Aus: Ausgabe vom 01.12.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Trotz alledem!

Am 27. November 1918 sprach Karl Liebknecht in Berlin vor Matrosen über Imperialismus und die Aufgaben der Revolution (II und Schluss)

1918 Liebknecht.jpg
»Das Ziel des Proletariats muss sein ein Friede der Wohlfahrt und Freiheit aller Völker, ein dauernder Friede«: Karl Liebknecht im Berliner Tiergarten 1918

Hat das Proletariat heute die Macht in Händen? Es sind Arbeiter- und Soldatenräte gebildet; aber sie sind keineswegs der Ausdruck eines vollkommen klaren proletarischen Klassenbewusstseins. Offiziere, vielfach hochfeudale, sind in sie gewählt. Unter den Arbeiterräten befinden sich Angehörige der herrschenden Klassen. Das ist beschämend! Nur Arbeiter und proletarische Soldaten oder solche Männer und Frauen, die durch ein Leben der Aufopferung und des Kampfes sich vor dem Proletariat legitimieren können, gehören in die Arbeiter- und Soldatenräte. Alle andern gehören jetzt nicht an entscheidende Stellen. Es bleibt nichts übrig als dieser klare Machtstandpunkt gegenüber den herrschenden Klassen, die dem Proletariat so lange ihren Willen aufgezwungen haben. Nur das Proletariat selbst kann sich befreien! Wie viele Arbeiter- und Soldatenräte lassen an Klarheit und Ehrlichkeit alles zu wünschen übrig! Ich meine alle die, die gestern noch die Revolution begeiferten und heute für sie eintreten. (…) Die bisherige Zusammensetzung der Räte zeigt die Wurzel des Übels: dass die Massen der Arbeiter und Soldaten politisch und sozial noch nicht genügend aufgeklärt sind.

Eine der Hauptursachen der Verwirrung der Massen ist die Politik der Mehrheitssozialisten, die bis unmittelbar vor Ausbruch der Revolution in der raffiniertesten und unverantwortlichsten Weise jeder Aufklärung entgegengewirkt haben.

Konnte man von der Revolution überrascht sein? Wer seine Politik nach der Stuttgarter Resolution (der Kongress der Sozialistischen Internationale von 1907 verpflichtete alle sozialdemokratischen Parteien, im Kriegsfall den Frieden zu erzwingen und zur Revolution aufzurufen; jW) richtete, der musste sie kommen sehen, der musste sie vorbereiten helfen mit allen Kräften. Die Mehrheitssozialisten freilich haben sie verleugnen wollen, selbst als sie schon da war; haben sie nicht gefördert, sondern begeifert, noch am Morgen des 9. November. Das soll nicht vergessen werden. (…)

Es fragt sich: Was ist weiter zu tun? Welche Aufgabe hat das Proletariat in dieser Lage? Die Aufgabe des Proletariats kann nicht sein, einen menschenunwürdigen, einen Erdrosselungsfrieden mit den ausländischen Imperialisten abzuschließen. Ein solcher Friede ist nicht nur unerträglich, sondern auch nur ein Friede des Augenblicks, aus dem notwendig neue Kriege hervorgehen. Das Ziel des Proletariats muss sein ein Friede der Wohlfahrt und Freiheit aller Völker, ein dauernder Friede. Ein solcher Friede kann jedoch nur gegründet werden auf den revolutionären Willen, die siegreiche Tat des internationalen Proletariats, auf die soziale Revolution.

Kann sich das Proletariat mit der Beseitigung der Hohenzollern begnügen? Nimmermehr! Die Aufhebung der Klassenherrschaft, der Ausbeutung und Unterdrückung, die Durchführung des Sozialismus – das ist sein Ziel. Die heutige Regierung nennt sich sozialistisch. Bisher hat sie jedoch nur zur Erhaltung des kapitalistischen Privateigentums gewirkt. Die von ihr eingesetzte Sozialisierungskommission, die bis heute noch nicht einmal zusammengetreten ist, ist in ihrer ganzen Zusammensetzung eine Kommission gegen die Sozialisierung, zu ihrer Verschleppung. Statt Verschleppung ist jedoch hier gerade schnelles, energisches Handeln nötig. Gewiss, die Sozialisierung der Gesellschaft ist ein langer, schwieriger Prozess. Aber die ersten energischen Eingriffe sind sofort möglich. Gleich in den ersten Tagen der Revolution hätte die Regierung sie unternehmen müssen. Statt dessen hat sie bis heute noch nicht einmal die Krongüter der Potentaten konfisziert. Die Großbetriebe sind zur Enteignung längst reif. Die Rüstungsindustrie wollte schon 1913 der Reichstag verstaatlichen. Die kriegswirtschaftlichen Maßnahmen der letzten vier Jahre haben gezeigt, wie schnell tiefste Eingriffe in das kapitalistische Wirtschaftsgetriebe vorgenommen werden können, und zwar ohne dass Desorganisation die Folge wäre. Und die Kriegswirtschaft bietet technisch brauchbare Handhaben zur Sozialisierung. (…)

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, den Krieg zu liquidieren: die kapitalistisch-imperialistische und die proletarisch-sozialistische. Die erste gibt einen menschenunwürdigen Frieden des Augenblicks, dem neue Kriege folgen. Die zweite einen Frieden der Wohlfahrt und der Dauer. Die erste erhält die kapitalistische Klassenherrschaft, die zweite rottet sie aus und befreit das Proletariat.

Die deutsche Arbeiterklasse hat heute die Macht in Händen oder doch die Kraft, sie zu ergreifen und zu halten. (…) Wir sehen den leuchtenden Stern, der uns die Richtung weist. Dunkel ist das Meer, stürmisch und voller Klippen. Sollen wir darum unser Ziel aufgeben? Wir halten die Augen offen und meiden die Klippen – und steuern unsern Weg – und werden zum Ziel gelangen – trotz alledem!

Karl Liebknecht: »Klarheit über Weg und Ziel«. Rede vor dem 53er Ausschuss der Marine, 27. November 1918. Flugschrift. Hier zitiert nach Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften. Band IX. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seite 617–625

Der erste Auszug aus der Rede erschien in der jW-Wochenendbeilage vom 24./25. November


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Wochenendbeilage