Aus: Ausgabe vom 04.12.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Hübsch gemacht für den Verkauf

Beschäftigte bei Real kämpfen gegen Lohndumping. Warenhauskette soll verscherbelt werden

Von Gudrun Giese
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Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD, M.) will den Lohnabhängigen Mut machen (Düsseldorf, 26.11.2018)

Not und Frust sind riesengroß bei den bundesweit rund 34.000 Beschäftigten der Warenhauskette Real. Am letzten Montag im November hatte Verdi zum Streik vor der Zentrale des Mutterkonzerns Metro in Düsseldorf aufgerufen – und mehr als 3.000 Beschäftigte aus der ganzen Bundesrepublik beteiligten sich an dem ganztägigen Arbeitskampf.

Als »Programm der Lohnarmut« bezeichnete der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske das Vorgehen Reals. »Es ist eine Schande, Löhne auf einem solchen Niveau noch weiter zu drücken«, rief er vor den Teilnehmern der Streikkundgebung, zu denen auch die Gesamtbetriebsratsvorsitzenden von Real, Metro Logistics Germany und Metro Cash & Carry gehörten. Das Unternehmen hatte im Juni die Tarifverträge mit der Gewerkschaft Verdi aufgekündigt und stellt seitdem neue Mitarbeiter zu weitaus schlechteren Konditionen ein. Basis ist nun eine Vereinbarung, die das Unternehmen mit der Scheingewerkschaft DHV (»Deutscher Handelsgehilfenverein«) abgeschlossen hat. Anders als Verdi hat dieser Verein allerdings so gut wie überhaupt keine Mitgliederbasis unter den Real-Beschäftigten. Verdi fordert seit Juni vehement die Rückkehr der Metro-Tochter in die Flächentarifverträge. Beim Streik in Düsseldorf erklärte der ebenfalls daran teilnehmende Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) laut dpa: »Es geht insgesamt im Handel darum, dass wir wieder mehr Tarifbindung brauchen.«

Bei Real will man von einer Rückkehr in die Tarifbindung nach wie vor nichts wissen. Tatsächlich plant Metro-Chef Olaf Koch, die seit längerem wirtschaftlich kränkelnde Warenhaustochter abzustoßen. Im September erklärte er, dafür seien nun »alle notwendigen Voraussetzungen« geschaffen worden, womit er auch die Flucht aus den mit Verdi geschlossenen Tarifverträgen gemeint haben dürfte. Inzwischen werden alle neu bei Real eingestellten Mitarbeiter nach dem schlechten DHV-Vertrag entlohnt. Zudem wurden die Arbeitsverträge von 4.500 befristet Beschäftigten, die zu Tarifkonditionen angestellt waren, nicht mehr verlängert. Offenkundig will sich das Unternehmen für den Verkauf »aufhübschen«.

Doch Verdi erinnert an die soziale Verantwortung, die der Metro-Konzern bei einem Verkauf für seine Angestellten trage. Auch in diesem Fall sei es wichtig, »dass die Beschäftigten existenzsichernde Löhne bekommen, indem für sie wieder der Flächentarifvertrag gilt«, erklärte Stefanie Nutzenberger, Verdi-Bundesvorstandsmitglied für den Handel. »An dieser Forderung kommt auch ein neuer Besitzer nicht vorbei.« Wichtig sei es nun, Real als Ganzes zu verkaufen. »Wir brauchen einen umsichtigen Investor. Heuschrecken würden weder Rücksicht auf eine positive Entwicklung des Unternehmens noch auf die Existenzen der Beschäftigten nehmen.«

Während die Real-Unternehmensleitung am Streiktag behauptete, dass der Betrieb in den Filialen »nicht beeinträchtigt« worden sei, gab es aus verschiedenen Regionen Berichte über eine starke Beteiligung am Arbeitskampf, was auch zu Einschränkungen im Geschäftsbetrieb geführt habe. So seien die Frischetheken im Real-Markt in Hamm dicht, hieß es laut WDR bei der Kundgebung, was mit großem Jubel quittiert wurde. Eine große Zahl an Mitarbeitern aus den Warenhäusern in St. Tönis und Krefeld seien ins nahe Düsseldorf zum Streik gefahren, berichtete die Lokalausgabe der Westdeutschen Zeitung. Beschäftigte der beiden Würzburger Real-Märkte waren zwar nicht zur Metro-Zentrale gefahren, streikten aber in großer Zahl gemeinsam in der fränkischen Stadt. Andere scheuten auch weite Wege nicht, um am Streik teilzunehmen. So war etwa eine Gruppe aus Passau früh um zwei Uhr Richtung Düsseldorf aufgebrochen.

Viele der Streikenden ärgerten sich laut WDR-Bericht nicht nur über den Druck auf die Löhne, sondern fürchten nun auch die Konsequenzen des anstehenden Verkaufs. Außerdem verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen stetig. »Es ist immer schlimmer geworden«, sagte ein Real-Beschäftigter aus Bremen, der seit acht Jahren für das Unternehmen arbeitet. Es fielen immer mehr Überstunden an, und außerdem würden immer mehr Kollegen über Leiharbeitsfirmen beschäftigt. Bei insgesamt kämpferischer Stimmung in Düsseldorf merkten einige der Streikenden allerdings an, dass die Teilnahme ruhig noch etwas stärker hätte ausfallen dürfen.


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