Aus: Ausgabe vom 23.11.2018, Seite 12 / Thema

Immergrün

Ein Jahrhundertleben – vor dreißig Jahren starb der Dichter und Malik-Verleger Wieland Herzfelde

Von Ronald Weber
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»Die mistverpichten Präpipister töteln«, das war einst die Absicht des Dichters Wieland Herzfelde, der als Dadaist begonnen hatte. Peter Hacks äußerte in seiner Laudatio zum 88. Geburtstag treffend: »Die Person in der DDR soll aufstehn und sich melden, die von ihm nie ein Korn gepickt hat.« (Herzfelde am 1.5.1971 in Ostberlin)

In den 1970er Jahren lud der Schriftstellerverband der DDR Heinz Hoffmann, General der Nationalen Volksarmee und Minister für Nationale Verteidigung, ein. Hoffmann sprach über die Bedeutung der NVA für den Erhalt des Friedens. Am Ende klopften die Anwesenden höflich auf die Tische. Man ging zur Fragerunde über. Da meldete sich ein älterer Herr. Er habe eigentlich nur eine Frage, ob der Genosse General ihm die nicht beantworten wolle, und seine Augen glänzten, als er dies sagte: »Ich würde gern wissen, wann endlich das Ballett gegenüber der Staatsoper aufhört?« Hoffmann war verdattert. Ballett, welches Ballett? Ein Murmeln ging durch den Raum. Einige lachten. Offensichtlich waren die Soldaten vor der Neuen Wache in Ostberlin gemeint, die dort an der Prachtstraße Unter den Linden einmal in der Woche mit knallendem Stechschritt den Wachwechsel durchführten. Der General hob zu einer Erklärung an, sprach von Traditionen, die man auch im Sozialismus weiterführe, als der ältere Herr ihn unwirsch unterbrach. Ja, ja, das kenne er schon, das sei ein alter Hut: »Alle Schlachten gewonnen und alle Kriege verloren.«

Der Mann, der so unverfroren fragte, war nicht irgendwer, sondern ein verdienter Genosse – Wieland Herzfelde, Begründer des Malik-Verlags, Mitglied der KPD seit 1918, Bruder des Grafikers John Heartfield, Initiator der Prager Exilzeitschrift Neue Deutsche Blätter und später des US-Exilverlags Aurora.

Gegen den Krieg

Herzfeldes Ablehnung des Krieges, ja alles Militärischen, geht auf den Ersten Weltkrieg zurück. Wie viele junge Männer seiner Generation meldet er sich nach dem 4. August 1914 freiwillig – allerdings nicht als Soldat, sondern als Sanitäter. Der romantische Wunsch, Husar zu werden, mehr der Lektüre Rilkes als militärischem Eifer entsprungen, ist ihm von seinem älteren Bruder ausgeredet worden. Und ein enthusiastischer Befürworter des Krieges ist der 18jährige ohnehin nicht. Rückblickend schreibt er: »War Deutschland wirklich angegriffen worden? Die lärmende, kritiklose Begeisterung der Massen, der großmäulige ordinäre Ton der Zeitungen, das dumme, prahlerische Gehaben meiner Schulkameraden und der Lehrer machten mich misstrauisch. Konnte eine wirklich gute, gerechte Sache sich so manifestieren?«

Nein, sie konnte nicht, und es dauert nicht lange, bis Herzfelde den Krieg aus vollem Herzen hasst. In Belgien als Sanitäter im Lazarett eingesetzt, zerstieben alle Illusionen des Jugendlichen, der sich, im engen Kontakt mit der expressionistischen Schriftstellerin Else Lasker-Schüler und im Zentrum eines aufstrebenden Berliner Kreises junger Künstler stehend, seit geraumer Zeit als Dichter versteht. »Wo war die edle, selbst in der Tragik schöne Welt der geistigen und moralischen Probleme, die Kunst und Literatur mich lieben gelehrt hatten und der anzugehören alle meine Bemühungen, alle meine Träume gegolten hatten? Es gab sie gar nicht.« Statt dessen gab es unermessliches Leid, massenhaften Tod – und Offiziere, die ihre Untergebenen schikanierten, wo sie nur konnten. Als ein Leutnant eines Nachts das Lazarett betritt, in dem Herzfelde eben erst mit großer Mühe die 81 ihm anvertrauten Verwundeten zum Schlafen gebracht hat, und mit seinem Gebrüll alle wieder aufweckt, sieht der Sanitätssoldat rot und schlägt dem Vorgesetzten mit einer Tasse ins Gesicht. Dank einer glücklichen Fügung bedeutet das fürs erste das Ende seiner Militärzeit, denn als der Leutnant wenig später erfährt, dass der zu 16 Tagen Arrest Verurteilte seine Strafe aufgrund der Geburtstagsamnestie des Kaisers nicht antreten muss, entlässt er ihn kurzerhand, unehrenhaft.

