Aus: Ausgabe vom 01.12.2018, Seite 12 / Thema

Die Schwarze Internationale

Der deutsche Neonazi Joachim Fiebelkorn war Mitglied der spanischen Fremdenlegion. In Bolivien kommandierte er in den 1970er Jahren eine paramilitärische Einheit. Heute lebt er auf einer Finca in der Nähe von Alicante

Von Unai Aranzadi
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Joachim Fiebelkorn (l.) in der Uniform der Spanischen Fremdenlegion zusammen mit einem General der Guardia Civil auf seiner Finca im spanischen Rojales

In Rojales, einer Gemeinde in der Provinz Alicante, steht ein Anwesen, das mit seinen Türmen und Zinnen an eine befestigte Burg erinnert. Zwei kaiserliche Adler bewachen ein Tor, darüber hängt eine große spanische Flagge. Überall sind Sicherheitskameras angebracht. Im Innern ein Hof: Ein Priester, flankiert von zwei großkalibrigen Maschinengewehren, hält eine Messe zu Ehren des Apostels Jakobus des Älteren, in Spanien bekannt unter dem Namen Santiago. Mehr als ein Dutzend Angehörige der Streitkräfte sind gekommen. Sie singen patriotische Lieder. Der Wahlspruch der Reconquista ertönt: »Santiago, und auf sie, Spanien!« Aufgerufen zu dieser Zusammenkunft hat die Bruderschaft der ehemaligen Legionärsritter von Vega Baja, einer Region im Süden der Provinz Alicante. Die Anwesenden feiern den spanischen Nationalismus und seine Verbrechen. Armeegeneräle und Kommandanten der Guardia Civil stehen unter den Porträts von Francisco Franco und Millán Astray, dem Begründer der Spanischen Fremdenlegion. Die Stimmung ist gut, man trinkt Bier und kostet Paella. Der Gastgeber und Besitzer des Anwesens, der deutsche Neonazi Joachim Fiebelkorn, ist großzügig.

Kamerad Klaus Barbies

Befragt nach seiner Vergangenheit, zeigt sich der Mann mit grauem Haar und markantem Bauch, der die Uniform der Spanischen Fremdenlegion trägt, überrascht. »Wie bist du zu mir gekommen?« »Woher weißt du, dass dies hier meins ist?« fragt er und starrt mich aus kleinen blauen Augen an. Diesen Spross einer sächsischen Familie, geboren am 5. April 1947 in Leipzig, haben die Medien vor 30 Jahren aus den Augen verloren. »Man hat mich vergessen«, bestätigt Fiebelkorn. Und so hat er sein Leben in Rojales, in Nachbarschaft zum Touristenstädtchen Torrevieja an der Costa Blanca, unbehelligt einrichten können. Kein schlechter Ort, um neu anzufangen. So wie Tausende von Deutschen vor ihm, Veteranen des »Dritten Reiches«, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Umgebung von Alicante Zuflucht suchten.

Einer der wenigen Nazis, der sich den Fängen der Justiz letztlich nicht entziehen konnte, wurde Fiebelkorns Kamerad. Die Rede ist von Klaus Barbie, bekannt als »der Schlächter von Lyon«, der 1987 in Frankreich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. »Ich hatte eine ausgezeichnete Beziehung zu ihm. Sie haben ihn hartnäckig verfolgt«, sagt der ehemalige deutsche Legionär. Fiebelkorn hat offenbar großen Respekt vor Barbie. Doch wie kam der Kontakt zwischen beiden zustande? Um diese Frage zu beantworten, ist es nötig, einen Blick zurück in das Bolivien der 50er Jahre zu werfen.

