Aus: Ausgabe vom 05.12.2018, Seite 12 / Thema

Im Niemandsland

Seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima ist das Gebiet um das havarierte Atomkraftwerk weiträumig evakuiert. Die Regierung verbreitet Zuversicht, aber die Strahlenwerte sprechen eine andere Sprache

Von Unai Aranzadi
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Wohin mit dem Wasser? Dem Kraftwerksbetreiber TEPCO geht langsam die Fläche aus, um weitere Tanks zur Speicherung radioaktiv verseuchten Wassers aufzustellen – der japanische Industrieminister Toshimitsu Motegi am 26. August 2013 in Fukushima

Die Züge fahren wieder, aber sie sind leer. Sieben Jahre nach der Havarie des Atomkraftwerks Fukushima I ist der Schienenverkehr in die Gemeinden in der Nähe der Anlage teilweise wiederhergestellt. 2017 wurde das Betretungsverbot für einige Städte, die sich innerhalb der 20-Kilometer-Zone rund um das Kraftwerk befinden, aufgehoben. Zurückgekehrt sind seitdem nur wenige Menschen. In Namie, einer Stadt mit ehemals 20.000 Einwohnern, leben gerade einmal 400 Menschen. Man denkt unwillkürlich an Krieg, wenn man aus dem Zug aussteigt und den verlassenen Bahnhof durchquert. Die Hauptstraße ist leer, keine Menschenseele zu sehen. Aber wo ist der Feind? »Die radioaktive Strahlung ist unsichtbar, es gibt nichts, das dich vor der Gefahr warnt, die hier überall lauert«, sagt Pete Kobayashi, der in der düsteren Vorhalle eines verlassenen Hotels sitzt. Er ist Fotograf und dokumentiert seit Jahren die Auswirkungen einer Tragödie, die als »die dreifache Katastrophe» bezeichnet wird. Sie begann mit einem Erdbeben der Stärke 9,0, setzte sich mit einem Tsunami fort und endete mit dem Austritt radioaktiver Stoffe und kontaminierten Wassers. Die Tsunamiwellen hatten die viel zu niedrigen Schutzmauern des direkt am Meer gelegenen Kraftwerks einfach überrollt. Infolge dessen kam es zu einem Ausfall der Kühlsysteme der von der Firma Tokyo Electric Power Company (TEPCO) betriebenen Anlage.

Nur Alte, keine Kinder

In den evakuierten Gebieten, die vom Tsunami verschont, aber radioaktiv verstrahlt wurden, bietet sich dem Besucher das erwartete Bild: aufgegebene Geschäfte, Unkraut, das überall aus dem Asphalt schießt, Automaten mit verdorbener Nahrung und Häuser, deren Inneres sich präsentiert wie am Tag des Atomunfalls. Achtet man jedoch auf die Details, offenbart sich Irritierendes: ein verrostetes Kinderfahrrad, das ordentlich abgestellt an einer Ampel lehnt, eine verlassene Wohnung, voll mit Fotos und anderen Familienerinnerungen, und um die Ecke ein Korb mit Wäsche, die seit Jahren darauf wartet, aufgehängt zu werden. Es herrscht eine ungesunde Stille in Namie, gut zehn Kilometer entfernt vom Kraftwerk, dem Mittelpunkt einer Wunde, die genauso offen bleibt wie die drei Reaktoren, die seit der Katastrophe vom März 2011 noch nicht demontiert wurden.

Folgt man der Straße, kommt man zu einer ehemaligen Mall, in der einige Geschäfte wiedereröffnet haben, um die wenigen Einwohner der Gemeinde zu versorgen. Sie dienen auch als Treffpunkt, um Sorgen und Hoffnungen auszutauschen. Jugendliche sieht man hier nicht, auch keine Kinder – und das nicht nur, weil es kein Krankenhaus, keine Schule und keinen Kindergarten gibt. Es sind die Alten, die zurückgekehrt sind und die offenbar keine Angst haben vor der potentiellen Bedrohung durch den extrem hohen Gehalt an radioaktivem Cäsium-137, der nach der Havarie im Urin vieler Menschen festgestellt worden ist. Auch der Schilddrüsenkrebs, dessen Verbreitung extrem zugenommen hat, schreckt sie nicht. »Zu alt, um sich um die Zukunft zu sorgen«, ist der Satz, der hier am häufigsten von den Angehörigen einer Generation zu hören ist, die als Kinder mit Hiroshima aufwuchsen und jetzt mit Fuku­shima konfrontiert sind.