Das unverschämte Glück wie der Behauptungswillen und das Selbstvertrauen, die aus dieser Anekdote sprechen, kennzeichnen des Leben Wieland Herzfeldes. Sie haben viel mit seiner Kindheit zu tun, die er, zunächst gemeinsam mit seinen drei Geschwistern, später allein, bei verschiedenen Pflegefamilien verbrachte – insgesamt zwölf an der Zahl. In diesen wurde Herzfelde keineswegs herumgeschubst oder schlecht behandelt, ganz im Gegenteil. »Ein Waisenkind zu sein, hat seine Vorteile. Es bringt einem Kind vielerlei Mitleid ein, ehrliches und verzuckertes«, schreibt er später.

Wie er zum Waisen wurde, liegt bis heute im dunkeln. Es ist eine beinahe märchenhafte Geschichte – und genau so hat Herzfelde sie auch erzählt, in einer seiner autobiographischen Miniaturen, die er in dem Band »Immergrün« veröffentlichte. Herzfeldes Vater ist der Schriftsteller Franz Herzfeld, der sich Franz Held nennt und mit seiner schwangeren Frau Alice, einer anarchistischen Berliner Arbeiterin, 1895 von Deutschland nach Weggis in die Schweiz flüchtet. Held ist in München wegen eines für heutige Begriffe harmlosen Gedichts der Gotteslästerung angeklagt. Den Urteilsspruch – ein Jahr Haft – wartet er nicht mehr ab. So kommt es, dass Wieland Herzfelde am 11. April 1896 in der Schweiz geboren wird, was sich später bei der Flucht vor den Faschisten als glücklicher Zufall erweist. Der Aufenthalt am Vierwaldstätter See allerdings währt nur kurz, bald schon müssen die Eltern mit ihren drei Kindern nach Österreich weiterziehen – mittellose Flüchtlinge sind in der Schweiz nicht gern gesehen –, und so lassen sich Franz und Alice Herzfeld schließlich in Aigen in der Nähe von Salzburg nieder. Der Ortsbürgermeister nimmt sie auf, versorgt sie mit dem Nötigsten und stellt ihnen eine leerstehende Hütte in den Bergen zur Verfügung. Eben jener Ignaz Varnschein, ein strenger Katholik, der das christliche Gebot der Nächstenliebe ernster nimmt als viele seiner Landsleute, wird dann Herzfeldes erster Pflegevater. Denn eines Tages sind die Eltern einfach fort, verschwunden im Wald. Jahre später tauchen sie in der Psychiatrie wieder auf. Bis heute weiß man nicht, was damals wirklich passiert ist. Die Kinder kommen jedenfalls nie wieder in ihre Obhut. Sie bleiben, nachdem der Schriftsteller Max Halbe und Franz Helds Bruder, der Rechtsanwalt und sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Joseph Herzfeld, offiziell die Vormundschaft übernommen haben, bei den Varnscheins.

Linke Avantgarde

Nachdem der ältere Bruder 1913 nach Berlin gegangen ist – von Wiesbaden aus, wo die Kinder seit 1905 bei ihrer Tante und verschiedenen Pflegefamilien wohnten –, folgt ihm der jüngere ein Jahr später in die Hauptstadt des Deutschen Reichs. Hier lernt Herzfelde 1915 Georg Groß kennen, der sich als strikter Gegner des Krieges bald den ausländisch klingenden Namen George Grosz zulegt. Gemeinsam mit ihm und Helmut Herzfeld, der aus den gleichen Gründen seinen Namen in John Heartfield ändert, bildet er bald ein unschlagbares Team, das die politische Kunst der 1920er und 1930er Jahre entscheidend prägen wird. Schnell hat Herzfelde – dessen Namenserweiterung um das »e« zur gleichen Zeit erfolgt – seine Bestimmung gefunden. Was Grosz und Heartfield mit Pinsel und Stift, Cutter und Schere, Leinwand und Papier können, kann er mit Worten. Er ist der geborene Redakteur.