Um an den Ort zu gelangen, an dem Klaus Barbie sich versteckt hielt, muss man den »Camino de la muerte«, die »Todesstraße« von La Paz in die Region Los Yungas zurücklegen. Diese furchterregende, unbefestigte Piste windet sich an steilen Abhängen entlang bis auf 4.650 Meter hinauf. Der SS-Offizier und Chef der Gestapo in Lyon gelangte 1951 mit Hilfe des Vatikans und dessen Netzwerk faschistischer Priester aus Europa über die »Rattenlinie« hierher. Barbie musste fliehen – die Franzosen hatten den Sadisten 1947 in Abwesenheit zum Tode verurteilt –, verfügte aber dennoch über einflussreiche Freunde, seit dem Fall des Naziregimes hatte er dem US-amerikanischen Geheimdienst CIC als Agent bei der Jagd linker Europäer zugearbeitet. In der Ortschaft Chulumani soll er bald Eigentümer eines Sägewerks geworden sein, in dem ihm zuvor der nach Bolivien ausgewanderte Bergsteiger und Kameramann einer Wehrmachtspropagandakompanie Hans Ertl, einen Posten als Verwalter verschafft hatte.

Zu jener Zeit lebte Joachim Fiebelkorn noch als Kind im geteilten Deutschland. Von seiner Übersiedlung aus der Sowjetischen Besatzungszone in die Westzonen ist wenig bekannt. Ihn nach den Gründen seiner politischen und militärischen Entwicklung zu fragen, gestaltet sich schwierig. Fiebelkorn hat mit dem Hin und Her seiner Gäste zu tun. Der Bierausschank hat begonnen, ein ungestörtes Gespräch ist kaum möglich. »Ich habe Franco immer bewundert«, sagt er. »Seit ich ein Kind war«. Unvermittelt springt er zu seinem 19. Lebensjahr. »Ich habe mich bei der Spanischen Legion gemeldet, auf die wir während einer Reise durch die spanische Sahara plötzlich trafen. So einfach war das. Kopplin und ich, wir haben uns anwerben lassen.« Dieser Herbert Kopplin war noch kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS geworden und hatte an der Ostfront gekämpft. Fiebelkorn erinnert sich mit Stolz: »Weißt du, dass Kopplin bei der SS war?« Ein Schwarzweißfoto aus dem Jahr 1967 zeigt den sonnengebräunten, sehnigen Mann lächelnd vor der Kaserne von Sidi Buya in der damals noch zu Spanien gehörenden Westsahara. Er trägt ein Gewehr und die Legionärsuniform. Mehr lässt sich von Fiebelkorns Wüstenaufenthalt nicht in Erfahrung bringen, aber er bestätigt mit sichtlichem Behagen seinen Militärdienst in der Legionärseinheit »Don Juan de Austria«, wo er 1966 in El Aaiún den Eid auf die spanische Fahne schwor. »Wenn du einmal Legionär bist, dann bist du es dein Leben lang«, sagt er, bevor sich sein Misstrauen wieder meldet: »Wer hat dir gesagt, dass ich heute hier sein werde?«

Als Fiebelkorn in den 1970er Jahren in die Bundesrepublik zurückkehrte, hatte sich das Leben in Bolivien für Klaus Barbie völlig verändert. Seine Zeit im Sägewerk in Los Yungas lag hinter ihm, der Kalte Krieg war in vollem Gange. Die lateinamerikanische Rechte kämpfte gegen die Volksbewegungen, die sich, ob bewaffnet oder nicht, an allen Ecken des Kontinents erhoben. Bereits in den 1960er Jahren erteilten von der CIA erstellte Handbücher zur Aufstandsbekämpfung, die an die mit Washington verbundenen Diktaturen weitergereicht wurden, Instruktionen, wie man »das Problem des Kommunismus« lösen könne. Zu jenen, von denen die »kommunistische Gefahr« ausging, gehörten nach solcher Lesart Studenten, Arbeiter, Priester und einfache Lehrer. In diesen Handbüchern wurde verarbeitet, was ein Nazi wie Barbie während seines Einsatzes in Frankreich gelernt hatte und was die Franzosen später selbst als Besatzer in Algerien und Indochina anwendeten. Im Rahmen ihres »schmutzigen Krieges« rekrutierte die CIA Barbie erneut, diesmal als Berater im Rahmen der »Operation Condor«. Deren Ziel: Die Verfolgung und Tötung linker oppositioneller Kräfte in Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Paraguay und Uruguay. So zog Barbie ungestraft durch mehrere Länder des Kontinents. Die meiste Zeit verbrachte er jedoch in Bolivien, wo er mit Waffen handelte und Armeeangehörige in nachrichtendienstlicher Aufklärung und Folter ausbildete.

