Aus: Ausgabe vom 01.12.2018, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Mehr als ein Rohstoff

Der Olivenbaum steht in Palästina für Freiheit, Heimat und Gemeinsinn

Von Anne Paq und Ahmad Al-Bazz
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»Die Siedler machen immer Probleme. Sie zünden meine Bäume an, von denen einige 2.000 Jahre alt sind« – Adris Saada, 70, während der Olivenernte in Tel Rumeida, Hebron

Die Saison der Olivenernte im Oktober und November ist in Palästina jedes Jahr eine lang erwartete Zeit. Und eine der wichtigsten nicht nur für die palästinensische Wirtschaft. Der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) zufolge steuert der Olivensektor rund 15 Prozent zum gesamten landwirtschaftlichen Einkommen bei und ernährt etwa 100.000 palästinensische Familien.

Das palästinensische Olivenöl wird im wesentlichen für den heimischen Markt produziert. Die Überschüsse werden exportiert – im Jahr rund 4.000 Tonnen. Die Bäume liefern nicht nur die Früchte, ihr Holz dient auch als Ressource für die Herstellung von Seife und generell für das Handwerk. Ihr Wert geht weit über den rein ökonomischen hinaus. Der Ölbaum hat eine tiefe politische und kulturelle Bedeutung. Er wurde gleichsam Teil der palästinensischen Identität, ein nationales Symbol des Widerstands und der Verbindung mit dem Land. Die Ernte, vor allem in der Nähe der Siedlungen und in Gebieten jenseits der Mauer, wird als Akt des Widerstands gesehen.

Die Arbeit in den Olivenhainen zieht zunehmend Attacken der israelischen Siedler auf sich, die Gewalt gegen die Pflücker einsetzen und auch regelmäßig die Bäume roden. Seit 1967 wurden Schätzungen zufolge 800.000 palästinensische Ölbäume durch israelische Behörden und Siedler zerstört. Die Palästinenser erlebten auch Einschränkungen durch die israelischen Streitkräfte. Im sogenannten Bereich C in der näheren Umgebung der israelischen Siedlungen müssen sich Palästinenser Erlaubnisscheine der israelischen Behörden beschaffen, die in der Regel nur für ein paar Tage ausgestellt werden. 2018 war da keine Ausnahme. Dem Amt für Nothilfekoordination der UNO (OCHA) zufolge wurden in diesem Jahr mehr als 7.000 Bäume von israelischen Siedlern vernichtet, Angriffe wurden in zwölf Dörfern gemeldet.

Angesichts dieser permanenten Bedrohungen durch Siedlerattacken und Schikanen durch die Armee ist Solidarität während der Olivenernte überall wahrnehmbar. Jedes Jahr kommen internationale Aktivisten, um palästinensischen Bauern zu helfen. Doch die Palästinenser können auch auf ihre Familienangehörigen zählen. Alljährlich arbeiten verschiedene Generationen nebeneinander in den Olivenhainen und tragen die Tradition und die Liebe zum Land weiter.

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    Im Schatten einer israelische Siedlung: Ausländische Freiwillige helfen palästinensischen Bauern bei der Ernte in Tel Rumeida (nahe der Altstadt von Hebron)
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    Arbeit für alle: Jasser Al-Saben (l.) aus Burin mit Familienangehörigen
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    Zwischen zwei Siedlungen in Hebron: Ein israelischer Siedler geht an erntenden Palästinensern vorbei
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    Ein Palästinenser und ein ausländischer Helfer transportieren einen Teil der Ernte ab – im Hintergrund die israelische Siedlung Givat Ha’avot in Hebron
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    Olivenpresse in Burin. In Palästina gibt es rund 200 dieser Maschinen
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    Andrang vor der Ölmühle in Beit Jala nahe Bethlehem
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    Verstümmelte Olivenbäume in Turmus Aja, nahe der israelischen Siedlung Adey Ad. Dem Eigentümer zufolge wurden am 2. Oktober 165 seiner Bäume zerstört

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