Gegründet 1947 Sa. / So., 23. / 24. Februar 2019, Nr. 46
Die junge Welt wird von 2161 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 29.11.2018, Seite 10 / Feuilleton
Musik

Die Nazis haben’s verstanden

Auch Kammermusik ist politisch: Gespräche mit dem engagierten Komponisten Juan Allende-Blin
Von Florian Neuner
S 10.png
Im musikalischen Widerstand: Der Ausnahmekünstler Juan Allende-Blin

Pünktlich zum 90. Geburtstag Ende Februar ist ein Buch erschienen, das einen hervorragenden Einstieg in die Beschäftigung mit Leben und Werk des Komponisten, Publizisten und Radiokünstlers Juan Allende-Blin bietet. Diese Ausnahmeerscheinung im deutschen Musikleben wird von vielen noch immer unterschätzt. Zum einen liegt das wohl daran, dass Allende-Blin immer mehr an der Sache als an seinem eigenen Fortkommen interessiert war und dass seine Werke nur wenige spektakuläre Oberflächenreize aufweisen. Mit seinem unermüdlichen Einsatz für die Musik der von den Nazis ermordeten oder ins Exil gezwungenen Komponisten war er aber immer auch ein Stachel im Musikleben der BRD. »Ich bin als politischer Mensch quasi geboren worden«, sagt Allende-Blin, in dessen französisch-spanischem Elternhaus in Santiago de Chile zuerst Künstler und Intellektuelle ein- und ausgingen, die der Spanische Bürgerkrieg ins Exil getrieben hatte. Einige Jahre später folgten Flüchtlinge aus dem faschistischen Deutschland; noch später traf er nach dem Pinochet-Putsch Exilanten aus Chile in Deutschland.

Das Buch basiert auf einer Reihe von Gesprächen mit Juan Allende-Blin, die 2016 von Deutschlandfunk Kultur ausgestrahlt wurden, ergänzt um weitere Gespräche und einführende Texte zu seinem Werk von Christian Esch und Frank Schneider. Mittlerweile ist Allende-Blin die Rolle eines Zeitzeugen der Nachkriegsmusikgeschichte zugewachsen. Ob Pierre Boulez, John Cage, Karlheinz Stockhausen oder Mauricio Kagel – er und sein Lebensgefährte, der 2014 verstorbene Organist Gerd Zacher, haben sie alle gekannt. Gleichaltrigen deutschen Komponisten wie Stockhausen, dem er attestiert, »den alten Habitus« des Hitlerjungen noch nicht abgelegt zu haben, hatte Allende-Blin eines voraus: Er kannte die von den Nazis unterdrückte »entartete Musik« bereits, als er 1951 nach Deutschland kam. Umso verwunderter war er, dass es diese Musik in der jungen Bundesrepublik noch immer schwer hatte, und dass an den Schaltstellen auch des Musiklebens fast ausschließlich alte Nazis saßen. Ein lebenslanges Engagement begann – 1989 gipfelnd in der Essener Veranstaltung »Besuch aus dem Exil«, zu der in die Emigration gezwungene Musiker eingeladen wurden, als das noch möglich war.

In Stücken wie »Des Landes verwiesen« oder »Walter Mehring – ein Wintermärchen« setzt sich Allende-Blin auch kompositorisch mit den Themen Exil und Vertreibung auseinander. In seinen radiophonen Klangcollagen greift er auf Texte von Autoren wie Jean Cébron oder Anne Ranasinghe zurück. Sein Instrumentalwerk – das mit der über Jahrzehnte entstandenen Reihe der »Transformations« eine erstaunliche Kontinuität aufweist – indes verlangt ein geduldiges Sich-Einlassen auf Klänge, die ihre Kontur nicht zuletzt durch die sie umgebende Stille gewinnen. Der Komponist sagt dazu: »Meine Musiksprache besteht aus differenzierten Klängen, die sich bis zur Stille entfalten. Sie möchten einladen, den inneren Reichtum, den jeder Ton besitzen kann, zu entdecken.«

Mit dem Begriff Avantgarde kann Juan Allende-Blin nicht viel anfangen. Lieber spricht er von Widerstand und sagt: »Politisch ist selbst meine Kammermusik. Nicht im agitatorischen Sinne, sehr wohl aber in der Denkweise, in ihrer Sprache.« Totalitäre Regime hätten das sehr wohl begriffen, denn sie hätten auch immer wieder textlose Werke verboten, »weil sie ihre Botschaft verstanden haben«. Allende-Blin fühlt sich nicht als Chronist der Zeit und hält es auch nicht für nötig, alle politischen Ereignisse zu kommentieren. An entscheidender Stelle haben Gerd Zacher und er dann allerdings doch ihre Stimme erhoben – beispielsweise, als der Komponist Yun I-Sang 1967 vom südkoreanischen Geheimdienst aus Westberlin entführt wurde. Engagiert ist Allende-Blin noch in seinem Alterswerk: 2017 erlebte seine Kantate »Tortur – Hommage à Jakob van Hoddis« in Berlin ihre Uraufführung.

Für Gerd Zacher, den Partner über sechs Jahrzehnte, mit dem er in Hamburg, später in Essen lebte, hat er eine Reihe von Orgelstücken geschrieben – darunter »Mein blaues Klavier« für Orgel, Drehorgel und Maultrommel. Der Titel des Stücks, in dem mit reduziertem Wind Verfremdungseffekte erzielt werden, spielt auf Else Lasker-Schüler an. Der Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger sprach in einem Brief an den Komponisten sogar davon, dass sich in dieser Musik »der Zusammenbruch der europäischen Zivilisation« ereigne – »und vielleicht – dialektisch – ihre Rettung«. Diese und andere markante Stationen im Werk des unangepassten Musikers werden ausführlich behandelt. Die Aufbereitung in Dialogform hat ein Buch entstehen lassen, das sich keineswegs nur an Fachleute wendet und das hoffentlich vor allem dazu einlädt, sich mit dem Werk von Juan Allende-Blin zu befassen. Das liegt glücklicherweise in einer Reihe von hervorragenden Einspielungen vor – das Orgelwerk etwa in der Interpretation von Gerd Zacher.

Immer auch ein politischer Impuls. Juan Allende-Blin im Gespräch mit Christian Esch und Frank Schneider. Verlag Klaus-Jürgen Kamprad, Altenburg 2018, 216 Seiten, 39,80 Euro

Ähnliche:

  • Der Dichter: Pablo Neruda, geboren 1904, gestorben 1973, wenige ...
    15.08.2015

    Der große Gesang

    Der »Canto General« von Pablo Neruda und Mikis Theodorakis wurde vor 40 Jahren zum ersten Mal in Griechenland aufgeführt

Regio:

Mehr aus: Feuilleton