Bekämpfung des Kommunismus

Musik ertönt, unter der Pergola der Finca wird weiterhin Bier serviert. Fiebelkorn ist abgelenkt. Die Frage, ob er Licio Gelli gekannt habe, überhört er. Der Italiener hatte als »Schwarzhemd« an der Seite Francos im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft, unterhielt als Verbindungsoffizier der italienischen Faschisten Kontakte in Nazideutschland und entzog sich kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs einer drohenden Verhaftung durch Flucht nach Argentinien. Zurückgekehrt nach Italien stieg er in den 60er Jahren zum »ehrwürdigen Meister« der Geheimloge »Propaganda due« (P2) auf. Inmitten des Kalten Krieges soll er als eine Art Transmissionsriemen zwischen der NATO und der sogenannten Schwarzen Internationale des bewaffneten Neofaschismus gewirkt haben, mit der vermutlich auch Fiebelkorn in Verbindung stand. In einem Interview mit der Zeitung La Vanguardia im Jahr 1990 äußerte Gelli, dass »Gladio spanische Legionäre einsetzte«, möglicherweise eine Anspielung auf Leute wie Fiebelkorn. »Gladio« war ein klandestines Netzwerk militanter Antikommunisten, das von der NATO angesichts des Aufstiegs der Linken in Westeuropa geschaffen wurde und ab dem Mai 1968 bis zum Ende der Sowjetunion aktiv war. Die Schwarze Internationale soll eine Reihe von blutigen und willkürlichen Attentaten durchgeführt haben, die zunächst linksradikalen Organisationen zugeschrieben wurden. Dieser Prozess der Destabilisierung wurde »Strategie der Spannung« genannt, ein kalkuliertes Chaos, das die italienische Gesellschaft angesichts einer starken Kommunistischen Partei der Linken entfremden sollte.

Für die Schwarze Internationale, die Mitglieder von Gladio sowie alte und neue Faschisten aller Schattierungen galt Francos Spanien als eine Art Heiligtum, als beste Nachhut in Europa. Die Verbindungen zwischen den verschiedenen rechtsextremen Gruppierungen knüpfte eine Organisation, die die Ideen des Nationalsozialismus ungestraft verteidigte und beste Kontakte zu den in Spanien lebenden Offizieren der Waffen-SS Otto Skorzeny und León Degrelle unterhielt: der »Círculo Espanol de Amigos de Europa« (CEDADE).

Jorge Mota, seit 1970 Präsident der Vereinigung, stand in ständiger Verbindung mit Klaus Barbie, 1967 sollen sie sich zum ersten Mal begegnet sein. Ángel Ricote, einer der Gründer des CEDADE, sprach sich für die Kooperation mit einer Handvoll junger Neonazis von der »Avanguardia Nazionale« aus, die nach Madrid geflohen waren, um den Fängen der italienischen Justiz zu entgehen. Nachdem die ersten Kontakte zwischen den beiden faschistischen Organisationen hergestellt waren, empfing Ricote den Gründer der Avanguardia Nazionale und Vertrauten Licio Gellis, Stefano Delle Chiaie, in seinem Haus. Mitte der 70er Jahre reiste Delle Chiaie mit einem Dutzend Aktivisten, zu allem bereit, nach Chile. Dort begann unverzüglich die Kooperation mit der DINA, der Geheimpolizei des Pinochet-Regimes, die an Anschlägen in Lateinamerika, vermutlich auch in Europa, beteiligt war, was ohne die Mitwisserschaft der CIA kaum möglich gewesen sein dürfte.

