Aus: Ausgabe vom 01.12.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Des Westens Maulhelden

Von Reinhard Lauterbach
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Diskussion im polnischen Regierungsfernsehen TVP Info

»Vom sichern Port lässt sich’s gemächlich raten«, ließ einst Schiller eine seiner Figuren sagen. Das Stück, aus dem das Zitat stammt, hatte die nationale Befreiung der Schweiz zum Thema, und etwas von dieser Einstellung hat sich dort offenbar bis auf den heutigen Tag gehalten. Manchmal nimmt das realsatirische Züge an. Etwa wenn die Neue Zürcher Zeitung, wie am Dienstag geschehen, den Westen aufruft, im Zusammenhang mit dem Seezwischenfall vor der Krim die Ukraine entschiedener zu unterstützen, auch »durch verstärkte Patrouillen und Militärhilfe«. Man wartet gespannt auf den Beitrag der schweizerischen Gebirgsmarine, nachdem das Land mit Alexander Hug lange den Vizechef der Wegschaumission der OSZE im Donbass gestellt hat – einer Mission, die immer dann nicht zur Stelle ist, wenn wieder einmal Wohnhäuser auf seiten der international nicht anerkannten Volksrepubliken flammende Grüße von »unbekannter Seite« zugeschickt bekommen.

Aber ganz im Ernst: In einer Hinsicht ist die ukrainische Provokation vom vergangenen Wochenende voll aufgegangen. Die arme, kleine Ukraine könne doch angesichts ihrer unbeachtlichen Marine keinerlei Interesse haben, Russlands Reaktion auszutesten, barmte die liberale slowakische Zeitung Sme in völliger Verdrehung der Tatsachen. Und deshalb müsse es Russland gewesen sein, das diese Provokation selbst inszeniert habe. Natürlich ging der Sinn des ukrainischen Vorgehens nicht dahin, eine Seeschlacht gegen die russische Schwarzmeerflotte zu gewinnen. Beabsichtigt war gerade die eigene Niederlage. Ein Bauernopfer, um dadurch die Stimmung im Westen für die eigene Seite zu mobilisieren. Die Ukraine hat darin einige Übung. Im Sommer 2014, als sie sich weigerte, den Luftraum über dem Donbass zu sperren, kostete dies 298 Flugzeuginsassen das Leben. Da muss man geradezu froh sein, dass es diesmal mit 23 festgenommenen ukrainischen Marinesoldaten abgegangen ist.

Das Geschrei ist trotzdem von ähnlichem Ausmaß. Nur, welche Sanktionen soll der Westen denn noch verhängen? Den Schreibtischstrategen gehen allmählich die Optionen unterhalb des richtigen Krieges aus, und so zog sich die Financial Times am Dienstag auf eine Auffangstellung zurück: »Westliche Staaten werden sich wie schon 2014 davor hüten, einen militärischen Schlagabtausch mit Russland zu riskieren. Doch sie sollten klarmachen, dass sie nicht einfach zuschauen werden, wenn Russland das Asowsche Meer ebenso annektiert wie die Krim.« Das klingt fast so, als ob das lachsrosa Wirtschaftsblatt dem Westen raten wollte, die Krim abzuhaken und sich auf den Zugang zu den ukrainischen Häfen am Asowschen Meer zu konzentrieren – über die ja auch EU-Länder einiges aus der Ukraine importieren.

Ohnmacht gebiert Gekläff. Christoph Heinemann, Moderator der »Informationen am Mittag« im Deutschlandfunk, fuhr am Montag dem Linke-Bundestagsabgeordneten Alexander Neu über den Mund, als der den faktischen Vasallenstatus der Ukraine gegenüber den USA zum Thema machte. So etwas zu sagen sei »eine bodenlose Unverschämtheit gegenüber den Ukrainerinnen und Ukrainern«, dekretierte Heinemann im Wissen, dass die größte denkbare Kränkung eines Nationalisten der Nachweis ist, dass es mit seiner Nation nicht weit her ist. Weit plumper hetzte am Mittwoch das polnische Regierungsfernsehen TVP Info. Aus Anlass einer Studiodiskussion zur Lage um die Krim dekorierte es den Hintergrund mit einer knallgelben Banderole: ACHTUNG (im Original deutsch) RUSSIA, stand da, die beiden SS in »Russia« waren dabei durch SS-Runen ersetzt, und eingerahmt war das Ganze mit von den Etiketten der Zyklon-B-Dosen bekannten Totenköpfen, nur dass die Schädel das Konterfei Wladimir Putins trugen. Russland bestellte daraufhin den polnischen Botschafter ein, der berief sich auf die Pressefreiheit.


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