Aus: Ausgabe vom 01.12.2018, Seite 1 / Titel

Post kontra Presse

Faule Tricks bei den Vertriebspreisen: Wie die Deutsche Post AG ihr Monopol nutzt und nebenbei die Existenz der jungen Welt gefährdet

Von Stefan Huth
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Vor einigen Tagen erhielt die junge Welt ein Schreiben der Deutschen Post AG, dessen Inhalt sich dramatisch auf den Fortbestand dieser Zeitung als Printprodukt auswirkt. Entgegen allen Zusicherungen sollen die Preise für die Postzustellung der jW-Tagesausgabe zum 1. Januar 2019 drastisch angehoben werden. Wenn alles so kommt, wie es sich der Konzern vorstellt, bedeutet das: Der Verlag 8. Mai, in dem jW erscheint, ist mit jährlichen Mehrkosten in Höhe von rund 90.000 Euro konfrontiert. Für eine große Aktiengesellschaft mag das ein läppischer Betrag sein, für diese Tageszeitung ist er existenzbedrohend.

Statt der 2016 mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger e. V. (BDZV) für das kommende Jahr vereinbarten Erhöhung um 2,8 Prozent kündigte die Post in dem genannten Schreiben eine Preiserhöhung von faktisch 28,5 Prozent für den jW-Vertrieb an. Ein beispielloser Schritt. Zudem erfolgte er so kurzfristig, dass dem Verlag praktisch keine Zeit bleibt, die dadurch erforderlichen ökonomischen Maßnahmen zu ergreifen. Die neue Preisliste des Konzerns, der auf dem deutschen Markt im Bereich Pressedistribution als Monopolist agiert, darf zugleich als Signal an die gesamte Branche aufgefasst werden: Print wird zum Auslaufmodell deklariert, auch andere Titel können jederzeit liquidiert werden. Die Vielfalt und Verfügbarkeit des Presse­angebots und damit die Pressefreiheit als solche sind in Gefahr.

Als Begründung für die Preissteigerung führt die Post u. a. »beschleunigte Absatzerosion bei Tagestiteln« an. Diese Entwicklung betrifft allerdings nicht jW, die sich gegen alle Trends mit nahezu konstanter Auflage auf dem Markt behauptet. Zur Kasse gebeten wird sie aber trotzdem, und zwar in einer Höhe wie vermutlich keine zweite Tageszeitung. Der Trick: In der neuen »Preislistenstruktur« werden die bislang acht Gewichtsstufen bis 100 Gramm zu einer einzigen zusammengefasst. Damit überspringt jW mit einem Mal de facto mehrere der vorigen Preisstufen, womit sich der Durchschnittspreis für die Zustellung einer normalen 16seitigen Ausgabe von bisher 30,2 auf 39,5 Cent erhöht. Bei Titeln mit höherem Gewicht greift dagegen die ursprünglich vereinbarte Preissteigerung von 2,8 Prozent.

Im Bereich Tagespresse dürfte jW einer der großen Einzelkunden der Post sein, ein nicht unerheblicher Teil der Gesamtauflage gelangt durch diese zur Leserin und zum Leser. Insofern stellt sich die Frage, ob hier eine »Lex junge Welt« geschaffen wurde. Doch auch andere Häuser sind betroffen. Der Vorsitzende des BDZV-Vertriebsausschusses, Mario Lauer, beklagte Anfang November in einer Rede auf dem »BDZV-Vertriebsgipfel« in Köln die Missachtung bestehender Zusagen durch die Deutsche Post AG. Lauer forderte mit Nachdruck eine Kurskorrektur. Er erwarte, dass der Konzern »die derzeit in den Markt gegebenen Preise überdenkt und die für das Jahr 2019 getroffene Vereinbarung einhält«.

Zu fragen ist auch, inwiefern die Post als Monopolist ihre marktbeherrschende Stellung ausnutzt und ihrem gesetzlichen Versorgungsauftrag im Interesse von Profitmaximierung zuwiderhandelt. Und nebenbei noch Wettbewerbsverzerrung durch systematische Benachteiligung kleiner Kunden betreibt. Die sich alljährlich und kontinuierlich verschlechternde Qualität der Zustellung ist allerdings ein Manko, das die gesamte Tagespresse betrifft – bei jW einer der Hauptgründe für die Kündigung von Abonnements.

Deutlich mehr Geld also für immer schlechteren Service? jW prüft derzeit juristische Schritte gegen das unseriöse Geschäftsgebaren des Konzerns, der im vergangenen Jahr abermals einen Milliardengewinn erwirtschaften konnte.


Debatte

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  • Beitrag von Peter B. aus D. (30. November 2018 um 21:51 Uhr)

    Liebe junge Welt,

    wenn die Linken es in diesem Land nicht einmal schaffen, die einzig verbliebene revolutionäre Zeitung am Leben zu erhalten, dann haben es wohl die Menschen auch nicht verdient, dass sich die jW jeden Tag für Sie einsetzt.

    Wenn es bei gut 82 Millionen Menschen in der BRD nicht mehr als nur 2.144 Genossenschaftsmitglieder gibt, dann gibt mir das leider sehr zu denken. Ja, auch eine Genossenschaft muss man sich leisten können, aber es gibt sicherlich viel, viel mehr Linke, die es könnten.

    Denn nicht nur das Sein bestimmt das Bewusstsein sondern auch die Herkunft, und auch wenn’s mir heute materiell gut geht, so vermisse ich doch ganz andere Dinge zum Glück, soziale Wärme, Miteinander statt Gegeneinander, Solidarität statt Konkurrenz.

    Wenn es nicht gelingen wird, die jW, auch die gedruckte jW, am Leben zu erhalten, gute Nacht – und das Kapital jubiliert, einer der noch verbliebenen Kritiker weniger, darum, lasst es uns angehen!

    Darum werde ich 326 Euro an die jW-Abo-Kampagne spenden. Es muss weitergehen!

    Mit freundlichen Grüßen

    Peter Böttcher,

    Dänischenhagen, bei Kiel

    (aufgewachsen und sozialisiert in der DDR)

    • Beitrag von Stefan D. aus H. ( 2. Dezember 2018 um 18:19 Uhr)

      Ich gebe Herrn Böttcher vollkommen recht. Die Linke in Deutschland sollte stark genug sein, diese absolut unverschämte Preiserhöhung der Deutschen Post mit entschiedener Solidarität für die einzige klassenkämpferische Tageszeitung Deutschlands zu beantworten.

      Zugleich muss es doch noch mehr kleinere Tageszeitungen und Verlage geben, die von dieser rechtlich fragwürdigen Preiserhöhung betroffen sind und die Interesse an einem gemeinsam mit der jW geführten entschiedenen politischen und rechtlichen Widerstand haben müssten!

      Ich habe die jW seit Jahren mit Spenden unterstützt und werde dies auch jetzt tun. Außerdem erhöhe ich freiwillig meinen Abopreis, indem ich auf eine höhere Preisklasse wechsle.

      Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

      S. Dorl

    • Beitrag von Sebastian C. aus . ( 3. Dezember 2018 um 11:47 Uhr)

      Lieber Peter Böttcher,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre Bereitschaft, uns zu unterstützen: Unser Spendenkonto ist das Konto des

      Verlag 8. Mai GmbH,

      IBAN: DE50 1001 0010 0695 6821 00,

      BIC: PBNKDEFF,

      Kennwort »Abospende«

      Viele Grüße,

      jW-Onlineredaktion

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