Zur selben Zeit trat Fiebelkorn in der Bundesrepublik seinen Dienst bei der Bundeswehr an. »Ich war kein Deserteur, anders als das geschrieben wurde«, sagt er. »Ich habe meinen Dienst beendet«. Etwas anderes verschweigt er jedoch. Einem Bericht des Bundeskriminalamtes zufolge soll er sich in den Besitz mehrerer Schusswaffen gebracht haben. So oder so, Fiebelkorn beschloss irgendwann, Deutschland den Rücken zu kehren und nach Paraguay zu gehen, wo der Diktator Alfredo Stroessner, der Sohn eines Deutschen, mit eiserner Faust regierte. Dem Buch »Narcotráfico y Política – Militarismo y mafia en Bolivia« ist zu entnehmen, dass Fiebelkorns Aufenthalt in Paraguay nicht lange währte. »Unter den Deutschen von Asunción, alle mehr oder weniger Hitler-Nostalgiker, erlangte Joachim einige Bekanntheit. Er wohnte im Hotel Guaraní, besuchte Luxusbordelle wie das Darda Rojo, das Casa Mami, das Imperial und das 741, kam des Nachts zu Pferde, mit Pistole am Holster. Eines Abends schlug er Adolf Meinike, einem 63jährigen ehemaligen SS-Mann, in Gegenwart einer Prostituierten vor, Russisch Roulette zu spielen. Der alte Mann nahm seine P38 und erschoss sich selbst. Stroessners Polizei rückte an und nahm Joachim fest. Einige Tage lang wurde er gefoltert und dann an der Grenze zu Argentinien freigelassen.« Von dort reiste Fiebelkorn aus einem nicht näher bekannten Grund nach Bolivien, wo er den »Schlächter von Lyon« treffen sollte.

»Wie kam es 1978 zu Ihrem Sprung nach Santa Cruz de la Sierra?« Fiebelkorn sitzt auf einem Stuhl vor einer Gruppe von Legionären, die eine riesige Paella zubereiten. »Die Gelegenheit ergab sich, und ich ging nach Bolivien«. Die Erwähnung von Santa Cruz ruft ein verräterisches Leuchten in seinen Augen hervor. »Das war ein Krieg gegen den Kommunismus, und ich habe mitgemacht.« Doch in Bolivien gab es keinen Krieg, die Diktatur des rechtsextremen Generals Hugo Banzer neigte sich dem Ende entgegen, während gleichzeitig eine ganze Reihe von Soldaten im Kokaingeschäft tätig war. In der boomenden und durch und durch korrupten Stadt im Zentrum Boliviens eröffnete Fiebelkorn das »Bavaria«, eine Bierstube, in der nicht nur die Faschisten der Schwarzen Internationale wie Stefano Delle Chiaie willkommen waren, sondern auch Naziveteranen, die sich auf ihre alten Tage als Söldner in Lateinamerika verdingten. So etwa der ehemalige Gestapo-Mann Hans Stellfeld, der einer Überdosis erlag, oder der unzertrennliche Freund Herbert Kopplin, von dem Fiebelkorn beiläufig erwähnt, dieser sei durch einen »Schuss gestorben«. »Infolge einer Auseinandersetzung mit Kommunisten?« »Nein, das war alles ein großes Durcheinander …«