In der Nachbarstadt Odaka, die bis zum Jahr 2016 evakuiert war, liegen die Dinge anders. In die sechs Kilometer vom Kernkraftwerk in Fukushima entfernt gelegene Gemeinde sind 2.000 Anwohnerinnen und Anwohnern von zuvor 13.000 zurückgekehrt. Wie in anderen Dörfern und Städten der Region sieht man überall die Geigerzähler stehen, die die aktuelle Strahlungsdosis angeben. Aber die Leute sehen kaum hin. Sie verfügen über ihre eigenen Messgeräte, in ihren Häusern, bei der Arbeit und im Handschuhfach ihrer Autos, mit denen sie sich durch die trostlose Gegend bewegen, die sie trotz allem nicht aufgeben wollen. Yuko Hirohato ist einer dieser Menschen. Aber im Gegensatz zu anderen verlässt er Odaka jeden Tag vor Sonnenuntergang. Zu tief sitzt noch das Trauma des 11. März 2011. An jenem Tag, einem Freitag, ereignete sich um 14.46 Uhr das Erdbeben. Das Epizentrum befand sich nur 130 Kilometer vor der Ostküste Japans. Überall ertönten die Sirenen, um die Anwohnerinnen und Anwohner vor einem möglichen Tsunami zu warnen. »Er erwies sich als zerstörerischer als alles, was wir bis dahin gekannt hatten.« Yukos Augen füllen sich mit Tränen. »Es gab fünfzig Minuten Zeit für die Evakuierung. Das klingt viel, aber wenn es darum geht, Zehntausende Menschen von einem Ort wegzubringen, ist es sehr wenig Zeit.« Es gab viele, die den Alarm gar nicht wahrnahmen: die gehörlosen Rentner, diejenigen, die über Kopfhörern Musik hörten. Hinzu kamen die, die nicht aus eigener Kraft fliehen konnten: die Alten und die Schwerbehinderten, die auf Hilfe angewiesen waren. »Niemand hatte etwas in dieser Größenordnung erwartet«, sagt Yuko. »Als um 15.50 Uhr der Tsunami kam, waren die Wellen an manchen Stellen 40 Meter hoch.« Das bestätigt auch der Geophysiker Gerard Fryer, der das Pazifische Tsunami-Warnungszentrum leitet, das an jenem Tag den Alarm auslöste. »Ich dachte zunächst die mir vorliegenden Daten seien nicht korrekt. Niemals in der Geschichte Japans gab es ein Erdbeben dieser Größenordnung«, äußerte er später sichtlich irritiert gegenüber den Medien. Die Naturgewalten übertrafen alle wissenschaftlichen Prognosen über Erdbeben in der Pazifikregion. Das Tohoku-Erdbeben erreichte eine Stärke von 9,0 auf der Richterskala, deren höchster, theoretischer Wert bei 10,0 liegt. Es war damit das seit Beginn der Aufzeichnungen viertstärkste Erdbeben.

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»Der Fisch ist gut«, meinen der Fischändler Shigeichi Yachi und seine Frau, die nach Odaka, 25 Kilometer nördlich des AKW Fukushima I, zurückgekehrt sind

Angestrengter Optimismus

Die Fischhändler Shigeichi Yachi und seine Frau Michiko entkorken eine große Flasche Reiswein. Sie interessieren sich weder für das radioaktiv verseuchte Wasser, das nach der Havarie des Kraftwerks in den Ozean gelangt ist, noch für die extrem hohen Cäsiumwerte, die Greenpeace auf dem Meeresboden festgestellt hat. Das Ehepaar vertraut den beruhigenden Botschaften der Regierung in Tokio ebenso wie die einheimischen Fischer, die längst wieder Thunfische, Goldbrassen und Seeteufel für die Zubereitung des traditionellen Sushi liefern. Sie sind zuversichtlich. Von Anfang an wollten sie in ihre Stadt zurückkehren. Ihr Leben an einem fremden Ort zu beenden, wo sie niemanden kennen und keine Wurzeln haben, war für sie unvorstellbar. »Der Fisch, der uns aus dem Hafen von Namie, geliefert wird, ist gut, und auch die Lachsfarm wurde reaktiviert«, äußern sie zufrieden. Ihr Fischgeschäft ist brandneu. Die von der Regierung geleisteten Ausgleichszahlungen für Anwohner und Unternehmen in der Provinz Fukushima sind beträchtlich. Das bestätigen auch die wenigen anwesenden Kunden.

