Schweizer wollen nur möglichst reich ins Heim; da ist mir der krude, schnöde Schweizer Mammonmaterialismus doch weniger widerwärtig als die reichsdeutsche Selbstheiligsprechung. Und überhaupt …«, als er einen nicht missverstehbaren Blick von Lia auffing. »Ich gehe mal eine Runde«, sagte Andreas süffisant, erhob sich und verschwand.

»So – und du zieh mal das Hemd aus!« sagte Lia zu Jochen und wies Jochens Protest in die Schranken. »Papperlapapp, zier dich nicht so und zick nicht rum. Meinst du, als Scarface hättest du mehr Chancen bei den Frauen?«

»Donnerschlag«, dachte Jochen und schluckte etwas mulmig, »die Frau hat Tempo!«

(Fortsetzung folgt)


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