Bevor er den Satz beenden kann, klingelt das Telefon, und Fiebelkorn steht von seinem Stuhl auf, ohne zu erklären, was mit Kopplin passiert ist. Das Schicksal anderer Fanatiker, die wie der Chilene Kay Gwinner, der rhodesische Söldner Manfred Kuhlman oder der Veteran der französischen Untergrundbewegung OAS Jean Le Clerc, bei Fiebelkorn ihr Glück suchten, ist ebenfalls ungewiss. Es scheint, als habe der ehemalige Fremdenlegionär aus Leipzig unter jenen, an die man sich im heutigen Bolivien mit Empörung erinnert, das größte Glück gehabt. Auf die Diktatur Banzers folgte eine Zeit der Instabilität, die 1979 beendet zu sein schien, als die Sozialistin Lidia Guelier Tejada zur Präsidentin ernannt wurde. Ihre progressive Regierung sollte sich jedoch nur ein halbes Jahr an der Macht halten. Am 17. Juli 1980 putschte General Luis García Meza unter Mitwirkung der CIA. Koordiniert wurde der Staatsstreich von Luis Arce Gómez, einem Mann, der in Francos Spanien militärisch ausgebildet worden war und der sich nach seiner Rückkehr nach Bolivien in der Politik engagierte, um seine neue Karriere als Kokainhändler zu erleichtern. Arce Gómez, in der »Narko-Diktatur« von García Meza zum Innenminister bestellt und als »Kokainminister« bekannt, beauftragte Klaus Barbie damit, Teile der repressiven Strategie gegen die Opposition zu entwerfen, die darin bestand, die »Operation Condor« fortzuführen. Nun waren alle Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit zwischen Barbie, Fiebelkorn und dessen Clique aus dem »Bavaria« geschaffen. Die Mission, die Fiebelkorn anvertraut wurde, bestand darin, eine paramilitärische Gruppe zu bilden, was angesichts der in der Region um Santa Curz de la Sierra operierenden Ultras, die oftmals mit Drogenhandel ihr Geld verdienten, nicht schwierig war.

»Freunde des Todes«

Diese Bande bewaffneter Faschisten wurde von den Medien als »Gruppe der Freunde des Todes« bezeichnet, in Anlehnung an die Vergangenheit ihres Kommandanten Joachim Fiebelkorn. Weil inzwischen das Gründungsdokument dieser Einheit aufgetaucht ist, weiß man, dass ihr wirklicher Name »Grupo Comando Especial Águila« war. Fiebelkorn bestätigt das, enthusiastisch und misstrauisch zugleich. »Genau, wir waren die Grupo Águila. Wer hat dir das gesagt?« Die Liste, die 20 »Kameraden« umfasst und von Fiebelkorn als »erstem Kommandanten« unterzeichnet ist, trägt das Siegel der örtlichen Behörden. Laut einem Artikel der italienischen Zeitschrift Panorama von 1982 war »der erste Klient der Gruppe« ein General Echevarria, der am Kokaingeschäft von Roberto Suárez, dem wichtigsten Drogenhändler in der Geschichte Boliviens, beteiligt war. Unter den vielen Anekdoten, die man sich in Santa Cruz erzählt, gibt es eine, die sich in mehreren Büchern findet und die auch in Panorama nachzulesen ist: Als die Kolumbianer einmal die gelieferte Kokapaste nicht zahlen wollten und Schwierigkeiten vorgaben, hatte »Fiebelkorn an zwei Stellen entlang der Strecke Panzerfäuste aufstellen lassen. Seit diesem Tag sind die Kolumbianer nie wieder gegangen, ohne zu zahlen«. Auf García Mezas Putsch folgte der Terror. Fiebelkorns paramilitärische Gruppe konnte frei agieren. Die Quelle, mit der Panorama damals sprach, sagte: »Wir begannen damit, die Gewerkschaftsdemonstranten zu verfolgen, die Umstürzler zu registrieren, zu bedrohen und zu bestrafen.« Die repressiven Techniken, die Barbie an die CIA weitergegeben hatte, wurden in Bolivien wieder angewandt. Doch Fiebelkorn verteidigt Barbie: »Alles, was über ihn gesagt wurde, ist eine Lüge, und seine Verurteilung zu lebenslanger Haft ist unfair.«

Angesichts der ausufernden Korruption der Drogendiktatur mussten die Vereinigten Staaten bald ihre Unterstützung für das Regime von Luis García Meza zurückziehen. Washington verschloss fortan nicht mehr die Augen vor dem Kokainhandel. Über Nacht fiel für Fiebelkorn alles auseinander. Das »Bavaria« wurde geschlossen, die Angehörigen seiner paramilitärischen Gruppe flohen und nahmen alles mit: Waffen, Geld, Kokain. Einige gingen nach Paraguay, andere nach Argentinien, wieder andere nach Brasilien.