Aber nicht jeder ist zufrieden. Der 90jährige Seimei Sasaki lacht bitter. Dem Oberhaupt einer alteingesessenen Bauernfamilie wurde nach der Reaktorkatastrophe mitgeteilt, dass alles, was auf seinem Land wächst, vom Großhandel nicht mehr abgenommen würde. »Von dem Moment an, als ich im Süden eine große weiße Rauchwolke sah, wusste ich, dass sich etwas sehr Schlimmes ereignet hat«, erinnert er sich. »Wenn die Wolke schwarz gewesen wäre, hätte ich mir nicht so viele Sorgen gemacht, aber sie war weiß und sehr dicht, und dort, wo sie herkam, befand sich das Atomkraftwerk«, sagt er und stützt sich auf eine Hacke. Er steht in einem seiner Felder vor einem großen Stein. Er hebe hier sein eigenes Grab aus, sagt er. »Das ist die einzige Arbeit, die mir hier noch zu tun bleibt.« Seimei Sasaki lächelt. Er ist froh und traurig zugleich. Er konnte zurückkehren, um auf seinem Hof zu sterben, aber er weiß auch, dass die Landwirtschaft hier keine Zukunft hat. Einer seiner Söhne ist umgezogen. Er züchtet jetzt Blumen in einer anderen Region. Nur eines seiner Kinder ist geblieben. Und das buchstäblich an vorderster Front. Shuzo Sasaki ist ein hoher lokaler Beamter, der sich um die Neubelebung der verlassenen Städte bemüht. Der konservative Politiker sitzt vor einem Teller Sushi und verbreitet Optimismus. »Wir arbeiten hart daran, damit alles wieder normal wird und die Menschen zurückkehren und ihren Geschäften nachgehen können«, sagt er. Das ist das Mantra, das auch in den Reden anlässlich des Jahrestages des Tohoku-Erdbeben und des anschließenden Tsunamis immer wieder zu hören war. Aber Shuzo Sasaki kann doch sein Bedauern nicht verbergen, dass den Schulen nach wie vor die Schüler fehlen und nur wenige Menschen zurückgekehrt sind.

Mehr als 19.000 Menschen verloren am 11. März 2011 und in den folgenden Tagen ihr Leben. Wie hoch die Zahl der indirekten Opfer durch die Verstrahlung ist, weiß niemand. Über sie wird einfach nicht gesprochen. Die Lokalpolitiker schweigen ebenso wie die Regierung in Tokio. Und auch die Betroffenen wie Yuko Hirohato wissen kaum etwas. Angesichts des Informationskrieges, den der Staat und verschiedene Nichtregierungsorganisationen gegeneinander führen, fühlen sie sich verloren. Die meisten glauben ohnehin den Angaben der Regierung. Auch Dr. Masaaki, ein lokaler Neurologe, der es besser wissen müsste. Er gehört einem alten Samurai-Clan an. »Darüber zu sprechen, was passieren könnte, das ist Spekulation«, murmelt er leise, während seine Frau ihm hilft, die Rüstung des Kriegers anzulegen. Gemeinsam mit 500 anderen Reitern will er durch Odaka, heute Teil der Stadt Minamisoma, reiten. Das war eine seit Jahrhunderten gepflegte Tradition – bis zum Reaktorunglück. »Wir vertrauen den Behörden«, sagt der Arzt, während er die Position seines Schwerts am Gürtel überprüft. Wohl niemand verkörpert die Disziplin der Japaner und ihre Fähigkeit, Trauer zu ertragen und Angst in den Tiefen der Seele zu verbergen, besser als ein Samurai. Mit Ausnahme einer kleinen Minderheit von Überlebenden und Umweltaktivisten wird der offizielle Diskurs in der japanischen Gesellschaft stoisch akzeptiert. Die Realität indessen sieht anders aus: Nach wie vor sind die Strahlenwerte in den Reaktoren, in denen es zu einer Kernschmelze kam und in denen noch immer mehr als 500 Tonnen radioaktiver Brennstoff lagern, alarmierend hoch – so hoch, dass selbst die Spezialroboter, die dort zu Räumarbeiten eingesetzt werden, schon nach wenigen Stunden ausfallen. Die Regierung und den Energieversorger TEPCO kümmert das wenig. »An Lösungen wird gearbeitet«, heißt es von deren Seite gebetsmühlenartig.