Zu Beginn des Jahres 1916 kaufen die Gebrüder Herzfeld die Schülerzeitung Neue Jugend und verwandeln sie in ein Antikriegsblatt – ein kluger Schachzug, weil damit die Beschaffung einer Druckkonzession entfällt. Auf der Titelseite des ersten Heftes, das, um nicht die Aufmerksamkeit der Militärzensur zu erregen, als Heft sieben erscheint, steht ein Gedicht Johannes R. Bechers »An den Frieden«, innen befindet sich eine Zeichnung von George Grosz. Das vierte und letzte Heft der Neuen Jugend, zu deren Mitarbeitern Richard Huelsenbeck, Gustav Landauer, Kasimir Edschmid und Salomon Friedlaender zählen, erscheint im Oktober 1916 bereits im Malik-Verlag. Die Zeitschrift ist zu diesem Zeitpunkt zwar längst verboten, aber das kümmert Herzfelde und seine Freunde nicht.

Um die Konzession für den neuen Verlag, den er nach dem gleichnamigen Briefroman Else Lasker-Schülers benennt, zu erlangen, argumentiert Herzfelde gegenüber den Behörden, ein Malik sei ein türkischer Prinz – und da das Osmanische Reich ein Verbündeter Deutschlands im Krieg sei, diene das Unternehmen dem Sieg der Mittelmächte. Am 1. März 1917 wird ihm die Lizenz erteilt. Im Malik-Verlag erscheint ab Mai 1917 die von John Heartfield und Franz Jung herausgegebene Wochenzeitschrift Neue Jugend, die auf die dadaistischen Anfänge des Kreises um Herzfelde verweist und in ihrer typographischen Gestaltung alles bisher Bekannte hinter sich lässt. Heartfield demonstriert darin erstmals die Möglichkeiten der Collagetechnik, mit der er später – vor allem mit seinen Covern für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung – berühmt wird.

Herzfelde ist zu diesem Zeitpunkt längst wieder im Krieg, im Oktober 1916 wird er eingezogen. Es dauert fast zwei Jahre, bis es ihm mittels einer Art Hungerstreik im Juni 1918 endlich gelingt, nach Berlin zurückzukehren. Zuvor hat er bereits einen Fluchtversuch unternommen. Das Ergebnis: Haft und Zwangsarbeit, aber auch ein Gedicht an seinen Bruder, das den späteren autobiographischen Erzählungen den Titel gibt und seinen unverbrüchlichen Optimismus auf den Punkt bringt: »So du, mein Freund, mich nimmer siehst, / Wisse, ich zahlte der Freiheit Preis. / Wenn auch die Blüte verblassen muss, / Immer bleibt grün ihr Reis.«

Nach der Rückkehr geht es Schlag auf Schlag. Die jungen Künstler stellen sich an die Seite der Revolution, agitieren für die KPD und gegen die Sozialdemokratie und den von ihr unterstützten weißen Terror – teils mit dadaistischem Nonsens, teils mit einem politischen Witz und einer Unverfrorenheit, die noch heute ihresgleichen sucht. So ziert die Erstausgabe der sofort verbotenen Zeitschrift Jedermann sein eigner Fussball einen Fächer, in den John Heartfield neun berühmte Persönlichkeiten hineinmontiert hat – unter ihnen Ebert, Ludendorff und Noske. Darüber steht: »Preisausschreiben! Wer ist der Schönste??«, darunter: »Deutsche Mannesschönheit 1«. Für den Vertrieb der im Tabloid-Format gedruckten Ausgabe mietet Herzfelde im Februar 1919 einen Zweispanner nebst Musikkapelle. Rote Matrosen helfen beim Straßenverkauf. Als die Zeitschrift verboten wird, sind alle 7.600 Exemplare verkauft. Bereits Anfang März erscheint das Nachfolgeprojekt Die Pleite. Auf dem Titel eine Zeichnung von Grosz: Ebert als Kaiser im Sessel. Die Bildunterschrift lautet: »Von Geldsacks Gnaden«. Gegenüber dem Pazifisten und Mäzen Harry Graf Kessler beschreibt Herzfelde das Programm, das er und seine Freunde verfolgen, so: Es gehe ihnen schlicht darum, »alles, was den Deutschen bisher lieb gewesen sei, in den Dreck zu treten«.

