Aus: Ausgabe vom 24.11.2018, Seite 15 / Geschichte

Ein Kolonialist kapituliert

Vor hundert Jahren ergab sich Paul von Lettow-Vorbeck mit seinen deutschen »Schutztruppen« in Deutsch-Ostafrika

Von Ulrich van der Heyden
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»Im Felde unbesiegt«. Paul von Lettow-Vorbeck zu Pferde hält Einzug in Berlin, März 1919

An einem Sonntag, man schrieb den 2. März 1919, der Erste Weltkrieg war durch den Versailler Vertrag offiziell beendet, marschierten gegen 16 Uhr uniformierte Soldaten durchs Brandenburger Tor in Berlins Mitte. Zehntausende jubelten den 30 Offizieren und etwa 125 Soldaten und Unteroffizieren in der Uniform der »Schutztruppe« in Deutsch-Ostafrika zu. An der Spitze ritt deren Kommandeur, Generalmajor Paul von Lettow-Vorbeck; an seiner Seite sein persönlicher Rivale Heinrich Schnee, der letzte Gouverneur jenes nunmehr verlorengegangenen Kolonialgebietes.

Wie konnte diese gerade vom außereuropäischen Kriegsschauplatz heimkehrende militärische Schar für einen nicht geringen Teil der deutschen Bevölkerung zu den »unbesiegten Helden von Ostafrika« und ihr Kommandeur zum »Löwen von Afrika« werden?

Eine deutsche Karriere

1870 in Saarlouis geboren, hatte Lettow-­Vorbeck eine militärische Laufbahn eingeschlagen. Als junger Offizier bewährte er sich um die Jahrhundertwende bei der Niederschlagung des »Boxeraufstands« in China, wofür er zum Hauptmann befördert wurde. Als Kompaniechef war er am Völkermord an den Herero in der deutschen Kolonie Südwestafrika beteiligt. Nach verschiedenen Stabsverwendungen in der Heimat wurde er zum Kommandanten der sogenannten kaiserlichen Schutztruppe für Kamerun ernannt. Bevor er dort sein Amt antreten konnte, wurde Lettow-Vorbeck nach Deutsch-Ostafrika beordert, wo er im Frühjahr 1914 das Kommando der dortigen Schutztruppe übernahm.

Die ihm unterstehende Truppe schlug mit Beginn des Ersten Weltkriegs bis Ende 1916 britische, belgische und südafrikanische Streitkräfte zurück, die in die deutsche Kolonie eingedrungen waren. Der Kommandeur versammelte schließlich seine Soldaten im Süden der Kolonie und ging zu einer Guerillataktik über. Danach zog er sich nach Portugiesisch-Ostafrika, dem heutigen Mosambik, zurück und führte dort seinen Buschkrieg fort.

Den Alliierten gelang es jedenfalls nicht, die deutsche Truppe zu stellen oder gar im Kampf vernichtend zu schlagen. Als sich die Niederlage des Kaiserreichs auf Europas Schlachtfeldern immer deutlicher abzeichnete, stieß Lettow-Vorbeck trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit bis nach Nordrhodesien (heute Sambia) vor, wo er am 13. November 1918, also zwei Tage nach dem Waffenstillstand in Europa, aus den Papieren eines gefangengenommenen britischen Melders vom Ende des Krieges erfuhr. Fünf Tage später wurde dem skeptischen Kommandeur der Waffenstillstand bestätigt. Am 25. November 1918 legten Lettow-Vorbeck und seine Truppe offiziell und »unbesiegt« die Waffen nieder.

Die deutsch-nationalistische Presse feierte ihren Helden, der alles dafür tat, dass seine »Verdienste« nicht in Vergessenheit gerieten. In Vorträgen, Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln und vor allem in seinem mehrfach aufgelegten Buch »Heia Safari!« glorifizierte er das Kriegsgeschehen in den Kolonien zwischen 1914 und 1918.

Ein wesentlicher Bestandteil dieser perfekt inszenierten Erinnerungspolitik war die angeblich gleichberechtigte Behandlung und die Treue der Askari, die auf seiten der Deutschen kämpften. Wofür? Für ihr Land keinesfalls, denn das war kolonial besetzt. Also für Sold. Lettow-Vorbeck, so schrieb der Historiker John Iliffe, »kämpfte einen Guerillakrieg, den er mit den höchsten militärischen Fähigkeiten führte, der aber gleichzeitig ein Feldzug äußerster Skrupellosigkeit war, in dem eine kleine, schwerbewaffnete Streitmacht ihren Nachschub von Zivilisten erpresste, für die sie keine Verantwortung empfand. Lettow-Vorbecks brillanter Feldzug war der Höhepunkt der Ausbeutung Afrikas: seine Verwendung als reines Schlachtfeld.«

Aber nicht nur das: Leidtragende des Krieges der Europäer auf dem afrikanischen Kontinent war die indigene Bevölkerung, selbst dann, wenn sie nicht direkt am Kampfgeschehen beteiligt war. Nachweislich brachte sie die meisten Opfer. Sie wurde zudem von marodierenden Deserteuren und Warlords im Dienste der einen oder anderen Kriegspartei drangsaliert. Vor allem deutsche und belgische Truppen machten sich unzähliger Kriegsverbrechen schuldig. Man geht davon aus, dass insgesamt mehr als hunderttausend Afrikaner durch Kampfeinsätze und an den Kriegsfolgen in Ostafrika starben. Etliche wurden bei Unfällen als Träger für europäische Truppenverbände getötet, ungezählt auch diejenigen, die durch Erschöpfung umkamen. Epidemien und Hungersnöte dezimierten die afrikanische Bevölkerung noch nach Beendigung des Krieges.

