Aus: Ausgabe vom 01.12.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der 9. November

Von Kai Köhler
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Schlosskämpfe im Pfeilersaal, Berlin, November 1918

»Steh auf, Arthur, heute ist Revolution!« Und der Kerl wälzt sich noch mal im Bett herum, als müsste er zu einer von diesen lästigen Frühschichten. Ich rüttele ihn nochmal. »Mensch, Kläre, bist du’s?« Natürlich bin ich das, wer sonst, und wenn er sich noch länger wundert, dann kommen wir zu spät. Nun hat er es aber endlich begriffen, springt in seine Hosen, und keine zehn Minuten sind wir auf der Straße. Frühstücken können wir später. Zur Waffenfabrik ist es zum Glück nicht weit. Einzelne Revolver haben zuverlässige Genossen bereits während der letzten Wochen hinausgeschmuggelt, aber den Hauptteil bekommen wir erst heute.

Es geht alles glatt. Mit zwei Genossen verteile ich die Flugblätter mit dem Aufruf, ab neun Uhr Richtung Zentrum zu marschieren. Das lenkt die Pförtner ab und die Spitzel, die es hier zweifellos gibt. Wahrscheinlich freuen sie sich, noch ein paar zusätzliche Namen nach oben melden zu können, aber an der Seitenpforte werden währenddessen fünf vorbereitete Kisten übergeben. Nach einem eiligen Umweg treffen wir dort Arthur und seine Leute wieder. Der Kram wiegt! Zum Glück ist es nicht weit in die Erasmusstraße, da ist die Kneipe, in der wir uns aufwärmen können.

Viel Zeit bleibt nicht. Wir schlingen hastig ein paar Scheiben Brot hinunter, mit dem üblichen Rübenkleister drauf. Hoffentlich ist nicht so was die letzte Mahlzeit – wir wissen ja nicht, welche Truppen uns in den Weg treten werden. Die Männer füllen die Munition in die Magazine. Das geht fix, das haben sie eingedrillt bekommen. Der Kaiser hat mal geprahlt, seine Armee sei die Schule der Nation, und hatte recht.

In der Gaststube hört man noch das Klacken der Revolver, während draußen schon die ersten Waffen ausgegeben werden. Mindestens 500 sind wir, vorbildlich diszipliniert. Keine drei Minuten, und der Zug steht, wie er soll. Vorne stehen die bewaffneten Männer, Arthur, endlich ganz wach trotz des Rübenkaffees, in der ersten Reihe. Dahinter kommen die unbewaffneten Männer, von denen im schlimmsten Fall wohl jeder einen Revolver aufnehmen und benutzen könnte. Dann erst wir Frauen. Ich zögere und trolle mich dann doch an den ungeliebten Platz: jeder Kampf zu seiner Stunde.

Die erste Polizeiwache unterwegs ist kein Problem. Fünfhundert gegen fünf ist ein gutes Verhältnis, wenn man gewinnen will. Das Lokal selbst ist unbedeutend, aber es lagern weitere Waffen darin. An jeder wichtigen Station lassen wir eine Besatzung: im Gaswerk, im Charlottenburger Rathaus. Und werden doch mit jeder Station stärker, stehen jetzt schon zu Tausenden vor der Technischen Hochschule.

*

Der Reichskanzler kam sogar etwas später als sonst ins Amt, in ungewöhnlich ruhiger Stimmung. Die vorangegangenen Wochen hatten ihn angegriffen, einige Tage hatte er im Bett gelegen, aber nun war getan, was zu tun war. Das lästige, ja: peinliche Telegramm nach Spa hatte er am Vortag abgeschickt – nun war der Kaiser am Zug, oder die Oberste Heeresleitung, um Wilhelm zu erklären, welcher einzige Zug für ihn noch möglich war: Abdankung. In Berlin standen, für den schlimmsten Fall, zuverlässige Truppen zur Verfügung. Aber sie einzusetzen würde kaum nötig werden: Die Sozialdemokraten hatten ja alles bekommen, was sie jahrelang eingefordert hatten, und beharrten im Gegenzug nicht mehr darauf, ihr Ultimatum an den Kaiser mit einer kränkenden Frist zu versehen. Am Ende hatte sich der Ebert doch immer als zuverlässiger Kerl erwiesen. Warum jetzt diese Panik im Amt?