Malik

Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Am Abend des 7. März 1919 wird Herzfelde als Herausgeber von Jedermann sein eigner Fussball festgenommen. Man bringt ihn ins Hotel Eden, dem Stabsquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Hier sind Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vor ihrer Ermordung verhört und misshandelt worden. Am nächsten Tag wird er ins Lehrter Stadtgefängnis verlegt, später nach Plötzensee. In der Haft wird Herzfelde Zeuge von Folter und willkürlichen Erschießungen. In »Immergrün« schildert er die Überführung ins Gefängnis nach Plötzensee, ein stundenlanger Marsch: »Die lange Prozession hilfloser Zivilisten (…) schritt zuweilen rasch, manchmal stockend, die Hände, die rasch frostblau wurden und allmählich abstarben, über den Köpfen, durch die farblosen Straßen des nördlichen Berlin, wo hinter den Fenstern Gleichgesinnte in ohnmächtigem Entsetzen dem Schauspiel folgten, das inszeniert war unter einer Regierung, deren Plakat von allen Bauplatzzäunen und Litfaßsäulen sich an die Passanten wandten mit der Behauptung: ›Der Sozialismus marschiert‹. (…) Neben jeder Viererreihe der unbewaffneten Gefangenen marschierte, Handgranaten im Gürtel, das Gewehr schußbereit, ein Zeitfreiwilliger, und mit Maschinengewehren bestückte Motorräder sausten links und rechts den Zug entlang nach vorne und wieder zurück, die Läufe gegen die Häuser gerichtet, bereit, in jedes Fenster zu schießen, das jemand zu öffnen wagte. (…) Voran fuhren – Hakenkreuz am Stahlhelm – Patrouillen der sogenannten Baltikumer und säuberten die Straßen.«

Am 20. März wird Herzfelde nach der Intervention seines Freundes Harry Graf Kessler entlassen. Er hat wieder einmal Glück gehabt. Bereits kurze Zeit später veröffentlicht er die Broschüre »Schutzhaft«, die über die Verhältnisse in den Regierungsgefängnissen aufklärt. Im November erscheint im Malik-Verlag erstmals die von Julian Gumperz und Wieland Herzfelde herausgegebene Zeitschrift Der Gegner. Die Cover verdeutlichen das politische Programm: »Räte!« steht in Großbuchstaben über dem durchgestrichenen »Parlament« auf dem Titel der zweiten Ausgabe. Und auf dem Frontblatt von Heft 3: »Es lebe Sowjet-Deutschland!«

Malik entwickelt sich nun zum führenden linken Verlagshaus der Weimarer Republik, das mit preislich gestaffelten und unterschiedlich aufgemachten Ausgaben – die Umschläge meist von John Heartfield gestaltet – auch für Arbeiter erschwingliche Bücher produziert. Bei Malik erscheinen bis 1933, um nur einige Namen zu nennen: Upton Sinclar, John Dos Passos, Oskar Maria Graf, Erich Mühsam, Franz Jung, Karl August Wittfogel, Alexandra Kollontai, Isaak Babel, Ilja Ehrenburg, Maxim Gorki, Leo Tolstoi, Johannes R. Becher, Theodor Plivier, Ludwig Turek, Sergej Tretjakow, F. C. Weiskopf, Alex Wedding – und natürlich George Grosz, dessen Zeichnungen zum Markenzeichen der Verlags gehören.