Neben der direkt erlebten Gewalt während der Kämpfe und dem Umgang mit Hunger, Zwangsarbeit, Krankheit, Beschlagnahmung der Ernten und des Viehs, Vertreibung und vor allem Rekrutierung in europäische Armeeeinheiten sowie dem Zwangsanbau von als kriegswichtig angesehenen Agrargütern kam für viele eine Orientierungslosigkeit durch Verlust von Normen und Werten hinzu, seien sie nun aus Tradition oder durch die Kolonialzeit bedingt gewesen.

Andererseits, so wird in der Wissenschaft resümiert, eröffnete der Erste Weltkrieg vielen Afrikanern eine neue Sicht auf die Welt und ließ einige von ihnen bohrende Fragen nach der Legitimation kolonialer Herrschaft stellen. Der afrikanische Historiker Abraham Kwakye drückte dies mit folgenden Worten aus: »In Afrika schaffte (der Erste Weltkrieg) die Voraussetzung, dass die einheimische Bevölkerung vermehrt Verantwortung in Gesellschaft, Kirche und Politik übernahm.« Letztlich führte dieses Erstarken des afrikanischen Selbstbewusstseins – nach weiteren Jahrzehnten emanzipatorischer Entwicklung und einem weiteren Weltkrieg – zum Prozess der Dekolonisation.

Die Mär vom treuen Askari

In Deutschland hingegen wurde die Mär vom »treuen Askari« gepflegt, die, so Uwe Schulte-Varendorff, der Biograph von Lettow-Vorbeck, »nichts als reine Kriegspropaganda (war), die einzig und allein dem Zweck diente, die Forderung nach Rückgabe der Kolonien zu legitimieren«. Lettow-­Vorbeck selbst rechtfertigte noch 1955 in seinem Buch »Afrika, wie ich es wiedersah« die Kolonialherrschaft. In der DDR wurde er als Symbolfigur für die ungebrochenen kolonialen Traditionen in der Bundesrepublik angesehen. Denn in Westdeutschland waren noch bis vor nicht allzulanger Zeit Straßen und Kasernen der Bundeswehr nach dem Kolonialisten und Freund der südafrikanischen Apartheid benannt. Nach seiner Kapitulation hatte sich Lettow-Vorbeck mit seinem ehemaligen Gegner, dem südafrikanischen General Jan Smuts, angefreundet und ihn nach Einführung der Apartheid in dessen Heimat besucht. Vermutlich als symbolisches Geschenk ziert noch heute die Fahne der deutschen Kolonialtruppe in Ostafrika das kleine Smuts-Museum nahe Pretoria.

Heia Safari

(…) Aus englischen Zeitungen ersahen wir, dass die Engländer es auf den Raub unserer Kolonien abgesehen hatten und dass sie Deutsch-Ostafrika für den wertvollsten Happen hielten. Aus dieser englischen Post ging auch hervor, dass demnächst ein großes indisches Expeditionskorps von 10.000 Mann bei uns gelandet würde und dass diese Landung bei Tanga vor sich gehen sollte. Am 2. November 1914 erhielt ich die Meldung, dass vierzehn feindliche Transportschiffe und zwei Kreuzer vor Tanga erschienen seien. (…) Zwei in Moschi befindliche Kompagnien, die 1. und 6. Fkp., ließ ich sofort auf der Nordbahn, einer 250 km langen Schmalspurbahn, die Reise nach Tanga antreten. Diese Kompagnien erhielten folgenden kurzen Befehl: »Vor Tanga liegen vierzehn Transporter und zwei Kriegsschiffe. Wenn der Feind zu landen versucht, verhindert die Landung, wenn er gelandet ist, werft ihn hinaus! Auf Wiedersehen!« (…) Das Gelände bei Tanga sind dichte Mohogofelder in hohem Palmenwald, so unübersichtlich, dass man keine 50 m weit zu sehen vermag. Das war gut: für beide Teile. Der Feind sah nicht, wie schwach wir waren, die Unseren sahen nicht, wie stark der Feind war. Der Feind glaubte Tanga unbesetzt und ging unbesorgt von einer Landungsstelle aus in dichten Massen vor. Die Unsern hatten den Befehl: »Wenn der Feind gelandet ist, werft ihn hinaus!« Diesen Befehl führten sie aus. Ohne zu zweifeln, ob er gelingen würde, hatten sie nur den einen Gedanken in Kopf und Herz: Dran und drauf!

Auszug aus: »Heia Safari! Deutschlands Kampf in Ostafrika« von Paul von Lettow-Vorbeck und Walter von Ruckteschell, Leipzig 1920


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