Aus: Ausgabe vom 05.12.2018, Seite 16 / Sport

»Irgendwie pusht es dich«

Bei der Feldhockey-Weltmeisterschaft im indischen Bhubaneswar strömen Tausende zu den Spielen. Die Begeisterung hat Tradition

Von Leonhard Furtwängler
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»Sie finden Hockey einfach geil.« DHB-Profi Mats Grambusch (l.) in Aktion (2017)

Militärfahrzeuge der indischen Armee eskortieren den Mannschaftsbus der deutschen Hockeymänner auf ihrem knapp zehnminütigen Weg zum Kalinga-Stadion. Hunderte Passanten winken den Spielern zu, versuchen einen Blick ins Innere zu erhaschen. »Als wäre man irgendwie wichtig«, sagt der Olympiadritte Mats Grambusch staunend. Ihm und seinen Teamkollegen kommt die Aufmerksamkeit bei der WM in Bhubaneswar beinahe surreal vor.

In Deutschland gilt ein Bundesligaspiel mit 500 Zuschauern als gut besucht, in Indien strömen Menschenmassen in die Stadien – auch, um die Auswahl des Deutschen Hockeybundes (DHB) zu sehen. »Es sind 15.000 Leute, die irgendwas schreien. Du verstehst es zwar nicht, aber irgendwie pusht es dich«, schwärmt Grambusch im Gespräch mit dem sid. Torjäger Christopher Rühr pflichtet ihm bei: »Die Leute haben hier bis auf Indien eigentlich gar keine richtigen Favoriten. Sie finden Hockey einfach geil und feiern dich frenetisch.«

Schon bei ihrer Ankunft im ostindischen Bundesstaat Odisha wurde für die »Honamas« der rote Teppich ausgerollt. Am Flughafen musste das Team von Bundestrainer Stefan Kermas für die Fotografen posieren, und auch während des Turniers (28. November bis zum 16. Dezember) gehören tägliche Interviewanfragen für das Fernsehen oder die Zeitungen zum WM-Alltag. In den indischen Medien gibt es derzeit ohnehin kaum ein anderes Thema. »Die Zeitungen hier sind voll mit Hockeyartikeln, und im Fernsehen läuft es rauf und runter«, erzählt Grambusch. Vorberichterstattung, Liveübertragung mit Kommentatoren, Interviews am Spielfeldrand und Nachberichterstattung: In Deutschland wäre solch ein Szenario nur bei einer Fußball-WM vorstellbar.

Der indische Hockeywahnsinn ist auf eine goldene Ära zurückzuführen. Von 1924 bis 1980 gewann das indische Hockeynationalteam achtmal die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Der Triumph vor 38 Jahren war allerdings der letzte große Erfolg der Hockeynation. Um wieder an diese glorreichen Zeiten anzuknüpfen, werden Fördermittel in Mengen ausgegeben, Konzepte wie die »Hockey India League« ins Leben gerufen. »Die indischen Spieler sollen von dem Einfluss starker Spieler aus der ganzen Welt profitieren«, sagt der ehemalige Welthockeyspieler Moritz Fürste.

Dazu finden jährlich Auktionen statt, bei denen die besten Spieler aus der ganzen Welt von indischen Klubs für die Saison ersteigert werden können, um die lokalen Teams beim vierwöchigen Kampf um die Meisterschaft zu verstärken. Für die ausländischen Topspieler ist es ein lukratives Angebot – Fürste erhielt bei einem seiner vier Indien-Aufenthalte rund 98.000 Euro. Für Indien ist das System der Schlüssel zur Rückkehr an die Weltspitze. »Das Konzept funktioniert. Die indischen Spieler haben mittlerweile ein viel größeres Selbstbewusstsein und lassen sich nicht mehr so einfach von erfolgreichen Nationen dominieren«, sagt Fürste.

Auch bei ihrer Heim-WM sind die Gastgeber gut gestartet. Während die deutschen Männer nach dem 1:0 gegen Pakistan in der Gruppe D hinter dem Erzrivalen und nächsten Gegner Niederlande (heute, 12.30 Uhr) stehen, führt Indien mit einem Unentschieden gegen den Mitfavoriten Belgien (2:2) und einem deutlichen Auftaktsieg gegen Südafrika (5:0) die Gruppe C an.


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