Ab 1920 erscheint die »Kleine revolutionäre Bibliothek«, in deren Rahmen Georg Lukács Essaysammlung »Geschichte und Klassenbewusstsein« und eine Lenin-Biographie Grigori Sinowjews veröffentlicht werden. Der sechste Band der Reihe stammt von Herzfelde selbst: In »Gesellschaft, Künstler und Kommunismus« (1921) fordert der ehemalige Dadaist in Orientierung an Lenins Aufsatz »Parteiorganisation und Parteiliteratur« die Künstler auf, ihr Schaffen in den »Dienst der Sache« zu stellen und der KPD beizutreten. Die weiß sich indes mit ihrem Genossen nicht immer einig. Als der Malik-Verlag 1924 eine Werkausgabe Lenins veröffentlichen will, interveniert die Partei im Auftrag der Kommunistischen Internationale. Das in Moskau ansässige Lenin-Institut will die Ausgabe selbst herausbringen. Das Projekt muss abgebrochen werden. Viel schwerer aber wiegt der grundsätzliche Dissens über das linksavantgardistische Programm des Verlags, dessen Bücher im Feuilleton der Roten Fahne selten positiv rezensiert werden. Der KPD ist das Spektrum der Malik-Autoren zu breit. Und in wesentlichen Fragen stellt sich der Verlag scheinbar gegen die Auffassungen der Partei, wie die sogenannte Kunstlump-Debatte zeigt, die sich im Feuilleton der Roten Fahne im Anschluss an eine Polemik von George Grosz und John Heartfield gegen den bürgerlichen Kunstbegriff abspielt. Während Grosz 1923 aus der Kritik der KPD die Konsequenz zieht und die Partei verlässt, bleiben die Brüder Herzfeld aber Genossen.

Obwohl der Verlag stets am Rand der Pleite agiert, gelingt es Herzfelde immer wieder, die »richtigen« Bekanntschaften zu machen, um das Unternehmen über Wasser zu halten. Die KPD oder Moskau gehören allen Unkenrufen zum Trotz nicht zu dessen Geldgebern. 1925 wird der Verlag mit Unterstützung des Millionenerben Felix Weil, der ein Jahr zuvor die Gründung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung mitfinanziert hat, in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die bis 1930 besteht. An der Ausrichtung des Programms ändert das nichts, auch wenn Herzfelde ab Mitte der 1920er Jahre mehr und mehr auf Belletristik setzt. Max Hoelz erläutert Herzfelde 1930 in einem Brief seinen verlegerischen Grundsatz: »(E)ine Arbeit, die nicht für die Revolution ist, interessiert mich nicht.«

Flucht und Exil

Seit Mitte der 1920er Jahre ist der Verlag den Deutschnationalen und Nazis ein Dorn im Auge. Immer wieder gibt es Angriffe. Anfang der 1930er macht sich schließlich der Druck, den die SA auf Buchhändler ausübt, die linke Literatur vertreiben, bemerkbar. Die Umsätze gehen zurück. Herzfelde versucht Auslandsfilialen zu gründen, um für den Fall der Fälle das Geschäft abzusichern, aber die KPD pfeift ihn zurück. Auf keinen Fall soll der Eindruck entstehen, man streiche die Segel. Als Hitler 1933 Reichskanzler wird, werden sofort die Konten gesperrt, der Verlag überwacht und dessen Lager – 40.000 Bände – beschlagnahmt. Wieland Herzfelde und sein Bruder stehen ganz oben auf der Liste der Faschisten. Beiden gelingt die Flucht. Herzfelde geht, nachdem er sich einige Zeit lang bei Bekannten versteckt gehalten hat, im März nach Prag. Kurz danach folgt ihm John Heartfield, der in Berlin bis zuletzt die Erstellung der Wahlmaterialien der KPD für die Reichstagswahlen am 5. März organisiert. An Ostern entkommt er haarscharf der SA, die ihn in seiner Wohnung überrascht.