*

Die beiden Schwartzkopff-Fabriken im nördlichen Zentrum sind den Revolutionären sicher. 5.000 marschieren schon in Richtung Regierungsviertel. Im großen AEG-Werk Voltastraße ist aber nichts entschieden. Ein paar Arbeiter stehen auf der Straße, vielleicht zum Kampf für die Revolution bereit; der größere Teil zögert noch.

»Nur ein Tag«, ruft einer von Schwartzkopff, »eine Anstrengung heute, und der Kaiser ist weg, der Kapitalismus ist weg, der Frieden ist da.« Das soll konkret sein, ist es auch für diejenigen, die schon überzeugt sind, doch die anderen murren: Hat man nicht von den Truppen gehört, die in der vorigen Nacht einmarschiert sind? Was sollen die paar Revolver ausrichten gegen Maschinengewehre? Wie viele habt ihr, zweihundert? Und ein paar Dutzend Handgranaten? Viel Spaß damit.

Und da sind noch die überzeugten Sozialdemokraten, Ebert-Leute, einige von denen – dies nebenbei – kräftige Schmiede. Es ist ja nicht so, dass sie für die Kapitalisten wären. Wer lange genug im Betrieb ist, hat erlebt, wie sie bei Streiks vorneweg dabei waren; und die Jüngeren haben es erzählt bekommen. Und das Erfolgsrezept damals, das hieß erstens: Disziplin. Danach, zweitens, drittens und mindestens auch viertens: Disziplin. Und da will man jetzt der Parteileitung in den Rücken fallen? Und dem äußeren Feind, in den entscheidenden Tagen vor dem Waffenstillstand, das Bild innerer Zerrissenheit bieten?

So wird in Halle II geredet. In Halle IV wird nicht nur geredet, auch gerempelt; und in Halle V bekommen manche was aufs Maul. Aber warum, nach so vielen Wochen sozialdemokratischer Regierungsbeteiligung, gibt es immer noch keinen Waffenstillstand? Dafür könnte man noch Gründe im Vorwärts finden, der übrigens gerade erst dazu aufgerufen hat, eine weitere Kriegsanleihe zu zeichnen. Es geht schließlich um die Friedensbedingungen, also ums Überleben unseres Volks. Aber wer ist der nächste, der an die Front geschickt und in den letzten Tagen eines verlorenen Krieges zerfetzt wird? Von den Schmieden zum Beispiel, von denen es hier nicht mehr so sehr viele gibt, aber vielleicht immer noch zwei oder drei mehr, als unbedingt nötig wäre?

Da geht es ums eigene Überleben, das Argument zählt. Vor allem: Die Kollegen aus der Ackerstraße sind auch dabei, und ist man etwa schlechter als die? Natürlich nicht. Was die können, das können wir schon lange. Bleibt nur das Problem mit den Waffen. Wo gibt es viele davon? In der Kaserne. In der Chausseestraße also, da steht das Garde-Füsilier-Regiment, wegen seiner ehemals lustigen bunten Uniformen immer noch Maikäfer genannt.

*

Adolf Wermuth war nicht grundsätzlich ein Feind der Arbeiter. Hatte er nicht gleich 1912, als er Oberbürgermeister des endlich vereinigten Groß-Berlin wurde, für zwölf Millionen Reichsmark Fleisch aufkaufen und der Bevölkerung zum Selbstkostenpreis weiterverkaufen lassen? Nun gut, den eigentlichen Gewinn hatten damals die Agrarier gemacht, die sich über steigende Preise freuten. Und auch das System der Lebensmittelkarten, all die anderen Ideen der Zwangsbewirtschaftung, für die er sich während des großen Kampfes vier Jahre lang so unermüdlich eingesetzt hatte, waren bei weitem nicht ausreichend gewesen, jenen Anschein sozialer Gleichheit herzustellen, den er als einer der klügeren Verteidiger der Ordnung als jedenfalls in Kriegszeiten leider notwendig erkannt hatte. Aber hatten nicht dennoch die Arbeiter ihren Nutzen gehabt? War nicht in seinem menschenreichen Berlin, das dringender als jede andere Metropole auf tägliche Lebensmittellieferungen angewiesen war, die Rate der an Entkräftung Gestorbenen geringer als in manch einer kleineren Stadt, die von fruchtbaren Feldern umgeben war?