Im Fokus der Justiz

Dank der Hilfe der brasilianischen Behörden konnte ein Eintrag im Ausländerregister von Sao Paulo ausfindig gemacht werden. Er datiert vom 3. Juni 1981. Der Name lautet »Joachim Siebelkorn«, als Nationalität ist nicht deutsch, sondern österreichisch angegeben. Die Verwendung falscher Identitäten wäre für den ehemaligen Legionär kein Novum. Auf der Fotokopie einer bolivianischen Genehmigung zur Mitnahme einer Smith-&-Wesson-Pistole vom Kaliber 9 mm – einem Dokument, das dank der italienischen Staatsanwaltschaft erhalten blieb – ist ein Foto von ihm zu sehen, zusammen mit dem Namen »Joachin Alfred Ficbel Kroom Zehamisch«. Ein krasser Fehler oder eine Fälschung? Wie dem auch sei, Gründe für Fiebelkorns Flucht gab es auf beiden Seiten des Atlantiks. Darunter Anschuldigungen, die noch schwerer wiegen als die Verbrechen, die er möglicherweise in Bolivien begangen hat. Eine lautet, er sei einer der Männer gewesen, die am Bahnhof von Bologna die Bombe plaziert haben, bei deren Detonation am 2. August 1980 85 Menschen starben.

Am 11. September 1982 erließ Italien Haftbefehl gegen Fiebelkorn. Einige Wochen danach folgte in Santa Cruz de la Sierra eine große Operation italienischer und bolivianischer Polizisten auf der Jagd nach Pierluigi Pagliai, einem Neofaschisten der Schwarzen Internationale, der beschuldigt wurde, hinter dem Massaker von Bologna zu stecken. Er wurde angeschossen, im Koma nach Rom geflogen und starb dort wenige Tage nach seiner Ankunft. Die italienische Justiz hatte keine Möglichkeit mehr, ihn nach dem Attentat, den Gladio-Strukturen oder der Schwarzen Internationale zu befragen. Am 31. Januar 1983 schrieb der Spiegel: »Joachim Fiebelkorn, 35jähriger Neonazi, wurde am 13. Januar in Eppstein im Taunus verhaftet. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Drogentransports in Bolivien, Anstiftung zum Drogenschmuggel in die USA sowie Misshandlung eines 17jährigen Dienstmädchens.« In der spanischen Tageszeitung ABC war am 8. November desselben Jahres zu lesen: »Ein ehemaliger deutscher Legionär, der in Zusammenarbeit mit den bolivianischen Behörden Kokainlieferungen in Bolivien organisierte und später Mitarbeiter der deutschen Bundesbehörden für Drogenbekämpfung wurde, steht derzeit vor einem Gericht in Frankfurt. Es handelt sich um Joachim Fiebelkorn, sechsunddreißig Jahre alt, dem vorgeworfen wird, eine paramilitärische Gruppe im bolivianischen Santa Cruz de la Sierra geleitet zu haben, die sich der Sammlung und dem Transport dieser Droge gewidmet hat. (…) Gegen Fiebelkorn liegt ein Haftbefehl der italienischen Behörden wegen seiner angeblichen Beteiligung am Bombenanschlag von Bologna vor (…). Die deutsche Justiz hat die Auslieferung abgelehnt.« Dem italienischen Gericht fehlten für eine Verurteilung die Beweise, in Deutschland saß Fiebelkorn wegen seiner anderen Straftaten hinter Gittern. »Ich habe Jahre im Gefängnis verbracht«, sagt er wütend.