In der Tschechoslowakei führt Herzfelde unbeirrt die Arbeit des Verlags weiter. Fürs erste kann er auf Auslandsguthaben zurückgreifen, auch hat er wichtige Unterlagen mitnehmen können. So erscheinen zum Ärger der Nazis weiterhin Malik-Bücher, auch nachdem das Amtsgericht in Berlin-Charlottenburg die Firma im April 1934 auflöst. Denn Herzfelde, der als politischer Asylant in der CSR kein Unternehmen gründen darf, bedient sich eines Tricks. Malik erhält bei einem Londoner Verlag Gastrecht, so dass die Bücher ab 1934 offiziell in Großbritannien erscheinen. Zu den wichtigen Publikationen des Exils zählt Willi Bredels KZ-Roman »Die Prüfung«, den dieser nach seiner Flucht nach Prag bei Herzfelde am Küchentisch schreibt. Als Autor neu hinzu kommt Bertolt Brecht.

Bereits im August 1933 gründet Herzfelde mit Hilfe von Strohmännern die Neuen Deutschen Blätter. Sie entwickeln sich neben der von Klaus Mann im Amsterdamer Querido-Verlag herausgegeben Monatsschrift Die Sammlung zu einem der wichtigsten Publikationsorte des antifaschistischen Exils. Im ersten Heft umreißt Herzfelde deren Programm, das die Volksfrontpolitik der Komintern vorwegnimmt: »Wir wollen mit den Mitteln des dichterischen und kritischen Wortes den Faschismus bekämpfen. (…) Wir werden alle – auch wenn ihre sonstigen Überzeugungen nicht die unseren sind – zu Wort kommen lassen, wenn sie nur gewillt sind, mit uns zu kämpfen.«

Im April 1935 scheitert das Unternehmen. Da die potentiellen Käufer der Neuen Deutschen Blätter vor allem im Exil leben und nur über wenig Geldmittel verfügen, sinkt die Auflage – von 7.000 auf knapp 4.000. Die Ausgaben lassen sich so nicht mehr finanzieren. Auch die Auflagen der Malik-Bücher werden kleiner. Außerdem macht sich die zunehmende politische Isolation der CSR bemerkbar. Nach dem Münchner Abkommen wird das Exilland 1938 zur Falle. Erneut gelingt Herzfelde die Flucht. Ende Oktober besteigt er in Prag gemeinsam mit seiner Frau Gertrud eines der letzten Flugzeuge nach Zürich, von wo aus er über London, wo sein Bruder Asyl gefunden hat, weiter nach New York reist. Dass er das Visum für die Schweiz erhält, verdankt Herzfelde einem Freundschaftsdienst, über den er in der Erzählung »Der Bürge« berichtet – es ist eine weitere der märchenhaften Begebenheiten in seinem Leben. Er hat, wieder einmal, Glück gehabt.

Durststrecke

Allerdings währt das Glück nicht lange. Zwar sind Leib und Leben gerettet. Aber nun beginnt eine Durststrecke. Wie vielen Flüchtlingen gelingt es Herzfelde in den USA nur schwer, wirtschaftlich Fuß zu fassen. Sein großes Talent, Kontakte zu knüpfen, kommt hier nicht zum Tragen. »Seine« US-Autoren, allen voran Upton Sinclair, der sich mehr und mehr von seinen sozialistischen Positionen löst, halten sich bedeckt. »Zum ersten Mal im Leben fühle ich mich wirklich als Emigrant«, schreibt er im Frühjahr 1940 an Willi Bredel.

Nach intensiven Bemühungen gelingt es dem Verleger 1941 »Die Tribüne« zu gründen, einen Zusammenschluss »für freie deutsche Literatur und Kunst«, der Theateraufführungen und Veranstaltungen organisiert. Herzfelde will daraus schnellstmöglich auch einen Verlag entstehen lassen. Aber es dauert noch bis 1945, bis mit Brechts »Furcht und Elend des III. Reiches« das erste Buch erscheinen kann. Der Verlag heißt auf dessen Vorschlag hin nun »Aurora«, und Herzfelde ist nicht eigentlich der Verleger, denn es handelt sich um ein Gemeinschaftsunternehmen verschiedener Schriftsteller, das er ehrenamtlich leitet. Allerdings haftet er auch für dessen Schulden. Als er am 11. April 1946, dem Tag seines 50. Geburtstags, erfährt, dass sein US-amerikanischer Geldgeber in Zahlungsschwierigkeiten geraten ist, bleibt er auf ausstehenden Rechnungen von 6.000 US-Dollar sitzen. Herzfelde verkauft daraufhin den kleinen Buch- und Briefmarkenladen, den er 1944 erworben hat, und gibt die Aurora-Lizenzen an den in Ostberlin neugegründeten Aufbau-Verlag ab, wo schließlich 1949 seine autobiographischen Erzählungen unter dem Titel »Immergrün« erscheinen.

