Aus: Ausgabe vom 24.11.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Bewaffnetes Biedermeier

Von Arnold Schölzel
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Der französische Präsident begrüßt Stabschefs europäischer Armeen (Brüssel, Dezember 2017)

Nach dem Untergang der Sowjetunion hielt der Glaube, die USA seien die »einzige Weltmacht« – so der deutsche Titel eines Buches des früheren US-Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinski in den 1990ern –, den Westen zusammen. Auch in Bonn und Berlin glaubten die Regierenden, sich im Schlepptau Washingtons jeden Überfall auf andere Länder, das Ermorden von Millionen Menschen, ungestraft erlauben zu können. Die Werte- ist eine Beutegemeinschaft.

Die publizistischen Kapazitäten des bewaffneten Biedermeiers, das hierzulande herrscht, behaupten das Gegenteil. So schreibt der Historiker Michael Stürmer am Montag in Die Welt, nach dem Kalten Krieg habe sich die »Friedensdividende« als »unwiderstehlich für die industriellen Demokratien – Ausnahme die USA« erwiesen. Dabei mordeten allein in Afghanistan zeitweilig an die 80 Nationen mit, und die »Koalition der Willigen«, die ab 2003 den Irak endgültig zertrümmerte, war nicht viel kleiner. Polen, Tschechien oder Ungarn waren dabei, Staaten, deren Regierungen sich nun völlig überrascht geben, wenn sie mit den Folgen ihrer Verbrechen konfrontiert werden.

Die Realität so auf den Kopf zu stellen, ist EU-Konsens. Wenn daher den militärischen Desastern von Irak, Afghanistan, Libyen, Mali und Syrien der Ruf nach einer europäischen Armee folgt, erscheint das folgerichtig. Revanche muss sein im allgemeinen Niedergang. Da hat es etwas von fröhlichem Zynismus, wenn der emeritierte Professor für Militärgeschichte an der Universität Jerusalem Martin van Creveld ebenfalls in der Welt vom Montag daran erinnert, dass es solche kontinentalen Formationen schon gegeben hat, etwa unter Napoleon oder in der Waffen-SS, in der »selbst muslimische Bosnier« willkommen geheißen wurden. Es bleibe »eine Tatsache, dass die letzten Verteidiger Berlins französische Soldaten der Waffen-SS-Einheit ›Charlemagne‹ waren«. Bei Kriegsende habe sich eine Reihe ehemaliger Waffen-SS-Soldaten verschiedener Nationalitäten der französischen Fremdenlegion angeschlossen. Die sei, habe einer von deren Veteranen ihm, van Creveld, »nicht ohne Stolz« erklärt, »von ihren Mitgliedern auch als weiße SS bezeichnet« worden. In jedem Fall habe es sich bei ihr »auf eine gewisse Art und Weise schon immer um eine europäische Armee« gehandelt.

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron konnte sich also auf Jahrzehnte Erfahrung stützen, als er sich am vorigen Sonntag im deutschen Bundestag für eine Europa-Armee einsetzte. Wirklich begeistert ist Stürmer davon nicht. Nach ihm gilt »America first« in einem umgekehrten Sinn »auch für die Schutzbefohlenen auf den europäischen Stränden des Atlantischen Ozeans«. In Abwandlung von Loriot: Nach Stürmer ist ein Leben ohne US-Militär in Europa möglich, aber sinnlos. Er beklagt nämlich eine »globale Krise«, die »sich der Welt bemächtigt hat«, diese sei »sehr zerbrechlich geworden«. Das lag nicht an der »Friedensdividende«. Vielmehr sei, schreibt er, der Mittlere Osten im »arabischen Frühling« »ins Brennen« geraten. Da ist Donald Trump mit seinem Wort vom »Schlamassel«, den die USA dort angerichtet hätten, wohl einen Millimeter näher an der Wirklichkeit. Stürmer empfiehlt unverdrossen gegen den Niedergang ein transatlantisches »Weiter so!«, egal, »ob Trump Nonsens twittert oder nicht, ob die EU blüht oder einem Winter des Missvergnügens entgegengeht«. Zwar sei in Zeiten, da auf die USA kein »absoluter Verlass« mehr sei, »die Europa-Armee moralisch und strategisch geboten«, komme Frankreich und Deutschland »die Schlüsselrolle zu, für Europa Verhandlungsgewicht, Abschreckungsmacht und Diplomatie zu verbinden«. Das soll es dann aber auch gewesen sein. Der Rest ist Aufrüstung.

Da hat es etwas von fröhlichem Zynismus, wenn der emeritierte Professor für Militärgeschichte an der Universität Jerusalem Martin van Creveld ebenfalls in der Welt vom Montag daran erinnert, dass es solche europäischen Armeen schon gegeben hat, etwa unter Napoleon oder in der Waffen-SS, in der »selbst muslimische Bosnier« willkommen geheißen wurden.


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