Acht Wochen nach dem Attentat von Bologna explodierte in München eine Bombe. 13 Menschen wurden am 26. September 1980 am Haupteingang zum Oktoberfest in den Tod gerissen. Als Bombenleger wurde Gundolf Köhler, ein Anhänger der rechtsterroristischen Wehrsportgruppe um den Neonazi Karl-Heinz Hoffmann, ermittelt, der selbst bei dem Anschlag starb. Obwohl mehrere Zeugen später aussagten, Köhler sei, kurz bevor er die Bombe deponiert habe, in Begleitung weiterer Männer gewesen, haben sich die Ermittler mit dieser Spur nicht weiter beschäftigt. Bisher wurde niemand wegen dieses brutalen Anschlags verurteilt. Einen Hinweis, der Fragen nach den Hintergründen des Oktoberfestattentats aufwirft, gab der Spiegel 2011: »Wenige Wochen vor dem Attentat kam Köhlers Idol Hoffmann offenbar in Italien mit dem international gefürchteten Neofaschisten Joachim Fiebelkorn zusammen. Dieser Neonazi aus Eppstein im Taunus war Informant des Bundeskriminalamts (…) In bislang nicht bekannten Stasi-Akten heißt es, Fiebelkorn habe sich ›am 13. Juli 1980 in Rom mit Karl-Heinz Hoffmann‹ sowie französischen und italienischen Rechtsextremisten ›auf Anweisung von Chiaie getroffen‹«. Im Jahr 2009 beklagte sich Werner Dietrich, Anwalt von Opfern und Hinterbliebenen des Oktoberfestattentats, gegenüber dem Journalisten Andreas Pichler, dass ein Großteil der Beweise vernichtet worden sei. »Sollte absichtlich etwas vertuscht werden?« fragte er resigniert.

Ungestörter Lebensabend

Es ist bereits tiefe Nacht, das Fest zu Ehren des Apostels Jakobus auf der Finca des Legionärs hat seinen Höhepunkt erreicht. Kein Zweifel, Fiebelkorn steht hier im Mittelpunkt. Militärs und Polizisten der Guardia Civil ehren ihn seit mehr als zwanzig Jahren mit ihren Besuchen. In seinem Blog schreibt ein General der spanischen Armee über die Großzügigkeit des Deutschen: »Der ehemalige Korporal C. L. Joachim Fiebelkorn hat die Gemeinde von Rojales mit einem außergewöhnlichen Anwesen in der Größe von etwa 3.000 Quadratmetern bereichert.« Diese Finca, daran kann kein Zweifel bestehen, war sehr teuer. Zwei riesige Antennen verstärken den Eindruck einer Operationsbasis. Nach Angaben von Telecom Ibérica hat Fiebelkorn einen Vertrag mit dem Unternehmen, demzufolge mit den Antennen Telekommunikationsdienste für Vodafone, Movistar, Orange und Yoigo erbracht werden.

Es hat den Anschein, als ob es Fiebelkorn gut geht. Offene Rechnungen gegenüber der europäischen Justiz hat er derzeit nicht. Seinen wahren Namen muss er nicht verbergen, aber er achtet eifersüchtig auf seine Sicherheit. Der alte Neonazi beendet das Gespräch mit einer Auskunft, nach der er gar nicht gefragt wurde: »Weißt du, dass es noch einige meiner Leute da draußen gibt? Von dem Team, das ich in Bolivien gebildet habe.« Mit einem Bier in der Hand kehrt er zum Ausschank zurück, wo die Uniformierten trinken, unter dem Porträt von Franco, bei den beiden alten Maschinengewehren und dem Eisernen Kreuz.

Übersetzung: Daniel Bratanovic

Unai Aranzadi arbeitet als Freier Journalist. Der Artikel erscheint zeitgleich in der Druckausgabe der spanischen Monatszeitschrift El Salto.


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