Nahm man alles in allem, konnten ihm die Arbeiter dankbar sein. Adolf Wermuth war aber auch kein Idiot. Monatelang hatte er im preußischen Herrenhaus verhandelt, ein neues Wahlrecht verlangt, und zwar eines, das tatsächliche Verbesserungen brachte, nicht nur ein paar durchschaubare Tricks. Seit dem Abend zuvor gab es das, aber, wie er sofort verstand, zu spät. Es war durch die Gewalt der Matrosen erzwungen, und erzwangen sie dies, warum hätten sie sich damit begnügen sollen!

So saß er mürrisch in der Morgenrunde seiner Beamten, die ihm von Mangel hier und schwindenden Vorräten dort berichteten. Deren Schuld war es ja nicht. Den ganzen Krieg hindurch hatten seine Leute mit preußischer Tüchtigkeit die Verteilung dessen organisiert, was da zu Preisen einlief, an denen schließlich er nichts ändern konnte. Die wenigen Versager hatte er schon vor Jahren in Abteilungen versetzen lassen, wo sie keinen Schaden anrichteten, übrig blieben die guten Organisatoren. Aber die Kappung der Bahnlinien machte sich nach nicht mal einem Tag bemerkbar. Diese Militärs verstanden sich vielleicht auf Granaten, aber sie verstanden nicht, dass auf jeden revolutionären Matrosen, der nun verloren auf einem Bahnhof in der Mark Brandenburg Däumchen drehte, bald zwanzig verzweifelte Frauen kommen würden, die um ihre hungrigen Kinder fürchteten. Und welchen Schaden Weiber mit ihren Hungerrevolten anrichten konnten, hatte man schon von Kriegsjahr zu Kriegsjahr immer eindrucksvoller erleben müssen. Draußen, hieß es, gebe es schon Aufmärsche. Ihn überraschte das nicht.

Inmitten all der Improvisationen, die seinen Leuten jetzt noch einfielen, sagte der junge Neuber etwas, was ihn aufhorchen ließ. Wieder einmal knapp werde Milchpulver, und er, Neuber, mache sich Sorgen um die Kleinsten, die ja ohnehin geschwächt seien. Wenn – was Gott verhüten möge! – nun ein Umsturz stattfinde, in diesem ganz unwahrscheinlichen Fall – müsse man nicht den Bolschewisten die Mahnung zukommen lassen, dass nur unter Bewahrung äußerster Ordnung die Proletarierkinder zu retten seien?

Ein guter Mann, der hat noch eine Karriere vor sich! Nicht ohne Grund hatte ihn Wermuth in seinen Stab geholt. Die Laune des Bürgermeisters begann sich zu bessern.

*

Während Prinz Max als Reichskanzler die Berichte entgegennahm, forderte der Kaiser von seinem Generalquartiermeister Auskunft. Der Befehl lag ja seit gestern vor, nun ging es um die Einzelheiten: Welche Divisionen ließen sich nach dem baldigen Waffenstillstand rasch aus der Front herauslösen, um in der Heimat Ordnung zu schaffen! Groener, um sich die Stabsoffiziere, referierte einige Zahlen; andere, als sein Kriegsherr hören wollte. Dann gab er dem Oberst Heye das Wort, der 39 Kommandeure gefragt hatte – nicht von Divisionen oder Korps, sondern von kleineren Einheiten, von Brigaden und Regimentern, also Kommandeure, die vielleicht noch die Stimmung ihrer Soldaten kennen. Von denen glaubte einer an einen Erfolg.

Eine einfache Meuterei ließe sich mit einem Machtwort beenden. Aber das hier war keine Befehlsverweigerung, der General erklärte den Befehl für sinnlos; und nicht irgendeinen Befehl, sondern den, der die Revolution im Reich verhindern sollte. Damit ist klar, es geht wieder um die Abdankung, die will der schlaffe Max. Der Kaiser sieht sich verraten und sucht einen Feind.

