Aus: Ausgabe vom 21.11.2018, Seite 11 / Feuilleton

Auf Ziegen zeigen

Strategien der Rechten und das Theater der Politik: »Volksverräter!!« an der Volksbühne in Berlin

Von Jakob Hayner
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Erinnert nicht zufällig an Hillary Clinton: Bürgermeisterin Stockmann (Veronika Nickl)

Um die Wirklichkeit zu durchdringen, muss man ihre Gesetzmäßigkeiten kennen, muss die Art und Weise begreifen, wie sie erscheint. Aber wir sind ja im Theater, und da bekommt man alles gezeigt. Außer beim Selbsterfahrungs- und Mitmachtheater, einer Art organisiertem Betrug am Kunden durch diesen selbst, aber das ist eine andere Sache. Wer also inszeniert was – und zu welchem Zweck? Auf der einen Bühnenseite steht ein großer Esstisch aus dunklem Holz, darauf Blutwurst und Pils. An der Wand hängt ein Gemälde, in erdfarbener Tracht das Idealbild einer harmonischen Familie, kaum individuelle Züge, dafür viel blondes Haar, der Volkskörper als Kleinfamilienidyll mit Agrarkitsch im Hintergrund – Adolf Wissels »Kalenberger Bauernfamilie« von 1939. Auf der anderen Bühnenseite ein gänzlich anderes Ambiente: helle Möbel, Lampen im »International Style«, an der Wand eine in Rot gehaltene Collage mit ikonischen Bildern revolutionärer Befreiungsbewegungen, als Türklingel erschallen die ersten Töne der »Internationale«. Der habituelle Unterschied ist ein politischer. Rechts und links, so steht es in großen Lettern hinter der jeweiligen Wohneinrichtung geschrieben.

Der politische Konflikt als Kulturkampf? Deutsche Bratwurst gegen kosmopolitischen Cheeseburger? Romantizismus gegen abstrakte Malerei? Das ist die erste Erscheinungsebene des Stücks »Volksverräter!!« nach Henrik Ibsens »Ein Volksfeind«. Die Inszenierung von Hermann Schmidt-Rahmer hatte als Übernahme vom Schauspielhaus Bochum am vergangenen Sonnabend an der Berliner Volksbühne Premiere. Das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz wird in dieser Spielzeit mit Gastspielen wieder ans Theater gewöhnt, nachdem Kurzzeitintendant Chris Dercon so etwas wie künstlerischen Radikalentzug verordnet hatte. Schmidt-Rahmer übernimmt von Ibsen in Grundzügen Handlung und Personal. In einem Kurort ist das Wasser vergiftet, die ökonomische Grundlage des Ortes bedroht. Aber schon bei Ibsen geht es nicht um das Wasser. Es geht um einen Sumpf, der trockengelegt werden soll. Um die Lüge. Um die verschwiegenen Abhängigkeiten, den korrupten Konformismus, die erzwungene Anpassung. Einen Sumpf trockenlegen, das war auch ein Slogan von US-Präsident Trump, bezogen auf Washington DC. Und tatsächlich spielen Trump und der Präsidentschaftswahlkampf an dem Abend eine wichtige Rolle. Die von Veronika Nickl gespielte Bürgermeisterin Petra Stockmann erinnert mit ihrem weißen Kostüm und der Kurzhaarfrisur nicht zufällig an Hillary Clinton.

Die wird von ihrem Bruder Thomas (Roland Riebeling) in die Mangel genommen. Der tritt in Gummistiefeln, Hemd und Strickpullover passend zum Interieur betont rustikal auf. Auch Frau (Raphaela Möst) und Tochter (Eva Hüster) fügen sich wie auf dem Nazischinken an der Wand ins Bild, als Vorbild diente ein bücherverlegender Ziegenhirte aus Schnellroda, der nebenher als Vordenker der »rechten Metapolitik« gilt. Mit Bezug auf den marxistischen Theoretiker Antonio Gramsci geht es dabei auf dem Weg zur Macht auch um eine Kulturrevolution.

Der rechten Vorzeigefamilie liegt offenbar der durch »Umvolkung« bedrohte Volkskörper am Herzen. Das vergiftete Wasser passt da ins Bild. Von der Seite plärrt ein gewisser Akif Ripincci (gespielt von Elwin Chalabianlou; Ähnlichkeiten mit nahezu gleichnamigen reaktionären Schreihälsen sicher rein zufällig) etwas von »Verschwulung« und »Toleranzfaschismus«. Und je hanebüchener die Rechten reden, desto größer wird die Hilflosigkeit ihres linksliberalen Widerparts, verkörpert von Stockmann-Clinton, ihrem Zeit-lesenden schwäbelnden Ex-KBW-Ehemann (Jürgen Hartmann) und der Tochter (Paula Kober) mit Jetset-Macbook-Partner (Armin Wahedi Yeganheh). Deren auf Demokratie geeichte, system- und kommunikationstheoretisch angereicherte Rhetorik wirkt nicht nur technokratisch, sondern auch wenig oppositionell. Und das soll noch links sein? Das wissen sie selbst nicht mehr so genau.

Am stärksten ist die Inszenierung, wo sie Strategien der Rechten zeigt. Die erheben entweder den Vorwurf, kommunikativ ausgegrenzt zu werden (»Demokratie!«), oder verbreiten einfach ihre Propaganda; kommt Widerspruch, wird behauptet, es werde nur eine Meinung gelten gelassen, um anschließend wieder zur Propaganda überzugehen. Die Klaviatur der Rhetorik, von mitfühlend bis aggressiv, wird in ihrer Breite vorgeführt. Der entpolitisierte Liberalismus kann da kaum gegenhalten. Wie auch, wenn Demokratie nur der Rahmen ist, in dem alle Meinungen gültig sein sollen? Relativismus macht handlungsunfähig. Und bald zeigt sich, dass unter der Oberfläche der Demokratie Interessengegensätze walten, die durchaus ohne liberalen Überbau auskommen. Am Ende sind die Rechten an der Macht. Aber in aufgesetzten Prunkkostümen, nicht in Gummistiefeln und ziegenmilchbesprenkter Joppe. Das war nämlich nur eine Inszenierung. Ein beeindruckender Abend, der mit den Mitteln des Theaters das Theater der Politik enttarnt. Und einen dazu bringt, über eine Politik nachzudenken, die dieses Schau- bzw. Schauerspiel in der Wirklichkeit zu beenden weiß.

Nächste Aufführungen: 22. und 28. Dezember, 4. Januar, jeweils 19.30 Uhr, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin-Mitte


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