Für die Durchquerung der von den Behörden gesperrten Gebiete ist eine spezielle Genehmigung der Regierung erforderlich, deren Bearbeitung Tage in Anspruch nimmt. An einer Schranke stehen Polizisten. Sie bewachen die Straße, über die man in die Geisterstädte Futaba und Okuma gelangt. Sie gehen davon aus, dass derjenige, der die Schranke passiert, weiß, was auf ihn zukommt. Drei Grundregeln gelten für den Besuch: Nichts berühren, keine Gebäude betreten, und keine persönlichen Gegenstände fotografieren; letzteres, um nicht die Gefühle der Evakuierten zu verletzen, schließlich könnten sie die Bilder in den Medien sehen.

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Extrem hohe Strahlenwerte – die Aktivistin Karin Taira von der NGO Safecast in der Geisterstadt Futaba

Geisterstädte

»Bei einer schnellen Inspektion sind die Strahlenwerte nicht schädlich«, schätzt Karin Taira, eine Aktivistin bei Safecast, einer Nichtregierungsorganisation, die ehrenamtlich Messungen in den immer noch eingezäunten Gebieten durchführt. Sie ist mit einem Geigerzähler und einem einfachen Programm auf ihrem Smartphone ausgestattet. »Wie Sie sehen können, ist dieser Ort kritisch«, sagt sie und dreht sich um. In Sichtweite liegen die Reaktoren.

Wenn Städte wie Odaka oder Namie schon den Eindruck einer dystopischen Zukunft vermitteln, dann wirkt das Sperrgebiet von Fukushima noch trostloser. Es ist, als blicke man in ein riesiges Altersheim, auf den Tischen liegen noch die Karten, mit denen hier gespielt wurde, perfekt gebügelte Laken, die niemand mehr benutzen wird, liegen in den Wäschewagen. In den Straßen sieht man teure Autos, in den Geschäften Auslagen mit Schmuck, Güter, die selbst verzweifelte Diebe nicht gewagt haben zu stehlen.

Zunächst denkt man, die radioaktive Verstrahlung sei in der unmittelbaren Nähe der Reaktoren am höchsten. Aber dem ist nicht so. »Der Wind hat die Strahlung bis zu Orten wie Iitate getragen«, sagt Karin Taira. »Das ist etwa 40 Kilometer entfernt von hier.« Auf einer Karte, in die die Werte eingezeichnet sind, kann man sehen, dass sich die Verstrahlung nicht kreisförmig um die Anlage herum ausgebreitet hat, sondern am stärksten nordwestlich in Richtung des Landesinneren. Wie bei dem Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl im April 1986, dem einzigen vergleichbaren Fall, transportierte der Wind den radioaktiven Staub kilometerweit.

Die japanischen Behörden bezifferten die Kosten für die Aufräum- und Reinigungsarbeiten in Fukushima im Jahr 2016 auf 180 Milliarden US-Dollar. Selbst die optimistischsten Schätzungen gehen davon aus, dass die Maßnahmen 40 Jahre dauern werden. Man muss sich nur an den Orten umschauen, die von der Bevölkerung als »entladen« bezeichnet werden. Überall in der Gegend rund um Fuku­shima stapeln sich schwarze Müllsäcke am Straßenrand, in denen sich kontaminierte Erde befindet. 22.000.000 Kubikmeter sollen es insgesamt sein. Die Regierung plant, die Erde für den Straßenbau zu nutzen, eine Idee, die bei den Umweltorganisationen die Alarmglocken schrillen lässt. Dabei sind die verseuchten Böden nicht einmal das größte Problem. Viel gravierender ist das belastete Wasser. 160 Tonnen Wasser werden pro Tag benötigt, um die beschädigten Reaktoren zu kühlen. TEPCO hat mittlerweile mehr als 600 Tanks von einem Fassungsvermögen von je 1.000 Tonnen aufgestellt, um das radioaktive Wasser zu speichern. Wie lange das noch so weitergehen soll? Niemand weiß es.

Unai Aranzadi schrieb an dieser Stellte zuletzt am 1. Dezember über internationale Neonazinetzwerke und den deutschen Faschisten Joachim Fiebelkorn.


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