*

Also darum sind sie panisch: Die Arbeiter marschieren, die Truppe dagegen nicht. Die 2. Gardedivision, die Köln zur Vernunft bringen sollte, zieht es vor, sich aufzulösen; ihre Soldaten kaufen gerade Fahrkarten in die Heimat. Als Reichskanzler müsste er jetzt handeln, aber über welche Mittel verfügt er noch? Da kommt Prinz Max dieser v. Gehrenberg ganz recht, dieser Drückeberger mit den einflussreichen Verwandten, angeblich zuständig für »Informationen«, ihm aber bisher vor allem aufgefallen als Zuhörer von Gesprächen, die den nun wirklich nichts angingen. Der sollte sich mal nützlich machen. »Ab mit Ihnen in den Fernmelderaum!« blafft der Kanzler und freut sich, wie der Kerl springt. Keinen Tag ist der am Feind gewesen, stößt jetzt noch vaterländische Phrasen aus – genau solchen Leuten hat man die Lage heute zu verdanken. Es liegt für den Kanzler ein Trost darin, dass gerade dieser Mann ihm die Abdankung des Kaisers würde melden müssen. Aber sofort schlägt seine Laune um: Dies also, denkt er, ist mein historischer Moment, der erste und bestimmt auch letzte meines Lebens, und dann befasst man sich mit einem solchen nichtsnutzigen Trottel, einem Trottel, der immer ein vertrottelter Trottel bleiben wird.

*

»Aber Genossen, das könnt ihr nicht machen. Der Kaiser muss weg, das ist mal klar, und wenn die Herren Polizisten und Offiziere was auf ihre Mützen kriegen – ich bin dabei. Und zwar nach Schichtschluss. Nämlich an uns in Rummelsburg hängt die Elektrizität im ganzen Südosten. Das ist schnell abgeschaltet, aber schwierig wieder hochzufahren. Ist euch klar, was da dranhängt? An Straßenbahnen, an Maschinen überhaupt?« – »An Maschinen überhaupt. Darum sind wir hier, weil an euch alles dranhängt.« Doch die Heizer haben ihre Ehre. Sie sind Arbeiter, im Griff auf die Arbeit liegt ihre Macht. Die von draußen mögen auf sie einreden, das prallt ab. Über das andere, über die Macht im Staat, können die Heizer schimpfen, aber sie haben dafür nicht den Griff.

Doch einer, Maschinist auch er, kennt den Griff dagegen und die Ventile, die er öffnen muss. Der Schaden wird für die paar Stunden reichen, um die es hier geht. In den Fabriken umher versagen Schaltkreise, die Maschinen werden nutzlos, die Entscheidung zum Streik ist erzwungen. Der Schwung der Straßenbahn reicht noch für zwanzig, dreißig Meter – dann steht sie still, der hintere Wagen als Verkehrshindernis noch halb auf der Kreuzung, der Schaffner versteht es nicht und beginnt doch zu verstehen, als, noch weit hinten in der Straße, ein Trupp auftaucht, den es nach seinem Weltbild gar nicht geben dürfte.

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Und hüh! Und hott. Zuerst hieß es, wir sollten die Spandauer Chaussee sperren. Wir waren fast schon draußen, dann hieß es: Moabit, Rostocker Straße. Kennen wir ja als Unruheherd, September 1910 haben wir sogar Karabiner ausgeteilt bekommen. Damals war’s ein Spaß, hat mir sogar einen Orden eingebracht, heute könnte es ernster werden, es soll da Verrat in einer Waffenfabrik gegeben haben. Jedenfalls, liegt alles im Westen, wäre dieselbe Richtung gewesen, aber nach ein paar hundert Metern werden wir wieder zurückkommandiert. Jetzt stehen wir im Hof des Präsidiums, niemand weiß was. Einer will von einem gehört haben, der in den Büros oben gehört hat, das Militär marschiert nicht. Jetzt wollen sie uns Polizisten ganz anders verteilen als geplant. Vorläufig werden wir gar nicht verteilt. Miese Stimmung.

Und es sind keine zehn Minuten vergangen, um gerade mal 9.30 Uhr kommt schon der v. Gehrenberg und meldet – nicht die Abdankung, aber doch, dass Groener nun den Kaiser dazu drängen wird. Der Beamte muss wörtlich berichten, was Groener seinen Offizieren gesagt hat: »Der Fahneneid ist nun eine bloße Idee.« Dieses Gesicht, köstlich! Jemand, der dreinschlagen will, aber sachlich tun muss. Bestimmt will er jetzt wieder zu seinem Arbeitermädchen laufen, mit dem er bei jeder Gelegenheit prahlt, als hielte sich nicht mindestens jeder zweite Kollege so was nebenbei, und dort jammern oder wichtigtun, oder beides abwechselnd. Aber heute ist Revolution, da muss er in der Dienstzeit schon mal am Telefon sitzen, ob er will oder nicht.