Im selben Jahr kehrt Herzfelde nach 16 Jahren Exil zurück nach Deutschland. Zum Beginn des Wintersemesters übernimmt er eine Professor für Literatursoziologie in Leipzig, wo er am 2. November seine Antrittsvorlesung hält: »Die deutsche Literatur im Exil«.

Auch wenn er sich nach 1949 an zahlreichen Buchpublikationen beteiligt – u. a. gibt er Brechts »Hundert Gedichte« mit heraus und schreibt für Anna Seghers’ »Das siebte Kreuz« das Nachwort – ein Verleger wird Herzfelde in der DDR nicht mehr. Dabei hat er ursprünglich die Absicht, »den Malik-Verlag wieder in Gang (zu) bringen«, wie er im September 1945 an Brecht schreibt. Aber daraus wird ebenso wenig etwas wie aus der Idee, den Verlag in der Schweiz neu zu gründen. In der DDR verschieben sich bald die Gewichte zuungunsten Herzfeldes. Tatsächlich ist er, so beschließt es das Kleine Sekretariat beim Parteivorstand der SED am 9. September 1949, für die Leitung eines Verlages im Rahmen der Akademie der Künste vorgesehen, als dessen Direktor er auch gehandelt wird. Aber dann kommt alles anders, denn Herzfelde wird ein Opfer der sogenannten Affäre um Noel Field, einem US-amerikanischen Diplomaten und zeitweiligen Agenten des sowjetischen Geheimdiensts, der während des Zweiten Weltkriegs als Mitarbeiter eines Hilfskomitees zahlreichen Antifaschisten die Flucht aus Europa ermöglicht und im Rahmen der Schauprozesse in der Tschechoslowakei und in Ungarn der Leitung eines antikommunistischen US-Spionagenetztwerks verdächtigt wird. Da er in New York Kontakt mit Fields Bruder hatte, wie er im September 1950 bereitwillig und mit bestem Gewissen der Zentralen Parteikontrollkommission mitteilt, werden er und seine Frau im März 1951 aus der SED ausgeschlossen. Sein Protest dagegen bleibt folgenlos. Zwar fällt Herzfelde nicht so tief wie andere, seine Professur kann er behalten, aber die ganze Kampagne verstimmt ihn nachhaltig.

Kampf ums Erbe

1956 wird Herzfelde rehabilitiert und wieder in die SED aufgenommen. Zwei Jahre später beendet er seine Lehrtätigkeit in Leipzig und zieht nach Berlin, wo er sich fortan um das künstlerische Erbe des Malik-Verlags sowie seines Bruders bemüht, über den er 1962 eine reich bebilderte Biographie veröffentlicht. Zudem betätigt er sich kulturpolitisch im Schriftstellerverband, in der Akademie der Künste und im PEN-Zentrum der DDR, dem er von 1956 bis 1970 als Präsident vorsteht. Hier begegnet er Ende der 1950er Jahre auch dem jungen Dramatiker Peter Hacks. Zu seinem 70. Geburtstag im April 1966 schickt dieser Herzfelde ein Gedicht: »Der neue Tag ist nicht so gegenwärtig, / Wie wir im Menschenmorgendämmer dachten. / Es gilt noch öfter, scheints, zu übernachten. / Wieland ist 70, und noch nichts ist fertig.« Achtzehn Jahre später hält Hacks die Laudatio auf den inzwischen Hochbetagten, der »schon den Kaiser geärgert hatte« und der auch später nicht aufhörte, wo es ihm angebracht schien, wider den Stachel zu löcken.

Am 23. November 1988 stirbt Wieland Herzfelde hochgeehrt im Alter von 92 Jahren in Ostberlin. Sein Grab liegt auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof nicht weit von dem Brechts. Wer keine Gelegenheit hat, ihn zu besuchen, sollte seine Erzählungen lesen. Sie gehören mit zum besten, was die deutsche Prosa nach 1945 bereithält.


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