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Ein erster Moment der Erleichterung, fast schon des Jubels, vor der Maikäferkaserne. Die Tore waren verschlossen, die Mauern hoch, die Maschinengewehrschützen in Stellung. Aber gegen Arbeiter? Gegen die Frauen neben ihnen? Die Schützen verließen ihre Waffen, plötzlich waren Leitern da, die ersten, nein – jetzt schon Dutzende sind drin, Soldaten auf der Straße, Umarmungen. Gewehre und Handgranaten wechseln den Besitzer, man kann es also schaffen. Wenn dies gegangen ist, geht alles, und so leicht. Vom Nordtor her fallen Schüsse, fünf, sieben, zehn kurz nacheinander.

Einer hat einen Herzschuss, der Werkzeugmacher Erich Habersaath, zwölftes Kind einer Berliner Arbeiterfamilie, keine 25 Jahre alt, SPD-Mitglied seit 1911, aber im Weltkrieg erfahren in der Illegalität. Er wäre später wichtig gewesen, wie auch die beiden anderen, Arbeiter von AEG und Schwartzkopff, die wenig später in einer Kasernenstube sterben. Es gibt auch einen Verwundeten, aber es muss weitergehen.

Natürlich hat man gleich in Richtung Tor geschossen, wo der Schütze gestanden haben muss. Wahrscheinlich hat man ihn sogar getroffen. Aber die Herren Offiziere, kurz darauf im Kasino von der Übermacht gestellt, bleiben vage. Einer von der Marine sei das gewesen, »Der Herr Kapitänleutnant? Ist wohl nach hinten, über die Mauer davon.« Die Waffen sollen sie ablegen? »Daran hängt meine Ehre!« – »Diesen Degen habe ich vor Seiner Majestät präsentiert.« Nichts da, weg damit! Und hinaus mit dem Gesindel, auf den Hof, wo Generationen von Rekruten beim Exerzieren geschunden wurden!

Und nun hat man nicht nur Revolver. Sogar drei Maschinengewehre gehören zur Beute. Also auf zum Zellengefängnis Moabit, wo noch die Matrosen sitzen.

*

Leutnant Artur Fischer hatte es an diesem Vormittag für ratsam gehalten, in Zivil zu gehen. So sehr er als Sozialdemokrat auch davon überzeugt war, dass die Klasse, an deren Seite er sich, auf seine Weise, gestellt hatte, im tiefsten vernünftig war, so konnten doch bei gewissen Gelegenheiten gewisse Oberflächenerscheinungen nicht ausgeschlossen werden. Was er indessen sah, stellte ihn fast durchgehend zufrieden. Die Marschkolonnen waren nicht viel schlechter geordnet als früher seine Kompanie, und er fand keinerlei Zerstörungen, die nicht durch einen konkreten Zweck – eine notwendige Barrikade etwa – wohlbegründet waren. Das waren also die Leute, die er in ein oder zwei Tagen zu bändigen würde haben, und es waren, zu seiner Beruhigung, solide, handfeste Männer für eine deutsche Republik, die von weltrevolutionären Träumereien rasch abkommen würden.

Es war nun kurz nach elf, und der Leutnant hatte genug gesehen. Mochte es hier und dort noch zu Schießereien kommen, die Sache dieses Tages jedenfalls hielt er für entschieden. Das Gerücht, dass leider Wels, dieser Schwätzer, ein paar der Soldaten mobilisiert hatte, die doch seine – Artur Fischers! – Männer hätten sein müssen, das hatte er auch gerade hören müssen. Seine Stimmung wurde novemberhaft, und nun erst spürte er die entsprechende Temperatur. Im Salon seiner Freunde, die die kommende Republik so großzügig mit Geld bedachten, würde es wärmer sein. Dort musste er nun seine Sache verteidigen, bei einem guten Bratenstück.

Kai Köhler, geboren 1964, lebt als Autor in Berlin. An dieser Stelle erschien zuletzt am 1./2. September »Die schwarze Königin«.

Der heutige Text ist ein Auszug aus einem noch unveröffentlichten Roman über die Novemberrevolution, der die Zeit zwischen Oktober 1918 und den Berliner Märzkämpfen 1919 umfasst.


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